Wolfgang Hagen

Radio Schreber.

Der ‚moderne Spiritismus’ und die Sprache der Medien.

Achtzehnhundertsiebenundneunzig.

Die Strategie der wissenschaftlichen Rehabilitation

Ich habe ... Schallempfindungen, die von den Strahlen unmittelbar auf mein inneres Nervensystem projiziert werden und zu deren Aufnahme es daher der äußeren ... Gehörswerkzeuge nicht bedarf. Ich ... würde ... dieselben, soviel es sich dabei, wie bei den >Stimmen<, um gehörsähnliche Eindrücke handelt, auch dann hören, wenn es etwa möglich wäre, meine Ohren gegen sonstige Schallempfindungen hermetisch abzuschließen.6

Dieses komplexe »psychische Informationssystem«, mit welchem »göttliche Nervenstrahlen Besetzungen und Rückzüge durchführen, Organe zerstören und Hirnfasern extrahieren, Leitungen legen und Nachrichten durchschalten«7, ist oft beschrieben worden. Es handelt sich um einen - in seiner Art einzigartigen - authentischen Selbstbericht einer Psychose, ein unverzichtbarer Referenztext für die Psychoanalyse von Freud bis Lacan.

Ich möchte, was bisher wenig geschehen ist, diesen Text als einen Diskurs entziffern, der zeitgenössisches, para-physikalisches Wissen verarbeitet, nämlich ein vor-modernes Wissen der Elektrizitäts-Physik und ihrer Medien, welches, ähnlich wie Schrebers Diskurs selbst, von einem psychotischen Signifikanten durchzogen ist und noch (kurz) vor der Schwelle steht zum relativistischen und quantentheoretischen Wissen der Physik der Moderne. Vor diesem Horizont gesehen, lässt sich Schrebers Psychosendiskurs als Diskurs einer physikalischen »Gegenmoderne«8 identifizieren, der uns, aus Gründen, die zu diskutieren aufschlussreich genug wären, eher nicht mehr präsent ist. Die »Gegenmoderne«, auf die Schreber sich - aus guten Gründen - beziehen muss, ist Teil jenes >wissenschaftlichen Spiritismus< seiner Zeit, der unter den Lehren der modernen Physik, unter dem Wissen von Relativitätstheorie und Quantenelektrodynamik, kurz: unter dem ,Weltmodell< der modernen Physik gleichsam begraben liegt. Wir haben, um Schreber zu verstehen, diesen gegenmodernen Kontext wieder zu entdecken; denn Schreber dreht ihn in seinen Text hinein, zum Zwecke der Abwehr und Rehabilitation, wie nur ein Radio, das aus diesem Zusammenspiel von Moderne und Gegenmoderne am Ende tatsächlich entstand, mit der Drehung an der Senderwahl einen Diskurs verdrehen kann.

Die »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«, 1903 im Mutze-Verlag Leipzig erschienen, liefern die beispiellos exhaustivste Schilderung einer psychotischen Genealogie, die je geschrieben wurde.9 In ihrer Zentralachse offenbart uns Schreber die Existenz eines gnostisch-spinozistischen Gottes, dem Menschen keineswegs zugetan, welcher - >normalerweise< - sein Wissen aus der Aufsaugung toter Nerven oder besser der Nerven der Toten bezieht. Von dieser Wirkung einer postmortalen göttlichen Spiritualkommunikation erfahren wir nur, weil sie durch Schreber, in Schreber, an Schreber und mit Schreber unterbrochen, sistiert und intermittiert wird. In ihrem andauernden Nichtgelingen, zum Schaden Schrebers, teilt sich die Kommunikation mit. Wie an einem ungewollt und gegensinnig erkorenen Menschensohn nehmen jetzt nämlich der Gott/die Götter »weltordnungswidrig«10 »Nervenanhang« am lebendigen Subjekt. Sie flößen Schreber halluzinative und paraphrene Wunder ein, versuchen ihn zu entmannen, verrichten »Präokkupation durch Halluzinationen«11, »Stimmenhören«, Brüllzustände, Couvaden, Wollustpollutionen, zwingen das Subjekt zu weiblichen Bemalungen, zum Tragen weiblicher Kleider, lassen ihn weiblichen Beischlaf erleben12, und verurteilen Schreber am Ende auf Dauer zu Unsinnsreimen und fortgesetztem Stimmenhören. Die »Denkwürdigkeiten«, in der »Heilanstalt« zwischen 1900 und 1902 nach ersten Aufzeichnungen von 1897 geschrieben, verfolgen bei alledem ein sehr nüchternes Ziel, das den Stil des Buches so irritierend macht und seinen Diskurs in einer brüchigsten Schwebe zwischen bestem Juristendeutsch und komplexester Wahnphantasmagorie zu halten vermag.

Das Ziel

Das Ziel nämlich, das die Schreber'sche Publikation leitet, zielt nicht auf das Subjekt, zu dem ihn die Kommunikationsgötter machen wollen, sondern auf das Ego des Schreibers. Es lautet, in Schrebers Worten: »das Schlimmste zu vermeiden, was mir passieren könnte«, nämlich, »daß man mich für geistig gestört hielte und dies tut man ja schon ohnedies«13.

In dieser paradoxalen Lage, in der, wie gleich deutlicher werden wird, schon längst eingetreten ist, was noch vermieden werden soll, hilft nur eine Rehabilitation durch die Schrift, durch ein Buch, durch die Wissenschaft. Schrebers Ziel ist eine Schrift, die das »incipit« der Väter wiederholt, es einholt, es anruft in einer Rehabilitation auf einer Ebene, der bereits fünf Generationen lang die Schrebers, die Juristen und Ärzte desselben Namens, durch ihr Leben und durch ihre Schriften verpflichtet waren. Sein Ziel ist die Verfassung einer Schrift auf der Ebene des Gesetzes (Jura) der menschlichen Natur (Medizin). Denn der hier betroffene Schreber, mit Vornamen Daniel Paul, ist Sohn des Daniel Gottlieb Moritz (1808-1861, Arzt14). Und zugleich Neffe des Johann Christian Daniel (1739-1810, Naturforscher15), welcher der Sohn des Daniel Gottfried (1708-1777, Jurist & Cameralist16) war, und dieser der Sohn des David Sigismund (Jurist17).

In einer solchen Ahnenreihe steht Daniel Paul, der letzte Spross, im März des Jahres 1900 vor der Tatsache, durch Gerichtsbeschluss entmündigt worden zu sein. Sein eben begonnenes Buch, nebst separaten Schriftsätzen, verfolgt zu diesem Zeitpunkt offenbar noch zwei Ziele. Es soll ihm und wird ihm verhelfen zum rechtskräftigen Widerruf der Entmündigung schon im Juli 1902. Die »Geschäftfähigkeit ist wieder anerkannt«, die »Verfügung über mein Vermögen mir zurückgegeben«18, Schreber kann in seine »Häuslichkeit« zurückkehren, aber nicht in sein Amt.

Dieses Urteil, das dem entlassenen Richter widerfährt, aber ist Anfang und Ende ineins, Sieg und Niederlage. Nach diesem juridischen Akt muss nun ein ganz anderes Buch geschrieben werden, denn dem Juristen wurde, nach Schrebers Wort, »das Schlimmste« für Recht erkannt. Wir lesen im Urteil, das Schreber uns beigelegt hat: »Die Tatsache, daß der Kläger geisteskrank ist, ... unterliegt auch für das Berufungsgericht keinem Zweifel«.19

So werden die »Denkwürdigkeiten«, mit zwei Nachträgen versehen, erst nach der Urteilsverkündung zu Ende geschrieben und in die uns bekannte Form gebracht: ein Diskurs der Paranoia gegen die Paranoia. Denn als Schreber(sohn) »Paranoiker« zu sein, »- zu diesen will man mich ja nun einmal zählen -«, das kann nicht sein. Dieser Preis der Mündigkeit bleibt für Schreber unbezahlbar. Vergessen wir nicht die ungeheuerlichen, durch mehr als ein Dutzend Publikationen des Vaters aufgerichteten Ideale einer pangymnastischen »Kallipädie«, deren paramilitärische und an Folter grenzende Zuchtmethoden auf eine »Erziehung zur Schönheit durch naturgetreue und gleichmäßige Förderung normaler Körperbildung, lebenstüchtiger Gesundheit und geistiger Veredelung«20 hinwirken sollten. Es genügt ein Hinweis auf diese Instanz des Vaters, die den Sohn gleichsam entleiben würde, stünde er, statt »veredelt« nun »krank« am Geiste da. Die Paranoia der Paranoia in den »Denkwürdigkeiten« geht auf eine post-forensische Strategie der Rehabilitation, die Schreber, wohl darum, »dialektisch« nennen wird.

Ich würde es jetzt schon als einen großen Triumph meiner dialektischen Gewandtheit betrachten müssen, wenn ich mit der gegenwärtigen Arbeit, die den Umfang eines wissenschaftlichen Werkes annimmt, auch nur den Erfolg erzielen sollte, in den Ärzten ein kopfschüttelndes Zweifeln zu erregen, ob nicht doch vielleicht etwas Wahres an meinen angeblichen Wahnideen und Sinnestäuschungen sei. 21

Es handelt sich um eine Reparationsstrategie nach dem Muster der Vorwärtsverteidigung. Schreber verfolgt in seinem »wissenschaftlichen Werk« eine Strategie der Psychiatrie- und Neurologiekritik, die den Versuch unternimmt, auf dem vollen Niveau des medialen, nämlich des mediumistischen und medien-technischen Diskurses seiner Zeit zu operieren. Da er die Klinikberichte über sein Verhalten und seine Auffälligkeiten nicht wegzaubern kann, bleibt ihm keine andere Wahl. Er muss sich als ungewollter Bote eines ungewollten Experiments, das an ihm vollzogen wurde, darstellen, gleichsam als dessen Empfänger und Sender zugleich: als ein Radio. Und er muss hoffen, dass der Diskurs dieser Botschaft, seine Sendung in Form eines Buches, wissenschaftliche Anerkennung erfährt. Es sollte deshalb nicht unmöglich sein, in der Rekonstruktion desjenigen Diskurses, in welchem sich der Experimentalbericht »Denkwürdigkeiten« wie in einem opaken Glas reflektiert, zugleich von der anderen Seite her, aus der Geschichte der Elektrizität nämlich, die historische Entstehungsumgebung des technischen Mediums Radio transparenter zu machen.

Die Rekonstruktion dieser Schreber'schen Strategie, jener präzisen >Dialektik<, die sich exkulpierend in den kontemporären Diskurs einschreibt, ist gleichwohl aus zwei Gründen nicht ganz leicht. Es bleibt ja dabei, dass bei Schreber der Signifikant jedweder Strategien nicht ein Personalpronomen oder ein Wunsch, sondern der Wahn ist. Schreber stellt uns den Wahn zwar als eine mediale Erfahrung dar, die aber in ihrer Medialität in dem Maße ungreifbar bleibt, wie man/er sie zu greifen versucht. Das ist die eine, die strukturelle Schwierigkeit. Hinzukommt die Frage, was Schreber von einem >wissenschaftlichen< Kontext, in den er seine mediale Erfahrung und Experimentalbotschaft hineinzuschreiben versuchte, hat wissen können. Der Patient Schreber lebte ja immerhin ab 1893 ständig interniert, und es ist schwer auszumachen, welche Bücher oder Zeitschriften er in dieser Zeit hat lesen können. Wir gehen davon aus, dass er, weil es so berichtet wird, Emil Kraepelins Standardwerk22 durchgearbeitet hat. Den Psychiater Paul Emil Flechsig - und wohl auch seine Schriften - hatte er schon 1885, bei seiner ersten sechsmonatigen Einweisung in die Universitäts-Nervenklinik kennengelernt. Seine Frau wird diesen behaupteten Verursacher allen Schreber'schen Wahns lebenslang durch ein Konterfei auf ihrem Schreibtisch ehren.23 Das sind zwei klare Referenzen, die, wie kontrovers auch immer, bestenfalls zur besseren Beschreibung des Krankheitsbildes dienen würden, nicht aber zum Ziele einer wissenschaftlicher Rehabilitation. Kraepelin und/oder Flechsig, - solche Werke führen ja nur geradewegs in die von seinen Richtern aufgestellte Diagnose der »Geisteskrankheit«.

Wie aber einen anderen, rehabilitierenden Diskurs dagegen aufstellen? Der Jurist ist zur Vorsicht gemahnt und versteckt uns die Hinweise in einer nahezu beiläufig daherkommenden Fußnote:

Dabei behaupte ich keineswegs von mir, ein eigentlich philosophischer Kopf gewesen zu sein oder auf der vollen Höhe der philosophischen Bildung meiner Zeit gestanden zu haben, wozu mir mein teilweise recht anstrengender Beruf als Richter auch kaum die erforderliche Zeit gelassen haben würde. Immerhin will ich von den Werken philosophischen und naturwissenschaftlichen Inhalts, die ich etwa in den letzten zehn Jahren vor meiner Erkrankung zum Teil oft wiederholt gelesen habe, wenigstens einige nennen, da man Anklänge an die in diesen Werken enthaltenen Gedanken an vielen Stellen dieses Aufsatzes wiederfinden wird. Ich nenne also beispielsweise Häckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte24; Caspari, Urgeschichte der Menschheit25; du Prel, Entwicklung des Weltalls26; Mädler, Astronomie27; Carus Sterne, Werden and Vergehen28; Wilh. Meyers Zeitschrift »Zwischen Himmel und Erde«29; Neumayer, Erdgeschichte30; Ranke, Der Mensch31; einzelne philosophische Aufsätze von Eduard von Hartmann, namentlich in der Gegenwart32 usw. usw.33

Das Verbrechen der Hypnose

Über die Ursache seiner Krankheit lässt uns Schreber von Beginn an nicht im Unklaren. Sein Buch beginnt mit der zentralen Angriffsbehauptung, dass alle seine »Stimmenverkehre« und Visionen, jene »auf Wundern beruhende schädigende Einwirkung« seiner »geprüften Seele«34 nichts anderes seien als die Folge eines Missbrauchs seiner Person zum »Versuchsobjekt für wissenschaftliche Experimente«35. Dieser herbe Vorwurf geht personaliter an die führende Neurologen-Autorität seiner Zeit, einen aufsteigenden Stern der Helmholtz'schen Naturwissenschaft, nämlich den Professor für Neurologie in Leipzig, Emil Flechsig. Er ist der behandelnde Arzt des Präsidenten 1885 (erste Erkrankung) und 1894 (zweite Erkrankung). Der Vorwurf lautet, Professor Flechsig habe durch eine Art fehlgeleitete Hypnose die Schreber'sche Krankheit allererst hervorgerufen.

Ja, es ließe sich sogar die Frage aufwerfen, ob nicht das ganze Stimmengerede ...darauf zurückzuführen sei, dass eine die Willenskraft eines anderen Menschen bis zu einem gewissen Grade gefangennehmende Einwirkung auf dessen Nervensystem - wie sie beim Hyponotisieren stattfindet - den Seelen (Strahlen) überhaupt als etwas Unstatthaftes erschienen sei und dass man zu(r) ... Kennzeichnung dieser Unstatthaftigkeit ... des irgendwie von früher her geläufigen Ausdrucks >Seelenmord< sich bedient habe.36

Weit entfernt, ein verschrobener Querulant oder selbsternannter Hypnosespezialist37 zu sein, kann Schreber mit diesem Vorhalt auf eine ganz und gar gleichrangige Autorität verweisen, nämlich auf Emil Kraepelin. In dessen Standardwerk »Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte«, das Schreber nach eigener Aussage, »(während ich mit der Abfassung dieser Niederschrift beschäftigt war) auf einige Zeit leihweise zur Verfügung« stand, findet sich unter »I. Ursachen des Irreseins«, Abschnitt »Psychische Ansteckung« der Hinweis:

Weiterhin ist aber bei unsachgemäßer Anwendung der Hypnose die Entwicklung autohypnotischer Zustände möglich, welche sehr schwere Folgen nach sich ziehen kann, wie ich es in einem schliesslich mit Selbstmord endenden Falle zu beobachten Gelegenheit hatte. Die Hauptursache der Psychose liegt auch hier wohl immer in der krankhaften, namentlich hysterischen Anlage, doch mahnen solche Vorkommnisse jedenfalls zu grosser Vorsicht in der praktischen Handhabung des Hypnotismus.38

Schreber zitiert diese Passage nicht und er tut gut daran. Es geht ihm auch nicht darum, die Kraepelin'sche These vom »krankhaften« und krankmachenden Charakter der Hypnose, wie sie aus der Charcot'schen Schule bekannt war, als ultimatives Argument zu vindizieren. Seine >Dialektik< operiert feinsinniger.

Als Kronzeuge gegen Flechsig, diesen aufsteigenden Doyen der Neurologie, würde Kraepelin, der alte Papst der Psychiater, sowieso nichts ausrichten. »Noch in der letzten Zeit haben Verfasser verbreiteter psychiatrischer Lehrbücher mit der Verachtung der Hirnanatomie als brauchbarer Grundlage für das Verständnis krankhafter Geisteszustände geradezu geprunkt«39, poltert es in Flechsigs großer Rektorats-Antrittsrede »Gehirn und Seele« und gemeint ist niemand anderer als Kraepelin. Was also will Flechsig?

Während Schreber in der Mitte der neunziger Jahre hospitalisiert ist, schreibt sich Flechsig mittels seiner legendären psychophysischen Aufteilung des Gehirns nach »Sinnes«- und »Associationszentren« in die Annalen der Medizingeschichte ein. In einer bis dahin unerreichten mikroskopischen und anatomischen Präzision kartographiert Flechsig die funktionellen Partien des Gehirns. Seine Gehirnkarten zeigen an, wo die >Centren< liegen, die nur für die pure »physico-chemische« Übertragung von Sinnesreizen zuständig sind, im Unterschied zu solchen, wo sich diese Sinnesreizsysteme als »Associations- oder Coagitations-Centren«40 verdoppeln. »Anatomische Betrachtung« und »klinische Erfahrungen [weisen] mit aller Entscheidenheit darauf hin, daß die Associations-Centren die Hauptträger des geistigen Lebens sind, daß sie somit als geistige Centren, als Denkorgane bezeichnet werden dürfen und müssen«41. Beide Zentren sind nach dem Modell einer gewaltigen Telefonzentrale42 miteinander durch Ganglien- und Neuronenwege verschaltet und »so ist«, schreibt Flechsig, »der Körper doppelt im Gehirn vertreten«43. Dagegen läuft Kraepelin 1898 in der Tat Sturm: »Auch die neueste Einteilung der Hirnrinde von Flechsig« beweist »jedoch in Wirklichkeit nichts anderes, als daß die Sinnesorgane mit ganz bestimmten Stellen der Hirnrinde zunächst in Verbindung treten. Für die weitere Behauptung, daß gerade jene Rindengegenden nichts als Sinnescentren, die übrigen Gebiete dagegen >Associationscentren< darstellen, liegt offenbar auch nicht die leiseste Berechtigung vor.«44

Gleichwohl kann Schreber mit solchen Argumenten nicht operieren. Auf Kraepelins Seite zu gehen verschafft ihm, der hilflos in den klinischen Fängen Flechsigs hängt, keine Waffe. Schreber muss fest auf dem Boden Flechsigs bleiben und darf nicht an die Seite Kraepelins wechseln. So erweist sich sein ganzer Vorwurf, »dialektisch« eben, als Finte. Der Vorwurf gegen Flechsig erfolgt nämlich gar nicht mit kraepelinschen Mitteln, sondern mit Flechsigs eigenen. Schreber könnte nicht behaupten, was er doch unaufhörlich tut - >ich bin zwar nervenkrank, leide aber keinesfalls an einer Geisteskrankheit<45 -, folgte er Kraepelins Schemata. Nur Flechsig klinische Anatomie stellt ihm die entscheidende psychophysische Differenz zwischen »Nerven« und »Geist« zur Verfügung und demgemäß fordert er »äußerstenfalls« auch eine postmortale Sezierung, hieße also: er will partout auf Flechsigs Anatomietisch landen (was nicht geschah).

Die Vivisektion

Nach alledem bleibt mir weiter nichts übrig, als meine Person der fachmännnischen Beurteilung als ein wissenschaftliches Beobachtungsobjekt anzubieten. Hierzu einzuladen ist der Hauptzweck, den ich mit der Veröffentlichung meiner Arbeit verfolge. Äußerstenfalls muß ich hoffen, daß dermaleinst durch Sektion meiner Leiche beweiskräftige Besonderheiten meines Nervensystems werden konstatiert werden können, sofern deren Feststellung am lebenden Körper, wie mir gesagt worden ist, ungewöhnlichen Schwierigkeiten unterliegen oder ganz unmöglich sein sollte.46

Zunächst ist hier wieder eine dialektische Umkehr der Argumentation zu registrieren, denn im >System< der »Denkwürdigkeiten«, also in den >Erfahrungen<, die Schreber uns zu berichten weiss, werden genau solche Lebendanatomien en masse erfolgen. Da wird, im vorwurfshalber durch Flechsig initiierten Experiment, am lebendigsten schreberschen Leib seziert, und selbstredend ist es der kommunikationssüchtige Gott, der seziert, nicht Flechsig. Das, was Flechsig nicht kann und nicht darf, Anatomie am lebendigen Leib, »Vivisektion« genannt, geschieht. Schreber schreibt sich ein in die große Debatte des späten 19. Jahrhunderts - ob Vivisektion möglich sei47 -, indem er sie bei sich in der Art einer psychophysischen Offenbarung geschehen lässt. Der Schreber'sche Gott erscheint bei ihm selbst schon als ein viviseziertes Produkt, nämlich als von »vornherein nur Nerv, nicht Körper«48. Seine alles andere als »Allwissenheit und Allgegenwart«49 bezeugende Gottesmacht gewinnt er allein daraus, dass die Sektion am Lebendigen fortschreitet und also der Gott die Nerven der verschiedenen Menschen aus ihren Leibern >empfängt<. Das ist eine Nerven-Anatomie in lebendiger Echtzeit, die Flechsig mit seinen eigenen Mitteln in den Schatten stellt, womit Flechsig, mit allem, was Schreber gelesen haben mag und sagen darf, an die Kunst des Schrebergottes nie herankäme.

Eine[r] Allwissenheit und Allgegenwart Gottes ... bedurfte es auch nicht, weil nach dem Tode die Nerven der Menschen mit allen Eindrücken, die sie während des Lebens empfangen hatten, offen vor Gottes Augen dalagen und danach das Urteil über ihre Würdigkeit zur Aufnahme in das Himmelreich mit unfehlbarer Gerechtigkeit erfolgen konnte.

So bleibt die Strategie auf dem Boden Flechsigs, also dort, wo er zu treffen ist. Hatte nicht die wissenschaftliche Revolution des Neurologen gerade darin gelegen, dass Flechsig - gegen die alte Psychiatrie - behauptete, (in der Art eines schreberschen Gottes) an den Nerven - und nirgendwo sonst -, die Spuren des Menschengeistes zu erkennen? War es nicht seine physiologistische Vision, eindeutig und »direkt« diagnostizieren zu können, was einen Menschen, zumindest wenn er krank war, hirnphysiologisch unterscheidet? Keine Psychiatrie a la Kraepelin, nur eine pathologische Anatomie a la Flechsig, behauptet Flechsig, weiss zu finden, wovon Schreber sich in seinem ganzen Buche freizusprechen versucht: die Erkrankung des Geistes. Flechsig:

Die Erkrankung der Associations-Centren ist es vornehmlich, was geisteskrank macht; sie sind das eigentliche Objekt der Psychiatrie. Sie finden wir verändert bei denjenigen Geisteskrankheiten, deren Natur uns am klarsten ist, weil das Mikroskop Zelle für Zelle, Faser für Faser deutlich die zu Grunde liegenden Veränderungen erkennen läßt; und so können wir direkt nachweisen, welche Folgen es für das geistige Leben hat, wenn sie zu mehreren oder zu vielen oder auch sämmtlich desorganisiert sind.50

Eine solche Diagnose aus dem machtvollen Zentrum des Flechsig'schen Aufschreibesystems namens Neuropathologie, - das wäre Schrebers Todesurteil. Aber noch lebt er ja, noch kann er die allesentscheidende Differenz markieren. Und die geht so: Welchen Toten Flechsig auch immer sezieren mag, Gott selbst hat diesem zuvor doch schon alles Wesentliche >herausgezogen<. Einer insofern verfehlten mikroanatomischen Verschriftung eines Ganglienwahns a la Flechsig kann nur durch Verschriftung eines vivisektierten Wahns durch Aufschreibung begegnet werden. »Die >Denkwürdigkeiten< stehen und fechten im Krieg zweier Aufschreibesysteme. Sie selber sind ein kleines Aufschreibesystem zu dem einzigen Zweck, die dunkle Wirklichkeit eines anderen und feindlichen zu beweisen«51. Die Mittel zu diesem Kampf aber, und darauf kommt es hier an, hat Schreber keineswegs selbst erfunden.

Weil Schreber einerseits fest auf dem Boden Flechsigs bleiben muss, andererseits aber die drohende Konsequenz der flechsigschen Neuro-Mikroskoplogik52 zu vermeiden hat - das ist die Ur-Finte seiner Dialektik -, kann nur das Absoluteste helfen, das es gibt und vor dem alle gleich sind, Gott, beziehungsweise metonymisch: eine göttliche Offenbarung. Denn nicht in Gott, der Anrufung des Religiös-Absoluten an sich, sondern in einem Funktionssystem »Gott« (es sind deshalb auch zwei: »Ariman« und »Ormudz«), in der besonderen kommunikativ dualen und zweiwegigen Eigenschaft von Gott, - darin liegt die Schreber'sche Pointe dieser Anrufung. Ein solcher Gott aber braucht wissenschaftliche Referenz, Schreber jedenfalls darf ihn nicht einfach ersonnen und ersponnen haben. Sein Gott ist denn auch ein Du Prel-Zöllner'scher, oder anders gesagt: Gott ist die Strahlung aus einem vierdimensionalen Raum.

»...nach Art der vierten Dimension«

Carl du Prels »Entwicklungsgeschichte des Weltalls. Entwurf einer Philosophie der Astronomie«, ist ein Buch, das Schreber, wie er berichtet, »wiederholt« gelesen hat. Es enthält im Schlusskapitel namens »Bewegung und Empfindung der Materie« die Referenzstelle für die schrebersche Gotteskonstruktion. Du Prels ganzes Buch, wir lesen die 3. Auflage von 1882, diente dem ebenso obskuren wie unter allen Gesichtspunkten überflüssigen Nachweis, dass die darwinistische Evolution der Arten sich auch auf die Entwicklung des Weltalls, der Fixsterne, Sonnensysteme und Planeten übertragen lasse, alles entstanden aus dem Urzustand jener »kosmischen Nebel«, die sich, wie bereits Kant (fälschlich) vermutet hat, >gesetzmäßig< zu Sternhaufen und Planeten mutieren im Laufe der Evolution. Diese prekär bemühte, darwinistische Kosmogonie, mit der Du Prel, auf Kosten seiner vermögenden Frau privatphilosophierend, endgültig zum »Spiritisten« evolvierte53, wird drapiert, als folge sie, den Vorbildern Schopenhauer und Schelling gemäß, anerkannt wissenschaftlichen Gesetzen. Wie aber soll Du Prel es hinbiegen, dass eine anorganische Masse ursprünglichen Nebels »von selbst und aus eigenem Impuls ... einen Zustand des Gleichgewichts und der geringsten Reibung erstrebt, dass ... [daraus] zweckmäßige Kombinationen resultieren«? - »Das bleibt ewig unverständlich von Seiten einer Materie, der die chaotische Bewegung ebenso gleichgültig sein kann wie jede andere; erst wenn wir ihr Empfindungsfähigkeit beilegen, wird uns die Sache verständlich.«54 »Empfindung«, angesiedelt in der atomaren Struktur der Materie (die als solche seit Boskovic55 und Dalton56, im 19. Jahrhundert als gesichert galt), soll dasjenige sein, was Evolution erzeugt?

Die positive Antwort kommt aus dem Zentrum des zeitgenössischen »wissenschaftlichen« Spiritismus und heisst - Atomseele. Bei Johann Carl Friedrich Zöllner nämlich, seit 1864 Sternwartenchef, Habilitant, Dozent und Professor in Leipzig, noch heute als Begründer der Astrophotometrie57 und Astrophysik - und das nicht zu unrecht - gerühmt, findet Du Prel die genehme Lösung, oder besser gleich zwei. Dass chaotische atomare Massen von sich aus geordnete Strukturen annehmen können, folgt laut Du Prel aus »der Innerlichkeit des Atoms«58, welche sich als zöllnersche Übertragung des physikalischen Prinzips der »kleinsten Wirkung«59 auf ein allgemeines Prinzip des »geringsten Widerstandes« ergibt. Daraus wiederum erkläre sich, wie Zöllner buchstäblich schreibt, eine »Lust und Unlust«60 der Materie, aus welcher Du Prel wiederum den eleganten Übergang zu Schrebers weiterem Lieblingsschriftsteller, Ernst Haeckel, findet. Im neuen Kaiserreich, auf dem schmalen Grat zwischen purem Okkultismus und konservativer Gegenmoderne, wird so im vollen Ernst für »Wissenschaft« erklärt, was Haeckel hier behauptet: »Wir gründen darauf unsere Überzeugung«, lesen Hunderttausende beim Erfolgsautor Haeckel, »daß auch schon den Atomen die einfachste Form der Empfindung und des Willens innewohnt -, also eine universale >Seele< von primitivster Art«61. Das aber, so scheint's, findet selbst Du Prel zu »monistisch«, zu pseudo-schopenhauerianisch, zu simpel. So dass er, mit und zurück zu Zöllner, einen Weg vorschlägt zur »erkenntnistheoretischen Überwindbarkeit« des allzu platten >Atomseele<-Modells:

Wenn wir aber weder zu diesem ..., noch zu dem toten Stoffe der Materialisten62 zurückgreifen wollen, so verbliebe als einziger Ausweg, ... mit den Verteidigern einer vierten Raumdimension anzunehmen, dass die von uns vorgestellte Welt nur das Projektionsbild einer vierdimensionalen Welt in einem dreidimensionalen Erkenntnisapparat sei. Dann allerdings bestünde keine Nötigung, in die dreidimensionale Materie diejenigen ihrer fundamentalen Eigenschaften zu verlegen, deren wir bedürfen, um ihre mit Empfindung begabten Aggregate zu verstehen, so wenig, als wir Veränderungen an dem zweidimensionalen Schattenbilde unseres Leibes aus der Empfindungsfähigkeit dieser Schatten zu erklären hätten, statt aus der Empfindungsfähigkeit unserer dreidimensionalen Leiber.63

Von der »Atomseele« spricht der geachtete Freiherr Du Prel jetzt nur noch »vorbehaltlich ihrer vielleicht möglichen erkenntnistheoretischen Überwindbarkeit«, wie auch Präsident Schrebers - noch nicht geachtete - >Wissenschaft< am liebsten von »Gott« nur sprechen würde vorbehaltlich »einer für Menschen nicht faßbaren Diagonale«64. Diese menschlich unfassbare »Diagonale« ist eben keine Wahnerfindung Schrebers. Sie ist zweifellos diskurstypische »Metaphysik«65, wie sie in Lacans Schreber-Lektüre zurecht bezeichnet wird, aber eben keine original schrebersche. Schreber folgt hier einer These Zöllner/Du Prels, die zentral für den >wissenschaftlichen< und >künstlerischen< Okkultismus der Jahrhundertwende werden sollte66.

»Der Raum hat vier Dimensionen« (Fechner)

Die Idee einer »vierten Dimension« war in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts mathematisch angestoßen worden durch die nicht-euklidische Geometrie Lobachevskys und Gauss', an die später, in den frühen fünfziger Jahren die n-dimensionalen Kalküle Riemanns anschließen. So schreibt es die Physik- und Mathematikgeschichte.67 Mit einer gewissen Süffisanz wird hin und wieder auch angemerkt, dass man Einstein zur genaueren Kenntnisnahme der Riemann'schen Metrik endlicher Räume habe >tragen< müssen; auf Riemann stützt Einstein am Ende bekanntlich die Theorie der Raumzeitkrümmung in der Allgemeinen Relativitätstheorie von 1916.68 Vergessen wird bei alledem, dass der verschwiegene Gauss und sein skrupulöser Habilitant Riemann wohl vielleicht als die Urheber, keineswegs aber als die Propagandisten der im 19. Jahrhundert so populären Theorie der »vierten Dimension« anzusehen sind, und dass diese, die Propaganda der Vierten Dimension, vielmehr auf einen gewissen hochgerühmten »Dr. Mises« alias Gustav Theodor Fechner zurückgeht, dessen in Leipzig 1846 erschienener Aufsatz »Der Raum hat vier Dimensionen« direkt in die »transzendentale Physik« Zöllners und seinen Okkultismus münden sollte, in einen Diskurs also, den Schreber, allen Lesern aller Auflagen Du Prels, Hartmanns und Zöllners folgend, für Wissenschaft halten darf. Von niemandem anders als dem geachteten Psychophysiker Fechner stammt das folgende legendäre Bild von der vierten Dimension, durch die unsere drei Dimensionen gleichsam beliebig hin- und herrollen.

Was liegt dem also zu Grunde? Die Bewegung unseres Raums von drei Dimensionen durch die vierte, von welcher Bewegung wir aber auch nur das zeitliche Moment und die Veränderung, welche erfolgt, wahrnehmen. Nichts ist auch im Grunde einfacher und natürlicher; unsere Welt von drei Dimensionen ist eine ungeheure Kugel ....; aber wo sollte sie hinlaufen, wenn es nicht eine vierte Dimension gäbe? Indem sie aber selbst durch diese vierte Dimension läuft, laufen natürlich auch alle Kugeln in ihr, und Alles, was auf diesen Kugeln lebt und webt, durch die vierte Dimension mit durch... Eigentlich ist alles, was wir erleben werden, schon da, und was wir erlebt haben, ist noch da, unsere Fläche von drei Dimensionen ... ist nur durch jenes schon durch und durch dieses noch nicht durch.69

Eher durch und durch ironisch klingt diese romantische Lehrstunde aus der Leipziger Gründerschule der Vormärz-Physik, aber sie inauguriert gleichwohl eine folgenreiche Metaphysik. Fechner hatte in Leipzig den ersten experimentalphysikalischen Lehrstuhl überhaupt inne (1834-39), später den für Philosophie und Anthropologie, erst sehr viel später, ab 1860, folgen die experimentalpsychologischen Forschungen zur Psychophysik. In seine Ironie von 1846 mischt sich bereits ein fundamentaler Ton, der suggeriert, es handele sich bei dem Dimensionenproblem der Geometrie um jene philosophische Frage der >beseelten Welt<, die Fechners romantische Naturlehre, in schellingscher Tradition, hinter den empirischen Phänomenen der Physik in einer monistischen Metaphysik zu konstruieren sucht.70

Unter anderem mit und durch Fechner bekam so die Leipziger Universität, in den Jahrzehnten vor und nach der Reichsgründung, den Ruf, eine Hochburg der Gegenmoderne zu sein, Hüterin und Bewahrerin des >Alten< (im Schelling-Schopenhauer'schen Skeptizismus einer >Weltseelen<-Philosophie) gegen den technoindustriellen und positivistischen Diskurs des jungen berlinzentrierten Reichs.71 Der frischgekürte Physikordinarius Zöllner, 38 Jahre alt, der schon in jungen Jahren einen Ruf als Astrophysiker weit über Leipzig hinaus besaß72, schließt an diese Linie sowohl der Experimentaltradition wie des Konservativismus der alten Leipziger Lehrstuhlphysik an. Zöllner eröffnet ab 1872 eine ebenso polemisch-aggressive wie letztlich heillos-verlorene Wortschlacht gegen die »materialistische« Berliner Physik und ihren Propagandisten Helmholtz. Den Auslöser für Zöllners Zorn bietet die erste strategische Maßnahme des frischgekürten Physikordinarius Helmholtz in Berlin, der in eigenhändiger Übersetzung das Standardwerk der viktorianischen Physik herausbringt, William Thomsons (später Lord Kelvin) und Peter Gurthrie Taits reich annotiertes »Handbuch der theoretischen Physik«73. In dieses Handbuch, mit dem Helmholtz ganz bewusst und seinerseits offensiv aus der Tradition der deutschen, naturphilosophisch orientierten Physik ausbricht, verbeisst sich Zöllner74. Er liefert serienweise Plagiatsvorwürfe, weist angebliche Verfälschungen vonQuellen nach und geisselt vor allem die viktorianische Unkenntnis der deutschen »elektrodynamischen Theorie« Wilhelm Webers etc. Das Ganze verbunden mit massiven persönlichen Angriffen auf Helmholtz selbst75.

In aller Kürze geschildert, verhielt sich Helmholtz zu dieser offenen Kriegserklärung aus Leipzig in der Folge gleich dreifach. Erstens wurde Zöllner trotz seiner engen Freundschaft mit Wilhelm Förster, nun nicht mehr, wozu er designiert war, der Gründungsdirektor des neuen »Astrophysikalischen Observatoriums« in Potsdam. Vielmehr fliegt Zöllner instantan aus der wissenschaftlichen >community< heraus, soweit sie ab jetzt von Helmholtz gesteuert werden kann. Zweitens wird Helmholtz fortan entschlossen sein, in der Frage der immer noch sehr inkonsistenten Theorie der Elektrizität auf dem Felde der Elektrodynamik den ungeklärten Streit zu entscheiden zwischen der Maxwell'schen76 Theorie (die es seit 1863 gibt) und der alten Weber'schen77 Theorie (die Zöllner propagiert); dies geschieht mittels zweier »Preisaufgaben«, die niemand anderes als Heinrich Hertz lösen wird (1879 und 1887) und aus denen nichts Geringeres als die Entdeckung des Elektromagnetismus der »Radiowellen« die Folge sein wird. Und drittens erklärt Helmholtz Zöllner, in dessen Diskurs später der Präsident Schreber seinen Wahn drapieren wird, für verrückt. In einem Brief an den englischen Physiker und Faraday78-Nachfolger John Tyndall79, Juni 1872, heisst es:

Auch hier in Deutschland hat uns Zöllners Buch extrem geschockt. Der erste Eindruck, ganz allgemein, war, daß er wohl krank ist, umso mehr als man weiß, daß verschiedene Fälle von Geisteskrankheit in seiner Familie bereits vorgekommen sind, und bei seinem Onkel die Krankheit ebenfalls mit der Publikation eines ähnlichen Buches begann. Für den Moment ist es wirklich nicht weit hergeholt, für ihn eine Heilanstalt zu suchen.80

Aber der erfahrene Helmholtz, seit den vierziger Jahren zuhause in der deutschen Professorenwissenschaft, weiss nur zu gut, wie viele Zöllner es gibt. Und er weiss auch, wie viele Freunde der Leipziger Lehrstuhl hat und wie viel Respekt dessen große Tradition in der deutschen Physik und Naturforschung genießt. Klug sieht er vorher, dass es, nach Zöllners Intervention und seiner herben Abstrafung, nun zu einer »Rivalität zwischen den kleinen Geistern der Universitäten in Leipzig und Berlin« kommen werde. Das einfache Verdikt, Zöllner sei geisteskrank, reicht dabei keineswegs hin, im Gegenteil. Helmholtz muss Zöllner für verrückt erklären und zugleich seinen klaren Verstand und sein »Geschick« destruieren. Er muss zeigen, mit welchen verborgenen Kräften hier gespielt wird.

Der Kern der Zöllnerschen Opposition gegen uns ist in der Tat die Animosität des Metaphysikers gegen die Naturwissenschaft, und unglücklicherweise ist in dieser Sache allzu deutlich, daß der alte (metaphysische) Naturforscher-Enthusiasmus immer noch in vielen deutschen Seelen schlummert, und es nicht wagt hervorzutreten und sich offen zu zeigen. Ich selbst hatte schon zu gewärtigen, wieviel heimlichen Neid es gegen meinen (wirklich bescheidenen) Erfolg gibt. Zöllner gilt unter den Philosophen als eine mit großem Wissen begabte Autorität in Sachen Naturwissenschaft und sie nützen das freudig, um ihren bedrückten Herzen Luft zu verschaffen. Außerdem haben wir, seit dem (deutsch-französischen, W.H.) Krieg, eine Vielzahl von Chauvinisten unter uns, besonders unter denen, die selber nichts gemacht haben und unter nichts zu leiden hatten, aber die eines schönen Morgens als die Sieger von Sedan erwachten und die sich nun vor nationalem Stolz kaum noch halten können. Zöllner hat sein Buch sehr geschickt konstruiert, und zwar genau für diese Leute. 81

Damit ist das Klima der >Geisteskrankheit<, in das Helmholtz die alte deutsche Physik der zweiten Jahrhunderthälfte verwoben sieht, präzis umschrieben. Es ist eben eine >sehr geschickte Konstruktion< von Hyperpatriotismus, Herzensschwärmerei, romantischem Enthusiasmus, Schelling'scher Naturphilosophie, Sedan-Stolz, großem physikalischen Fachwissen und - Wahnsinn. Gerade weil er denkt und sagt, dass diese Mischung eine »deutsche« Mischung ist, setzt sich Helmholtz so sehr für die Rezeption der viktorianischen Physik ein, in der, wie wir noch sehen werden, in der Tat eine sehr viel striktere Mischung von experimenteller Forschung und physikalischer Mathematisierung herrscht. Diese sehr explizite Bindung zwischen Macht, Technik, technischen Medien und Physik war ganz unvergleichlich zu den Bindungen zwischen Staat und Wissenschaft im noch jungen Kaiserreich. Für Helmholtz ist sie Vorbild. Er setzt sich für Faraday, Thomson (i.e. Lord Kelvin), Maxwell, auch für Tait und Lodge ein, wo er kann. Gleichwohl bleibt es eine Pointe der elektrizitätsgeschichtlichen Forschung, dass zumal die beiden letztgenannten, Tait und Lodge, ihrerseits englische Protagonisten einer viktorianischen Variante des physikalischen Okkultismus waren82, die offenbar mit dem Machtdispositiv des Viktorianismus ebensogut harmonierte und in Europa nicht weniger einflussreich werden sollte als Zöllner. In ihren Dispositiven steht der viktorianische Okkultismus dem Zöllnerschen >Wahn< nur wenig nach.

Vierte Dimension vs. »Riemann'sche Trennung«

Jenseits aller Namen und Personenspiele hat Helmholtz 1872 überdies längst den theoretischen Kern, heisst den physikalischen Signifikanten der Leipziger Geisteskrankheit erkannt. Er weiss, dass der verrückte Zöllner in der Tat die entscheidende Frage des physikalischen Diskurses an seinem Angelhaken hat, nämlich den unentschiedenen, und letztlich erst durch die moderne Physik nach Einstein und Planck entscheidbaren Streit um die »Apriori-Deduktion« physikalischer, das heisst die Natur beschreibender Begriffe. Bei Zöllners Wahn, das weiss Helmholtz nur zu genau, geht es um fundamentale epistemologische Grundlagen der wichtigsten Wissenschaft des Jahrhunderts, der Physik. »Die Naturwissenschaften«, schreibt Helmholtz, »haben einen besseren und schnelleren Fortschritt genau insofern gemacht, als sie sich gescheut haben gegen jeden schädlichen Einfluss von bloß angenommenen a priori Deduktionen«. Helmholtz zielt hier auf den Nabel des Problems der Anschreibung n-dimensionaler Räume und weist epistemologisch damit schon in die Zukunft der modernen Physik. Denn nur dann, wenn man in einer »Riemann'schen Trennung«83 die Geometrie, also alles, was mit der Messung von Räumen zu tun hat, strikt von der Mathematik, die die Begriffe für dieses Messen bereithält, trennt, wenn also alle »Thatsachen« des Raumes »wie alle Thatsachen nicht nothwendig, sondern nur von empirischer Gewißheit [sind], sie Hypothesen [sind]«84, erst dann ist eine mathematische und physikalische Anschreibung des letztlich relativistischen >Raum/Zeit<-Phänomens der Elektrizität überhaupt möglich. Ein wichtiges Stück der späteren allgemeinen Relativitätstheorie, nämlich die Riemann'sche Raummetrik, war 1872 bereits formuliert. Den wichtigsten Baustein freilich, basierend auf dem experimentellen Beweis der Maxwellschen Feldgleichungen durch Hertz, auf den Einstein allererst seine Raumzeit-invariante Theorie dieser Gleichungen aufbauen kann, - sollte, wie angedeutet, niemand anders als Helmholtz selbst erst noch in Gang setzen.

Der entscheidende Pfeil gegen Zöllner ist zu diesem Zeitpunkt, in den Anfangsjahren des Kaiserreichs, noch ungespitzt und Helmholtz sucht jede Gelegenheit, ihn zu schärfen. Es geht um diesen so unscheinbaren »Sprung«, der ein scheinbarer Einsprung zwischen Mathematik und Geometrie ist, tatsächlich aber eine Trennung legt zwischen die reellen Diskurse der Mathematik und demjenigen, was wir die >natürliche Welt< nennen mögen. Diesen »Sprung« formuliert physik- und mathematikhistorisch erstmals Bernhard Riemann in seinem vor Gauss' erstaunten Ohren gehaltenen Habilvortrag 1854, der aber, weil Riemann insgesamt ein so zögerlicher Veröffentlicher ist, erst 1867 publiziert wird85. Helmholtz erkennt sofort den Rang der Arbeit, ja mehr noch, er weiss, dass in der schlichten Frage nach der empirischen Basis der Geometrie der Kern verborgen liegt, der, jenseits des Wahnsinns, den epistemologischen Nabel der naturforschenden deutschen Metaphysik bloßlegen kann.86 Er legt deshalb, in seinen »Populären wissenschaftlichen Vorträgen« 187687 und 187888 noch einmal nach und bekräftigt immer wieder die aus Riemann folgende These, dass die Geometrie, als strikt mathematische Wissenschaft, nur die Begriffe gibt für das, was in physikalischen Räumen gemessen werden kann, nichts aber sagt über die >Natur< dieser Räume >selbst<. »Kants Beweis für die transzendentale Natur der geometrischen Axiome ist also hinfällig.«89

Das sollte und musste die Zöllners und alle Spiritisten ins Herz treffen, denn es hieß nicht nur, dass physikalische Räume nur sind, insoweit sie messbar sind, sondern daraus folgte auch: kein Individuum, »gehemmt durch den Bau unserer Organe und die damit gewonnen Erfahrungen, welche nur zu dem Raume passen, in dem wir leben«90, wird sich je das mathematisch Reelle einer >vierten Dimension< vorstellen können.

Zöllner dagegen hielt ebenso verbissen wie mutig an den romantischen Voraussetzungen Fechners fest, nämlich an der Transzendentalität der Existenz und der möglichen Wirkung einer realräumlichen vierten Dimension in und durch zum Beispiel auch mediumistische Medien. Damit bringt er die Wissenschaft Physik auf seine Weise auf ihren psychotischen Punkt ohne ihr, wie Helmholtz es tat, durch die »Riemann'sche Trennung« gleichsam einen Ausweg zu zeigen. Es soll möglich sein, propagiert Zöllner, dass das Transzendental-Räumliche sozusagen körperlich-menschliche und damit reelle Gestalt annehmen kann. Diese Propaganda wird ihn selbst am Ende jede Reputation kosten. Seit 1875 hatte Zöllner, geleitet durch das Beispiel des damals hochberühmten Physikers William Crookes91 (von dem noch die Rede sein wird), intensive Experimente mit einem »Medium« namens Henry Slade in London, Leipzig und Berlin veranstaltet92. Unter vorgeblichen Experimentalbedingungen bat er das »Medium«, zwei Münzen, die in einer verschlossenen Schachtel auf dem Tisch lagen, auf eine Schiefertafel fallen zu lassen, die Slade unter den Tisch hielt. Dies geschieht,

und so hörten wir deutlich zwei Münzen auf die Tafelfläche [durch den Tisch hindurch (!!), W.H.] herabfallen. (...) Hoch erfreut griff ich nun nach dem noch immer geschlossenen Kästchen in der bestimmten Erwartung, dasselbe werde ... entleert sein ... Wie groß war unser Erstaunen, als trotzdem das Klappern stattfand, und zwar gleichfalls von zwei Körpern herrührend, die jedoch ... keine Münzen sein konnten. Schon hatte ich die Absicht, mich ... von dem Inhalte zu überzeugen, als Slade sich anschickte, unsere Frage, wie gewöhnlich in solchen Fällen, durch eine Schiefertafelschrift von seinen >Geistern< beantworten zu lassen. Kaum hatte er eine Tafel mit daraufliegendem Schieferstiftsplitter genommen und halb unter die Tischplatte gehalten, als wir deutlich schreiben hörten. Auf der Oberfläche stand in englischer Sprache: >Die beiden Schieferstifte sind in der Schachtel< (...)
Es mußte folglich der Inhalt dieser rechteckigen Schachtel als Vorstellungsbild in einer andern, nicht dreidimensional inkorporierten Intelligenz, existiert haben, bevor dieselbe uns mit Hülfe der Schrift jenes Vorstellungsbild vermittelte. Hierdurch ist, wie mir scheint, in sehr zwingender Weise die Existenz uns unsichtbarer intelligenter Wesen und ihrer activen Theilnahme an unseren Experimenten bewiesen ... [und] daß sich das ganze Phänomen der Clairvoyance sehr einfach ... mit Hülfe der vierten Dimension erklären lässt. Aus der Richtung der vierten Dimension betrachtet müssen uns dreidimensional umschlossene Räume als offen erscheinen und zwar in einem umso grösseren Abstande von dem Ort unseres Körpers, je höher sich die Seele nach der vierten Dimension erhebt.93

Das Radio-Ich

Das schreibt nicht Schreber, sondern Zöllner (der, wie Helmholtz befand, offensichtlich einem geschickten »Prestidigateur«94 auf den Leim geht). Das liest Du Prel und den wiederum liest Schreber. Im Gründungsklima des Reichs, im degoutanten Antimodernismus einer »Philosophie des Unbewußten« (Hartmann, 1869), die Nietzsche schon 1873 als Idiom der anmaßendsten Überheblichkeit des Mittelmaßes entlarvt, das sich als imperial Absolutes feiern will95, in diesem Klima, das das Klima der Karriere des gesunden Präsidenten Schrebers ist, fällt Zöllners Behauptung von der Vierten Dimension auf fruchtbaren Boden. Zunächst nur Beweis für Slade'sche Wahrheiten, fungiert sie sodann als Signifikant aller physischen Noch-Unzulänglichkeit von Menschen (wie Schreber), weil eben alle menschlichen Sinne, wie die schattenhaften Romanfiguren in Edwin Abbotts »Flatland«96 eine Dimension tiefer, nur dreidimensionale Hilfsvorstellungen zulassen, und sei es die Hilfsvorstellung Gott. Gott passt aber ins System, wenn wir die Geheimnisse der >spiritistischen Medien< vorm Horizont des Vierdimensionalen endlich »wissenschaftlich«, heisst zöllnerisch, entschlüsseln und, wie es später geschieht, räumliche Dimensionen der Gotteswirkungen (»vordere« und »hintere«) verorten. Schreber, dessen Eigenberufung als >Medium< wir noch genauer kennenlernen werden, schreibt:

Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel besteht eine innige Beziehung. Ich wage nicht zu entscheiden, ob man geradezu sagen darf, daß Gott und die Sternenwelt eines und dasselbe ist97, oder ob man sich die Gesamtheit der Gottesnerven als etwas noch über und hinter den Sternen Lagerndes und demnach die Sterne selbst und insbesondere unsere Sonne nur als Stationen vorzustellen hat, auf denen die schaffende Wundergewalt Gottes den Weg zu unserer Erde (und etwaigen anderen bewohnten Planeten) zurücklegt . Ebensowenig getraue ich mir zu sagen, ob auch die Weltkörper selbst (Fixsterne, Planeten usw.) von Gott geschaffen worden sind, oder das göttliche Schaffen sich nur auf die organische Welt bezieht, und demnach neben der für mich unmittelbar gewiß gewordenen Existenz eines lebendigen Gottes doch auch noch Raum bliebe für die Nebularhypothese von Kant/Laplace98. Die volle Wahrheit liegt vielleicht (nach Art der vierten Dimension) in einer für Menschen nicht faßbaren Diagonale beider Vorstellungsrichtungen.99

Wenn Schreber, wie wir aus den »Denkwürdigkeiten« wissen, dem helmholtzianischen Wissenschaftler Flechsig (Schrebers Lieblingsbücher haben diesem schon x-mal >toten Materialismus< bescheinigt) die Urszene, besser das >Urhören< seines psychischen Wahns zuschreibt (ein »Nervenanhang..., den Professor Flechsig mit mir in der Weise unterhielt, daß er zu meinen Nerven sprach, ohne persönlich anwesend zu sein«) 100, so konstruiert er fortan diesen Wahn wie die Blaupause eines kunstvoll gebauten, am eigenen Körper »hingewunderten« Laborapparats namens »Schreber-Ich«. Dieses Schreber-Ich empfängt, wandelt (heisst: speichert und verarbeitet) und sendet wieder aus: einen virulenten philosophisch-monistischen, zugleich psycho-physischen, auch darwinistischen, spiritistischen, theosophischen und psychiatrischen Diskurs. Eine Einschreibung, dessen Strategie Rehabilitation bedeuten soll, die erfolgreiche Abgabe eines leibhaftigen Experimentalberichts mit dem Ziel wissenschaftlicher Anerkennung. So gelesen ist Schrebers Buch ein Radio, das von den Wirkungen eines >scheinbar< deliranten Wahns berichtet als der wissenschaftlichen Rückkoppelung eines vorgeblich nicht-delirant exakten Diskurses; ein Radio, das ihn empfangen soll, weil es von ihm ausgeht. Ein Radio, das so in sich nur seine eigene Geschichte verarbeitet und, wie die Psychose, schon deshalb keine Geschichte hat.101

Geist und Nerv

Um die Einschreibung eines externen spiritistisch-wissenschaftlichen Diskurses ins Innere der »Denkwürdigkeiten« in Gang zu bringen, muss Flechsig, dem zunächst die Vermutung angehangen wird, ursächlicher Hypnotiseur zu sein, erst einmal selbst in Hypnose fallen. Schreber fragt Flechsig daher allen Ernstes:

2. ob Sie ... in irgendwelcher Weise Zeuge eines von anderer Seite ausgehenden auf übersinnlichen Ursprung hindeutenden Stimmenverkehrs geworden sind, endlich;
3. ob nicht in der Zeit meines Aufenthalts in Ihrer Anstalt auch Sie selbst - namentlich in Träumen - Visionen oder visionsartige Eindrücke empfangen haben, die u.a. von göttlicher Allmacht und menschlicher Willensfreiheit, und vielen anderen in meinen >Denkwürdigkeiten< erwähnten Dingen gehandelt haben,
wobei ich gleich hinzufügen will, daß ich aus zahlreichen Mitteilungen der in jener Zeit mit mir redenden Stimme die allgewichtigsten Anhaltspukte dafür habe, daß auch Sie derartige Visionen gehabt haben müssen.
Indem ich an Ihr wissenschaftliches Interesse appelliere, darf ich wohl das Vertrauen hegen, daß Sie den vollen Mut der Wahrheit haben werden...102

Die Fragen sind Finten. Jede Antwort Flechsigs ginge in die Falle, indem sie die Anerkennung dessen voraussetzt, was Zöllner, der durch Du Prel und Hartmann zu Schrebers Diskurs gehört, seit 1878 »transcendentale Physik« genannt hatte. Jeder Antwort setzte ein Ja zu jener Lehre voraus, die besagt, dass erstens überhaupt ein wissenschaftlich anerkannter Verkehr mit mediumistischen »Visionen« existiere und zweitens, dass dieser durch die physikalische Theorie der vierten Dimension erklärbar und damit objektiv >möglich< sei. Zöllner ist zwar berühmt, aber schwierig und nach 1875 umstritten. Immer noch herrscht heftiger Streit in der deutschen Physik; es geht um den psychotischen Kern dieser Wissenschaft, nämlich um ihren möglichen oder unmöglichen Apriorismus, um die Zulassung des Transzendentalen im Reellen, es geht um die vierte Dimension. In diesem Streit ist Zöllner offenbar zu weit gegangen. So geht Schreber nicht direkt auf Zöllner zurück, sondern, ganz Senatspräsident, lässt er andere Optionen zu, um die sich seine durchweg anerkannten Lieblingsautoren bemühen. Er nannte uns Haeckel, Du Prel und Hartmann, also die zweite Garde der wissenschaftlichen Synkretisten, jene von Helmholtz so genannten »Philosophen« des national-konservativen Lagers.

Von der »Diagonale« der vierten Dimension, ein wahrhaft unklares Thema, wird fortan in Schrebers Werk nicht mehr die Rede sein. Stattdessen, über hunderte Seiten, alle Variationen des Themas »Nervenanhang«. Ein Grundmechanismus, »Grundsprachen« begabt, mit welchem Gott »weltordnungswidrig« Kontakt zu einem Lebenden aufnimmt wie sonst nur zu Toten. Schreber, dem Lebenden, werden über diesen Kommunikations-Mechanismus »Nervenanhang« »Wunden« und »Wunder« angetan, »Entmannung«, Brüllen etc. Über die Theorie der kollektiven (Flechsig und ihn betreffenden) Hypnose, die die Heredität des Wahns einschließt (Helmholtz führte sie zentral gegen Zöllner ins Feld) in Gestalt der Vorfahren namens »Daniel Fürchtegott« und »Abraham Fürchtegott«103, kommt Schreber zum Schluss:

ich nehme nun an, daß es irgendeinmal einem Träger des Namens Flechsig ... gelungen ist, einen ihm zum Zweck göttlicher Eingebungen oder auch anderen Gründen gewährten Nervenanhang zur Festhaltung der göttlichen Strahlen zu mißbrauchen.104

Das Modell »Nervenanhang« ist die Achse des Schreberschen Informationssystems, das ihn wider Willen weltordnungswidrig mit etwas verbindet, das er (wie seinen Wahn) nicht wissen will und als Nicht-Zu-Wissen-Gewolltes der Wissenschaft im Buchdiskurs übermittelt. Lacan hat diesen Diskurs der Nervenanhänge als den des »Du« identifiziert, an dessen Angelhaken Schreber hängt, wie an einem riesigen Intercom-System, in dem alle Kanäle und Interkonnektionen auf Schreber zurücklaufen und dessen sämtliche Inhalte als ursächlich in einem >Du Schreber< fixiert werden.105 Dieser Diskurstyp des »Du« wird bei Schreber durch Flechsig'sche Nerven repräsentiert, die, wie »Strahlen«, »von außenher und zwar unaufhörlich ohne jeden Unterlaß in Bewegung gesetzt«106 sind, was ihm die oft beschriebenen »Veränderungen an meinem Geschlechtsteile«107, körperliche »Wunder«108 und Verletzungen, aber auch »Gottesfrieden« = »Schlaf«109 bringt.

Durch Strahleneinwirkung werden meine Nerven in Schwingung versetzt, die gewissen menschlichen Worten entsprechen, deren Wahl also nicht auf meinem eigenen Willen, sondern auf einem gegen mich geübten äußeren Einflusse beruht110,

was jene metonymisch offenen Paraphrasen produziert, auf die wir, ihrer technischen Verzögerungswirkung wegen, noch zu sprechen kommen werden. Das Radio wird lauter.

Elektrische Leitungen

Neben dem also, was im Nullsummenspiel (»Aller Unsinn hebt sich auf«) des wahnhaften Du-Diskurses tatsächlich vor sich geht, ist es Schreber wichtig, ein para-physiologisches Modell der Vorgänge in diesem System der Nerven/Strahlen ausfindig zu machen, das sich über einen Flechsig-neurologischen Diskurs (willkürliche/unwillkürliche Hirnzentren) in die herrschenden physikalischen Spekulationen über die »mediumistische Nervenkraft« (Hartmann) und die »psychische Kraft« (Crookes) einschreibt. Schreber hat dieses Modell der von außen in Bewegung gesetzten Nerven bei Eduard von Hartmann abgeholt, einem, wenn nicht genau dem Philosophen, vor dem Helmholtz Tyndall gewarnt hatte. Es ist gleichwohl ein zu Schrebers Zeiten hochberühmter und von Schreber derart vielgelesener, so dass er nicht einmal alle ihm bekannten Aufsätze nennen kann.

Der in Berlin lebende Eduard von Hartmann hatte 1885 in Leipzig, Schrebers Stadt, eine Schrift unter dem Titel: »Der Spiritismus« veröffentlicht. Ein etwa 120 Seiten starkes Büchlein, sozusagen der »Berliner« Nicht-Helmholtz-Kommentar zu der »sogenannten wissenschaftlichen Frage«111. Um zu sehen, welche Bedeutung der >wissenschaftliche< Spiritismus in den letzten anderthalb Jahrzehnten in Deutschland gewonnen hatte, musste man nur nach Leipzig kommen. Dort waren u.a. erschienen: elf Jahrgänge des Monatsjournals »Psychische Studien« seit 1874, eines von international insgesamt fünfzig okkultistischen Monatsheften, und wohl das wichtigste von fünf allein in Deutschland. In diesen Jahrgängen, inklusive einer achtzehnbändigen Sonderreihe112, findet Hartmann nahezu alles versammelt, was in der Geschichte des >neueren< Okkultismus, beginnend mit den Geschwistern Fox 1848113, an »mediumistischen«, »spiritistischen«, »somnabulistischen«, »hypnotistischen« Telekinesen, Psychografien, Clairvoyancen aller Art in Einzelepisoden und Fall-Schilderungen zu berichten wäre. Zöllner, nur locker assoziiert mit den Hardcore-Spiritisten um Redakteur Wittig und seine »Psychischen Studien«114, hatte, wie berichtet, die Medien Slade und Hansen über hunderte von Seiten »experimentell« exploriert; er tat es, wie gesagt, damit dem Beispiel des englischen Chemikers William Crookes nach, der Mrs. Cook, Mrs. Fay und D.D. Home >wissenschaftfähig< gemacht hatte115. Crookes Schriften waren im Leipziger Verlag der »Psychischen Studien« erschienen; dort werden auch die »Denkwürdigkeiten« Schrebers erscheinen.

Was seinen eigenen, persönlichen Umgang mit >Medien< betrifft, kann Hartmann sich auf Virchows und Helmholtz' unberührte Seite stellen, denn alle drei hatten 1877, bei der von Leipzig aus reichsweit organisierten >Séancentour< des Henry Slade jede Begegnung verweigert.116 Anders als Nietzsche hat von Hartmann >Medien< nie in mediumistischer Aktion gesehen, aber er hat, wie Nietzsche vor seiner ersten gemeinsamen Séance mit Lou117, eine Theorie. Hartmann sagt: Die Somnambulen in den spiritistischen Séancen werden nicht somnambul irgendwelcher »Geister« wegen, auch nicht wegen einer Zöllner'schen »Vierten Dimension«118, auch nicht wegen einer Crookes'schen »psychischen Kraft«, sondern wegen einer Art elektrischen Kontakts mit den »unbewußt fungierenden Hirntheilen des Mediums«119, genannt »mediumistische Nervenkraft«. Hier - gestatten, dass wir's jetzt wie im Radio ankündigen - einige Ausschnitte aus seinem Text:

Daß es sich hierbei ... nur um eine physikalische Kraft [handeln kann], welche unter psychischer Anregung durch das Nervensystem des Mediums producirt wird, ist klar. (...) Die fraglichen Erscheinungen sind nur durch eine Polarität der Nervenkraft nach Analogie der Reibungselektricität erklärbar. Handelte es sich nur um eine der Gravitation entgegenwirkende Abstossung geladener Körper gegen die Erde, so könnte man mit einer einfachen Kraft auskommen; da aber die dynamischen Beziehungen der mit Nervenkraft geladenen Körper zur Erde bald gleichgerichtet mit der Gravitation, bald derselben entgegengesetzt sind, so scheint eine doppelte Art der Ladung angenommen werden zu müssen, welche von dem somnambulen Willen des Mediums abhängt. (...) Man wird hierbei daran erinnern dürfen, dass Zöllner versucht hat, die allgemeine Gravitation aus statischen Wirkungen der Elektricität zu erklären ... so hätte man es in der That mit einer Kraft zu thun, welche nicht bloss die Wirkung der Schwerkraft aufhöbe und überwöge, sondern die Schwerkraft selbst vergrösserte, verkleinerte, oder negativ machte, ohne dass darum von einer Aufhebung oder Durchbrechung von Naturgesetzen die Rede sein könnte. (...)
Für das Studium dieser Fragen muss man entschieden auf die Erfahrungen Reichenbachs zurückgehen, welcher die odische Diaphanität vieler Stoffe behauptet, welche für gewöhnliche Lichtstrahlen undurchgängig sind; es scheint, dass man es dabei in vielen Fällen mit Aetherschwingungen höherer Brechbarkeit und anderer Art zu thun hat, welche erst im Auge des ... durch das Medium zeitweilig sensitiv Gemachten in Lichtschwingungen umgewandelt werden. Dies wird bestätigt durch die Experimente des Photographen Beattie ... Soweit man es mit wirklichen Aetherschwingungen von hoher Brechbarkeit zu thun hat, darf man an Umwandlungsformen der mediumistischen Nervenkraft denken, welche den Umwandlungen der Elektricität in Licht von hoher Brechbarkeit analog sind (...)
Da die dynamischen Wirkungen der mediumistischen Nervenkraft, ebenso wie diejenigen des Magnetismus, jede Art von Materie ungestört durchdringen, so können auch materielle Verschlüsse der eindrucksfähigen Oberfläche das Zustandekommen solcher Abdrücke nicht einmal erschweren. Diess ist denn auch in der That der Fall nach den Versuchen Zöllners mit Slade ...120

Ende des O-Tons. In diesem para-physikalischen Kauderwelsch wird es unmöglich sein, konkrete Einsprungspunkte eines Schreber'schen Diskurses zu finden, denn es ist ein Schreber'scher Diskurs. Hartmann skandiert im Symbolischen der herrschenden Physiktheorien delirante Metaphrasen und Katachresen, die sich der Unentschiedenheit einer gültigen Elektrizitäts-Theorie wegen, auf die die physikalische Forscherorganisation Europas sich 1885 noch nicht einigen kann, wissenschaftlich drapieren können. Bei Hartmann funktionieren diese Gebärden wie Schrebers Nervensprache, nur eben als geschlossene Übertragung und nicht decouvriert. Wo Schrebers nervenschwingende Stimmen in Kontiguitäten und Metonymien, nämlich in Satzanfängen, Volten, halben Paraphrasen, die zu keinem Ende kommen121, operieren, dem »Aufschreibesystem« entnommen, das in hinteren Gottesreichen von Schrebers Worten angelegt worden war, - so wirkt Hartmanns Text wie ein geschlossenes Aufschreibesystem selbst, das, ohne Zitat, Belegstelle oder Referenz, die Phrasen, Begriffe und Theorien aus dem Diskurs der herrschenden Physik verkürzt, verlängert, ersetzt, überschreibt und darin alles nach Belieben zusammenreimt.

»Reibungselektrizität« beispielsweise kann in der Tat mal positive, mal negative Ladungen produzieren, aber es war schon seit dem 18. Jahrhundert klar, dass dies strikt an bestimmte Stoffe, Materialien und ihre chemischen Eigenschaften gebunden ist. Allerdings, auch 1885 ist immer noch letztlich unentschieden, was die Elektrizität »ist«. Ist sie ein atomares >Fluidum<? Oder sind es gar, wie Weber meinte, zwei molekulare Bewegungen, die antagonistisch, ohne Zeitverbrauch, wechselwirken? Oder sind es >Verspannungen<, >Verschiebungsströme< im Aether? Man weiss, 1885, noch nichts von Elektronen (J.J. Thomson >vermaß< sie erstmals 1897) und hat daher kein Bild von der Ionisation atomarer Strukturen mit dem Ergebnis unterschiedlicher Ladungsverteilungen. Die Di-Polarisation der Elektrizität, mit der Hartmann verbal jongliert, ist gleichfalls ein großes physikalisches Thema der zweiten Jahrhunderthälfte, aber eben nur in der Beschreibung nicht-geschlossener Stromkreise; nur dort, in wechselstromartigen Entladungen der Kondensatoren und Leidener Flaschen findet sie statt. Wiederum Heinrich Hertz, und niemand zuvor, wird das >Geheimnis< des elektrischen Dipols als Quelle elektromagnetischer Strahlung enthüllen und die Aufklärung dessen vorbereiten, was »Wechselströme« >tatsächlich< sind. Richtig ist auch, dass es schon Michael Faraday nicht hatte ruhen lassen, in der Schlussphase seines jahrzehntelangen Laborlebens der empirischen Beschreibung der Elektrizität, mit verzweifelten Versuchsreihen endlich Gravitation und elektrische Kraft zu symmetrisieren. Aber bis heute, noch in den besten »Superstring«-Theorien, existiert diese Symmetrie bestenfalls in mathematischen Gleichungen, die bislang ohne physikalische Referenz geblieben sind.122 Und schließlich der Äther: seine »Existenz« als Nicht-Existenz, nämlich als Effekt zu enttarnen, der besser durch Lorenz-Transformationen gleichförmig bewegter Inertialsysteme beschrieben werden kann, das wird die bahnbrechende Leistung der Speziellen Relativitätstheorie Einsteins sein. Bis dahin aber, also bis 1905, ist in der Tat der »Äther« für die physikalische Welt »existent«. Physiker, nicht so sehr Helmholtz, aber z.B. Heinrich Hertz, müssen, wenn sie >verstehen< wollen, was Licht ist und Elektrizität, immer noch von der »Existenz« eines Äthers ausgehen und es lässt sich zeigen, dass die Theorie des Äthers, solange sie zwingend nötig erscheint, ebenso einen >psychotischen< Nerv darstellt, den psychotisierenden >Angelhaken< der vormodernen Physikgeschichte, an dem zu Zeiten von Hartmann die viktorianische Physik (mit Crookes und Lodge) ebenso hängt wie Schreber an seinem Nervenanhang. 1885 wie 1887 gibt es für die Physik noch keinen Beweis, der die »Riemann'sche Trennung« physikalisch anzuerkennen zwingt, nämlich die strikte Trennung der Dimension des Reellen, als die Domäne der Mathematik, von der Dimension des Symbolischen, als der Diskurs eines selbstschlüssigen >Verstehens< der Welt. Erst die Allgemeine Relativitätstheorie wird diese »Riemann'sche Trennung« in ein physikalisches Gesetz verkoppeln123 und damit klarstellen, dass über die physikalische »Natur« vom Standpunkt ihrer Beobachtbarkeit und Vorstellbarkeit aus nichts gesagt werden kann, was nicht einer mathematisch gestützten Messung äquivalent ist.

Medientheoretisch entscheidend ist, dass dieser Epochenwechsel im Diskurs der Physik initial von der empirischen Entdeckung des Elektromagnetismus in den Hertz'schen Experimenten ausgeht. Mit ihnen nämlich wird auch Radio möglich, was die entropisch-expansive Entwicklung aller folgenden technischen Medien inauguriert. Soweit es um die >Natur< geht (vielleicht auch unsere eigene), haben wir seither für ein >Verstehen< der Welt nur noch Begriffe nach Maßgabe dessen, was messbar ist.

Was nun den Präsidenten Schreber betrifft, der am Ende seines zweiten psychotischen Schubs124 letztmalig um die Anerkennung seiner Nicht-Geisteskrankheit kämpft, so ist offensichtlich, dass er den herrschenden Diskurs von Wissenschaftlichkeit, in den er sich einschreiben will und muss, für seriös halten kann und darf. Immerhin auch seiner Gelehrsamkeit und Bildung wegen war er der designierte Reichstagskandidat, und einige sahen in ihm schon den kommenden Justizminister Sachsens.125 Hartmanns Diskurs bietet ihm die Anerkennung einer >wissenschaftsfähigen< Basis für den Diskurs des »Du«, für seinen Wahn: die mediumistische »Nervenkraft« a la Hartmann kann als ein psychophysischer Mechanismus der wechselseitigen Nerven-Anziehungen gesehen werden (»Die Anziehungskraft, d.h. dasjenige auch für mich seinem innersten Wesen nach unergründliche Gesetz, vermöge dessen Strahlen und Nerven sich gegenseitig anziehen...«126). Würde eine solche Hartmann'sche Kraft von der Wissenschaft anerkannt (und warum sollte der Jurist zweifeln, dass dies nicht schon geschehen sei?), dann wäre auch eine Physik des mediumistischen Nervananhangs möglich, und Schreber kann werden, was er sein will, nämlich ein Fall für diese >Wissenschaft<. Oder vielleicht braucht es gar erst den Fall Schreber, um diesen Wissenschaften zum Durchbruch zu verhelfen?

Flechsig kann das ablehnen oder anerkennen, gleichviel. Die Sache spielt ja schon, wie alle Zöllner/Du Prel/Hartmann-Medien beweisen, auf seinem, Flechsigs, ureigensten, nämlich einem neuro-elektrischen Terrain. So könnte auch ein Flechsig nicht bestreiten, dass »bei den grossartigen Bauten der Phantasie ... es sich zum Theil um einfach mechanische Vorgänge [handelt]«127, denn das hatte er selbst geschrieben. Flechsig verehrt zwar Helmholtz und bekennt sich zu seiner Schule, bleibt aber zu einem guten Teil immer noch »Psychophysiker« aus der Tradition Webers und Fechners, gerade so, wie es der Physiker Zöllner und die Privatgelehrten Hartmann und Du Prel sind. Mit ihnen allen geht auch Flechsig von der Annahme aus, dass alle Nervenvorgänge »leitender« (nach dem Wort der romantischen Physik »galvanisch«-leitender) Art sind. Auch in der Frage der getrennten Gehirnzentren, eines an Sinnesreize, das andere als Assoziations-, Denk- und Bewusstseinszentrum geschaltet, gibt es keinen Dissenz. Bei Flechsig gab es in den Hirnrindenbereichen »Associations-« - und im Kleinhirn »Sinnes-Centren«, bei Hartmann liegt in der Großhirnrinde der Sitz des »bewußten Willens«, während die »unwillkürlichen Muskelbewegungen« ihren Sitz in den »mittleren Hirntheilen« haben. »Bei normalen Naturen« reicht die »reflexhemmende Kraft des Großhirns aus..., um solche Bewegungen [der unwillkürlichen Muskeltätigkeit, W.H.] in praktisch bedeutungslose Schranken zu bannen«, bei »abnormen Naturen« aber erreicht »die relative Selbstständigkeit der mittleren Hirntheile gegen den Träger des bewußten Willens einen bedeutenden Grad«128.

Geisterseher

Ob Schreber a) Eduard von Hartmanns »Der Spiritismus«, Leipzig 1885; b) Aksakovs dickleibige Antwort »Animismus und Spiritismus«, Leipzig 1898; c) Du Prels Antwort »Hartmann contra Aksakov«, Leipzig 1891 oder d) Du Prels »Der Spiritismus«, Leipzig 1893; e) Hartmanns Antwort auf die Antwort »Die Geisterhypothese des Spiritismus und seine Phantome«, Leipzig 1891, gelesen hat, - ist nicht einmal entscheidend. Das Erscheinen aller dieser Bücher a) bis e) in seiner Stadt fällt jedenfalls nicht in die Zeit seiner Krankheitsphasen. In jedem Fall gibt es genug Hinweise in Schrebers Buch, die von einer guten Kenntnis der zeitgenössischen Spiritismus-Diskussion zeugen und es fällt nicht schwer, die Intensität zu beschreiben, mit der der >wissenschaftliche< Diskurs des physikalischen Okkultismus im schreberschen Buch operiert. Schreber sucht sich ganz eindeutig in den herrschenden Theorien des Spiritismus Beistand und Prävention, während seine Gegner und Wärter ihn mit all dem abfertigen, was zum normalen Arsenal einer Psychiatrie a la Kraepelin gehört: »Gemütskrankheit«, die dem Irren bloße »Sinnestäuschungen« zubilligt, »jeder Realität entbehrend ... in die allgemeine Rumpelkammer der unwirklichen Dinge«129 gehörend. Die Schreber'schen Sinne, nach der Strategie der »Denkwürdigkeiten«, sind eben nicht »getäuscht«, sondern »übersinnlich« affiziert, was im herrschenden Okkultismus eben »spiritistisch« heisst. Schreber lässt die spiritistische Inskription seines Diskurses laufen wie eine metonymische Kette mit den oft so doppeldeutig haltlosen Haltepunkten, die aber manchmal auch Schmuggelgut befördern können. So wird es seinem Ich gesagt (oder mischt er es uns nur unter?): »Du« bist ein Geisterseher.

In der Sprache der Seelen hieß ich ... >Der Geisterseher< (Anm. Schrebers: >Über die mir später gegebene Bezeichnung eines >Höllenfürsten< werde ich weiter unten Näheres ausführen<) d.h. ein Mensch, der Geister sieht, mit Geistern oder abgeschiedenen Seelen Verkehr hat.130

Dass Schreber uns an dieser Stelle »mehr« verspricht, lenkt wiederum, weil es ja der wirkliche Bericht eines Sehers werden soll, von der sehr einfachen Zuordnung ab, die Schreber hier vornimmt. Er will ein >modernes< Medium sein, wie ihn der >neuere< Spiritismus geschaffen hat, einer beispielsweise wie Slade.

Auch die sog. Medien der Spiritisten dürfen, wenn schon in vielen Fällen Selbsttäuschung und Betrug mit unterlaufen mag, doch in einer nicht geringen Zahl von anderen Fällen als wirkliche Geisterseher niederen Grades in dem angegebenen Sinne anzusehen sein. (...) Wenn die Psychiatrie nicht schlechthin alles Übersinnliche leugnen und solchergestalt mit beiden Füßen in das Lager des nackten Materialismus treten will, so wird sie nicht umhin können, die Möglichkeit anzuerkennen ...131

An Schreber, der sich von vorneherein in eine mediumistische, hypnogene Szene hineinschreibt, soll zwar ganz etwas Besonderes geschehen sein. Dennoch wird es nicht exorbitanter sein als das, was noch gut in das Schema jenes anderen, in Leipzig hochangesehenden Spiritismus-Wissenschaftler passen würde, nämlich in das Animismus/Spiritismus-Register von Alexander Nikolaevic Aksakov, dem Herausgeber und Finanzier der »Psychischen Studien« in Leipzig. Dass Medien »Manifestationen« ausgesetzt werden, »welche dem Willen des Mediums entgegengesetzt sind«132, dass ihnen »Überzeugungen« eingeredet werden, »welche den Überzeugungen des Mediums...«133, »Manifestationen, welche dem Charakter und den Gefühlen des Mediums entgegengesetzt sind«134, dass »Communikationen von dem Medium ... unbekannten Thatsachen«135 geschehen, das »Reden in dem Medium unbekannten Sprachen«136, »Übertragung von Botschaften auf große Entfernungen«137, »Materialisation als anschauliche Träger der wirkenden Kräfte«138, - das alles hätte Schreber, als Struktur und Gliederung seines Wahndiskurses, aus Aksakovs139 Antwortbuch auf Hartmanns Spiritismustheorie ziehen können. Was Schreber dann schreibt, geht aber doch über alles weit hinaus, was Hartmann, Du Prel oder Aksakov je zitiert, gesammelt oder aufgeschrieben haben. Schreber schreibt sich in einen Wahn hinein, der schon außerhalb seines Wahns existiert und >wissenschaftlicher Spiritismus< heisst, um seinen Wahn von diesem Wahn grundsätzlich, exemplarisch und in radikaler Weise alle herrschenden Theorien über den Spiritismus/Wahn überbietend, zu unterscheiden. Das und nur das ist in der Tat der Diskurs eines »nome-du-père«, eine Außergewöhnlichkeit in der nach den Vätern benannten Kette der Bücher.

So hat Schreber aus der überquellenden Literatur zur »Geisterhypothese« zwar nicht zitiert. Er stellt sich nicht offen hinter die Gegenthese zu Hartmann/Zöllners >physikalischer< Theorie des Spiritismus, er plädiert nicht offen für einen offenbarungsreligiösen Ansatz, den Du Prel und Aksakov, letzterer mit russisch-religiöser Inbrunst, gegen die Nüchternheit und >Unspiritualität< der physikalistischen Argumente Hartmanns verteidigt hatten. Schreber aber nimmt >sachlich< Partei für den letzteren, nicht jedoch ohne die religiöse Pointe des ersten in der Konstruktion des gnostischen Offenbarungsgottes ebenfalls noch mitzunehmen. Er veröffentlicht ja schließlich sein Buch in dem Verlag des Leipziger Spiritismus, d.h. sein Buch erscheint an der prominentest möglichen Stelle des von ihm herangezogenen Diskurses. Oswald Mutzes Verlag (s.u.) vertrat immer beide Richtungen, den >physikalischen< und den >geisteroffenbarenden< Spiritismus, da wollte auch Schreber nichts falsch machen. Schreber löst die Frage elegant, indem er für sich, als Rahmenhandlung sozusagen, einen paratheologischen Offenbarungsanspruch reklamiert, allerdings in streng wissenschaftlichem Format:

Zugleich darf ich die Hoffnung hegen, daß ich der Mittler sein werde, durch dessen persönliche Schicksale die von mir erlangte Kenntnis fruchtbringend verbreitet werde, und daß es mir auf diese Weise beschieden sein werde, der übrigen Menschheit noch weit über meinen Tod hinaus zur Gewinnung richtiger Anschauungen über das Verhältnis zwischen Gott und Welt und zur Erschließung religiöser Heilswahrheiten zu dienen.140

Das Telefon des Absoluten

In den Nachträgen, erste Folge, zu den »Denkwürdigkeiten« kommt Schreber noch einmal zurück auf die Nervenanhänge. »Mit der Gesamtmasse der Nerven des oberen Gottes«, heisst es da, werden, »nach Erschöpfung der mit Leichengift beladenen unreinen Strahlenfäden«, erstmals »reine Gottesstrahlen« zu ihm »heruntergeschleudert«141. Das ist eine Anspielung auf den komplexen planetarischen Raum seines Wahns, in dem sich die Lektüre von Du Prels »Entwicklungsgeschichte des Weltalls« widerspiegelt. Im Nachtrag aber fügt er eine technische Vermutung an, die mit dem allerneuesten technischen Medium seiner Zeit zu tun hat. Schreber fragt sich nämlich -- wie alle, die sein Buch lesen werden -- warum denn nur er und niemals zuvor je ein anderer Mensch, Leitungsverbindungen zu einer interplanetarischen Nervenstrahlenmasse habe aufnehmen können.

Auch dafür, daß [die Strahlen, W.H.] nur für mich, nicht für andere Menschen wahrnehmbar sind, glaube ich jetzt eine befriedigende Erklärung gefunden zu haben. Es liegt vermutlich eine ähnliche Erscheinung vor wie beim Telefonieren, d.h. die nach meinem Kopfe ausgesponnenen Strahlenfäden wirken ähnlich wie die Telefondrähte, so daß die an und für sich nicht allzu kräftige Klangwirkung der anscheinend in sehr bedeutender Entfernung ausgestoßenen Hilferufe in derselben Weise nur von mir empfunden werden kann, wie nur der telefonisch angeschlossene Adressat, nicht aber beliebige dritte Personen, die sich zwischen der Ausgangsstelle und dem Bestimmungsorte befinden, das mittels Telefon Gesprochene zu hören vermögen.142

Eduard von Hartmanns psychoelektrische Theorie der spiritistischen Erscheinungen liefert auch hier die Referenz. Hartmanns oben zitiertes Kauderwelsch mündet nämlich in die Pointe, dass mediumistische Interaktion im Nahbereich durch elektrophysiologische Übertragung von Schwingungen vor sich gehe. »Jede Gehirnschwingung, welche einer Vorstellung korrespondiert, [erzeugt] eine Sphäre von Induktionsschwingungen im Aether, durch welche in anderen Gehirnen ähnliche Schwingungen inducirt werden.«143. Ich weise nur in Parenthese darauf hin, dass diese Theorie ebenfalls von Oliver Lodge, jenem von Helmholtz und Hertz geschätzten Maxwellianer und physikalischen Wegbereiter des Radios, vertreten werden wird, um im Zuge der Forschung der »Society for Psychical Research« »thought transference«, also Gedankenübertragung, als wissenschaftlich gesichert für möglich zu erklären.144 Für Hartmann jedenfalls steht von vorneherein die Tatsache der >Gedankeninduktion< fest. Allerdings ist er im herrschenden Physikdiskurs genug bewandert, um auch die Grenze dieser Hypothese zu erkennen. Die Frage ist nämlich, bis zu welcher Entfernung eine solche >Gedankeninduktion< wirken kann und Hartmann folgert messerscharf,

daß ... die Vorstellungsübertragung in unmittelbarer Nähe rasch mit der Entfernung (vermuthlich proportional dem Quadrat derselben) abnimmt und dadurch ziemlich bald an eine Grenze gelangt, wo der Einfluß auch bei grösster Intensität eines einzelnen Willens aufhört.145

Hartmann repliziert damit -- wie immer vage -- auf das Coulombsche Gesetz (1780), wonach die Spannung zwischen zwei Ladungen, analog zur Gravitation zweier Massen, im reziproken Quadrat ihres Abstands ab- oder zunimmt. Zweitens aber, so scheint es, nimmt Hartmann ein Modell hinzu, das seit Anfang der 1860er Jahre in Europa durch die viktorianische Physik verbreitet wird, in welchem elektrische Spannung als ein >Verschiebungsstrom< im allgegenwärtigen Äther repräsentiert wird. Mit diesem Modell, das vom schottischen Physiker James Clerk Maxwell stammt und zur modernen und gültigen Theorie der Elektrizität führte, kann Hartmann nahezu stillschweigend für plausibel erklären, dass >Gedanken< ebenfalls solche elektrizitätsähnlichen Spannungszustände repräsentieren (Schreber wird diese Hartmann'sche Gleichung: >Nerven = elektrische Ladung = Strahlen<, um das Glied >= Sprache/langue< erweitern). Das alles aber funktioniert, sagt uns Hartmann, nur im Nahbereich.

Zweifelhafter ist die Entscheidung bei der Vorstellungsübertragung auf weite Ferne, wo du Prel und Hellenbach ebenfalls eine Vermittelung durch Aetherschwingungen annehmen. Ich glaube dagegen, dass dieser Fall mit dem Hellsehen zusammen unter eine Erklärung gehört, also auf eine wurzelhafte Kommunikation zwischen den Individuen durch Rapport oder Telephonanschluß im Absoluten hindeutet. (...)
Uebrigens scheint das eigentliche Hellsehen bei professionellen Medien nur deshalb nicht vorzukommen, weil sie den Anwesenden meist fremd .. gegenüberstehen, und deshalb das Willensinteresse zur Anknüpfung der wurzelhaften Kommunikation fehlt. Für die Vorstellungsübertragung, an welcher die Medien ein Interesse haben, reicht die Induktion der Hirnschwingungen aus, so dass gar kein Bedürfnis zur Herstellung einer rückwärtigen Telephonverbindung vorliegt; für die vergangenen und künftigen Schicksale der Sitzungsteilnehmer und ihres Verwandten- und Freundeskreises kann aber noch viel weniger ein so tiefes Interesse erwachen, daß der unbewußte Wille aus dem absoluten Wissen seines absoluten Grundes zu schöpfen sich gedrungen fühlte.146

»Aller Unsinn hebt sich auf«147. Dieser Satz ist ein Satz der Schreberstimmen, der die Struktur der perfekten Aufhebung der Übertragung von >Sinn< beschreibt, eben jene, wie Lacan sagt, vorgängige »Linie, die das Loch umreißt, das ins Feld des Signifikanten eingegraben ist«148 mittels Verwerfung der Instanz, die aufgibt etwas transitiv Sinnvolles zu konstruieren. Diese Struktur des »Denkzwangs« der Schreberstimmen ist strukturiert nicht wie, sondern nach dem Diskurs des spiritistischen Denkens im 19. Jahrhundert. Man findet, wenn auch strukturell different operierend, solche Verwerfungen einer diskurslogischen Instanz immer wieder auch in den Texten des »modernen Spiritismus«, die die Folie des Schreber'schen sind. Hartmanns »rückwärtige Telefonverbindung« forciert eine solche Verwerfung, indem dieses Modell ein scheinbar willkürlich konstruiertes Phantasma in die Spur des spiritistischen Diskurses einzieht, eine reine Übertragung macht, einen scheinbar puren Witz konstruiert, für den selbst Du Prel, dessen >monistische< Spielart des Spiritismus wir schon kennengelernt haben, keinen Sinn mehr zu haben scheint.

Diese hyperbolische Erklärung übertrifft alles, was je von Spiritisten behauptet wurde. (...) Hartmann stattet willkürlich das Medium mit allen Fähigkeiten aus, die er zur Erklärung der Phänomene braucht, und dann spinnt er natürlich aus dieser willkürlich ersonnenen Figur mit größter Leichtigkeit alle diese Phänomene heraus. ... Sogar innerhalb des gleichen Erscheinungsgebietes nimmt Hartmann eine Verteilung auf eine doppelte Quelle vor, indem er z.B. die Vorstellungsübertragung bei großer Nähe auf Mitteilung von Ätherschwingungen setzt, bei großer Ferne aber wieder zum metaphysischen Telefonanschluß greift.149

Nicht erst in seinem eigenen, sondern schon in den Diskursen, die Schreber liest (wir haben Zöllner, Hartmann und Du Prel hier nur exemplarisch genommen) findet sich eine psychotische Struktur. Die Affirmation mediumistischer Tatbestände überlädt die Botschaft, die Bedeutung, das Signifikat des Sinns vom Sein dieser mediumistischen Wahrheiten so, wie Schreber von seinen Stimmen überladen wird, so dass alle katachretischen Signifikate am Ende selbst zu Signifikanten werden, die die Spuren des Signifikanten, also des je schon über den >Spiritismus< Erklärten, überlagern. Das ist der psychotische Mechanismus im Denken des Spiritismus, der wahrhaft das berühmte Label eines »Nichtsdenkungsgedankens«150 verdient, wenn wir es in Schrebers »Seelensprache« ausdrücken wollten. In der strukturellen, über das Signifikat laufenden Selbstaufhebung sind Sinn und Unsinn eines mediumistischen Seins nicht mehr zu unterscheiden. Hartmanns »metaphysischer Telephonanschluß« bringt das auf den Punkt, indem er ein schwarzes Loch von Sinn anbietet, wohinein dann auch jeder Spiritismus für die Spiritisten verschwindet. Ein tödlicher Witz.

Exkurs:
Das Medienapriori des »Modernen Spiritismus«

Hartmanns »wurzelhafte Kommunikation durch Telephonanschluß im Absoluten«, eine Theorie, die Schreber als einen weiteren Mechanismus seines Wahns identifizieren kann, mündet in den folgenden antispiritistischen Dekonstruktionversuch, vorgetragen von von Hartmann selbst.

Ich [kann] nicht dringend genug davor warnen, das theoretische Interesse, welche diese Erscheinungen [Hellseherei etc., W.H.] erwecken, zu einem praktischen zu erweitern... Dass tübetanische Mönche dazu gelangt sind, die Vorstellungsübertragung zu einer Art von Telegraphie auszubilden, lässt sich daraus begreifen, dass ihnen ein naturgemässes Post- und Telegraphen-System fehlt. Wir, die wir im Besitz eines solchen sind, haben gar kein Interesse daran, uns auf seelische Fernwirkungen einzuüben, die doch in ihrer hallucinatorischen Gestalt nur eine sehr unvollkommene, unzulängliche und unsichre Art der Gedankenmittheilung gestatten.151

»Das ist der eigentliche Reiz bei allen Erfindungen Hartmanns: der Wissende fühlt, dass er es gar nicht ernsthaft meint, ausser so weit es nöthig ist, die Unwissenden zu biederem Ernste zu verführen,«152 schreibt Nietzsche. Das heisst aber auch nur, dass Hartmann einen zweiten Diskurs in seinen vordergründig ersten einführt, der das sinnlose Geschwätz fortlaufend sich überlagernder, psychotischer Übertragungen der Spiritismustheorien, am Ende doch decouvriert. Und warum? Hartmann ist kühl genug, mediumistisches Effektemachen für sinnlos zu erklären, wenn man technische Medien hat, die es besser machen. Das ist die nüchterne Umkehrung des Spiritismus, besser des »modernen Spiritismus« des 19. Jahrhunderts, und zwar die Umkehrung auf dem Pol ihres verborgenen Medienaprioris, das Hartmann damit »strolchphilosophisch« (Nietzsche) entlarvt und, gegen den Protest der Spiritisten Aksakov und Du Prel, konstruktivistisch unwirksam machen will. Bleiben wir zunächst beim Pol, den Hartmann freilegt. Es geht also um die Frage, welches technische und epistemologische Medienapriori der >moderne Spiritismus< des 19. Jahrhunderts hat.

Morse und das Klopfen bei Familie Fox

Hartmann und seine Zeitgenossen wussten es gut: Das, was in Leipzig getrieben wird um 1885 -- »Spiritismus« -- hat seine historische Wurzel, knapp vierzig Jahre zurück, im modernen Amerika der beginnenden Telegrafie. Und sie reicht immer noch vor, 150 Jahre, bis ins heute aktuelle Internet hinein, wo die alles in Gang setzende Spuk-Geschichte des »modernen Spiritismus« im heiligen Ernst der >non-christian churches< im Detail wiedergekäut wird.

Und so soll es sich verhalten haben: Im März 1848 unterschreibt eine gewisse Mrs. Fox, die alsbald ihre clevere Geschäftsfähigkeit beweisen wird, an Eides Statt, dass in ihrem Haus in Hydesville, einem Dorf bei Rochester im US-Bundesstaat New York, durch sie selbst und ihre Kinder Klopflaute (eines vor fünf Jahren ermordeten Toten, der im Keller liegt) zu vernehmen seien. Die Pointe dieser geschickt eingefädelten, im Fortgang die ganze Familie und etliche Helfershelfer umfassenden, später ebenso oft eingestandenen wie dementierten Betrügerei153 ist, dass die Klopflaute, die »Fox-Raps«, sich als ein kommunizierbares Zwei-Wege-Alphabet erweisen. Frau Fox gibt zu Protokoll:

My youngest child, Cathie, said: >Mr. Splitfoot, do as I do,< clapping her hands. The sound instantly followed her with the same number of raps. When she stopped, the sound ceased for a short time. (...) Then Cathie said in her childish simplicity, >Oh, mother, I know what it is. Tomorrow is April-fool day, and it's somebody trying to fool us. I then thought I could put a test that no one in the place could answer. I asked the noise to rap my different children's ages, successively. Instantly, each one of my children's ages was given correctly, pausing between them sufficiently long to individualize them until the seventh, at which a longer pause was made, and then three more emphatic raps were given, corresponding to the age of the little one that died, which was my youngest child. I then asked: >Is this a human being that answers my questions so correctly?< There was no rap. I asked: >Is it a spirit? If it is, make two raps.< Two sounds were given as soon as the request was made.154

Was Mrs. Fox beschreibt, ist ein »spiritistischer Telegraph«155. Fünf Jahre zuvor, also 1843, war nach 14 monatiger Bauzeit zwischen Washington und Baltimore der erste reelle Telegraph in Betrieb genommen worden, mit Ex-Historienmaler S.B. Morse156 im Capitol und seinem Ingenieur Alfred Vail im Baltimorer Demokraten-Parteitag an den Morsetasten;157 ein aufsehenerregendes Ereignis, das vom Kongress 5 Jahre lang verzögert worden war158, aus Gründen, die mit den halb-okkultistischen Begriffen in Morses Patentschrift selbst zusammenhängen. Der Kongress wollte 1838, trotz erfolgreicher Demonstration der Anlage vor den Augen des Präsidenten van Buren, lieber eine »Eisenbahn auf dem Mond« finanzieren, als eine Gerätschaft, mit der eine »intelligence can be communicated at any moment«. Morse:

That is to say, no other time is consumed that is necessary to write the intelligence to be conveyed, and to convert the words into the telegraphic numbers. The numbers are then transmitted nearly instantaneously, (or if I have been rightly informed in regard to some recent experiments in the velocity of electricity, two hundred thousand miles in a second) to any distance, where the numbers are immediately recognised, and reconverted into the words of the intelligence.159

Das Erstaunen über die Elektrizität, die hier in Überlichtgeschwindigkeit fließen soll, ist diesen Worten des elektro-unkundigen Historienmalers, der jahrelang wegen unzureichender Wicklungsdichten seiner Elektromagneten nichts zustandebrachte, immer noch abzulesen. Er insbesondere >weiss< nicht und niemand sonst >weiss<, was in diesen neuen Telegraphen >passiert<. Also schreibt sich das neue technische Medium in den herrschenden Diskurs der Kommunikation von Intelligenzen ein, der aber bereits von hunderten von herumreisenden Mesmeristen, Hynotiseuren und »Sykologisten«160 besetzt ist. Deshalb auch stimmt der Kongress erst 1843 der 30 Tausend Dollar Investition zu, aber »nur unter vielen skeptischen Bemerkungen und beißenden Spöttereien über >Mesmerismus<, >Millerismus< und sonstigen allgemeinen Witzeleien«161.

Mit der Morse'schen Telegrafenstrecke ist die Schwelle gelegt, diesseits derer in Amerika und wenig später auch in Europa die Epoche der elektrischen Medien beginnt. Gleichzeitig markiert das elektrische Medium einen Einschnitt in den Diskurs, aus dem seine anfänglich gültigen Begriffe entlehnt sind. Seit es nämlich Telegrafie gibt, ist auch im Okkultismus der Einschnitt da. Mit einem Schlag ist, okkultismushistorisch gesehen, Schluss mit den unidirektionalen »Geisterorakeln« von Aggripa von Nettersheim oder des »träumenden Geistersehers« Kants, namens Emanuel Swedenborg162. Ab jetzt wird mit >Geistern< in actu und zweiwegig kommuniziert, und die historische Initialzündung dieser Wende des »modernen Spiritismus« kommt, nach übereinstimmender Quellenlage163, aus dem Hydesville'schen Klopfhaus der Familie Fox.

Die schnelle und massive Verbreitung der Fox-Mär innerhalb Amerikas in vergleichsweise kurzer Zeit ist nicht so erstaunlich, wie es scheint. Es war die Telegrafie (physikalisch), die die Telegrafie (der »Intelligenzen«) und den Spiritismus der Telegrafie gleich mit transportierte. 1848 durchkreuzen längst 6000 Meilen Überlanddraht die amerikanischen (Nord-)Staaten und überall liegen die Knoten, die direkt in die Redaktionen der expandierenden Tages- und Wochenpresse langen. Die Südstaaten-Farmer zerstören, wie ein bestellter Promotion-Effekt, immer wieder mal ganze Serien von Telegrafenmasten, weil angeblich der Draht der Luft Elektrizität entziehe, was sich aufs Wetter katastrophal auswirke und monatelange Trockenheiten beschere.164 Die Fox-Geschichte selbst gerät organisatorisch zudem in die äußerst geschickten Hände des Publizisten E. W. Capron165, der sofort Teilhaber wird, Schriften und Bücher verfasst und an allen geldwerten Séancen und öffentlichen Auftritten166 mitverdient. Ab 1850 nehmen der »New York Excelsior«, die »New York Tribune« und die »Evening Post« die Berichte darüber auf ihre ersten Seiten.167

Was die telegrafiezerstörenden Farmer aus Kentucky betrifft (Zeitungsstoff für Telegrafie/Telegrafie), so sind sie sich mit den Hunderten von Fox-Trittbrett-Mediumisten einig (es soll 1853 »not less than thirty thousand recognised media« in den Nordstaaten gegeben haben168), dass in all diesem Klopfen (und bald dann auch »Stimmen-Hören«, aber nur im Dunklen) der »Geist Franklins« umgeht. Benjamin Franklins169 Theorie der atmosphärischen Elektrizität, seine physikalisch weitgehend korrekte Beschreibung der Leidener Flasche von 1745 (des historisch ersten Elektrizitätsspeichers/Kondensators), seine Begriffsprägungen wie »Ladung«, »Plus«/«Minus« etc., waren Meilensteine in der neuzeitlichen Erforschungsgeschichte der Elektrizität. Franklin ist nicht nur der >Physiker<, der die Elektrizitätsgeschichte im physikalischen Sinn vorantreibt, ihre erste Mathematisierung vorbereitet und für Alessandro Volta (wie für die europäische naturforschende Aufklärung insgesamt) das theoretische und politische Leitbild abgibt, anti-mesmeristisch, strikt experimentell-»induktiv«. Er wird darüber hinaus in seinem eigenen Land, wo er Legende ist -- nämlich amerikanische Legende des Staatenbundes Amerika selbst --, als die Telegrafie/Telegrafie um sich greift, in die spiritistische Spur zurückgeholt, aus der er physikhistorisch gerade selbst den Weg gewiesen hatte. Seine Theorie der atmosphärischen Elektrizität, die ein Art >Gesamtkonto< aller Elektrizitätsladungen impliziert, reicht hin, um den Farmern eine anti-telegrafische Maßnahme zu ermöglichen; und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Séancen die Erfahrung von »Franklins Geist«.

Die telegrafischen Metonymien des Spiritismus

Die Frage entsteht, nach Einführung des ersten elektrischen Mediums des Technikgeschichte: >Was ist Elektrizität<? und Morse hatte sie nicht beantworten können. Seine Gerätschaft des Effekts der Elektrizität ebenso wenig, denn diese »ist«, nach der verkürzten McLuhanschen Ontologie, immer nur »Botschaft«. Also spaltet sich an dieser Stelle (neben allen technikgeschichtlichen reellen Wirkungen) zunächst der spiritistische Diskurs ab. Am Ort der Geburt der Telegrafie, also in den amerikanischen Nordstaaten (und Hydesville bzw. die Stadt, in die es heute eingemeindet ist -- Rochester -- war davon insofern besonders betroffen, da sich dort drei der wichtigsten Telegrafenlinien kreuzten) entsteht das historisch erste Medienapriori der Elektrizität und klappt sofort spiritistisch um, spaltet die Geschichte des Okkultismus in eine »ältere« (geistesoffenbarende) und »neuere« (geisterkommunizierende) Epoche. Es gibt keine Chronik des Okkultismus, die diesen Epochenwechsel nicht mit den »Fox-Raps« datiert; wir datieren sie, korrekter, mit dem dahinterliegenden Apriori der Telegrafie. Swedenborg (und alle anderen vor ihm dokumentierten »Seher«, »Halluzinatoren« etc.) hatten niemals sagen oder gar nur den Anschein eines »Beweises« liefern können, dass ihr Verkehr mit »Geistern« auf einem System der Kommunikation, also in der Zweiwegigkeit einer Performanz vor sich ginge; heisst, dass sie mit den Geistern >sprechen< und >übersetzen<, was andere fragen. Seit den »Fox-Raps« ist aber genau das das »neue« Thema, der neue Trick aller Séancen. Überall in Amerika wird jetzt »geklopft«, »gedonnert« und »geknallt«; alphabetisch oder numerisch, je nach Belieben antworten die »Geister«. Und da mit Telegrafie, wie sie Morse definiert, Intelligenz von Beginn an »schreibt«, wird jetzt »psychografiert«. Eine Geschichte des »automatic writing« setzt ein, zunächst mit »planchettes«, »ouija-boards«, und »slates« aller Art, die über Zöllner, die Experimente der »Society for Psychical Research« und Pierre Janets entsprechendes Resume170 direkt in die surrealistische Kunst gleichen Namens münden wird. Daran schließt sich, immer noch um 1850 in Amerika, wie aus einer Regieanweisung des imaginären Effekts franklinscher Elektrizität, alles das an, was mit Elektrizität sonst noch gehen mag, z.B. »Materialisierungen«: Tische werden verrückt, Hausgegenstände fliegen umher, wie nach einem Blitzeinschlag. Hollywood wird mit den Serienfilmen der »Poltergeister« diese Tradition bewahren. Drittens schließlich (und damit sind die metaphorisch/metonymischen Tele-Metamorphosen des telegrafischen Effekts der Elektrizität längst nicht erschöpft): die leuchtenden, schwebenden »Hände«.

There it was, however, an arm and a hand, the arm extending back to the elbow, and there fading into imperceptibility. We all saw it, and all spoke of it, to assure each other of the reality of the thing. It emitted a faint but perceptible light. presently it vanished, but we were soon permitted to see not only the same thing again, but the process of its formation.171

Die »Bedeutung« der Hand ist schnell aufgeklärt, wenn man nur den physikalisch-technischen Kern des Morseapparats freilegt. Nichts anderes nämlich als diese eine duale An/Aus-Eingabeeinheit -- »metallischer Hammer«, »correspondent« oder schlicht »key« genannt -- ist die eigentliche Leistung von Morse und Vail, im Unterschied zu allen anderen Telegrafieapparate-Entwürfen von Soemmering bis Ampere.172 Die ungeheuere Reduktion, die in der technischen Vorschrift liegt, alle und jede Information über einen einzigen Kanal zu führen, nämlich laufen zu lassen über zwei Metallkontakte unter einer >klopfenden< Hand; erst diese Verdichtungsleistung, die dann technisch so simpel herzustellen sein wird, zu deren Verrichtung aber offenbar das ganze Denken eines Historienmalers nötig war, unter dessen Hand und Pinselstrich in der Summe immer schon die ganze Weltgeschichte zu erscheinen hatte, - erst dies bringt das neue technische Medium zur historischen Verbreitung. Und es ist eben diese Zusammenziehung auf den Punktfall der Hand, die in der spiritistischen Umkehr des neu gewonnenen Medienaprioris wieder »dematerialisiert« werden kann. Ab 1850 erscheint trancehaft Tagträumenden in hunderten von Séancen etwas, das bis dahin in der Weltgeschichte des Okkultismus ungesehen war, nämlich freischwebend losgelöste Hände; und wenig später bereits werden sie, um neue Séancen zu organisieren, mit (verschwiegener) Doppelbelichtung aufs Fotopapier gebracht.

Konnotativ, kontiguitiv, metonymisch lagert sich, wenige Jahre nach Betriebsaufnahme der Telegrafie, in Amerika das Phantasma der Telegrafie im spiritistischen Diskurs ab; differenziert sich als

Viel mehr wird die Geschichte des »modernen Spiritismus« an »facts« nicht zu bieten haben. Auch Slades Zaubertricks, die Zöllner untersucht, beschränken sich auf Knoten als Abart der Materialisation und auf Tafelschrift. Bereits zehn Jahre nach Fox reisen in Amerika Tausende von Séance-Organisatoren herum, gefeatured von einer Presse, die am selben telegrafischen Medientropf hängt wie das Phantasma ihrer Kunden, »Prestidigateure« (wie Helmholtz sagt) und Betrüger ungeahnter Klasse, die offenbar sehr gutes Geld verdienen, wie man an Zahl und Aufmachung ihrer heute noch in deutschen Bibliotheken zugänglichen Schriftprodukte ablesen kann.173

>Fehlt jetzt nur der Hauptgedanke<, um mit Schreber zu sprechen, also ein neuer »Swedenborg«. Irgendein »Geisterseher« neuer Klasse, der das Telegrafie/Telegrafie-Programm als »Philosophie« formuliert. Seine Name - keine Monografie des »neueren Spiritismus« verschweigt es - ist Andrew Jackson Davis. Und die moderne spiritistische Messiaslegende, die binnen eines halben Jahrhunderts - gnostisch verkehrt - in Schrebers-Christus- »Denkwürdigkeiten« landen wird, schreibt sich so:

Andrew Jackson Davis wurde geboren 1826 und entwickelt als neunzehnjähriger, »ungebildeter Jüngling von höchst dürftiger Herkunft und Erziehung im magnetischen Schlaf in 157 Vorträgen ein vollständiges System der Natur- und Geistesphilosophie, während er im wachen Zustand kaum einen Satz richtig sprechen kann und seine eigenen Diktate aus der Trance erst mühsam verstehen lernen muss«174. Davis, der »Seher von Poughkeepsie«, mit dem Yankee-Präsidentennamen im Vornamen, wird von den Agenten des amerikanischen Spiritismus in einem »übertriebenen Personenkultus«175 (er liest Zeitungen mit geschlossenen Augen durch die Stirn) binnen weniger Jahre zum Superhero aufgebaut. In Wahrheit ist er, so darf man vermuten, nichts anderes als ein gut kalkuliertes Sensations-Produkt der gewerbsmäßigen »Sykologisten«, also jener herumreisenden, New York verunsichernden Scharlatan-Bande selbsternannter Professoren, die, wie angemerkt, in den dreissiger und vierziger Jahren die feine Gesellschaft der aufstrebenden Metropole New York lukrativ in Trance versetzten. Jedenfalls geht Davis' Legende auf einen solchen Sykologen-Professor namens Grimes zurück, der ihn in jenen »mesmeristischen« Schlaf versetzt, aus dem heraus Andrew Jackson Davis seine spiritistischen Vorlesungen gesprochen haben soll. Diese gab es aber nur, damit eine Presse, die anfing, sich der Telegrafie zu bedienen, und ihre Agenten, nämlich Sensationsreporter, eine weitere Sensation, einen weiteren »hoax« (d.h. Verschaukelung) zu berichten hatten.

Poe in New York

In dieses Klima aus versoffenen Gauklern, spielsüchtigen Gelegenheitsjournalisten, gescheiterten Tagespoeten, mesmeristischen Scharlatanen, Weltphilosophen, Sensationsschreibern, gepriesen in Groschenzeitungen -- den »dailies« --, ausgeschrieen von den »news-boys« auf den Straßen, gehörte einer, der dieses Klima aufdeckt, der es zu seinem Stoff macht und zugleich beissend kritisiert, wiewohl er tief darin verstrickt ist. Sein Name war Edgar Allan Poe. Nur um nicht noch einmal das Rad der Autorenfixierung sondern das des Diskurses zu drehen, in dem sie entsteht, nähern wir uns Andrew Jackson Davis, dem späteren Superguru des »modernen Spiritismus«, von Poe her, der an einem wichtigen, nämlich dem Schlusspunkt seiner literarischen Karriere, Jackson tatsächlich persönlich begegnen wird. Poe, im April 1844 ein weiteres und letztes Mal in New York gelandet, ohne Geld, aber mit vollem Familienanhang, »fünfunddreißig Jahre alt und immer noch so arm wie eine Kirchenmaus«176, nimmt nun bewusst diese Rolle des »magazinist« an, der mit >gefaketen< Sensationsberichten zu Geld und Honoraren kommen will; und erfindet, direkt nach der Ankunft, »The Balloon Hoax« auf Seite eins der »New York Sun«177. Gefälschte Nachrichten von einer falschen Welt, und wenn der Ballon »in Wirklichkeit ... die besagte Reise auch ganz und gar nicht unternommen hat, so dürfte sich doch sicherlich ein Grund anführen lassen, weshalb ihr dieselbe nicht hätte gelungen sein können.« Heisst, eine Presseleserschaft, die nach Sensationen giert (Klotz), kann sie haben (Keil).

Poe, der sowohl für Groschenblätter wie für literarische Zeitschriften der gehobenen Art schreibt, folgt dem Klotz-und-Keil-Prinzip ebenso wie der eigenen, pointiert reflektierten Fährte des philosophierenden Literaten. Seine Biografen, die zwar bemerken, dass »The Balloon Hoax« im wesentlichen, heisst wirkungstechnisch, an »The Moon Hoax« (Bericht über Leben auf dem Mond) des »New York Sun«-Herausgebers Richard Adam Locke anknüpft, bemerken zu wenig, dass auch eine wichtige, das Spätwerk einleitende Erzählung, the »Mesmeric Revelation« (zwischen August 1844 und November 1945 in sieben amerikanischen Zeitschriften erschienen178, und Einstieg für Charles Baudelaires Poe-Übersetzungen179) dem Klotz-und Keil-Prinzip folgt. Sicher, dass Poe »zeitgenössische Abhandlungen über den damals modischen Mesmerismus ..., den schwedischen Theosophen Emanuel Swedenborg; astronomische Werke, wie von Kepler, Laplace und Newton, sowie Alexander von Humboldts >Kosmos<« gelesen hat, aber das war eben, wie Grimes und Davis beweisen, sowieso Tagesgespräch in den Salons des beginnenden »modernen Spiritismus«. Poe, der in dieser Erzählung (die wiederum Tatsachenbericht von »fiction« nicht unterscheidet) den mesmerisierenden Hypnotiseur spielt, der sein Medium in Sprechtrance versetzt (wie es der Sykologe Grimes mit Andrew Jackson Davis getan haben soll) skandiert den mediumistischen Diskurs perfekt:

P [=Poe, W.H.]: Schlafen Sie?
V [=Medium, W.H.]: Ja - nein; mein Schlaf könnte fester sein.
P: (nach ein paar weiteren Strichen)180: Schlafen Sie jetzt?
V: Ja.
....
P: Was denn soll ich Sie fragen?
V: Sie müssen mit dem Anfang beginnen.
P: ...Wo ist der Anfang?
V: Sie wissen es: der Anfang - das ist Gott ...
...
P: Und ist Gott nicht immateriell?
V: Nein - denn es gibt nichts Immaterielles - das ist bloß ein Wort. Was nicht Materie ist, das existiert nicht - wofern nicht Qualitäten Dinge sind.
P: Ist Gott denn materiell?
V:Nein.
(Diese Antwort verblüffte mich doch einigermaßen)
P: Was dann ist er?
V: (nach einer langen Pause und mit kaum vernehmlicher Stimme) Ich verstehe - doch ist das schwer zu formulieren. ... Er ist nicht Gott, denn er existiert. Auch ist er nicht Materie in dem Sinne, wie Sie's begreifen. Aber es gibt Gradationen von Materie, von denen der Mensch nichts weiß; das Gröbere treibt das Feinere, das Feinere durchdringt das Gröbere. Die Atmosphäre zum Beispiel treibt das elektrische Prinzip, indessen das elektrische Prinzip die Atmosphäre durchdringt. Diese Gradationen der Materie nehmen an Dünn- und Feinheit zu, bis wir schließlich zu einer partikellosen - das heißt, nicht mehr aus Teilchen bestehenden - unteilbaren - Materie kommen; und hier ist das Gesetz von Antrieb und Durchdringung modifiziert. Die letzte, nicht mehr in Teilchen auflösbare Materie durchdringt nicht nur alle Dinge, sondern ist auch aller Dinge Antrieb - und ist mithin das Alles in sich selbst. Diese Materie ist Gott. Was die Menschen mit dem Wort >Gedanke< zum Ausdruck bringen, ist diese Materie in Bewegung. (...)
... die Willenskraft Gottes - das heißt, die Bewegung der unteilbaren Materie. Sie werden einen deutlichen Begriff vom ewigen Leibe gewinnen, wenn sie sich vorstellen, er sei zur Gänze Hirn. ... Ein leuchtender Körper teilt dem Licht fortpflanzenden Äther Schwingungen mit. Die Schwingungen erzeugen ähnliche auf der Retina; diese ähnlichen wiederum geben abermals ähnliche an den Sehnerv weiter. Der Nerv vermittelt ähnliche dem Gehirn; das Gehirn insgleichen ähnliche der unteilbaren Materie, welche es durchdringt. Die Bewegung dieser letzteren ist Gedanke; dessen erste Wellenbewegung bildet die Wahrnehmung. Auf diese Weise steht der Geist des rudimentären Lebens mit der Außenwelt in Verbindung ...
P: Sie sprechen von rudimentären >Wesen<. Gibt es denn andere rudimentäre denkende Existenzen noch außer dem Menschen?
V: Die unermeßliche Ballung von dünner und feiner Materie zu Nebeln, Planeten, Sonnen und zu anderen Körpern, welche weder Nebel, noch Sonnen, noch Planeten sind, besteht zu dem einzigen Zwecke, einer unendlichen Zahl von rudimentären Wesen für die Idiosynkrasie ihrer Organe Nahrung zu schaffen. (...)
Dies >Wesen< dürfen wir nicht als eine Qualität betrachten, sondern müssen es als Empfindung sehen: - es ist, bei denkenden Existenzen, die Wahrnehmung der Adaptation von Materie an ihre, der Existenzen, Organisation.181

Poe schreibt 1844 keinen spiritistischen, sondern einen literarischen Diskurs. Er schreibt, was Leser lesen wollen, die von Davis gehört haben. Aber er schreibt es auf einer geschickt kalkulierten Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion. Während seine Leser das Gespräch für einen authentischen Bericht halten182, erklärt Poe selbst, danach befragt, die »Mesmeristische Offenbarung« »von Anfang bis Ende [für]... reine Erfindung« 183. Swedenborgianer hatten ihm geschrieben und öffentlich Zustimmung erklärt184; mit ihnen aber kann Poe, so sehr er möglicherweise ihre Positionen vertreten mag, der literarischen Anerkennung wegen, nichts gemein haben wollen. Hingegen finden wir in Briefen deutliche Bekenntnisse zur Wahrheitsfunktion des Textes. Poe schickt ein Exemplar zur Begutachtung an einen Orientalistik-Professor in New York, der wissenschaftlich Swedenborg-Ausgaben betreut185. Poes feinsinnige Konstruktion einer synkretistischen Verbindung des Boskovic'schen Atommodells, der Descartes/Fresnel'schen Äthertheorie des Lichts, der Kant/Laplace-Hypothese, der Franklin'schen Atmosphären-Elektrizitätstheorie und einer Swedenborg'schen Gehirnphysiologie, mündend in der These: Gott, Kraftzentrumsatome und literarische Imagination seien dasselbe - das ist der Stoff, aus dem die Texte gemacht sind, die, wie ein >verlorener Brief<, Wahrheit und Lüge an gleicher Stelle, »in loco« enthalten (»The Purloined Letter« schrieb Poe zeitgleich im Frühjahr 1844). Wenn also (wie Poe es in seiner Lektüre der romantischen Naturphilosophie sagt) »so manche der tiefsten Erkenntnisse - ja vielleicht alle wirklich profunden - ihren Ursprung [haben] in der aufs Höchste gesteigerten Imagination. Wahrhaft große Geister sind groß im Mutmaßen: Keplers Planeten-Gesetze sind eingestandener Maßen von der Mutmaßung dictiert worden« 186 -, dann kann eine literarisch-metaphysische Konstruktion, in welcher die atomare Kraft >als solche< literarische Imagination >materialisiert< (»... sondern müssen es als Empfindung sehen«), ebensogut »Erfindung« als auch »Wahrheit« sein.

Unter dem Schutz dieser Volte kann Poe gefahrlos seine kleine Mesmerismus-Erzählung, die wir, zum Teil wortgleich, in den einsamen Tiefen des »materiellen und spirituellen Universums« seines letzten, von den Zeitgenossen nicht beachteten Werks »Eureka. A Prose Poem« 187 finden werden, im Januar 1846 einem Andrew Jackson Davis in einem persönlichen Gespräch vorstellen. Poe kann unter dem Schutz der literarischen Fiktion zum inzwischen berühmtesten professionellen Gaukler des Mesmerismus pilgern, der, zeitgleich in New York angekommen, in der Veseystreet Nr. 24 »geheime Vorlesungen« hält, die längst von der »New York Tribune« öffentlich gemacht werden.188 Der neunzehnjährige Davis hatte seine allererste kleine Schrift zeitgleich mit der »Mesmeric Revelation« veröffentlicht.189 Da Poe über diese Begegnung beharrlich geschwiegen hat, werden wir nie erfahren, ob es sich beim folgenden Gespräch um einen transzendentalen Witz oder eine wahre Begebenheit gehandelt hat. Andrew Jackson Davis berichtet in seiner Autobiografie:

I recollect of assuring him that, though he had poetically imagined the whole of his published article upon the answers of a clairvoyant [>Mesmeric Revelation<], the main ideas conveyed by it concerning >ultimates< were strictly and philosophically true. At the close of this interview he departed, and never came again.190

Poe wird Davis fortan meiden. Er wird den berühmten Namen zur Lächerlichkeit verdrehen191, seine Bekanntschaft mit diesem Mann auslöschen, um - bis in die heutige Sekundärliteratur erfolgreich - keine Spuren einer Bekanntschaft mit Davis zu legen. Und so bleibt auch dessen damals so aufsehenerregender Erstling »The Principles of Nature, her Divine Revelations, and a Voice to Mankind«, New York 1847 (800 Seiten) in der Poe-Forschung unbekannt. Obwohl hier gar nichts, bei gegebener Faktenlage, zu verschweigen wäre, belassen wir es nur bei dieser einen Frage: Sollte dieses aufsehenerregende Buch eines einundzwanzigjährigen Supergauklers, dessen Namen Poe bereits in Anspielungen verdrehen darf, ohne unverständlich zu werden, der einen »Sehernamen« hat, den Poe mehrfach mit selbstverständlichem Bekanntheitsgrad zitiert, nicht nur nicht von Poe gelesen worden sein192, sondern auch von der Poe-Philologie weiterhin verschmäht werden?

Dieses mächtige, in »Trance« entstandene Erstlingswerk erzeugt in Poes New York einen Presserummel ohnegleichen, es erlebt im ersten Jahr vier Auflagen (insgesamt 34), eine gleichzeitige Veröffentlichung in London193 (und bereits in den sechziger Jahren eine deutsche Übersetzung194). Sein Erscheinen geht »Heureka« gerade mal ein Jahr voraus. Wäre es also ganz vermessen, den Plot der »Mesmeric Revelation« (ein in Trance Versetzter berichtet von der universellen Physik des Seins) als einen Davis-Plot zu identifizieren, wenn ein Gaukler dieses Namens zeitgleich in derselben Stadt mit Trance-Vorlesungen des gleichen Inhalts Furore macht?

Die ent-wendete Elektrizität

Anders als Poe, dessen Nähe zum und dessen Verwicklung in den mesmeristisch-spiritistischen Diskurs der vierziger Jahre nur die Folie schildern sollte, auf der nicht nur die kaum Geld einbringende Literatur Poes wächst, sondern auch, was der »moderne Spiritismus« Amerikas werden wird, kann Andrew Jackson Davis von Beginn an in der Stadt der Sensationen und »hoaxes« reüssieren. 1849/50 veröffentlicht der Modespiritist bereits wieder, nämlich ein schnell auf schließlich sechs Bände anschwellendes Riesenwerk (»The Great Harmonia«), in welchem er die Legende weiterspinnt, diese Bücher seien ihm von seinen »Schutzgeistern« eingegeben worden; diese aber seien, seitdem im März 1848 die Fox-Rap-Bewegung entstanden war, plötzlich seltsam »beeindruckt«.195

Ab jetzt wird Davis jenseits der bloßen universell-spirituellen Weltseele-Philosophie, die, wie Poes Heureka-Poem, ein noch chaotisches Amalgam mixt, das neue Phänomen nicht nur integrieren, sondern seine philosophische Führerschaft übernehmen. Dies geschieht in Andrew Jackson Davis »The Philosophy of Spiritual Intercourse, Being an Explanation of Modern Mysteries« 196, New York 1856, dem »spiritistischen Glaubensbekenntnis Davis'«197. Im Zentrum steht eine elektrizitätstheoretische Erklärung der zweiwegigen Klopfgeisterei:

Um die Analogie zwischen der Art und Weise der Mitteilung zwischen der geistigen und natürlichen Welt durch elektrisches Klopfen und der Art und Weise der Mitteilung zwischen entfernten Plätzen durch den magnetischen Telegraphen zu erkennen, laß uns zuerst verstehen, daß jedes erschaffene Ding gewisse elektrische Verhältnisse zu allen anderen Dingen unterhält; daß alle höheren Formen der Entwicklung positive Verhältnisse zu allen niederen Formen unterhalten ...; und daher ist klar, daß die Geisterwelt ein positives elektrisches Verhältnis zur natürlichen Welt unterhält, von der sie eine höhere Form ... ist. Wenn die Geister den Körper verlassen, verursacht der Übergang bei ihnen keinen Verlust an Intelligenz und Kraft... aber sie sind imstande, auf sie durch Vermittelung des Magnetismus und der Elektrizität mit mächtiger Kraft einzuwirken. (...) Die jungen Damen der Fox-Familie und Hunderte von anderen Individuen, durch welche die Geister verkehren, sind Medien, weil die elektrische Atmosphäre, welche aus ihren Systemen ausströmt, nur wenig grobe Elektrizität enthält. Die Geister, welche ein positives Verhältnis zu uns unterhalten, sind imstande, durch diese Medien oder Konduktoren Zimmergerät an sich zu ziehen und zu bewegen, die Saiten eines musikalischen Instruments in Schwingungen zu versetzen; und durch eine vermittels ihrer Willenskraft erfolgende Entlassung von magnetischen Strömen sind sie imstande, ein Klopfen hervorzubringen gleich dem des magnetischen Telegrafen, welches nach den Buchstaben des Alphabets erfolgt.198

Unverblümt bringt Davis den »modernen Spiritismus« an den historischen Ort seines Medienaprioris zurück. Alles entsteht im para-okkultistischen, »sentimentalen«199 >Poe'schen Klima< New Yorks, als durch die Einführung der Morse-Telegrafie einer Truppe von Gauklern neue hochlukrative, vielleicht sogar geniale Betrügereien auf postmesmeristischen Niveau zufielen, deren Diskurs eine epochale Wende in der Geschichte des Okkultismus einleitet. Davis beispielsweise hatte längst, was Poe nie gelang, eine eigene Zeitschrift gegründet, »The Univercoelum, or Spiritual Philosopher«, die sich sofort an die Spitze der Klopfgeisterei setzt, indem sie sie »erklärt«. Ohne Davis und seine Leute, sagt der Historiker E. Douglas Branch, wären die Fox-Schwestern »a nine days' wonder in Western New York« geblieben, »little more important than any village ghost«200. Davis' einzige Leistung (und wohl auch seine Wirkung) basiert darauf, dass und wie er die Klopfgeister-Bewegung promotet.

Er legt seinen spiritistischen Finger auf diesen einen blinden Fleck dieser okkultistischen Wende, nämlich an die unübertragbare Stelle der Morsetaste selbst, im technischen Effektgerät Telegrafie. In der Telegrafie kann man alles übertragen, nur nicht die Morsetaste selbst. Deshalb steht sie dafür, was niemand »versteht«: Elektrizität, die sich an oder in (die Physik des 19. Jahrhunderts selbst ist da ein halbes Jahrhundert lang unentschieden) »Konduktoren« fortpflanzt. Da aber gleichwohl das technische Effektgerät in der Welt ist -- dessen physikalischer Zwang zum Erklärtwerden den Diskurs der Physik erst sowohl relativistisch wie quantentheoretisch wird umstülpen müssen, um einstweilen befriedigt zu werden --, entsteht an der Stelle dieses Effektgeräts, das um die ganze Welt zu expandieren im Begriffe ist, ein metonymisches Klopfen, ein spirituelles Phantasma. »Wir hören wohl das Hämmern des Telegraphen aber verstehen es nicht«201, notiert Nietzsche in sein Schreibheft noch 1876.

Der spiritistische Betrug funktioniert perfekt. Er läuft durch ein technisches Medium, dessen Fehlen in Anwesenheit (wofür mathematisch, nach Lacan, sqr(-1)=i stehen mag202) durch ihn repräsentiert wird. Die Bedeutung des Mediums, sein prekärer Sinn, seine unsichere Semantik, entsteht durch die Multiplikation, heisst Überlagerung dieser Mängel: seines Fehlens in Anwesenheit mit dem Betrug seiner Existenz (i*i=-1). Der Betrug inszeniert die diskursive Umkehrung am Ort eines Fehlens von Wahrheit, einer Lüge also, die an ihn, wie an eine unmögliche Wahrheit gefesselt bleibt. Telegrafische Elektrizität funktioniert in einem Diskurs, der nichts über das Reelle telegrafischer Elektrizität wissen kann, unwiderruflich aber, wie eine »intelligence« (Morses Begriff), über reelle telegrafische Elektrizität laufen muss, nach dem Muster des »purloined letter« in Poes »bester Detektivgeschichte«203. Der Brief, um den es geht, ist, wie die Elektrizität der Telegrafie, a priori »nicht da«; das Apriori als Wahrheit des Betrugs einer Täuschung.

Zur Erinnerung die Geschichte (auf deren mathematische Konstruktion Poe nicht geringen Wert legte) in Kürze: Es existiert ein Brief, der nicht existieren darf, weil allein schon seine Adressierung die Königin bei Gefahr des Machtverlustes kompromittiert. Dieser Brief wird vom Ministerdieb am Ort des Briefes (Schreibtisch) gegen einen täuschend ähnlichen vertauscht. Der Ministerdieb stülpt das Couvert um, »wendet« den Brief (an seinem Ort) und platziert ihn »offen«, aber unähnlich. Detektiv Dupin vertauscht den umgestülpten Brief am Ort seines offenen Verstecks durch eine Kopie und vertauscht das Original gegen eine Belohnung vom Präfekten. Ergebnis: Alle Akteure müssen denken, einen Brief zu haben - und keiner hat ihn. Eine Verwendung als Brief ist nunmehr ausgeschlossen, das Grad/Ungrad, Fort/Da, +/- - Spiel des Briefes mündet in die offene Alternanz einer signifikanten Kette, die von Schuld, Gefahr und Sinn durchrauscht wird, deren Übertragung in Bedeutung, Gefahr oder Schuld aber nicht mehr gelingen kann, wenn durch den unmöglichen Platztausch des Symbolischen an der Stelle des Reellen, der Brief, der das Symbolische im Reellen repräsentiert, als »letter« und Buchstabensignifikant im Diskurs der Sprache, in eine zirkulär-geschlossene, aber unendliche Alternanz hineingerät. Poes meisterliche Geschichte, in der sich das Drängen, die Verlegenheit, die Schuld und das Begehren in diese Kette aus puren Mathematemen des Grad/Ungrad-Spiels auflöst, situiert den ent-wendeten Brief als eine Art Minusladung, deren Fluss, wie der Fluss eines Wechselstroms von Minus/Plus/Minus/Plus, nur geschlossen, heisst »umgestülpt« werden muss, um ihren Tausch zu inszenieren, der sie wieder an ihre bedeutungslose Stelle setzt.

Diesen Fluss der Elektrizität kann weder 1848, noch könnte ihn heute einer beschreiben, wenn beschreiben literarisch schreiben heisst. Die mathematisch begründbare, prinzipielle Unanschaulichkeit von Elektrizität wird erst spät, nämlich in der Mitte des 20. Jahrhunderts bewiesen werden, in aller Anfechtbarkeit von Beweisen, die im Verhältnis von Mathematik und Physik auch heute noch begründet liegt. Jedenfalls ist aber das Gegenteil, eine Anschaulichkeit der Elektrizität, wie der Fall eines Apfels vom Baum auf Newtons Kopf, in unseren Bezugssystemen prinzipiell ausgeschlossen. 1844 bleibt telegrafische Elektrizität so etwas wie ein ent-wendeter Brief, den keiner hat, während alle glauben, über ihn zu verfügen. Davis, der Poe gegenüber den zweifelhaften Vorzug hat, kein Schriftsteller, aber der bessere, heisst skrupellosere Spiritist zu sein, zieht dieses Minus, das in der Telegrafen-Elektrizität diskursiv (und seit Franklin auch begrifflich) als eine grundsätzliche Kompromittierung (der »intelligence«) beschlossen liegt, in einem symbolischen Platztausch an die Stelle des Reellen. Davis kann ausnutzen, dass Elektrizität, wie das Reelle bei Lacan, »in welche Unordnung man es auch immer bringt, ... sich immer und in jedem Fall an seinem Platz [befindet], es trägt ihn an seiner Sohle mit sich fort, ohne dass es etwas gibt, das es aus ihm verbannen könnte«204. Die symbolischen Diskurse dagegen, die das Reelle der Elektrizität diesseits der Mathematik beschreiben wollen und müssen, können beliebig ihre Orte und Begriffe wechseln, ohne dass man 1848 je sagen könnte, was wirklich fehlt. Wenn Davis also von »Geistertelegrafie« spricht, stülpt er das Symbolische am Nabel des Reellen, an dem es hängt, einfach nur um. Das ist der ganze Spiritismus.

Das >abject object<

Diese Vertauschung, von der man nicht wissen kann, ob sie funktioniert, funktioniert, weil man nicht von ihr wissen kann. Es gibt 1848 noch keinen wissenschaftlichen Diskurs im Rahmen der Physik, der Davis' Theorie aus den Angeln heben könnte. Denn, wir sagen es noch einmal: es wird nicht einfach eine Theorie der Physik sein, sondern ein epistemischer Diskurswechsel der Physik qua Relativitätstheorie und Quantenphysik, der alle spiritistischen Phantasmen in Bezug auf die Theorie der Elektrizität ein für allemal erledigen kann. So heizt am Ende auch ein Davis, wie die Wirkungsgeschichte zeigt, den Diskurs der Physikgeschichte an. Er setzt ihn, an einer fundamentalen Leerstelle, die die fehlende Anschreibung der Elektrizität repräsentiert, unter spiritistischen Geisterstrom. Das wiederum hat, in der Tat, mit >eigentlichem< Okkultismus nichts mehr zu tun und also kann ein okkultistischer Chronist des Okkultismus a la Kiesewetter, der in aller verschwiemelten Demut die Urgeschichte des Anderen des menschlichen Geistes schildern will, nur loswettern gegen dieses neue selbsterklärte Evangelium:

Der Spiritismus - oder um das der angloamerikanischen Richtung geläufigere Wort Spiritualismus zu gebrauchen - besitzt weder theoretisch noch phänomenal die mindeste Berechtigung, sich für ein neues, die Welt reformieren sollendes Evangelium auszugeben, obschon seine Phänomene Thatsachen wichtigster Art sind, deren Bedeutung von den Anhängern über-, von den Gegnern aber weit unterschätzt wird.205

Kiesewetter, der wie die meisten europäischen Okkultisten, den Offenbarungs- und Religionscharakter des herkömmlichen Geisterspuks bewahren möchte, kann der seltsamen Physik des Amerikaners nichts abgewinnen (»uns erscheint die ganze >Philosophie des geistigen Verkehrs< so schief als möglich!«) Davis dagegen argumentiert >modern<:

Der atmosphärische Magnetismus und die demselben verwandte Elektrizität bilden daher die Nerven und Muskeln, welche die Geister anwenden, wenn sie ihre Gegenwart den materiellen Sinnen gläubiger sowohl als skeptischer Individuen offenbaren.(...)
Wenn die Geister Charaktere oder Schriftzüge machen, ... dann wenden sie nicht die Werkzeuge an, welche wir benutzen, sondern sie gebrauchen ganz verschiedene Wirkungskräfte. Zuerst konzentrieren sie einen Strom geistiger oder vitaler Elektrizität auf irgend eine besondere Substanz ...; auf diese wird dann vermittels ihrer Willenskraft elektrochemisch eingewirkt, und die Charaktere oder Schriftzüge werden darauf niedergeschlagen gleich dem Sonnenlicht auf der Daguerrotypplatte und bilden so eine Art von elektrotypischem Eindruck. (...) Praktische Chemiker werden meine Meinung verstehen, wenn ich sage, daß die Geister (wenn sie selbst schreiben) ihre Zeichen und Figuren in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Elektrometallurgie hervorbringen. Diesen Ausdruck wird auch der wissenschaftliche Elektriker begreifen. Aber der allgemeine Leser wird meine Meinung noch leichter verstehen, wenn ich sage, daß die Geister die Schrift auf der Wand gerade so eindrücken, wie Daguerrotypeindrücke auf die chemisch-präparierte Oberfläche einer Platte gemacht werden.206

Die amateuristische Physik des erklärten Gauklers Andrew Jackson Davis - ganz ungeachtet dessen, dass er diese Wahrheiten allesamt von seinen Geistern, insbesondere dem Benjamin Franklins, in Trance erfahren haben will - repräsentiert nüchtern und genau das Halbwissen eines durchschnittlichen amerikanischen »electrician« oder Erfinders a la Morse oder Edison bis hin zu den Erfinder-Vätern eines Orson Welles207 oder John Cage208. Das macht es stark. Es wird reichen, mit wenigen Wendungen mehr, Apparate zu bauen und Gestelle der Elektrizität, die irgendwie, knapp am »Ideal des Kaputten«209 vorbei, funktionieren. Es ist ein Pseudowissen über Elektrizität, das uns nicht fundamental anders bei den Akteuren der Vorgeschichte des amerikanischen Radios begegnen wird und aus dem zum Beispiel die physikalischen Radiophantasien (1888, bevor es das Medium gab) eines Literaten wie Edward Bellamy210 zusammengesetzt sein werden. Dieses Wissen passt, ab 1850, in seine Zeit, nicht eines allgemeinen >Zeitgeistes< wegen, sondern deshalb, weil es einen bereits virulenten mesmeristisch-spiritischen Diskurs, dessen Zeuge Poe in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts ist, mit einem reellen >Nabel< verbindet, nämlich dem Apriori des technischen Mediums elektrische Telegrafie. Auch der spätere >Marsianismus< (invadierender Geisterkontakt mit Bewohnern des Mars, Jupiter und Saturn) eines H.G. Wells wird von Davis' astrospiritistischer Lehre vorgezeichnet.211

In nur fünfzehn Jahren jedenfalls erreicht die »Philosophy of Spiritual Intercourse« 17 Auflagen allein in Amerika. 1875 und 1884 werden in München und Leipzig zwei unabhängige deutsche Ausgaben besorgt. Davis' spiritistische Physik liefert fortan den wohlfeilen Erklärungsrahmen für all die >offiziellen< Komitees und zu betrügenden Untersuchergruppen, die sich der inzwischen mit der Familie Fox nach Rochester umgezogenen Klopfphänomene anzunehmen haben. Chronist Kiesewetter:

Das aus den gebildeten Einwohnern Rochesters bestehende Komitee (dem der Morse-Freund Fenimore Cooper212 angehört, der sich fortan selbst gelegentlich als >Medium< versucht, W.H.) überzeugte sich, daß, nachdem die Mädchen nach vorhergegangener körperlicher Untersuchung >auf Kissen barfuß und mit fest um die Knöchel gebundenen Kleidern standen<, Klopflaute aus den Mauern und dem Fußboden ertönten, und das Komitee erklärte, daß es Klopflaute gehört habe, ohne die Ursache zu entdecken. (...) Um sich von der Realität des Klopfens zu überzeugen, war es nötig, daß die Zweifler bei der Familie Fox eine Zeitlang verweilten, wobei man sich in Erwartung der kommenden Dinge um den Familientisch gruppierte. Nun schienen die Klopflaute aus dem Tisch zu kommen, womit das berühmte und berüchtigte Tischklopfen seinen Anfang nahm, nachdem ein gewisser Issak Port auf den Gedanken gekommen war, das Alphabet mit lauter Stimme herzusagen und das unsichtbare Wesen zu bitten, bei den seinem Gedankengang entsprechenden Buchstaben sich durch Klopftöne bemerkbar zu machen. (...) Damit war die Medienschaft entdeckt und halb als Gesellschaftsspiel, halb als spontane Spukerscheinung wanderte das Geisterklopfen durch die Vereinigten Staaten.213

Bereits 1850 gab es in Philadelphia 300 »magnetische Zirkel«, während etwa dreissigtausend klopf-geisternde Medien durch die Bundesstaaten zogen. Gauld zitiert Quellen, nach denen 1853 zwei Dutzend spiritistische »periodicals« gezählt wurden, und man 1855 die Zahl der »Spiritualisten« in den USA auf 2,5 Millionen, 1859 bereits auf 11 Millionen schätzte214, »mit 20 Staatenassoziationen, 105 Gesellschaften, 207 Vorlesern«215. Unter den Prominenten erklärten sich mehr oder minder zur neuen Bewegung gehörig: J.W. Edmonds, der oberste Richter von New York; die Chemiker Robert Hare und J.J. Mapes; Harriet Beecher Stowe216 und Präsident Abraham Lincoln217 selbst. Dieser öffentliches Aufsehen erregende Diskurs des »modernen Spiritismus«, gespeist aus zwei miteinander verflochtenen Quellen, nämlich einer breiten, wohl versteckt organisierten Gauklerbewegung gutbezahlter >Medien< und einer ebenso offensiven wie physikalistisch hochtrabenden Erklärungsphilosophie mit einem hohen publizistischen Verbreitungsgrad, führte nicht nur zu Anfragen nach Bildung eines Untersuchungsausschusses im Repräsentantenhaus218, sondern musste vor allem, ab Mitte der 1860er Jahre, nun auch die seriöse, sich eben etablierende Wissenschaft an den Universitäten beschäftigen.

Viele Diskurse hatten sich nämlich längst an diese keineswegs konservative Bewegung der Spiritisten angelagert. »Phrenologen«, Vegetarier, erste Ganzheitsmediziner, frühe Frauenrechtler und Kommunitaristen, Schul- und Erziehungsreformer sind diese Spiritisten immer auch. »The great flurry of moral energy in the new and expanding society kept Americans open to new appeals; and phenomena such as phrenology, mesmerism, and religious revivalism flourished along with abolitionism, feminism, utopianism, and socialism of various kinds«.219

Zugleich gab es natürlich ebenso viele Gegner, unter ihnen Henry David Thoreau220(»hooting of owls - the croaking of frogs - that is celestial wisdom [compared to the raps]«) oder Ralph Waldo Emerson221 (»idiots inspired by the cracking of a restless board«), die die Simplizität und Primitivität des Séancenspuks als schlichten Gegenbeweis nahmen dafür, dass da angeblich irgendetwas mit »Geist« geschehe222. Also schreibt der junge William James223, zu Zeiten »Senior« an der »Havard Medical School«, 1869 im Blick aufs Ganze:

The present attitude of society on the whole question is as extraordinary and anomalous as it is discreditable to the pretensions of an age which prides itself on enlightenment and the diffusion of knowledge. We see tens of thousands of respectable people on the one hand admitting as facts of everyday certainty what tens of thousands of others equally respectable claim to be an abject and contemptible delusion; while other tens of thousands are content to stand passively in the dark between these two hosts and in doubt, the matter meanwhile being - rightfully considered - one of really transcendent interest.224

Ab einer bestimmten Quantität der Wechselwirkung des telegrafistischen Spiritismusdiskurses (umherziehende Gaukler, Vereinigungen, Zeitschriften, Bücher, agierende Prominente) mit einer telegrafisch gestützten, beschleunigten Öffentlichkeit wird das Objekt »Spiritismus« abjekt. Es beginnt, den öffentlichen Diskurs zu spalten und verdoppelt sich dadurch in seiner Bedeutung noch einmal, Zehntausende hier, Zehntausende dort. Der frühe Pragmatismus eines William James oder C.S. Peirce nimmt genau hier die Fährte auf und verlangt, das >Phänomen< einer wissenschaftlichen Betrachtung zu unterstellen.

Der amerikanische Bürgerkrieg letztlich verhindert, dass dies in den USA geschieht. >Wissenschaftliche< Betrachtungen zum Phänomen erfahren wir zunächst aus England, wo der amerikanische Spiritismus mit Beginn der 60er Jahre über einige geschäftstüchtige Medien (u.a. der tischeversetzende, >psychografierende< D. D. Home) neue Felder sucht225. In Amerika herrscht Bürgerkrieg und »the focus shifted from the world of the dead to a country where men were dying«226. Davis' Bücher hatten auch in England hohe Auflagen und das Feld für den »modernen Spiritismus« bereitet. Zudem hatte in England bereits in den späten 30er Jahren der französische Mesmerismus in Gestalt des von Dickens227 verehrten Mesmer-Schülers Dr. Elliotson Eingang in seriöse publizistische Diskurse gefunden. Die nach 1860 einsetzende, massive »American invasion«228 der professionellen Medien findet ebenso viele englische Nachläufer(innen)229, z.B. in Gestalt einer gewissen Mrs. Mary Marshall, die in Privat-Séancen Alfred Russel Wallace230 und den führenden Kabelingenieur des eben gelegten ersten funktionierenden Transatlantik-Kabels, Cromwell Varley, »umdreht«. Charles Dickens und Edward Bulwer231 müssen nicht erst von der Existenz des Spirituellen im Literarischen überzeugt werden, Bulwer selbst aber bezweifelt, mit einem signifikanten Argument, eine wissenschaftliche Erklärbarkeit:

I see no reason to suppose that the phenomena recorded, strange tho' they be, are necessarily occasioned by spirits without this world; and the usual retort >What else can they be?< seems to be a very childish and irrelative question. We can only answer as yet, as a sensible savage would answer of communications by the electric telegraph - >We don't know yet.<232

Solange wir >Weisen< nichts wissen über die Kommunikation der Telegrafie, müssen wir schweigen zu der Frage des Wissens vom Verkehr mit den Geistern. Das ist eine präzise Umkehrung der Davis'schen Philosophie, die genau an der Stelle stattfindet, wo sie angekabelt ist an das Apriori der Telegrafie. Bulwers Verwicklung in den Spiritismus zeigt sich umso mehr darin, dass er die harte Achse des Unbewussten, welche Telegrafie und Spiritismus von Amerika her zusammenkittet, meint spielend lösen zu können. Literarische Imagination erklärt er samt Spiritismus schlicht für eine terra incognita der Philosophie:

I believe that there are persons of a peculiar temperament who can effect very extraordinary things not accounted for satisfactorily by any existent philosophy.233

Charles Dickens hat einen entscheidenden Einwand gegen den »modernen Spiritismus«. An den Séancen kann er nicht teilnehmen, wegen der geistlosen Medien, die da levitieren und nichts als stupenden Unsinn bereithalten.

I have not the least belief in the awful unseen world being available for evening parties at so much per night; and although I should be ready to receive enlightenment from any source, I must say I have little hope of it from the spirits who express themselves through mediums, as I have never yet observed them to talk anything but nonsense, of which (as Carlyle would say), there is proably enough in these days of ours, and in all days, among mere mortality.234

Der Realist Thackeray235 macht es sich weniger leicht. Anders als Dickens und Bulwer, die lebenslang direkte Beteiligungen an sensationistischen Séancen verweigern, verdanken wir ihm eine der eindrucksvollsten Schilderungen:

Yes I have seen the Rappers, and the table moving, and heard the Spirits. The moving of tables is undoubted; the noise & knocks (continual raps following the person who has the gift of eliciting them) some natural unexplained phenomena but the Spirits of course dire humbug & imposture. They try to guess at something, and hit or miss as may be. 1000 misses for one hit - It is a most dreary & foolish superstition. I dodged the Spirit by asking questions in Latin & German. Dic mihi, says I, O Spiritus nomen carissime anne valet, anne viva anne mortua? The Spirit after a while told me its own same was Caririsima - then that its name was Anne Marie Makepeace my dear Aunt - only I never had one, and so on. (Somebody calls or points to the Alphabet and the right letter is indicated by knocks) - What pained me was to see kind good people believing - to find what folly satisfied them what childish ideas of God they have. They called for their relations and Franklin and Washington, and that sort of thing - But the physical manifestations are undoubted - Tables moving lifted up & men even lifted off the ground to the ceiling so some are ready to swear - but though I do not believe in this until I see it: I wouldn't have believed in a table turning 3 weeks ago - and that I have seen and swear to.236

In dieser Unklarheit, wo Geister der Geistlosigkeit, ihrer stupenden Unwissenheit und Unintellektualität überführt werden, gleichwohl ihre physischen Manifestationen bezeugt werden müssen, wird 1871 in London ein Komitee der »Dialectical Society« eingesetzt, das die mediumistischen Phänomene untersuchen soll und, was die physikalischen Fragen betrifft, ebenfalls zu einem positiven Ergebnis kommt. William Crookes und der Kabelingenieur Varley zäunen die Medien Florence Cook237, Annie Eva Fay und vor allem den bereits legendären Daniel Dunglas Home buchstäblich mit Galvanometer, Platin- und Kupferkabel, Thermometer, Waagen, Spulen und Chemikalien aller Art ein, und wollen/müssen am Ende bezeugen, dass hier keine Tricks vorliegen238. Trotz energischer Proteste von Kollegen - Crookes ist immerhin Mitglied der »Royal Society« - hat damit das mediumistische Phänomen, inklusive seiner para-physikalischen Davis-Philosophie, Eingang in die englische physikalisch/chemische Forscherorganisation der letzten Jahrhunderthälfte gefunden.239 1882 wird auf Initiative des Dubliner Mathematikers Barrett, der ähnlich wie Crookes von der Existenz okkultistischer Manifestationen überzeugt ist, die »Society for Psychical Research« gegründet, in der allein im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens hunderte Wissenschaftler (u.a. Barrett, Wallace, Rayleigh, Crookes, Sidgwick, Myers, Gurney, Lodge), Politiker (Gladstone240, Balfour241), Spiritisten (Moses, Theobald, Wild) und Schriftsteller (Tennyson, Ruskin, Carroll242) Mitglieder werden. Die wenig später entstehende amerikanische »branch« der SPR wird von William James geleitet. Die »Objects of the Society« fassen sich 1883 in sechs Punkten zusammen:

1. An examination of the nature and extent of any influence which may be excerted by one mind upon another, apart from any generally recognised mode of perception. [Committee on Thought-Reeding; Prof. W.F. Barrett]
2. The study of hypnotism, and the forms of so-called mesmeric trance, with its alleged insensibility to pain; clairvoyance and other allied phenomena. [Committee on Mesmerism; Dr. Wyld]
3. A critical revision of Reichenbach's researches with certain organisations called >sensitive<, and an inquiry whether such organisations possess any power of perception beyond a highly exalted sensibility of the recognised sensory organs. [Committe on Reichenbach's experiments; W.H. Coffin]
4. A careful investigation of any reports, resting on strong testimony, regarding apparations at the moment of death, or otherwise, or regarding disturbances in houses to be haunted. [Committee on Apparations; H. Wedgwood]
5. An inquiry into the various physical phenomena commonly called Spiritualistic; with an attempt to discover their causes and general laws. [Committee on Physical Phenomena; Dr. C. L. Robertson]
6. The collection and collation of existing materials bearing the history of these subjects. [Literary Committee; E. Gurney, F. W. H. Myers]
243

Das Programm der SPR verdichtet die plots und patterns des »modernen Spiritismus«, die Themen Poes, die Phänomene der Klopfgeisterei und das spiritualistische Medienapriori Andrew Jackson Davis' in einem einzigen umfassenden Forschungsprogramm unter dem Namen der Wissenschaft. Es inkludiert die Tradition des Mesmerismus und der Hypnose und wird auf diese Weise mit dazu beitragen, dass sich kurz vor der Jahrhundertwende u.a. bei Freud, der ein Sympathisant der Gesellschaft war244, die Solidität eines Themas, nämlich das der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten erhärten wird.245 So geht auch Freud der Zusammenhang zwischen dem Unbewussten, dem Medienapriori der Telegrafie und der Telepathie nicht mehr verloren. Er ist in einem Diskurs verankert, der aber nicht eo ipso der seine ist. Erst 1932 kommt Freud, nicht »fromm« und auch nicht »leichtgläubig« geworden, auf das vorbeschriebene Generalthema der SPR zurück, implizit.

Der telepathische Vorgang soll darin bestehen, daß ein seelischer Akt der einen Person den nämlichen seelischen Akt bei einer anderen Person erregt. Was zwischen den beiden seelischen Akten liegt, kann leicht ein physikalischer Vorgang sein, in den sich das Psychische an einem Ende umsetzt und der sich am anderen Ende wieder in das gleiche Psychische umsetzt. Die Analogie mit anderen Umsetzungen wie beim Sprechen und Hören am Telefon wäre dann unverkennbar. Und denken Sie, wenn man dieses physikalischen Äquivalents des psychischen Aktes habhaft werden könnte!246

In der SPR werden, richtigerweise, die Fragen des »physikalischen Äquivalents« der Telepathie unter »thought transference« rubriziert, einfach weil die umherziehenden Gaukler, D.D. Home, Mrs. Piper, Mr. Slade u.a. solche telepathischen Botschaften allemal in ihrem Reservoir haben. Aber das Programm der SPR achtet peinlich darauf, wissenschaftlich zu bleiben, »without prejudice and prepossessions of any kind«, und das wird die Schlaufen, das Verknoten anderer Diskurse in den des »modernen Spiritismus« weiter befördern.

Radio Lodge und Radio Kolb

1884 tritt Prof. Oliver Lodge247, Maxwell-Schüler und Mit-Erfinder des Marconi-Radios von 1897, der SPR bei und beginnt sofort, im »Committee for Thought-Transference«, mit Reihenuntersuchungen zum Thema.

As it is, the phrase describes correctly enough what appears to take place, viz., that one person may, under favourable conditions, receive a faint impression of a thing which is strongly present in the mind, or thought, or sight, or sensorium of another person not in contact, and may be able to describe or draw it more or less correctly.248

Von da an füllen sich die Jahresbände der Proceedings der SPR mit Abbildungen solcher Experimente: Originalzeichnung (angeschaut vom »agent«) und »gedankenübertragenes Abbild« (gemalt vom »percipient«), ein Pferd und ein irgendwie Pferd, ein Dreieck und ein irgendwie Dreieck kommen dabei, sagt uns Lodge, in signifikanten Wahrscheinlichkeiten heraus.249 Die Reihenuntersuchungen ergeben, dass, je näher »agent« und »percipient« beieinander sitzen (oder sich gar berühren), um so mehr »Deckung« sei messbar zwischen Original und gedankenübertragener Abbildzeichnung.

...that I regard the fact of genuine >thought-transference< between persons in immediate proximity (not necessarily in contact) as having been established by direct and simple experiment; and ... I consider it as firmly grounded as any of the less familiar facts of nature such as one deals with in a laboratory.250

Diese Ergebnisse bleiben, soweit ich sehe, in den veröffentlichten Untersuchungen der SPR unumstritten.251 Irgendwie soll also , zumindest in nächster Nähe, eine seelische Transmission stattfinden, oder wie Freud später sagen wird: eine »direkte psychische Übertragung«. Freuds Theorie des Unbewussten, wie er sie 1932 zusammenfasst, ist an eben dieser Stelle der Transmission zwischen Physis und Psyche platziert: »Ich möchte sagen, durch die Einschiebung des Unbewußten zwischen das Physikalische und das bis dahin >psychisch< Genannte hat uns die Psychoanalyse für die Annahme solcher Vorgänge wie die Telepathie vorbereitet«252.

Ein halbes Jahrhundert zuvor, an der Wurzel der Lodge'schen Experimente, steht diese Theorie nicht zur Verfügung. Das Unbewusste ist in der SPR kein Begriff und zwar schon deswegen nicht, weil der ontologische Physikalismus des viktorianischen Wissenschaftsdiskurses 1884 noch ganz ungebrochen ist. Lodge schreibt:

But how the transfer takes place, or whether there is any transfer at all, or what is the physical reality underlying the terms >mind<, >consciousness<, >impression< and the like ... concerning all these things I am absolutely blank, and have no hypothesis whatsoever. I may, however, be permitted to suggest a rough and crude analogy. That the brain is the organ of consciousness is patent, but that consciousness is located in the brain is what no psychologist ought to assert; for just as the energy of an electric charge, though apparently on the conductor, is not in the conductor, but in all the space around it; just as the energy of an electric current, though apparently in the copper wire, is certainly not all in the copper wire, and possibly not any of it; so it may be that the sensory consciousness of a person, though apparently located in his brain, may be conceived of as also existing like a faint echo in space, or in other brains, though these are ordinarily too busy and pre-occupied to notice it.253

Das ist, trotz aller (newtonschen) Beteuerung des »hypothesis non fingo« nicht nur eine »harte« physikalische Erklärung, sondern zudem eine, die auf dem präzisen Stand der Maxwell'schen Theorie des Verschiebungsstroms operiert. Lodge projiziert die maxwellsche Figur des ladungs- und teilchenlosen »displacements« elektrisch/magnetischer Felder, von denen der Strom in geschlossenen Leitern nur eine Art >Ausnahmefall< markiert, auf gehirnphysiologische Umgebungen. Bewusstsein umgibt den Kopf wie eine wechselvolle Strahlung. Drei Jahre später wird Heinrich Hertz, wie erwähnt, die Existenz solcher masselos »im Äther« expandierenden Wechselfelder des Elektromagnetischen nachweisen. Und auf diesem Nachweis wird ein neues technisches Medium, genannt Radio, entstehen können. Aber die untergründige Spur des Radios ist in diesem Gehirnmodell bereits angelegt. Denn träfe zu, was Lodge vindiziert, dann wäre das Hirn nichts anderes als ein Radio, eine Art »echo in space«, oder, um mit dem ersten wahrhaft deutschen Radiotheoretiker des neuen Mediums, Richard Kolb, zu sprechen, ein »geistiger Strom«:

Die Funkwellen sind wie der geistige Strom, der die Welt durchflutet. Jeder von uns ist an ihn angeschlossen, jeder kann sich ihm öffnen, um von ihm die Gedanken zu empfangen, die die Welt bewegen. ... Der unsichtbare geistige Strom aber, der vom Ursprung kommt und die Welt in Bewegung brachte, ist seinerseits in Schwingung versetzt, gerichtet und geleitet vom schöpferischen Wort, das am Anfang war und das den Erkenntniswillen seines Erzeugers in sich trägt. (...)
Die elektrischen Wellen treffen den Menschen, gehen durch ihn hindurch, und es wäre nicht absurd zu denken, daß der Mensch Nerven hätte, die die Wellen unmittelbar aufnähmen und im Gehirn zur Wahrnehmung brächten. Da uns ein solches Sinnesorgan fehlt, müssen wir außerhalb von uns einen geschlossenen, auf Influenz des freien elektrischen Stromes fein reagierenden Stromkreis aufstellen, der mittels einer Membrane die in elektrische Schwingungen transformierten Worte zurückverwandelt und sie auf diese Weise mittelbar über das Ohr zum menschlichen Gehirn führt.254

Kolb expliziert in diesem Text die Theorie von der Radio-»Stimme als körperlosen Wesenheit«255, die zumal in der deutschen Radiopraxis bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein der explizite Maßstab für die Hörspielarbeit im Radio wurde. Der Kern der Theorie aber ist ein Lodge'scher. Radio Lodge ist das Modell der Telepathie unter Bedingungen des fehlenden technischen Mediums, Radio Kolb ist die Replikation dieses Modells von Telepathie unter den Bedingungen des existierenden technischen Mediums. Fügen wir noch hinzu: beide Radiomodelle sind einem Satz Schrebers äquivalent, der aus der »Grundsprache« seiner Psychose herkommt: »Vergessen sie nicht, daß es die Natur der Strahlen ist, sprechen zu müssen.«256. Wir werden darauf zurückkommen.

Die Störung des spiritistischen Diskurses

Zwischen Kolb und Lodge, 1932 und 1884, liegt zwar die technische Entstehung und die politisch-kulturelle Einführung des Radios, aber es hat sich augenscheinlich nicht viel geändert. Beide Radiomodelle sind ähnlich, weil sie dem gleichen Diskurs entnommen sind. Das technische Medium als reell existierendes vollzieht an sich noch keinen Diskursbruch, keinen Einschnitt. Es ist das lang fortwirkende >Element der Elektrizität<, das Dispositiv des »Äthers«, das das Radio, vor und nach seiner physikalischen Existenz, überlagert. Im Namen des Äthers kann Kolb übergangslos die metaphysische Zurichtung des Mediums für faschistische Zwecke257 skandieren. Das nämliche Äther-Dispositiv der Maxwellianer erlaubt Lodge, wie hypothetisch auch immer, spiritistische Telepathie zu erklären, heisst an den Diskurs des »modernen Spiritismus« anzuknüpfen. Beide Modelle starren gleichsam auf Dasselbe von gespiegelten Seiten her; auf eine seltsame reelle Faktizität der Elektrizität nämlich, die längst schon bevor sie berechenbare Umgebungsbedingung für den Bau von Sendern und Empfängern werden wird, eine psychotische Achse ausbaut, an die sich weit früher, nämlich seit dem Einsatz der Telegrafie als Technik, ein okkultistischer Diskurs angekabelt hat. Dieser dient, wie wir hier sehen, seinerseits als Umgebung einer physikalistischen Spekulation im Symbolischen und hat doch auch das technische Medium selbst, nämlich das Radio, erst möglich gemacht.

Gesagt ist damit: Das europäisch-deutsche Radio muss technisch nicht erst existieren, um als Modell einer Äthertelepathie zu funktionieren. Existiert es aber dann, wird es von dieser imaginären Instanz der Äthertelepathie im psychotischen Kurzschluss von Volk und Führer überlagert werden.

Kolb muss Lodge nicht kennen, Lodge nicht Davis. Die Modell-Übertragung, die wir hier verketten, wird nicht nur von denjenigen schlicht negligiert, die sie exekutieren. Jeder im spiritistischen Diskurs des 19. Jahrhunderts schreibt ab ovo, weil sich ein spiritistischer Diskurs nur ab ovo schreiben lässt. Kolb hätte Hartmanns Bücher, Hartmann hätte Lodges, Lodge hätte Davis' Bücher zitieren können, um ihre jeweiligen Anschlüsse zu offenbaren. Aber das taten sie nicht. Es hätte, wäre es geschehen, eine Schreber/Strahlen-Formel offenbart: »Aller Unsinn hebt sich auf«. Denn nur, indem im »modernen Spiritismus«, von Davis bis Kolb, die offensichtlichen Verbindungslinien des Diskurses gekappt und verborgen werden, ist seine Funktion als Diskurs gesichert. Nur als Störung und Gestörtheit einer Kette funktioniert er. Das erschließt sich aus seiner Dekonstruktion. Diese Dekonstruktion zeichnet in diesem, immer knapp an seiner Unmöglichkeit laufenden Diskurs die Bedingung der Möglichkeit des Radios nach, die eben bei weitem nicht darin liegt, dass eine Theorie es vorhersagt. Dennoch ist Radio auch nicht allein ein technisch-physikalischer, sondern vor allem ein in dessen unübertragbarer Übertragung verwobener Diskurseffekt. Radio als technisches Medium kommt in einer Kette gestörter spiritistisch/physikalistischer Diskurseffekte in die Welt.

Unsere These ist: Die Beschreibung der Elektrizität, nötig zur Verfolgung und Ausbeutung eines reellen Effekts, ist von Anfang an mit den Mitteln der klassischen Physik nicht zu leisten. Das erzwingt, am Ort eines fehlenden Signifikanten, den dieser reelle Effekt generiert, Ein- und Ausbrüche in die und aus den kontrollierten Diskursumgebungen des Effekts, um die leere Stelle mit Artikulation zu überdecken.

Die Elektrizität, von der Telegrafie dramatisch in die Welt gesetzt, ist ein reeller Effekt, für den es in den Ketten des Symbolischen keinen Signifikanten gibt, und deshalb auch keine Bedeutung und Übertragung außerhalb eines spiritistischen Diskurses, den ja Helmholtz zurecht noch in den Tiefen der deutschen Universitätsphysik identifiziert. Aber es gibt keinen leeren Signifikanten, nur gibt es, offenbar, sein Loch. Etwas muss immer an diesem generischen Ort des Signifikanten im Symbolischen anzutreffen sein, außer wir gäben die symbolische Ordnung der Sprache auf. Solange die Mathematik diese Stelle nicht einnimmt, bleibt alles andere ein hoffnungsloses Unterfangen. Und wenn es eine dafür gibt, wie nach 1863 durch die Maxwellschen Gleichungen, weiss man schon im nächsten Zuge nicht mehr, was Mathematik >eigentlich< ist. Denn wenn die Mathematik in der Tat, heisst in der Technik, einen Signifikanten zu beschreiben hat, der gleichsam »Loch« bleibt, heisst: in seiner Funktion ausfallen muss, entsteht in der Mathematik die Frage nach dem Status ihrer Wissenschaft und ihrer Axiomatisierung. Das genau geschieht, in Gestalt der von Hilbert losgetretenen Axiomatisierungsdebatte nach dem Einsatz des Radios als Radiotelegrafie, um 1900. Und wird, was die Wahrscheinlichkeitstheorie betrifft, erst 1930, durch Kolgomorow, gelingen; seither verfügen wir über eine Demoskopie des Radios.258

Der asignifikante, abjekte Signifikant der Elektrizität, soweit er in der vorrelativistischen Physik flottiert, führt, negativ gesagt, zu einer >Verwerfung< im Wissenschaftlichen (die Helmholtz aufspürt), und, positiv gesagt, zu einer >Störung<. Er konstituiert, weit davon entfernt, sich einfach nur in einem imaginären Effekt zu verketten, die Störung eines Diskurses. - Und der Spiritismus ist der gestörte Diskurs, der die Diskurse stört. In ihm findet sich strukturell genau die Definition der Notlage jener Psychose wieder, die Lacan mit Freud an Schreber abgelesen hat. Schreber, weil er das abjekte Dispositiv der Elektrizität über den Spiritismus in seinen Diskurs importiert, skandiert einen Begriff der Psychose, der erstmals aus dem »säkularisierte[n] Rückstand« des »langen metaphysischen Abkochprozesses der Wissenschaft in der Schola (mit großem S, das wir ihr schuldig sind)«259 heraustreten kann. Schrebers Diskurs findet, in der Hineinnahme des gestörten Diskurses einer spiritistischen Psychophysik, die Struktur eines asignifikanten Signifikanten wieder, der ihm gestattet, im Umfang eines »wissenschaftlichen Werks«, seine eigene »Nervenkrankheit« zu beschreiben und sich damit in einem selbst schon psychotischen Plot zu rehabilitieren.

So ergibt sich auf der Ebene des Diskurses, den Schreber liest, in den 1880er Jahren nicht nur für Helmholtz und Hertz die Notwendigkeit, die Fragen der Elektrizität endlich aufzuklären. Es ergibt sich auch die Notwendigkeit für die Gründung einer Diskursgesellschaft namens »Society for Psychical Research«, die in einer in Unordnung geratenen wissenschaftlichen Forscherorganisation Ordnung schaffen will. Der elektrische Effekt, der in der Geschichte der neuzeitlichen Physik von 1600 an, unendlich langsam und einzig durch weitgehend unverstandene Experimente und Apparate invadierte, also über Jahrhunderte nicht im mindesten »geordnet« werden konnte, produziert mit dem Aufkommen der elektrischen Telegrafie eine Störung im Diskurs als Diskurs. Dieses gestörten Diskurses, so das Programm der SPR, muss sich die Wissenschaft - wenn auch an den unmöglichsten Stellen, nämlich in der SPR - annehmen, um wieder aufzusammeln, was sich in ihm an konfusem, irreduzibel in Unordnung geratenem Zeug der mittelalterlich-okkultistischen, alchimistisch-scholastischen Naturlehren versatzstückhaft ansammelt hat, von Agrippa von Nettersheym über Paracelsus bis hin zu Swedenborg und Andrew Jackson Davis.

Crookes' Theorie

An dieser Stelle ist es die Leistung des Chemikers und Physikers William Crookes (dessen bedeutender Anteil an der Entwicklung und Beschreibung der Kathodenstrahlröhren, und damit an der Entdeckung der Röntgenstrahlung und des Elektrons von niemandem bestritten werden kann), dass er die unmögliche, und für ihn mehr als rufschädigende Aufgabe übernimmt, den Diskurs des »modernen Spiritismus« zu ordnen. Seit 1871 veröffentlicht er Protokolle und Beschreibungen seiner experimentellen Untersuchungen der Gauklereien des professionellen Mediums Daniel Dunglas Home260, verbindet diese Beschreibungen mit der »Theorie der psychischen Kraft«, »von dem Wunsche beseelt«, wie er Akademiepräsident Stokes261 schreibt, »der erste wissenschaftliche Experimentator zu sein, der es gewagt hat, eine solche Laufbahn einzuschlagen«262. Crookes begibt sich, wie Galvani263 und Faraday, auf den Weg, durch extensive Beschreibung kontrollierter Experimente, eine neue »große Naturkaft« zu entdecken. Faraday hatte ja in der Tat, zwischen 1821 und 1855, in über drei Jahrzehnte lang akkumulierten Forschungsberichten, in ungewöhnlich präzis beschriebenen Experimenten zusammengetragen, was bis dahin an Elektrizitätseffekten bekannt war, ohne dabei irgendeine mathematische Formel zu verwenden. Dieser Faraday'sche >Laborroman< ist die epistemologische Referenz nun auch für Crookes.

Faraday hatte zwar im Sommer 1853 bereits nachgewiesen, dass »table-tilting« durch einen präparierten Tisch und unwillkürliche Muskelzuckungen der Séance-Beteiligten zustandekomme264, aber das war bevor der »moderne Spiritismus« in Gestalt des D. D. Home-Mediums in England einbrach. Danach hat Faraday sich zum Thema nicht mehr geäußert. »Wenn nicht Umstände Faraday gehindert hätten«, kann Crookes jetzt an die Royal Academy schreiben, »mit Mr. Home zusammenzukommen, so zweifle ich nicht, dass er ähnliche Erscheinungen bezeugt haben würde«265. Crookes verweist, epistemologisch-formal, darauf, dass er nichts anderes als ein faradaysches Programm vollzieht.

Der Rest ist ein Effekt der Aggregation jener Störungen des Diskurses, die durch keinen wissenschaftlichen Ordnungsversuch gebändigt werden können. Ein kleiner Teil der viktorianischen Forscher - eben die der SPR assoziierten - beschäftigt sich mit den mediumistischen Gauklern, andere, wie z.B. Stokes oder Tyndall, lehnen jede Berühung mit ihnen ab. »Wenn ich Zeit finde«, schreibt Stokes an Crookes, »will ich ... in Ihrem Hause vorsprechen« (Crookes macht alle Experimente mit D. D. Home in seinem Schlaf- und Speisezimmer). »Ich wünschte jedoch Niemandem zu begegnen; mein Zweck ist nur, ihren Apparat zu prüfen, nicht aber, Zeuge der Wirkungen zu sein.«266 Dagegen kann Crookes nur halten: »Wenn mir gesagt wird, daß das, was ich beschreibe, in Uebereinstimmung mit vorgefaßten Ideen über die Gesetze der Natur nicht erklärt werden kann, so setzt der Gegner die Frage als schon ausgemacht voraus und macht sich ein Schlußverfahren zu eigen, welches die Wissenschaft zum Stillstande bringt.«267 Die verzweifelte Spur, die Crookes hier verfolgt, hat sich seither tief in die Physik eingegraben. Sie führt nicht nur zu Lodge, sondern bis in die vorletzte Etappe der Kernphysik, die mit dem Namen Wolfgang Pauli268 verbunden ist. Pauli schreibt 1961:

Zum Schluß will ich noch auf das kontroverse Thema der >extra sensoric perception< (ESP) kurz eingehen ... Es liegen hierüber bereits quantitative Experimente vor, die mit wissenschaftlicher Methodik ausgeführt sind und die moderne mathematische Statistik anwenden.269 ... Dieses Grenzgebiet hat bereits vielfach Interesse bei Physikern gefunden, vielfach aber auch Ablehnung. Einige sprechen von experimentellen oder mathematischen Fehlern, andere sagen vorsichtiger, daß sie sich >dabei nicht wohlfühlen<. (...) Allerdings handelt es sich immer um relativ seltene, teilweise an eine besondere Begabung der Versuchspersonen geknüpfte Phänomene. Zum zweiten möchte ich darauf hinweisen, daß erkenntnistheoretische apriori-Gründe nicht ausreichen dürften, um die Existenz von ESP von vorneherein abzulehnen.270

Zu diesen Themen einer anhaltenden Störung der Physik: übersinnliche Wahrnehmung, »self-inflicted injuries and paranormal healing«, »materialisation: fact or fiction?«, »human survival - new evidence through altered states of consciousness?«, »recent experiments on the extended mind« etc. gibt die unvermindert tätige SPR271 immer noch regelmäßige »lectures«, wiewohl die Society längst zu einem unter vielen operierenden Parapsychologie-Zentren herabgesunken ist.

1897 aber will William Crookes, der inzwischen zum Präsidenten der Society for Psychical Research erhoben wurde, einen vermutlich letzten Versuch unternehmen, alle Störungen aus der Theorie der spiritistischen Erscheinungen herauszunehmen. Es ist das Jahr der Entdeckung des Elektrons. Das Spektrum des Elektromagnetischen ist inzwischen bekannt, weil Hertz's Strahlen entdeckt sind. Auch Röntgens »X-Strahlen« sind bekannt und praktisch handbar, wenn auch physikalisch noch nicht durch Brechung und Beugung als elektromagnetische Wellen identifiziert272. Es könnten die lang ersehnten »Longitudinalwellen« des Äthers sein, schwirrt es in der physikalischen community Europas herum. So dass Crookes in seiner »Presidential Address« nun doch endlich die Grundlinien einer »psychical science« entwerfen kann, die alle Störungen beseitigen soll: »the embryo of something which in time may dominate the whole world of thought«273.

Wir schicken voraus, dass 1897 nicht nur die SPR nicht, sondern auch die überwiegende Mehrheit der Forscherorganisationen der viktorianischen Physik (Crookes selbst ist schließlich langjähriger Fellow der britischen Royal Society) die Maxwell'schen Gleichungen als Mathematik der Faraday'schen Feldtheorie der Elektrizität noch nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen hat. Die Gründe dafür liegen in der autoritären Skepsis Lord Kelvins und in den bekanntlich äußerst komplizierten und skrupulös weitschweifigen Argumentationen der Maxwell'schen Veröffentlichungen274. Erst die durch die Radio- und Wechselstromtechnik erzwungenen mathematischen Vereinfachungen, die Heaviside275 abseits aller akademischen Zirkel besorgte, werden Maxwells Gleichungen den folgenden Physikergenerationen als die wichtigste Entdeckung des 19. Jahrhunderts überliefern. Dies muss vorausgeschickt werden, um zu verstehen, welchem Irrtum Crookes im Jahr des Radios und des Elektrons, 1897, noch unterliegen darf. Er knüpft zunächst an eine Phase der Untersuchungen Faradays an, in der dieser das berühmte Boskovich'sche Atommodell zur Elementargrundlage für sein Modell der »lines of force« der Elektrizität erklärt.

A view of the constitution of matter which recommended itself to Faraday as preferable to the one ordinarily held, appears to me to be exactly the view I endeavour to picture as the constitution of spiritual beings. Centres of intellect, will, energy, and power, each mutually penetrable, whilst at the same time permeating what we call space; but each centre retaining its own individuality, persistence of self, and memory.276

Von Poes Spekulationen in der »Mesmeric Revelation« bis in Crookes Präsidentschaftsadresse hinein zieht sich der Bogen des »modernen Spiritismus«, dessen sich Schreber als Basis für seine Rehabilitation bedient. Ob am Ende jene masselosen Wesenheiten, die Poe wie Crookes nur bei Boskovich verorten können - diese »intelligent centres« - das »Karma« eines Menschen und seinen Charakter ausmachen?

Crookes stellt diese Frage, beantwortet sie jedoch nicht. Inzwischen befindet er sich ja, als Präsident der SPR, in weltweiter Kommunikation mit einer Forschergemeinde, in der William James nicht nur die amerikanische Sektion der SPR leitet, sondern auch, in seinem psychologischen Hauptwerk277, eine phänomenologische Überlegung anstellt, die nicht nur Crookes auf Ideen bringt. Was nämlich wäre, fragt James, wenn der Mensch, statt nur den zehnten Teil einer Sekunde, den zehntausendsten noch wahrnehmen könnte, oder umgekehrt, ihm alles tausendmal langsamer vorkäme, weil er nur Wahrnehmungen in der Diskretion von 100 Sekunden machen könnte. »Winters and summers will be to him like quarters of an hour. Mushrooms and the swifter-growing plants will shoot into being so rapidly as to appear instantaneous creations«278, schreibt James. Crookes verbindet diese jamessche Psychologie der Zeitwahrnehmung, die noch in Husserls Zeit-Phänomenologie fortwirken wird, mit der eben entdeckten Physik des elektromagnetischen Spektrums, das ja, so Crookes, nichts anderes ist als ein Spektrum von Zeitabständen, nämlich Frequenzen.

As a starting-point I will take a pendulum beating seconds in air. If I keep on doubling I get s series of steps as follows:

Step 1. 2 vibrations per second
2.
4 vps
3. 8 vps
30. 1073741824 vps
60.
1152881504606846976 vps
63. 9223052036854775808 vps
At the fifth step from unity, at 32 vibrations per second, we reach the region where atmospheric vibration reveals itself to us as sound. (...) We next enter a region in which the vibrations rise rapidly, ... »a diviner air«, called the ether. From the 16th to the 35th step the vibrations rise from 32.768 to 34.359.738.368 a second, such vibrations appearing to our means of observation as electrical rays. (...)
Now we approach the region of light, the steps extending from the 45th to between the 50th and the 51st, ... the highest recorded rays of the spectrum. (...)
Leaving the region of visible light, we arrive at what is, for our existing senses and our means of research, another unknown region, the functions of which we are beginning to suspect. It is not unlikely that the X rays of Professor Röntgen
279 will be found to lie between the 58th and the 61st step (...) It seems to me that in these rays we may have a possible mode of transmitting intelligence, which with a few reasonable postulates, may supply a key to much that is obscure in psychical research. Let it be assumed that these rays, or rays of even higher frequency, can pass into the brain and act on some nervous centre there. Let it be conceived that the brain contains a centre which uses theses rays as the vocal cords use sound vibrations ... and send them out, with the velocity of light, to impinge on the receiving ganglion of another brain. In this way some, at least, of the phenomena of telepathy, and the transmission of intelligence from one sensitive to another through long distances, seem to come into the domain of law, and can be grasped.280

Halten wir den Stand der Wissenschaft von 1897 gegen die Crookes'sche Präsidentsschaftsrede von 1897. Es trifft zu, dass über die Röntgenstrahlen (1895 entdeckt), vor allem was ihre Entstehung durch die Wechselwirkung stark >gebremster< Elektronen, nicht das mindeste bekannt ist. Niemand weiss 1897 etwas über die »Quantelung« der elektromagnetischen Energie, niemand, dass erst Plancks281 von ihm selbst so ungeliebte Konstante h zur korrekten Beschreibung des Spektrums verhelfen wird (ab 1900). Niemand weiss etwas von Photonen, oder gar von Uhren, die in Abhängigkeit ihrer raumzeitlichen Beschleunigung oder Geschwindigkeit >schneller< oder >langsamer< gehen. Kurz: 1897, in dem Jahr, in dem das Elektron entdeckt wird, ist der nahezu letzte Augenblick gekommen für eine letzte, umfassende naturphilosophische Spekulation. »I repeat that this speculation is strictly provisional. I dare to suggest it.«282

Ganz nüchtern also können wir Crookes letzten Hoffnungssatz begraben: »The time may come when it will be possible to submit it to experimental tests«. Im Gegenteil. Nach 1897 - wir kommen damit zum Ausgangsjahr unseres Kapitel zurück - wird es der Physik, zur Leitwissenschaft aller anderen avanciert, nicht mehr möglich sein, im crookesschen Kontext zu messen. Sie wird, binnen weniger Jahrzehnte, nicht eine, sondern vier »Grundkräfte« der messbaren Natur zu registrieren haben, sich mit den Paradoxien der Quantentheorie herumschlagen und sich bis heute ergebnislos schwertun, diese vier Kräfte in einer experimentell verifizierbaren, einheitlichen Theorie zu symmetrisieren. Von einer fünften, einer psychischen Kraft, wird die Physik nichts mehr wissen können.

Die Sprache der Medien

Bleibt noch ein letztes, aber das wichtigste Rätsel offen. Ist es eine »existierende Sprache«, eine »langue«, wie wir mit Saussure sagen mögen, die über den Nervenanhang, den wir jetzt als spiritistisches Modell entlarven können, in Schrebers Körper gerät? Ist die Sprache seiner mediumistischen Trance-Seelen-Geisterseherei als Sprache existent? Nach dem Modell des In-Trance-Redens von Andrew Jackson Davis seit 1844 bevölkern Aberhunderte von >Geistersehern< die Jahrzehnte des >modernen Spiritismus< - haben ihre Diskurse Sprachstruktur? Das war immerhin der Punkt, an dem sich bereits Charles Dickens von der Sache abgewendet hatte (»as I have never yet observed them to talk anything but nonsense«, s.o.) und an dem Thackeray nur stupende Kindereien registrierte. Die in Trance sprechenden Geister verzapfen weitgehenden Blödsinn, was, wie Schreber oft genug bemerkt, auch bei ihm nicht anders ist.

Glossolalie, Saussure und die qualvolle Strafe der Linguistik

Es ist das Interesse an der Struktur einer in Trance gesprochenen Sprache, das Ferdinand de Saussure bewogen hat, ganz unabhängig von Schreber, aber ebenfalls in unserem Jahr 1897, dem Wunsch seines Freundes Théodore Flournoy zu entsprechen, viermal den Séancen der Mediumistin Elise-Catherine Muller alias Hélène Smith beizuwohnen, »eines weder gewerbsmäßigen noch bezahlten Mediums ..., dessen außerordentliche, augenscheinlich übernormale Begabung man ... schon mehrfach gerühmt hatte.«283 Ihre Begabung bestand in Glossolalie, einem Reden in fremden Sprachen, nämlich Marsianisch (mit Bewohnern des Mars) und Sanskrit - Sprachen, welche jene einfache Person angeblich nie und nimmer gekonnt haben kann. Ein klassisches Davis-Idiom des >modernen Spiritismus<, die Trance der »mesmeristischen Offenbarung«. In einer dieser Séancen sagt Frau Smith den sanskritischen Satz: »atiêyo Ganapatinâmâ«, was so viel heissen soll wie (Frau Smith ist Französin) »Je vous bénis au nom de Ganapati« (ich segne euch im Namen G.<s). Saussures Untersuchung dieses Satzes ist nahezu schreberisch. Er verfügt bereits über die Differenz des Syntagmatischen und Paradigmatischen des sprachlichen Diskurses und erschließt, dass der vorgebliche Sanskrit-Satz ein gegensinnig verstellter französischer ist:

Nehmen wir an, als einfache Illustration meines Gedankens oder vielmehr eines Eindrucks, Simandini (i.e. der »Geist«, der durch das Medium Smith spricht, W.H.) wolle diesen Satz: Je vous bénis au nom de Ganapati sprechen. Im Sivrukazustand (so Smith' Ausdruck für »Trance«, W.H.) ist das einzige, was ihr nicht in den Sinn kommt, dies französisch auszusprechen, aber trotzdem sind es französische Worte, die Thema oder Substrat von dem, was sie sagen will, bleiben; und das Gesetz, dem ihr Geist gehorcht, ist, daß jedes dieser vertrauten Wörter durch ein stellvertretendes, mit exotischem Anstrich wiedergegeben wird. (...)
1. »Je« muß umgeformt werden. Liefert das Gedächnis ein exotisches Wort für »je«? Nein; dann nimmt man zufällig statt dessen ein a. (Vielleicht ist dies a von englisch I, ai ausgesprochen, tatsächlich eingegeben, was aber nicht nötig ist.)
2. »Vous bénis« oder »bénis vous«. Wenn nämlich beispielsweise das Wort für »je« vom Englischen suggeriert ist, so kann sich ergeben, daß der englische Satzbau in den unmittelbar darauf hinzugefügten Wörtern unwillkürlich beobachtet wird.
Folglich markiert man
»bénis vous«
mit tiê yo
Das yo kann dem englischen you entlehnt sein. - Das tiê, »bénis«, ist nirgendwoher übernommen, wie bei der Marssprache.
3. »Au nom de Ganapati«. Der Name Ganapati selbst steht natürlich ausserhalb dieses ganzen Mechanismus und mußte irgendwoher genommen werden. Es bleibt »au nom de«, was durch nâmâ wiedergegeben sein wird, sei's in Erinnerung an deutsch Name, sei's durch das Wiederaufleben eines ebenfalls irgendwo wahrgenommenen Sanskritwortes nâmâ; die dem französischen Satzbau entgegengesetzte Konstruktion schließlich wird ihr auf den Flügeln von deutsch Name zugeflogen sein, also gemäß der Wendung in Gottes Namen, in Ganapatis Namen.
So ungefährt die Darstellung des Verfahrens, das ich mir vorstelle. Der genaue Wortlaut des fraglichen Satzes ist mir dabei nicht wichtig.
Kurz ein Kauderwelsch, das seine Elemente, wo es kann, entlehnt und den Rest erfindet, mit der einzigen Regel, die französische Spur, der es folgt, nicht durchscheinen zu lassen.284

Das schlaue Mädchen wird entlarvt mittels Negativbeweises. Vorausgesetzt ist die assoziative Serie eines französischen Syntagmas, einer gegebenen Wortkette also, von der erfolgreich gezeigt werden kann, dass sie als virtuelle, syntagmatisch parallele erhalten bleibt, indem sie auf eine neue Sprachfolie projiziert wird und innerhalb dieser nur Wortelemente umzustellen sind. Was Saussure zeigt, ist eine klassische Dekonstruktion, und sie gelingt. Sein Psychologie-Freund Flournoy wird schließlich entdecken, dass in der Genfer »Gesellschaft für Psychische Studien«, durch die das berühmte Medium gefeatured wird, eine Sanskrit-Grammatik existiert, die man vor ihm geheimhalten will, weil Fräulein Smith sie gelesen hat. Damit ist klar, woher Frau Smith die Wortfetzen hat, die als Umstellungsmaterial dienen, Ungarisch, Deutsch und Englisch beherrscht die Frau sowieso. Das Rätsel der mesmeristischen Glossolalien löst sich auf in die paradigmatische Sprachstrategie eines Mediums, das fähig ist, das Syntagma einer »langue« als Syntagma einer anderen »langue« zu konstruieren, um eine am Ende durchsichtige Kette von Assoziation zu realisieren.

Wir, die wir im Wissen von Saussures Theorie sind, können sagen, Frau Smith ist eine Betrügerin. Saussure kann das nicht so leicht. Er hat sich nur deshalb intensiv mit dem Fall der Hélène Smith beschäftigt, um zu zeigen, dass mit einem Strukturmodell sprachlicher Artikulation, nämlich der von Nikolai Kruszewski übernommen Differenz von assoziativen und syntagmatischen Sprachbeziehungen, ein gegebener Trancetext zu dekonstruieren, sowie jeder beliebige Text als Trancetext zu konstruieren ist. Weil er Gefallen an seiner Methode gefunden hat, liefert Saussure ein hypothetisches Fallbeispiel aus einer fiktiven lateinischen Trance mit:

In einer >römischen< - statt >indischen< - Szene von Somnambulismus seien folgende Worte als gesprochen vorausgesetzt: > - Meâte domina me sorôre forminda inde deo inde sîni godio deo primo momine ... obera mine ... loca suave tibi ofisio et ogurio ... et olo romano sua dinata perano die nono colo desimo ... ridêre pavêre ... nove. -<
Wahrscheinlich würden die Beobachtungen, zu denen diese einzelne Stelle Anlaß böte und die identisch mit den durch Fäulein Smith' Hindu-Texten angeregten sind, folgende sein: 1. Kein allgemeiner, greifbarer Sinn, wenn man einen Satz sucht, indes hin und wieder einige Worte, die ziemlich gut aneinander anschließen, ein Bruchstück eines Satzes. - 2. Einzeln genommen, als Sammlung von Vokabeln, welche man aus dem Lexikon entnimmt, sind einige einwandfrei, so domina; die anderen halbkorrekt, (ogurio usw.); endlich andere ohne irgend ersichtlichen Einklang mit einem lateinischen Worte (dinata usw.). 3. Ganz arm ist der Text besonders an grammatischen Endungen. Nicht nur fehlt, was an die sehr charakteristischen Endungen: -orum oder -ibus anklingt, sondern sogar irgendeine konsonantische Endung, wie -as, -is, -os, -us und selbst -um, die am Wortende sein würde. Wie es scheint, hat der Autor den Versuch gefürchtet, Endung und grammatische Beschaffenheit des Wortes zu bestimmen. - 4. Dieselbe Empfindung hat man, die Endungen ungeachtet, bei der Tatsache, daß der Autor nur in ihrem konsonantischen Bau äußerst einfache Wörter gebraucht, wie do - mi - na, und jede komplizierte Form wie octo, somnus, semper, culmen usw. meidet. Andererseits drängen sich zwei wichtige Konstatierungen auf: 1. Der Text mischt nicht >zwei Sprachen< [»deux langues«]. So wenig lateinisch die Wörter sein mögen, so sieht man wenigstens keine dritte Sprache [>une tierce langue<], wie englisch, russisch, griechisch oder dergl. sich einmischen; in diesem negativen Sinn bietet der Text einen bestimmten Wert. - 2. Ein bestimmter Wert liegt auch darin, daß nichts dem Lateinischen widerspricht, selbst nicht bei Wörtern, die keinen Sinn haben.285

Diese Sprachkonstruktionsvorschrift nebst generiertem Beispiel aus dem Jahr 1897, die eine Generationsregel aller spiritistischen Glossolalien des »modernen Spiritismus« definieren will, könnte ebensogut ein Text für das Radiohandwerk sein. Konventionelle Radiohandbücher empfehlen aus ganz ähnlichen, vergleichsweise einfachen Generationsregeln zusammengesetzte Syntagmen der Moderation und der Sprache von Rundfunkbeiträgen. Auch hier wird der Wert einer solchen Radiosprache dadurch wesentlich bestimmt sein, dass ihr »nichts widerspricht«.

Warum aber hat Ferdinand de Saussure gezögert, seine Theorie zu veröffentlichen und selbst nie einen geschlossenen Text zu der von ihm begründeten Wissenschaft, der »allgemeinen Sprachtheorie« oder Semiologie, geschrieben? Johannes Fehr hat jüngst gezeigt, dass Saussure im Jahre 1897 längst über die grundlegenden Terme seiner Theorie verfügt. Wobei ihn der Zirkelschluss plagt, dass die Struktur der Terme, über die er verfügt, eine Theorie dieser Terme unmöglich machen muss. Das Entscheidende ist die grundlegende Differenz, von der Saussure bekanntlich ausgeht: »Die Sprache [>le langage<] manifestiert sich immer nur mittels einer Sprache [>la langue<]; ohne die würde sie nicht existieren.«286 Eine >reductio linguarum ad unam<, als das klassische scholastische Logikproblem in Bezug auf die Sprache, kommt einer >reductio ad absurdum< gleich. Der Gegenstand der Sprache, le langage, ist die Sprache, la langue, insofern diese nun in ihrer Differenz zu anderen Sprachen, les langues, existiert. Wie aber, wenn über Sprache, le langage, sprechen ebenfalls nun ein Fall für die Sprache ist?

Was die Schwierigkeit des Themas ausmacht, ist, daß man es, wie gewisse geometrische Theoreme, von verschiedenen Seiten angehen kann: Alles ist unmittelbare Folge des andern in der statischen Sprachwissenschaft: Ob man von Einheiten, Differenzen, Oppositionen, etc. spricht, es kommt auf dasselbe heraus. Die Sprache ist ein geschlossenes System, und die Theorie muß ein ebenso geschlossenes System sein wie die Sprache. Hier ist der schwierige Punkt, denn es ist nichts, verschiedene Behauptungen, eine nach der andern, über die Betrachtungsweise der Sprache zu machen; das Ganze ist in einem System zu koordinieren.287

Wir wollen argumentieren: Das Problem der Saussure'schen Sprachwissenschaft, die von der Sprache ausgeht als einem geschlossenen System, das durchsetzt ist von »Einheiten, Differenzen« und »Oppositionen« und gleichwohl in einem geschlossenen System der Theorie beschrieben werden muss, ist nicht nur dem Problem Schrebers äquivalent, sondern es ist das schrebersche Problem. Obwohl Saussure, der sich nach 1903 in der Hauptsache anderen Studien gewidmet hat288, Schrebers Buch allem Anschein nach nicht gelesen hat, können wir im Sinne einer fragmentarischen Parallellektüre die Zusammenhänge zeigen.

Zunächst Saussure: Saussures »Szene« des Problems ist so skizzierbar: Einerseits kann er, was Sprache ist, nicht aus einer >anthropologischen Funktion des Sprechens< herleiten:

Auch wenn man annimmt, daß die Ausübung der Rede [>parole<] beim Menschen eine natürliche Funktion darstellt, was der grundlegend falsche Standpunkt ist, den bestimmte anthropologische und linguistische Schulen einnehmen, müßte man immerhin noch ganz entschieden [>absolument<] daran festhalten, daß die Ausübung dieser Funktion für die Wissenschaft nur von der Seite der Sprache [>langue<] oder von der Seite der existierenden Sprachen [>langues<] her zugänglich ist.289

Wenn also Sprache [langage] grundsätzlich nur definiert ist durch das, was sich in Sprachen [langues], nicht im Sprechen, artikuliert, wenn also gilt, dass noch die Funktion des Sprechens eine Artikulationsfunktion der Sprache [langue] ist, aber so, dass die Sprache [langue], über die allein wir Zugang zum Gegenstand gewinnen können, keinerlei definiens in Bezug auf sich als definiendum zulässt, dann wird Saussure zu einer höchst paradoxen, zeichentheoretisch radikalen und strukturalistisch differentiellen Definition kommen müssen, die sich mit allen Durchstreichungen und Auslassungen in seinen nachgelassenen Fragmenten so liest:

Das gänzlich letzte Gesetz der Sprache [>le loi tout à fait finale du langage<] ist, <soweit wir etwas darüber zu sagen wagen,> daß es nichts gibt, was dauernd in einem Term residieren kann (dies als direkte Folge des Umstands, daß die sprachlichen/linguistischen Symbole keine Beziehung zu dem haben, was sie bezeichnen sollen290), folglich ist a unfähig, etwas zu bezeichnen, ohne die Unterstützung von b (und ist darüber hinaus nur fähig in dem Maße, als b ihm einen Wert schafft, und umgekehrt, derart, daß nichts mehr bleibt als Differenzen), dieses gleichweise ohne die Unterstützung von a; <oder> beide haben ihren Wert allein in ihrer <gegenseitigen Differenz, oder> keines von beiden hat, nicht einmal in einem seiner Teilchen (ich denke hier an »die Wurzel« u.ä.), seine Bedeutung anderswo als in diesem Geflecht [>plexus<] ewig negativer Differenzen. <Man ist überrascht. Aber> wo gäbe es <in Wahrheit die Möglichkeit des Gegenteils?> <Wo> einen einzigen Moment einen Punkt eines positiven Strahlens <in der ganzen Sprache [>langage<]>, weil doch kein einziges Lautbild existiert, das eher als ein anderes dem entspricht, was es besagen soll? Es ist von absoluter, sogar apriorischer Evidenz, daß es niemals ein einzelndes/einziges Sprachfragment [>fragment de langue<] geben wird, das auf etwas anderes gegründet sein kann, im Sinne eines letzten Prinzips, als auf sein Nichtzusammenfallen oder auf den Grad seines Nichtzusammenfallens mit dem Rest; die positive Form ist gleichgültig [>indifférente<] bis zu einem Grad, von dem wir noch keine Vorstellung haben, nachdem wir fünf oder sechs Sprachen [>langues<] gelernt haben, wo [ ]; denn dieser Grad ist sicher gleich null.291

Hier wird, wie Saussure anderswo bemerkt, »der heikelste Punkt der Linguistik« angeschrieben. Es wird in der Tat zur entscheidenden und entschiedensten Botschaft der Saussure'schen Gründung der Linguistik gehören, dieses »Geflecht ewig negativer Differenzen« als Sphäre des sprachlichen Zeichens zu definieren, das, aufgrund seiner signifikanten Arbitrarität, niemals »eine ganz klare Entität« repräsentieren kann, sondern seinen Wert immer nur gewinnt, indem es sich auf andere, auf ein »Minus«, nämlich auf eine Kette negativer Differenzen bezieht, worin es als »positive Form« gleichgültig bleibt »bis zu einem Grad, von dem wir noch keine Vorstellung haben«. An diesem Grad, jenseits dessen nichts anderes als das eintritt, was wir »Sinn« oder »Bedeutung« zu nennen pflegen, tritt dann jene Art von »Vorstellung« ein, von der wir »keine Vorstellung haben« können. So schreiben sich dann bei Saussure, der nichts veröffentlicht, und für seine Studenten stets nur eine vereinfachte »Plauderei«292 parat zu halten pflegt, die Skrupel bis in die >Geistlosigkeit< der Sache fest:

<Die Sprache [>langage<] ist nichts mehr als ein> besonderer Fall der Theorie der Zeichen. <Aber genau, allein durch diese> Tatsache ist sie bereits in der absoluten Unmöglichkeit, etwas Einfaches zu sein (noch etwas in seiner Seinsweise für unseren Geist direkt Faßbares) (...) Es wird die <kapitale> Wirkung der Erforschung der Sprache [>langue<] auf die Theorie der Zeichen sein, ... daß dieses [das Zeichen, W.H.] erst wirklich erkannt zu werden beginnt, wenn man gesehen hat, daß es ein Ding ist, das nicht nur übermittelbar [>transmissible<] ist, sondern das von seiner Natur her bestimmt ist, übermittelt/weitergegeben [>transmit<] zu werden.293 (...)
Daher, daß die prinzipielle Abwesenheit <einer Affinität> zwischen [dem Zeichen und seiner Bedeutung, W.H.] etwas RADIKALES ist, nicht etwas, was die geringste Nuance enthielte, kommt es, daß die Sprache [>langage<] in keiner konstant korrigierten oder dirigierten menschlichen, in keiner vom menschlichen Geist korrigierbaren oder dirigierbaren Regel enthalten ist.294

Im Unterschied also zur Glossolalie der mediumistischen Trance, in der sehr wohl eine vom >menschlichen Geist dirigierbare Regel< die Manipulationen der Seherin von Genf aufdecken lässt, ist ihr selbst, Hélène Smith, deshalb nicht schon eo ipso Betrug vorzuwerfen, weil schließlich es die Sprache selbst ist, die von einer Regel dirigiert scheint, welche sich dem menschlichen Geist entzieht. Aber insofern genau dieser, der menschliche Geist nämlich, sich nur in Sprache artikulieren kann, entsteht das Dilemma, das Saussure in eine »Epistolophobie« und Nicht-Veröffentlichungsfähigkeit seiner Theorie treibt, oder besser, in jedem Moment des Schreibens, »eine unvorstellbare qualvolle Strafe bereitet«:

... vollkommen unverständlich, wenn ich Ihnen nicht gestehen müßte, daß ich eine krankhafte Furcht vor der Feder habe und daß mir diese Niederschrift eine unvorstellbar qualvolle Strafe bereitet, die in keinem Verhältnis zur Wichtigkeit dieser Arbeit steht. Wenn es sich um Linguistik handelt, wird dies für mich durch die Tatsache verschärft, daß jede klare Theorie, und zwar je klarer sie ist, sich in der Linguistik nicht ausdrücken läßt; denn ich betrachte es als Tatsache, daß es in dieser Wissenschaft keinen einzigen Begriff gibt, der jemals auf einer klaren Vorstellung beruht hätte so daß man zwischen dem Anfang und dem Ende eines Satzes fünf- oder sechsmal versucht ist, ihn zu ändern.295

Wir verstehen, warum Saussure nicht schreibt (oder nahezu nichts veröffentlicht), wenn das radikale Studium der Sprache, die Begründung einer möglichen Sprachwissenschaft, zur Voraussetzung hat, »die Sprache als eine letztlich nicht auf menschliche Vernunft rückführbare Institution«296 darstellen zu müssen. Denn das ist eine spiritistisch/anti-spiritistische Radikalität ganz anderer Art als die einer Seherin von Genf. Eine Radikalität vielmehr, an die wir die Vermutung fügen, dass sie ihrerseits dennoch nicht ganz ohne Beschäftigung mit der - heisst also unter Einfluss der - Bewegung des »modernen Spiritismus« im 19. Jahrhundert zustandegekommen sein mag. 1897 aber verfügt Saussure noch nicht über das, was ab 1897 geschrieben werden wird, nämlich eine Theorie des Unbewussten. Derjenige, Freud nämlich, der, nachdem er die grundsätzlichen Mechanismen des Unbewussten im Traum, nämlich Metonymie und Metapher, Verschiebung und Verdichtung, zeitgleich identifiziert, sich gehalten fühlt, eine fast noch mechanische Topik des psychischen Apparats zu entwerfen, verfügt nicht über eine semiologische Theorie der Sprache, die erst 1916 aus den Resten von Schülermitschriften aus den Saussure'schen Vorlesungen veröffentlicht werden wird. Sodass allein in einer Remedur von beidem, der Psychoanalyse und der Linguistik, vollzogen durch Jacques Lacan in den fünfziger Jahren dieses 20. Jahrhunderts, nicht ganz ohne Rückgriff auf Schreber, der einfache Satz sich schreiben lässt: Das Unbewusste hat die / ist artikuliert in der / Struktur der Sprache. Das ist es, was in der Sprache (eines Schreibens, das Abbild des Gesprochenen sein will) jede Theorie der Sprache dazu führt, in der präzisesten Definition ihres Gegenstandes diesen zugleich aus dem Auge zu verlieren:

Item. Es mangelt an Analogie zwischen der Sprache [>langue<] und jedem anderen menschlichen Ding aus zwei Gründen: 1. die innere Nichtigkeit [>nullité<] der Zeichen. - 2. Die Fähigkeit unseres Geistes, sich an Terme zu hängen, die in sich null und nichtig sind. - (Aber das ist nicht, was ich zunächst sagen wollte. Ich bin abgekommen.)297

Schrebers Krankheit

An dieser Stelle können wir von Saussure für den Augenblick abkommen und zu Schreber zurückkehren. Wir halten fest, dass er in seinem zweiten Krankheitsschub - und nur in diesem - ein Buch verfasst, das sich in einen Diskurs einschreiben will, der garantieren soll, dass der Autor, für mündig, aber geisteskrank erklärt, die volle Rehabilitation erfährt durch Anerkennung qua Wissenschaft.

Bevor wir uns der Frage der Sprache seiner Medien abschließend zuwenden, bleibt zu erörtern, um welche Krankheit es sich bei Schreber gehandelt haben mag. Wir haben das Buch und wir haben die Krankenblätter. Aus verstreuten Hinweisen in beiden Quellen mag sich ergeben, wie die neuere neuro-psychiatrische Schreber-Forschung vermutet,

daß Schreber nicht an einer Schizophrenie litt, wie gewöhnlich angenommen wird, sondern an einer Emotionspsychose298. (...) In Betracht zu ziehen sind als >zweite Psychose< eine Paraldehyd- und vor allem eine Brom-Psychose.299

Sowohl zu Beginn des ersten wie zu Beginn des zweiten Krankheitsschubs ist Schreber, nach Auskunft der Krankenblätter und seiner »Denkwürdigkeiten« massiv mit »Bromkali« oder »Bromnatrium« behandelt worden, Mittel zur Beruhigung und gegen Angsteindrücke, wie sie damals gegeben wurden.

Die uns heute so geläufige Erkenntnis, daß die Nieren nicht zwischen Brom und Chlor unterscheiden können und es daher selbst bei nur geringer Bromeinnahme, jedoch über längere Zeit hin, zu einer Kumulierung von Brom im Körper kommt, ist erst 1911 von Frey veröffentlicht worden und brauchte auch dann noch lange Zeit, um als gesicherte medizinische Erkenntnis zu gelten. Eine knappe Zusammenfassung der Brompsychosen nach de Boor läßt die Ähnlichkeit der Beschreibung erkennen: >Heftige Erregungszustände treten auf, in denen die Kranken szenenhafte Halluzinationen mit vorwiegend ängstlichen oder auch grausamen Themen erleben. Ebenso haben die akustischen Halluzinationen oft einen bedrohlichen Charakter. Selten sind kutane Sinnestäuschungen und Geruchs-Geschmackshalluzinationen.<300

Auszuschließen ist also nicht, dass Schrebers Wahn - in den wichtigen halluzinatorischen Teilen - auf medikamentöse Intoxikation (neben Brom auch Morphium), also verkürzt gesagt: auf verordneten Drogenmissbrauch zurückzuführen ist. Hatte nicht Schreber selbst diese Ahnung und den entsprechenden Vorwurf an Felchsig geäußert? Die heftige Medikamentierung in der Flechsig'schen Klinik von Januar bis Juni 1894 legt diesen Schluss durchaus nahe. Jedenfalls scheint am Ende auch sein Tod (durch Lungenentzündung) »durch die verabreichten Medikamente« mit verursacht worden zu sein.301

Primäre Wahnerscheinungen, also solche, die nicht auf dem Boden der Angst und ohne die vorherige Vermittlung der Sinne oder abnormer Beobachtungen aufgetreten wären, hat es offenbar bei ihm nicht gegeben. Dafür, daß Schreber jemals an Denkzerfahrenheit oder Zeichenfeldstörungen, die als besonders charakteristische Symptome für eine Schizophrenie gelten können, litt, gibt es keinerlei Hinweise.302

Es geht nicht darum, Schreber posthum gesund zu reden. Aber es bleibt für die Struktur des Diskurses der »Denkwürdigkeiten« entscheidend, ob man annehmen kann, dass für Schrebers Wahn, der nach eigener und der Krankenblätter Mitteilung in seiner erschöpfendsten Form im Frühjahr 1894 zum Ausbruch gekommen ist, als in der Flechsig'schen Klinik hochdosierte Medikamente (Brome, Chlorale und Morphine) verabreicht wurden, nicht ebensogut ein halluzinatorisch katastrophaler (und klinisch unentdeckter) Drogenmissbrauch auf der Basis einer schweren hypochondrischen Angstpsychose die Ursache gewesen sein könnte? Ab 1896 notiert Schreber »kleine Studien« in sein Notizbuch. Er konstruiert, sagen Neuro-Psychiater aus heutiger Sicht, einen »Erklärungswahn«, wobei »über die primären Wahrnehmungen oder Denkprozesse, von denen der abgeleitete Wahn ausgeht, nur wenig oder nichts gesagt wird«303. Dem entspricht, dass Schreber uns seine »primären Wahrnehmungen« immer nur in dem System eines spiritistisch »abgeleiteten Wahns« mitteilt. Kein Leser der »Denkwürdigkeiten« sollte sich hier etwas vormachen: So ungehindert marodierend und devastierend die »Wunder« auch über seine Nervenbahnen ziehen, - an das Kern-Medium, >sein< richterliches Medium der schriftsatzdeutschen Begründung und Erläuterung, kommen sie irgendwie nicht heran.

Denn dem schriftlichen Gedankenaustausch gegenüber erweisen sich alle Wunder machtlos; die auch hierbei ab und zu versuchte Fingerlähmung erschwert zwar das Schreiben etwas, macht es aber keinesfalls unmöglich... Dasjenige, was ich geschrieben habe, hat daher, seit mir überhaupt wieder Schreibmaterial zur Verfügung gestellt war und ich die Neigung zum Schreiben an den Tag legte, jederzeit, auch in den ersten Jahren meiner Krankheit, den geistig klaren Menschen erkennen lassen.304

Die Botschaft ist eindeutig und zweifelsfrei. Wenigstens Schrebers Schreiben war nie wirklich krank, sondern erweist sich als dasjenige Feld seines richterlichen Ichs, das unangetastet geblieben ist von dem, was wir weiterhin seinen Wahn nennen werden. Von diesem Residuum aus konnte Schreber also, Schreibwerkzeug vorausgesetzt, seinen Diskurs der Einschreibung beginnen, nämlich die Verortung seiner halluzinatorischen Störungen und abgeleiteten Wahnszenarien in den gestörten Diskurs einer damals neuen, aktuellen, vielversprechenden Welt- und Naturwissenschaft. Ihr Name lautet >moderner Spiritismus<. Sie versprach vielen - nicht nur Schreber - vieles. Sie existierte in der empirischen Praxis der Trance, der Telepathien und Telekinesen, sowie theoretisch in Form der Schrift, nämlich in Büchern.

Der spiritistische Verlag

Für diese Mischung aus strenger Empirie und strenger, wenn auch fremder Theorie, die Schreber anzubieten hatte, gab es im wilhelminischen Deutschland um 1900 nur einen privilegierten Ort der Publikation. Sammeln wir also abschließend, was wir über die spiritistische Umgebungsbedingung der schreberschen Publikation wissen. Schreber veröffentlicht im Leipziger Verlag Oswald Mutze im Jahre 1903. Wir geben nur einige Buchtitel, die Verleger Mutze und sein Lektor Dr. Wittig zu Schrebers >gesunden< Leipziger Zeiten, also zwischen 1860 und 1878, sowie zwischen 1886 und 1893 herausgebracht hat:

Spiritisch-rationalistische Zeitschrift (1872/73).
Psychische Studien, Hg. v. Aksakov, Alexander N. (monatl. Zeitschrift, 1874-1897).
Bibliothek des Spiritualismus für Deutschland (Buchreihe, 18 Bände).
Wallace, Alfred Russel: Die wissenschaftliche Ansicht des Übernatürlichen, welche eine experimentelle Untersuchung über die vorgeblichen Kräfte von Hellsehern und Medien durch Männer der Wissenschaft wünschenswerth erscheinen lässt, 1874.
Tischner, Rudolf: Das Medium D. D. Home, o.J..
Wallace, Alfred Russel: Eine Vertheidigung des modernen Spiritualismus, seiner Thatsachen und seiner Lehren, 1875.
Crookes, William: Der Spiritualismus und die Wissenschaft, 1884.
Owen, Robert D.: Das streitige Land, o.J..
Baudi DiVesme: Geschichte des Spiritismus, o.J..
Aksakov, Alexander N.: Animismus und Spiritismus, 1890.
Auerbach, Berthold: Das erlösende Wort, 1877.305

Niemand wird behaupten dürfen, Schreber habe nicht gewusst, welche Tradition und welches Sujet der Verlag publiziert, der ihn publiziert. Wenn, wie die Forschung sagt, Leipzig das »Zentrum«306 des deutschen Okkultismus der zweiten Jahrhunderthälfte war, dann war Schrebers Mutze-Verlag307 seine publizistische Avantgarde. In den Jahren 1901 bis 1903 können, außer Schrebers Publikation, u.a. folgende Bücher des Mutze-Verlages nachgewiesen werden:

Seiling, Max: Ernst Haeckel und der Spiritismus, 1901.
Jung, Carl G.: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene: eine psychiatrische Studie, 1902.
Pribytkoff, W. von: Die Mediumschaft der Frau Elisabeth von Pribytkoff: Memoiren des Admirals W. von Pribytkoff, 1903.

Das ist der Kontext, aus dem der okkulte Diskurs genährt ist, in den Schreber sich, mit den explizit genannten Lektüren von Du Prel und Hartmann (letzterer ein »corresponding member« der »Society for Psychical Research«, wie Max Dessoir308 und auch Heinrich Hertz309), einschreibt. Es ist der »moderne Spiritismus« von Andrew Jackson Davis bis William Crookes. Der Mutze-Lektor Gregor Constantin Wittig, Redakteur der »Psychischen Studien« und der »Bibliothek des Spiritualismus« war der erste Davis-Übersetzer in Deutschland. Vermutlich war Wittig auch Schrebers Lektor. So ist es wenig verwunderlich, dass Schreber, obwohl fast ein Jahrzehnt interniert, auf der Höhe eines Diskurses argumentiert, in Sonderheit auf der Höhe der Röntgenstrahlenhypothese von Crookes, was die Frage einer möglichen, wissenschaftlich-experimentellen Objektivierung seines Wahns betrifft:

In den ersten Jahren meiner Krankheit wäre es meines Erachtens ein Leichtes gewesen, durch eine nicht ganz oberflächliche Untersuchung meines Körpers mit den gewöhnlichen medizinischen Instrumenten, vor allen Dingen mit den damals allerdings wohl noch nicht erfundenen Röntgenstrahlen die alleraugenfälligsten Veränderungen an meinem Körper, namentlich sonst unbedingt tödlich wirkende Verletzungen meiner inneren Organe nachzuweisen. Dies wird jetzt erheblich schwerer fallen.310

In Oswald Mutzes Verlag, nicht nur in den »Psychischen Studien«, sondern auch in Aksakovs Antwortbänden auf Hartmann, wurde extensiv ein weiteres Beweisverfahren gepflegt, das im modernen Spiritismus, der auf Medien apriorisch aufsetzt, längst gang und gäbe war: die >Spirituelle Photographie<. In den Mutze-Bänden wurden zahlreiche Photos abgebildet, die als wissenschaftlicher Beweis für die Levitationen von Händen und in Séancen erscheinenden Geistern herhalten sollten. Auch hier weiss Schreber, was er zu verlangen hat:

Wäre es möglich eine photographische Darstellung der in meinem Kopfe sich abspielenden Vorgänge, des bald äußerst langsam, bald - bei übermäßiger Entfernung - mit rasender Geschwindigkeit erfolgenden Züngeln der vom Horizont herkommenden Strahlen zu geben, so würde für den Beschauer jeder Zweifel an meinem Verkehr mit Gott schwinden müssen. Allein leider verfügt wohl die menschliche Technik noch nicht über geeignete Hilfsmittel, um derartige Eindrücke der objektiven Wahrnehmung zugänglich zu machen; ... namentlich kann bei den göttlichen Hilferufen, die ich an jedem Tage zu Hunderten von Malen in kurzen Zwischenräumen mit vollständiger Deutlichkeit vernehme, unmöglich eine Sinnestäuschung obwalten.311

In der zweiten und letzten Folge von »Nachträgen« zu den »Denkwürdigkeiten«, verfasst kurz vor Drucklegung, gibt auch Schreber Telekinesen und Materialisationen zur Protokoll, wie sie in allen spiritistischen Séancen der Zeit üblich waren: »Das Zerspringen von Klaviersaiten kommt zwar nicht ganz so häufig mehr vor, wie früher, immerhin hat es sich auch in den letzten Jahren mindestens je ein halbes Dutzend Male ereignet«. Kurz gesagt, Belegstellen sind genug gesammelt: der Verlag Oswald Mutze und sein mutmaßlicher Lektor Wittig haben hier ein Buch verlegt, das in den spiritistischen Diskurs des Verlagsprogramms fraglos hineinpasst. Nicht zuletzt diesem Umstand verdanken wir letztlich die Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«.

Elektrizitätseffekt und Semiologie des Signifkanten

Die Lektüre einiger von Schreber benannter Bücher hat uns an den Kern der Sache herangeführt. Der Kern dieser Sache des >modernen Spiritismus< aber ist keine »Entität«, kein einfacher Gegenstand von Wissenschaft, sondern der verschobene Effekt eines medientechnischen Aprioris, nämlich des der Telegrafie. Wir können sagen, dass der durch die Telegrafie in die Welt gesetzte Elektizitätseffekt ein semiologischer ist, insofern er die Dimension des Zeichens verändert; denn der mediale Elektrizitätseffekt ist jener erste Signifikant (arbiträr und transmissibel im Sinne Saussures), der nicht schon eo ipso in der Sprache (der Summe der geografisch und zeitlich verteilten »langues«) fungiert, sondern in ihrer »langage«. Erst mit dem Aufkommen des Elektrizitätseffekts, transmittiert durch die Telegrafie, wird so etwas wie die (unmögliche) Bedingung der Möglichkeit der Sprache [langage der langue] denkbar. Erst mittels der Medien, die durch Elektrizität möglich werden, wird die Möglichkeit einer »langage« vor und in der »langue« freigelegt. Der mediale Elektrizitätseffekt wäscht gleichsam das Signifikante in jeder Sprache, also dasjenige an ihr, das von >keinem Geist reguliert werden kann<, für den Diskurs dieser Sprache erstmals als die Frage nach einem möglichen Wissen heraus. Diesen >Nichtsdenkungsgedanken< des puren Signifkanten gleichsam herausdeliriert, herausgeschrien, herausgewundert und ausgeschrieben zu haben, ist am Ende die historische Leistung des in sich gespaltenen, autoantagonistischen Diskurses namens >moderner Spiritismus<, wie er in Schrebers »Denkwürdigkeiten« wiederkehrt. Im Spiritismus fungiert dieser Diskurs in der Funktion einer Störung, wie es in Bezug auf seine kunst- und literaturhistorische Wirkung schon oft genug betont worden ist312. In ihm wird das Apriori des elektrischen Medieneffekts zunächst und zuerst als der Betrug okkultistischer Gaukler und seiner Verdeckung im Namen einer Philosophie der Geisterverkehre in Gang gebracht.

Der Betrug dieser Inszenierung einer gespaltenen und gebrochenen Dimension, also letztlich der Betrug eines Wissens, an dem doch, wie an jedem Signifikanten, festzuhalten war, wird letztlich dasjenige auszuarbeiten helfen, was uns der reellen Anschreibung jenes apriorischen Effekts, das den Betrug ermöglicht hatte, näherbringt: eine de-ontologisierte Episteme der modernen Physik, Theorie des Unbewussten, Semiologie/Linguistik.

Schrebers Buch ist so tatsächlich, wenn auch nicht als Rehabilitation einer Person, ein Buch der Wissenschaft geworden. Denn es markiert wissenschaftsgeschichtlich genau diesen Übergangspunkt: Es kann, auf seine Art, das rein Psychische als rein Sprachliches artikulieren, es kann ein Paradigma vom Unbewussten geben, das Sprachstruktur hat und von einer Sprachstruktur, die vom Unbewussten artikuliert ist, - weil es einem Diskurs auf den Leim geht, der die Sprache des Unbewussten als reinen Betrug inszeniert hat, welcher aber, als diese Falle, immer noch sprachlich, aber eben nur sprachlich und schriftlich aufzuheben war.

Nervenschwingungstheorie

So sind denn auch die Wahlverwandtschaften Schrebers zum »modernen Spiritismus« nach einem einfachen Verhältnis percipiens - perceptum nicht zu lesen. Klar ist nur, dass Schreber für die Hypochondrien und Halluzinationen seines Wahns, also für seine >Störungen<, einen Diskurstyp gefunden hat, welcher an sich schon, als perceptum eine Störung disseminiert. Das ist die entscheidende syntagmatische Bindung, an die Schreber sich anschließen kann und wir können nur vermuten, dass es dieses Fähnchen ist, nach dessen Richtung Schreber seine »eigene«, ganz und gar unörtliche, nämlich am reellen Signifikanten seiner eigenen Sprachdevianzen gekettete Ableitung seiner Halluzinationen dreht. In der Drehung nach diesem Fähnchen kann der Physikalismus des >modernen Spiritismus< ihm zugleich den physiologischen und elektrizitätstheoretischen Begriffsrahmen eines gestörten Diskurses bieten, in welchem seine Wahnstörungen sozusagen erst >richtig< aufgehen können.

Schrebers Wahn ist also alles andere als autochthon, was seine Darstellung in den »Denkwürdigkeiten« betrifft. Weil ein außer ihm operierender Diskurs erklärt, dass Nervenbahnen von außen in Schwingung versetzt werden können, kann er uns eine Erklärung für seine Hypochondrien ableiten, kann sie uns erzählen als seien sie wie ein erzwungenes elektrophysiologisches Selbstexperiment a la Ritter und Volta, die einst tatsächlich ihre Körper (Hände, Augen, Brust) mit elektrischen Kabeln derart verbunden hatten, so dass chemische Veränderungen im Blutkreislauf die Folge waren313:

Der von mir unmittelbar empfundene Vorgang ist der, daß die sprechenden Stimmen ... als innere Stimmen wie lange Fäden sich in meinen Kopf hineinziehen und in demselben vermöge des Leichengifts, das sie abladen, eine schmerzhaft spannende Empfindung erzeugen.314

Erst wenn Elektrizität zur Intelligenz erklärt wird, die Nervenbahnen in Schwingung versetzen kann (Davis' überladener Signifikant, der als Signifikant eines Diskurses funktioniert) bekommen bei Schreber die Stimmen Schrebers ihren Lauf.

Durch Strahleneinwirkung werden meine Nerven in Schwingung versetzt, die gewissen menschlichen Worten entsprechen, deren Wahl also nicht auf meinem eigenen Willen, sondern auf einem gegen mich geübten äußeren Einflusse beruht.315

Diese Behauptung, dass Nervenschwingungen Sprachbildungskraft haben, hat für die zeitgenössischen Leser von Schrebers Buch nichts Verrücktes. Im Rahmen des Diskurses, den Schreber adaptiert, im Umkreis des Verlages, in dem er veröffentlicht, darf und kann so gesprochen werden. Daran sähe kein Leser von Mutze-Büchern, daran sehen Saussure, Zöllner oder Nietzsche (um nur diese zu nennen) nichts Aussätziges oder Krankhaftes. Trancesprachen sind möglich, sind Ende der 90er Jahre >up to date<, so sehr, dass schon damals vergessen war, dass ein ursprünglicher Strolch-Diskurs namens >moderner Spiritismus< das alles zum Tatbestand einer Wissenschaft hat machen helfen, mit der sich die >ernsthaftesten< Leute beschäftigen.

Das Grundgesetz der Sprache

Wenn, wie wir behaupten, der Diskurs des >unmöglichen< Gegenstandes der Elektrizität, über den »modernen Spiritismus«, der ihn verbreitet, als eine Art Schwingungsoperator sqr(-1) (so, nämlich mit dem imaginären Anteil »i« in einer komplexen Zahl, schreibt ihn die Wechselstrom-Elektrizitäts-Mathematik tatsächlich an) sprachfähiger Intelligenz in die Nerven des Präsidenten Schreber dringt, so entfaltet dieser Diskurs dort, unter den Bedingungen der Störung Schrebers, als Darstellung einer Halluzination, eines Mangels, einer gebrochenen Artikulation seine Wirkung; eine gespaltene Wahrheit/Betrug-Struktur im Diskurs, die als eine gespaltene Artikulation Halluzinationen zu beschreiben ermöglicht. Zusammenbricht sie immer dann, wenn gleichsam Halluzination mit Halluzination sich multipliziert, (i*i = -1) und »aller Unsinn hebt sich auf«.

Man mag die psychotische Spaltung des Schreber-Ich weiterhin psychotisch nennen. Es bleibt, dass allein in der Struktur des spiritistischen Diskurses der Spaltungskeim (am unmöglich-reellen Ort ihrer Anwesenheit) beschrieben wird - wir haben es von Poe an verfolgt -, dessen sich Scheber nur konsequent bedienen muss, um sein System in Gang zu bringen. Sein entscheidender Wahnableitungsansatz kommt nicht von innen, sondern von außen. Erst die gespaltene Struktur dessen, was von aussen kommt, nämlich des Diskurstyps »moderner Spiritismus«, erlaubt Schreber, das, was immer er »tatsächlich« erfahren haben mag, darzustellen als eine mediale Spaltung in der Sprache, als eine psychotische Spaltung; als eine Spaltung in einem Diskurs der »langage«, im Unterschied zum Diskurs der »langues«, und damit im Unterschied zu allen - wie Saussaure zeitgleich mit Schreber sich abmüht zu definieren - existierenden Sprachen.

Auch Schreber erklärt uns andauernd, nicht so sehr dass, sondern vor allem wie in Trance gesprochen wird. Insofern absolviert er ein paralleles saussursches Programm der Rekonstruktion von Trance-Zuständen. Saussures Labor-Fall, jene >geistvoll< parlierende Hélène Smith, die kalkuliert ihre Trance-Glossolalie inszenierte, hatte beim Professor aus Genf keineswegs zum Verdikt geführt, die Seherin sei eine Betrügerin per se. Flournoy, Saussures Psychologenfreund, hielt trotz aller Luzidität der Saussure'schen Analysen die Trance der Seherin unerschütterlich für eine »unterbewußte Tätigkeit«316. Erstaunlich genug, aber gegen diese Position verschlug auch Saussures Diagnose nichts, weil er deren Pointe aufgrund seiner Phobie vor ihrer theoretischen Konsequenz nicht preisgeben konnte. Die Pointe hätte nämlich ausführen müssen, dass es ein Grundgesetz der Semiologie sei, tatsächlich von einer >geistlosen Regulierung< der Sprache auszugehen, in der die Kombinatorik des Unbewussten die syntagmatische Reihung der zum Zug kommenden Signifikanten artikuliert. Nur vor diesem linguistischen Gesetz als Gesetz, in dem zugleich ein anderes, nämlich das des Unbewussten, mitenthalten ist, können Frau Smith und die Vor- und Nachahmerinnen ihrer Tricks für Betrügerinnen erklärt werden, weil sie genau diesem Gesetz zuwiderhandeln, indem ihr Diskurs das Unbewusste erkennbar eskamotiert. Eben nur die wäre eine >reelle< Seherin, die >wirklich< spricht - in Trance.

Aber der Beweis für diese >Wirklichkeit< ist nicht anzutreten. Wenn nämlich das Gesetz der Sprache gilt, »sich an Terme zu hängen, die in sich null und nichtig sind«, dann wird zugleich, paradoxer-, aber nicht psychotischerweise, jeglicher Beweis >einer Null-und-Nichtigkeit verwendeter Terme< unführbar, insofern er dem Nachweis für die Existenz einer nicht-existierenden Sprache gleichkommt. Die Wahrheitsfunktion geift nicht, außer im Rückgriff auf strukturelle Logiken einer Kombinatorik, die die paradoxale Lage prozedural aufzulösen vermag.

Wer Schreber gelesen hat, wird sich erinnern, dass Schreber genau das in seinen »Denkwürdigkeiten« exekutiert. Er kann, in der glücklichsten Konstellation einer Rehabilitierungsstrategie, uns mittels einer kombinatorisch aufzulösenden Störung, die ihm der spiritistische Diskurs erlaubt zu artikulieren, zeigen, wie seine halluzinativen Stimmen nicht eine fremde Sprache, sondern die Sprache sprechen.

Der Betrogene (den man fälschlich für geisteskrank hält) nutzt den Betrug, den es bedeutet zu sagen, Nervenschwingungen hätten Sprachqualität, um die Wahrheit an der Stelle zu inszenieren, wo es darum geht, die Betrugs-Sprache zu beschreiben. Er kann Betrug in Wahrheit verwandeln, indem er, ob nun toxifiziert oder psychotisiert, von seinen Halluzinationen als einer Sprache schreibt, deren Generationsregel er identifizieren kann. Die Nervenstimmen betrügen ihn, wie nur die Sprache einen Menschen betrügen kann:

...die von Gott selbst gesprochene Sprache, die sog. >Grundsprache<, ein etwas altertümliches, aber immerhin kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum an Euphemismen auszeichnet (so z.B. Lohn in der gerade umgekehrten Bedeutung für Strafe. Gift für Speise. Saft für Gift, unheilig für heilig usw...)317

Schrebers »Grundsprache«, durch die Charakterisierung »Euphemismus« doppelt verdreht, repräsentiert den Betrugsfall. Sie sagt bestenfalls das Gegenteil dessen, was sie meint; und entspricht darin sehr genau Saussures nahezu gleichzeitig postulierter >apriorischer Evidenz<, dass es niemals ein einzelnes/einziges Sprachfragment [>fragment de langue<] geben wird, das auf etwas anderes gegründet sein kann als auf sein Nichtzusammenfallen mit dem Rest. Wenn Schrebers Gott spricht, d.h. auf der Ebene der Apriorität, dann kann das nur doppelt gegensinnig in der Weise geschehen, wie das Eigentliche (eben Gott) nicht mit sich zusammenfallen kann, sondern bestenfalls mit seinem Gegenteil oder als Floskel (»rücksichtlich dessen, der ist und sein wird«). In Gottes Sprache wirkt also nichts anderes als das Gesetz der Sprache selbst, das Schrebers Wahn fortan das Motiv der Verdrehung und jenes »Missbrauchs« mitliefert, von dem er uns schildert, dass er ihm von Anfang an ausgesetzt gewesen sei.

Die Wahrheitsfunktion des >Aufschreibesystems<

»<Wo> einen einzigen Moment einen Punkt eines positiven Strahlens <in der ganzen Sprache [>langage<]>, weil doch kein einziges Lautbild existiert, das eher als ein anderes dem entspricht, was es besagen soll?« Diese prädikatlose Frage Ferdinand de Saussures beantwortet Schreber in der >heiligsten Zeit seines Lebens<, wo seine Seele >ganz begeistert ist von den übersinnlichen Dingen<, die in Form von Strahlen immer massenhafter in ihn eindringen und ihn mit den erhabensten Vorstellungen >von Gott und Weltordnung< erfüllen, während er äußerlich die >roheste Behandlung< erfährt318. Er kann die Frage beantworten, indem er die Strahlen sprechen lässt, wie es Saussure verlangt. Es sind Strahlen, »die aber ihrerseits des Geistes völlig entbehren« und die »Feder führen ... zu dem ganz mechanisch von ihnen besorgten Geschäfte des Aufschreibens«. Es geht um Wandlung, Speicherung und Übertragung, - um die Grundfunktionen jeden Mediums. Die Geister betreiben mittels Nervenanhang (Wandlung), ein Aufschreibesystem (Speicherung) »aller meiner Redewendungen, aller meiner Gebrauchsgegenstände, aller meiner Sachen, aller Personen mit denen ich verkehre«319, aus dem heraus »später hervorziehende Strahlen das Aufgeschriebene wieder einsehen können«. In dem Schreber'schen Ableitungssystem wird alles, was Schreber je gesagt oder gedacht hat, zum buchstäblichen Rauschen, das in ihn zurückgeführt wird »um mir den Verstand zu zerstören oder mich blödsinnig zu machen«320 (Übertragung). Aber dieses Medium der Geisterstrahlung ist längst, nach der kombinatorischen Grundregel des Spiritismus: »Nervenschwingung = Sprechen«, zum Zwangssystem geworden. Es liegt in der Natur der schreberschen Strahlen - und das ist wieder ein nicht-individual-psychotischer Plot - »sobald sie in Bewegung sind, sprechen zu müssen«.

>Vergessen Sie nicht, daß Strahlen sprechen müssen<, ist namentlich früher unzählige Male in meine Nerven hineingeredet worden. Tatsächlich weiß man aber nun schon seit Jahren in Ermangelung eigener Gedanken im wesentlichen nichts weiter zu sprechen, als von den eigenen Wundern, bezüglich deren dann meine[n] Nerven die entsprechenden Befürchtungsgedanken fälschlicherweise unterlegt werden (z.B. »wenn nur meine Finger nicht gelähmt würden«, oder »wenn nur meine Kniescheibe nicht verwundet würde«) und ferner jeweilig die Beschäftigung, die ich gerade vornehme, zu verfluchen ... Dazu hat man noch die maßlose Unverschämtheit - ich kann keinen andern Ausdruck dafür gebrauchen - mir zuzumuten, daß ich diesem gefälschten Blödsinn gewissermaßen als meinen eigenen Gedanken lauten Ausdruck geben soll, also in der Weise, daß sich an die Phase >wenn nur das verfluchte Klavierspielen aufhörte< die Frage anschließt: >Warum sagen Sie's nicht (laut)?[<] und darauf wieder die gefälschte Antwort erfolgt: >Weil ich dumm bin, so etwa<... (...)
Natürlich entstehen nun aber auch Pausen, wo [kein] ... bestimmter >Entschlußgedanke< ... für die Strahlen, die meine Gedanken lesen können, erkennbar ist. (...) Zur Ausfüllung dieser Pausen (d.h. damit auch während dieser Pausen die Strahlen etwas zu sprechen haben) dient dann eben das Aufschreibematerial, also im wesentlichen meine früheren Gedanken. (...) Ich kann nur versichern, daß das Aufschreibesystem und namentlich das Eingehen des >das hammirschon< bei der Wiederkehr früherer Gedanken sich zu einer geistigen Tortur gestaltet hat (...) Es hat Zeiten gegeben, in denen ich mir schließlich nicht anders zu helfen wußte, als ... irgendwelchen Lärm zu machen, um nur das ebenso blödsinnige als schamlose Gewäsch der Stimmen zu übertäuben und damit den Nerven vorübergehend Ruhe zu verschaffen. Dies mochte den Ärzten, die den wahren Zusammenhang nicht kannten, als Tobsucht gegolten ... haben.321

Das Aufschreibesystem funktioniert auf der Basis spiritistischen Betrugs, den Schreber in der Tradition eines Andrew Jackson Davis wissenschaftskundig machen will, insofern Menschen mittels >Nervenanhang< Botschaften >auf entfernte Planeten< zweiwegig senden und von daher empfangen könnten. In diesem fremden Betrugssystem findet die Wahnableitung der Nervensprache Schrebers eine vierfache Wahrheitsfunktion.

Die »wirkliche Sprache« der »Seelenwollust«

Schreber bleibt in Schwierigkeiten. Es fehlt immer noch etwas Wesentliches. Einerseits repräsentieren die unendlichen Wortketten, die ohne Sinn und Verstand im Aufschreibesystem daliegen und von den Nerven in Form von löcherigen Halbsätzen anverwandelt, >gezogen<, gespeichert und wieder ausgespuckt werden, nichts als horrenden Blödsinn. Andererseits kann Schreber, der in der spiritistischen Tradition trancehafter Glossolalien schreibt, ja nicht umstandslos alles für Blödsinn erklären, was ihm nervenstimmenmäßig gesagt wird.

Das Gerede der Stimmen war ... schon in damaliger Zeit überwiegend ödes Phrasengeklingel von ... Redensarten, die überdies durch Weglassen einzelner Worte und selbst Silben immer mehr das Gepräge grammatikalischer Unvollständigkeit annahmen. Immerhin kam damals noch eine gewisse Anzahl von Redewendungen vor, deren besondere Besprechung sich lohnt.323

Es sind literarische Metaphern (»Höllenfürst«), einfache maximenähnliche Metaphrasen (»Ein angefangenes Geschäft muß vollendet werden«), psychologische Performanzmetaphern (>Entschluß-, Wunsch-, Hoffnungs-, Befürchtungs-, Nachdenkungs- bzw. Erinnerungsgedanke<) und vor allem aber die Irritationen der Geschlechterdifferenz, die Schreber hier als bemerkenswert festhält. Die paradigmatischen Linien der Seelensprache offenbaren also, im Fortgang der »Denkwürdigkeiten«, einen untergründigen terminus ad quem, der erst spät, im Kapitel XIII, auf den Begriff kommt. Es geht jetzt um das Begehren eines manifesten Fetischismus oder mit Schreberschen Worten: die »Seelenwollust«. Das ist die Stelle, an der klar wird, womit das leere Gerede der Nerven Schreber nun doch an den Angelhaken kriegt. Sie packen ihn, die Sprache packt ihn am Begehren, an einem Etwas jedenfalls, das er nicht lassen kann, und hier sind dann auch in punkto Rehabilitation, Krankheit, Geist und Vernunft Zugeständnisse angesagt. Hier gibt es etwas, das »einzige [ist], was in den Augen anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann«. Etwas nämlich, das mit Wollust, Genuss und Aussetzung funktioniert. Die Sache hat schon wieder ein Loch, aber diesmal eines in Gestalt einer von Auslassungen benamten Körperöffnung. Das Loch, die Öffnung ist so manifest, daß Schreber sie gerade noch durch ein paar Auslassungszeichen kaschieren kann:

»Das will ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f... läßt?«324.

Seinem Begehren, d.h. dem Begehren der implantierten Sprache seiner Nerven, muss nun auch der Senatspräsident stattgeben, und er wird diese fetischistische Pointe seines Begehrens fortan nicht mehr verleugnen:

Allein so widerwärtig die betreffenden Stimmen auch für mich waren ... so ließ ich mich doch dadurch in demjenigen Verhalten, das ich einmal als für alle Teile - für mich und die Strahlen - als notwendig und heilsam erkannt hatte, auf die Dauer nicht beirren.
Ich habe seitdem die Pflege der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben ... Ich möchte auch denjenigen Mann sehen, der vor die Wahl gestellt, entweder ein blödsinniger Mensch mit männlichem Habitus oder ein geistreiches Weib zu werden, nicht das Letztere vorziehen würde.325

Die Strategie der Rehabilitation wankt, aber fällt keineswegs. Denn dass ein Mann zum Weibe werde, heisst ja noch nicht, dass er verückt ist oder geisteskrank.

Das einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von dem Herrn Sachverständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem Zierrat (Bändern, unechten Ketten und dergl.) bei halbentblößtem Oberkörper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen wurde. Es geschieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals wenigstens, soweit ich es vermeiden kann, im Angesicht anderer Personen.326

Schreber hat die einfache Wahrheit zutagegefördert, dass die Sprache, sofern sie medial ist, heisst, in der Instanz des Signifikanten operiert, immer auch Operator eines Begehrens ist. Der daraus folgende Widerspruch kostet ihn eingestandenermaßen für immer das Amt des Senatspräsidenten und die Aufgabe des Berufs. Das will er einräumen. Aber er bietet uns einen deal an: Ist nicht ein >geistreiches Weib< zu werden ein annehmbarer Verlust, den die nervensprachliche Trance kostet, bei all dem Gewinn, der Nachwelt die Bedeutung der Tranceglossolalien des Spiritismus erklären zu können? Ihr Paradigma heisst »Seelenwollust«, was darzutun Schreber nachgerade gern, oder doch billigend, mit einer radikalen »Verweiblichung« bezahlt. Der Sex und der Tausch - das ist der Punkt, an dem Freud Schreber homosexuell missversteht und Lacan hingegen dem Ganzen nur die kleine, radikal semiologische Wendung geben muss, die da lautet: Die Instanz der Nervensprache ist die Wollust / Das Begehren ist die Instanz des Buchstabens in der Sprache [langage]. Wenn der geistlose Anhang an >null und nichtige Terme< etwas bedeutet, dann, dass sich in ihnen, und nur dort, die Struktur des Begehrens artikuliert, welches gleichwohl, insofern es sich in dieser Struktur auch entzieht, jene Phobie zu produzieren vermag, der Saussure erlag, um eine Theorie dieser Sprachprozessualität nicht veröffentlichen zu können. Zum Begehren gehört eben auch, nach Lacan, das Nicht-Begehren-Wollen.

Im Schrebersystem ist »Seelenwollust« dasjenige Begehren in/der Sprache, das er hinnehmen muss, hinnehmen wie einen Befehl Gottes. Das ist von Beginn an klar. Das Problem ist nur, daß Gott im System Schreber als Medium und Autor der Sprache zugleich erscheint, ein Widerspruch, ein Paradox, das sich wiederum nur in der Perspektive des >modernen Spiritismus< auflösen kann.

Der Atheismus der Nervenschwingungstheorie

Der Widerspruch, der Schrebers Gott, der doch für Alles verantwortlich ist, durchzieht, ist ein fundamental semiologischer. Gott nämlich kann nicht verstehen, wie die menschliche Sprache funktioniert:

So scheint Gott ... der irrtümlichen Vorstellung zuzuneigen, daß die durch die Vibrierung der Nerven entstehende Nervensprache als die wirkliche Sprache des Menschen anzusehen sei, so daß man namentlich anscheinend nicht zu unterscheiden weiß, ob man, da eine gewisse Erregung der Nerven auch bei dem schlafenden Menschen in Träumen stattfindet, die Geistesäußerungen eines träumenden oder eines in vollkommenem Bewußtsein von seiner Denkfähigkeit Gebrauch machenden Menschen vernimmt.327

Gott hat (besser »ist«, denn Gott »ist« Strahlung) nur die Zeichenketten, die bloßen Phrasen und Wortwendungen zur Verfügung und kann offenbar keine neuen Metaphern bilden, die nicht >grundsprachlich< sofort ins Gegenteil verkehrt werden müssten. Gott »ist« Zeichenkette, Phrase, Wortwendung. Gott versteht daher nichts und kann nichts lernen. Das ist, spiritistisch korrekt, der Weg in den konsequenten Atheismus:

Wie man diese Unfähigkeit Gottes, durch Erfahrung zu lernen, erklären soll, ist eine auch für mich überaus schwierige Frage. (...) Ich selbst habe den Gedanken, daß Gott durch Erfahrung nichts lernen könne, schon vor längerer Zeit in schriftlichen Aufzeichnungen (Schreber schreibt seit 1896, W.H.) .... formuliert: >Jeder Versuch einer erzieherischen Einwirkung nach außen muß als aussichtslos aufgegeben werden< (...) Religiös gesinnte Menschen, die sonst von der Vorstellung einer Allmacht, Allweisheit und Allgüte Gottes erfüllt gewesen sind, müssen es unbegreiflich finden, daß Gott nun auf einmal als ein so kleinliches Wesen sich dargestellt haben soll, das in geistiger und sittlicher Beziehung selbst von einem einzelnen Menschen übertroffen werde.328

Wenn man den spiritistischen Umgebungsdiskurs des Schreber-Verlags außer acht ließe, würden hier zwei wichtige Pointen kaum auffallen. Erstens korrigiert Schreber - nicht der Mechanik, aber der Bedeutung nach - eine echte >Zweiwegigkeit< der spirituellen Kommunikation, wie sie im Mutze-Kontext seit den Fox-Raps behauptet wurde. Der wahre Mechanismus erweist sich als ein rein technischer: Gott ist der Techniker/die Technik, der die Nerven=Seelen=Sprachen aus dem Menschen ziehen und wieder zurückbefördern kann, aber er selbst kann mit diesem Material nichts anfangen. Insofern ist spirituelle Zweiwegigkeit zwar da, es bleibt aber, wie Hartmann schon sagt, müßig, sich ihrer zu bedienen. Zweitens bestätigt Schreber hier nur noch einmal, aber diesmal mit einer atheistischen Volte, die Auflösung aller religiösen Offenbarungsreligionen in den Mechanismus der Nervenschwingungstheorie, insofern gilt, dass Gott zwar Zugang zu allen Nerveninhalten hat, aber von ihm kein Wissen und keine Erfahrung zu erwarten ist. Das sind zwei gute negativ-offenbarungsreligiöse Gründe dafür, warum ein spiritistischer Verlag das Schreber'sche Buch drucken konnte.

Das »System des Nichtausredens«

Doch auch für Schreber, abgesehen von der paradigmatischen Linie oder dem hinzukommenden Effekt der »Seelenwollust«, ist das, was Nervensprache tut, wenig verständlich. Was ihm die Nerven hineinschwemmen an Floskeln aus seinem eigenen Aufschreibereservoir ist und bleibt Unsinn und produziert Widerstand, repräsentiert Widerstand, nämlich den Zwang zum Widerstand. Mit »Denkzwang« begegnet Schreber diesem Widerstand, der in der Folge einer radikalen Politik des »Nichtausredens« entsteht. Das Nichtausreden steht, wie gesagt, für die syntagmatisch-metonymischen, ungeschlossenen Ketten des Sprachmaterials, die Schreber von Anfang an als die wesentlichen Elemente der (Seelen-)Sprache identifiziert hatte. Wie soll aus ihnen irgendetwas Sinnvolles entstehen? Mit »Fehlt uns nur der Hauptgedanke« benennen die Nervenstimmen immer und immer wieder diesen Konflikt.

Dieses >Fehlen eines Hauptgedankens< der eingeschwemmten Nervenschwingungen produziert an der Schnittstelle zu der »Natur der Nerven«, also im Menschen, folgende Reaktion:

Es liegt einmal in der Natur der Nerven, daß, wenn auf diese Weise irgendwelche zusammenhanglose Worte, irgendwelche angebrochenen Phrasen in dieselben hineingeworfen werden, die sich unwillkürlich bemühen, dasjenige, was zu einem den menschlichen Geist befriedigenden vollendeten Gedanken noch fehlt, zu suchen.329

Jenseits der Wollust produziert das System des Nichtausredens »Denkzwang«, also den Widerstand, der als Widerstand der Wahnableitung selbst fortwirkt. Schreber muss fortgesetzt >denken<, um mit den Halluzinationen seiner Stimmen umzugehen. Den Denkzwang aber konstruiert Schreber in einen Mechanismus hinein, der wiederum versteckt in den Zeilen liegt, nämlich die Unterscheidung der Nervenschwingung in Eigen- und Fremdschwingung. Es geht um einen Mechanismus der Resonanz. Im spiritistischen Kontext heisst das, dass die von außen verkehrenden Strahlen - selber Sprache repräsentierend - die Menschennerven derart innervieren, oder eben in Resonanz versetzen, dass sie Sprache repräsentieren. Daraus folgt, dass eine Fremd- in eine Eigenschwingung verwandelt wird. Beide Kettenwirkungen aber sind nicht dasselbe. Schreber deckt auf, dass in diesem Mechanismus der Wandlung von Fremd- zu Eigenschwingung ein Konflikt verborgen liegt, ein Konflikt, der wiederum nur durch Zwang zu schlichten ist, um gewisse Barrieren, die eigentlich Löcher sind, zu überwinden.

So höre ich seit Jahren an jedem Tage in hundertfältiger Widerholung die ohne jeden Zusammenhang in meine Nerven hineingesprochenen Worte >warum nur?< >warum, weil,< >warum, weil ich,< > es sei denn< ... ferner etwa ein ganz sinnlos in meine Nerven geworfenes >O ja<, endlich gewisse Bruchstücke früher vollständig ausgedrückter Redensarten, z.B.
1. >Nun will ich mich,<
2. >Sie sollen nämlich,<
3. >Das will ich mir,<
4. >Nun muß er doch,< (...)
... Es hätte eigentlich zu lauten die Redensarten
No. 1 Nun will ich mich darein ergeben, daß ich dumm bin;
No. 2 Sie sollen nämlich dargestellt werden als Gottesleugner, als wollüstigen Ausschweifungen ergeben usw.;
No. 3 Das will ich mir erst überlegen;
No. 4 Nun muß er doch wohl mürbe sein, der Schweinebraten; (...)
Wenigstens in den ersten Jahren war die Notwendigkeit des Weiterdenkens, der Beantwortung der gestellten Fragen, der stilistischen Ergänzung der angebrochenen Phrasen usw. für meine Nerven völlig unabweisbar; erst im Laufe der Jahre habe ich meine Nerven (meinen >Untergrund<) nach und nach daran zu gewöhnen vermocht, daß sie die gesprochenen Worte und Redensarten wenigstens zum Teil durch einfache Wiederholungen zu Formen des Nichtsdenkungsgedankens gestalten, also die Erregung, die an sich zum Weiterdenken nötigen würde, ignorieren.330

Beides, sowohl das denkzwanggesteuerte Weitersprechen und Vervollständigen der Elisionen wie das papageiartige Nachplappern der halben und sinnlosen Phrasen, sind von Symptomen hochgradiger Erregung begleitet, die man auf den >Nabel< der Psychose Schrebers hin deuten mag. Doch in der Tat artikuliert sich hier nichts anderes als das Dilemma des Begehrens in der Sprache, das seinerseits sich nur offenbart, weil Schreber in der Konsequenz seiner spiritistischen Rekonstruktion der Wahnhalluzinationen einen Betrug rückgängig macht, indem er ihn begeht. Aus dieser selbstgelegten Falle kommt er nun nicht mehr heraus.

Verlangsamung

Wenn nämlich Schrebers Halluzinationen das sind, was Nerven an Material von außen in Nerven schmeissen, dann geschieht durch diesen Mechanismus eine (psychische) Dekonstruktion mit Folgen. Es zeigt sich am Ende, dass Nervensprache nicht Nervensprache ist, Schreber nicht Schreber, Ich nicht Ich und Sprache nicht Sprache. In diesen Spaltungen artikuliert sich der Signifikant der Spaltung als Begehren, das immer in der Sprache wirkt,331 und von Schreber gleichzeitig als der wollüstige Mechanismus (>Wunderung<) geschildert werden kann, mit dem sein Körper verformt und vergewaltigt wird. Jeder Versuch der Übertragung, der gleichwohl geschehen muss, jeder Versuch des »Denkens«, das sich zwanghaft gegen diese heillosen Ketten stemmt, kann Schreber uns nur als Vergeblichkeit schildern, entweder mit stets denselben metaphrasischen Übertragungen, mit immergleichen, unbefriedigenden Vervollständigungen zu antworten, oder sich aber hinzugeben dem Mitsprechen der halben, ungeschlossenen syntagmatischen Ketten. Einen solchen Konflikt auszutragen geht aber nicht ohne Zeitverzug.

Die Ebene des Signifikanten, die die des Satzes ist, umfaßt eine Mitte, einen Anfang, ein Ende, verlangt also einen Term. Das ermöglicht ein Spiel mit der Erwartung, eine Verlangsamung, die sich auf der imaginären Ebene des Signifikanten herstellt, als ob das Rätsel, da es sich nicht wirklich offen formulieren kann, es sei denn durch die grundlegende Affirmation der Intiative des anderen, seine Lösung preisgäbe, indem es zeigt, worum es geht, um den Signifikanten.332

Das Begehren ist nicht, es sei denn in der Sprache, aber genau da ist es an seinem unmöglichen Ort, an seinem Ort der Unmöglichkeit, am Ort des Widerstands.333 Im erzwungenen Kampf gegen die bedeutungslosen Wortketten, die auf immergleiche Weise vervollständigt werden müssten, um (Un)Sinn zu ergeben, destilliert Schreber den sprachlichen Mechanismus der Übertragung von Sinn heraus, der in der Temporalisation des Satzes und seiner Bedeutung operiert. Alle Übertragung reduziert sich jetzt auf den Versuch, nicht länger Terme zu bilden, sondern die Ketten der Nervenworte selbst zu sprechen (was Schreber, im invadierten Kranksein seiner Nerven, als Zwang schildert, als ein müssen, wie die Hingabe an seine >Verweiblichung<). So entsteht das Problem des Tempos und der Temporalisation der Sprache, wie eine Art verzeitlichter Zwang oder Zeitzwang. Wenn der »>Hauptgedankenlosigkeit< der Strahlen oder des Umstands, daß die Strahlen der Gedanken entbehren«334 Genüge getan werden muss, fragt es sich, in welchem Rhythmus und in welchem Tempo, in welchem Metrum und nach welchem Maß die Kette der Sprache funktioniert. Sie bedeutet erwiesenermaßen nichts, darf aber doch ihre Bedeutung und ihren Effekt als Kette des Begehrens nicht verlieren (»Hoffen doch, dass die Wollust einen Grad erreicht«335).

Das Sprechen der Stimmen [geschah im Laufe der Jahre] in immer langsamerem Tempo ... Es hängt dies zusammen mit der vermehrten Seelenwollust meines Körpers und mit der - trotz aller Aufschreiberei - überaus großen Dürftigkeit des Sprechmaterials, das den Strahlen zur Überbrückung der ungeheuren Entfernungen zu Gebote steht, die die Weltkörper, an denen sie hängen, von meinem Körper trennen.
Von dem Grade der Verlangsamung kann sich derjenige, der nicht die besprochenen Erscheinungen, wie ich, persönlich erlebt hat und noch erlebt, kaum eine Vorstellung machen. Ein >aber freilich< gesprochen >a-a-a-a-b-e-e-e-r-fr-ei-ei-ei-li-i-i-i-ch<, oder ein >Warum sch... Sie denn nicht?< gesprochen >W-a-a-a-r-r-u-m-sch-ei-ei-ei-ß-e-e-e-n Sie d-e-e-e-e-n-n-n-n-i-i-i-i-cht?< beansprucht jedesmal vielleicht 30 bis 60 Sekunden, ehe es vollständig herauskommt.336

Für uns, die wir im Radio arbeiten, klingt das wie eine bekannte, ganz und gar technisch induzierte Störung, welche (mithilfe eines technischen Mediums, dessen Anfänge Schreber gekannt haben mag337) für jeden ungeübten Menschen einsetzt, wenn er sich folgendem Experiment unterzieht:

Instrumentelle Voraussetzung wäre ein Tonbandgerät, dessen Aufnahmekopf um ein paar Zentimeter vor dem Wiedergabekopf angeordnet ist. So sah der Default-Standard professioneller Tonbandgeräte aus, bis zu Einführung digitaler Systeme vor etwa zehn Jahren. Man spreche nun mit aufgesetzten Kopfhörern in dieses Gerät und höre, während des Sprechens, sein gegen das eigene, um 100 oder mehr Millisekunden338 versetzt wiedergegebenes Sprechen, das über den Kopfhörer »hinter Band« (so der Fachterminus, gemeint ist: vom Wiedergabekopf) zurückgespielt wird. Das verursacht exakt diese Verzögerungen der Stimme, die Schreber hier beschreibt. Man wartet auf die Wiedergabe des gerade Gesprochenen und indem man sprechend wartet, zieht sich das Gesprochene lang und länger hin und aus. Und zwar in der unvorhersagbaren Eigenschwingungs-Verzögerung, in der die gesprochene und die gehörte >eigene< Stimme technisch »zu einem unverständlichen Gezisch« auseinandergezogen werden.

Schreber, der kein Ton-Hinterband kennen kann, aber dafür von einer furiosen Wahnableitungs-Rehabilitation getrieben wird, treibt die Genauigkeit der Beschreibung seines Systems der Differenz von Außen- und Innensprache bis zu diesem medialen Punkt eines Risses. Ein Riss, der sich als temporale Verzögerung, als zunehmende Verlangsamung, als sich steigernde Verzerrung und am Ende als Verunmöglichung des Sprechens aufspannt. Sprechen und Sich-Sprechen-Hören erkennt Schreber als medial Getrenntes, das in der Tat medial getrennt sein wird, wenn es, wie im Radio, als medial Getrenntes zu inszenieren ist. Sprechen und Sich-Sprechen-Hören werden verschoben und versetzt, als Wirkung einer spiritistisch-medialen Invasion, die die Sprache, in die Kette der unmöglichen Artikulation des Begehrens eingezwängt, am Ende zu einem rauschenden Gezisch verflüchtigt. Das kann nur, wie Schreber herausfindet, von anderen medialen Effekten (»Klavierspielen, Lesen, Schreiben usw.«) konterkariert werden.

Nachdem aber neuerdings die Verlangsamung noch weiter fortgeschritten ist, so daß die Stimmen, wie bereits erwähnt, überwiegend zu einem unverständlichen Gezisch ausarten, ist es mir möglich geworden, mich daran zu gewöhnen, daß ich, solange ich nicht eine Beschäftigung (Klavierspielen, Leben, Schreiben usw.) treibe, die die Stimmen ohnedies untergehen läßt, ich einfach in der Nervensprache anhaltend 1,2,3,4 usw. zähle und mir damit Pausen des Denkens (den sog. Nichtsdenkungsgedanken) verschaffe. (...) Sind auf die angegebene Weise die »inneren Stimmen« zum Schweigen gebracht, so ertönen dann infolge der wieder notwendig gewordenen Annäherung der Strahlen irgendwelche beliebigen Worte aus den Kehlen der mit mir sprechenden Vögel von außen her an mein Ohr. ... Daß ich mich - nach jahrelanger Gewöhnung - nicht mehr beleidigt fühlen kann, wenn mir von einem Vogel, den ich gelegentlich füttere, etwa zugerufen (oder richtiger zugelispelt) wird >Schämen Sie sich nicht< (vor Ihrer Frau Gemahlin?) und dergleichen, wird man verständlich finden. In dem Besprochenen liegt wiederum eine glänzende Bewährung des Satzes, daß jeder Unsinn, der auf die Spitze getrieben wird, schließlich einmal einen Grad erreicht, wo er sich selbst vernichtet - eine Wahrheit, die der niedere Gott (Ariman) selbst schon vor Jahren in häufiger Wiederholung in der Formel zum Ausdruck zu bringen pflegte >Aller Unsinn hebt sich auf<.339

Schreber zählt »1,2,3,4...«, also die Unendlichkeit ganzer Zahlen in der einfachen, abzählbaren Mannigfaltigkeit des Cantor'schen aleph0. Zählen, und darin liegt die Wahrheit und die Ausnahmestellung der Zahl im alphanumerischen Diskurs, kann bei Schreber den einfachen >Unsinn< der Wortketten, die in ihn eingesprochen werden, stoppen. Abzählen ist nämlich ein »Nichtsdenkungsgedanke«, weil es die Serie der Unendlichkeit, die doch einer eineindeutigen Regel folgt, repetiert und damit die Wiederholung dieser eineindeutigen Regel wiederholt.

Das Radio und das viszerale Verhören

Und doch ist, mathematisch betrachtet, das Zählen ganzer Zahlen in der Frage der Unendlichkeit von Zahlen nicht Alles. Es gibt mehr als das - wie Cantor, keine halbe Generation vor Schreber, fand, die Überabzählbarkeit der reellen Zahlen bespielsweise. Ihre Menge ist mächtiger, ihre Unendlichkeit ist »größer« als die der ganzen Zahlen.

So auch bei Schreber. Die Verlangsamung der halluzinativen Ketten oder gar ihre Stillstellung durch das »Zählen«, also durch das Abzählen einer einfachen Mannigfaltigkeit ganzer Zahlen, in der das Spiel aller Signifikanten zugunsten einer einfachen, diskreten Iteration ausgespielt hat, produziert im Schreberschen System verblüffenderweise eine neuerliche Überabzählbarkeit einer Stimmenanzahl - »wie der Sand am Meere«340, deren Mechanismus der Präsident, in Bezug auf seine technisch-funktionale Seite, uns »nicht näher erklären«341 kann. Die Halluzinationen gehen jetzt an die »gewunderten Vögel«342 über, die jene »sinnlos auswendig gelernten Redensarten« in sein Ohr zischeln.

Die Vögel, mindere Papageien343, verstehen zwar den >Sinn< dessen, was sie von sich geben, nicht, repräsentieren aber eine andere wichtige Funktion des sprachlichen Zeichens, denn sie besitzen die »natürliche Empfänglichkeit für den Gleichklang der Laute«.

Sobald sie daher, während sie noch mit dem Ableiern der auswendig gelernten Phrasen beschäftigt sind, entweder in den von mir selbst ausgehenden Schwingungen meiner Nerven (meinen Gedanken) oder in dem, was von meiner Umgebung gesprochen wird, Worte vernehmen, die mit dem, was sie gerade selbst zu sprechen (abzuleiern) haben, gleichen oder annährend gleichen Klang haben, so erzeugt dies für sie anscheinend einen Zustand der Überraschung, infolgedessen sie auf den Gleichklang sozusagen hereinfallen, d.h. über der Überraschung den Rest der noch von ihnen abzuleiernden Phrasen vergessen und plötzlich in echter Empfindung eingehen. (...)
Es verschlägt daher für sie wenig, ob etwa - um einige Beispiele anzuführen - von »Santiago« oder »Carthago«, »Chinesentum« oder »Jesum Christum«, »Abendroth« oder »Atemnot«, »Ariman« oder »Ackermann«, »Briefbeschwerer« oder »Herr Prüfer schwört« usw. usw. gesprochen wird.344

Die Homophonien, diese seltsamen, wispernden, mediumistisch verstrahlten Vögeln zugeordneten Versprecher, produzieren eine unabsehbare, offenbar überabzählbare Kette weiterer Differenzen und Spaltungen im Schreber'schen System. Klar wird nur, dass der »obere« und der »niedere« Gott jeweils nicht nur über eigenständige Nervenanhangsfunktionen verfügen, sondern über jeweils separierte Aufschreibesysteme. Mittels homophon artikulierender Vögel können sie sich nicht nur der Wortketten aus dem Material des jeweils anderen bedienen, sondern zudem, durch nachahmend gleichklingende Wortschöpfungen, das System der Strahlenanziehung insgesamt »beschleunigen«. Hier ist die Stelle, an der auch im Schreberschen Diskurs der Begriff des Unbewussten fällig wird. Aber der Begriff bleibt im Kontext eines medialen Effekts namens »Strahlenwirkung«. Sprache wird in den Worten der Schreber'schen Wahnableitung durch »unbewusste« Ketten repräsentiert, in denen Worte produziert werden ohne Wissen derer, die sie sprechen. Wäre dieser Mechanismus nicht Teil der Sprache, - das Radio könnte nicht funktionieren.

Der obere Gott läßt daher in den Unterhaltungen, die in meiner Gegenwart ... geführt werden, ... von »elektrischen Bahnen« sprechen, alles mögliche »kolossal« finden und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von »Aussichten« erzählen. Für mich liegt in den betreffenden Vorgängen ... der unwiderbringliche Beweis, daß die Nerven der Menschen, welche diese Worte gebrauchen - ihnen selbst natürlich unbewußt - durch Strahlenwirkung (Wunder) hierzu veranlaßt werden.345

Die spiritistische Deutung nicht seiner Halluzinationen, sondern ihrer nach außen verlegten Homophonie, veranlasst Schreber, für die Sprache das Wort zu finden, das deklariert, was sie ist: nämlich der Diskurs des »Unbewusst«en. Für ihn ist, überdeutlich zu lesen, die Homophonie, der Gleichklang >anderer< Worte (»Briefbeschwerer« statt des Herrn »Prüfer«, der Name »eines früheren Patienten der hiesigen Anstalt«346) eine Entlastung und damit Beweis zugleich, dass auch andere, nämlich Menschen, die ihn umgeben, von Strahlung diktiert sprechen. Es muss zu diesem Konstrukt kommen, anders denn, für den logisch scharfsinnig argumentierenden Ex-Senatspräsidenten, die These nicht aufrechtzuerhalten wäre, dass Strahlung, Nervenschwingung, Sprache generell und nicht nur bei ihm produziere.

Das schrebersche Projekt selbst bleibt, so wie ich es lese, der Versuch, das halluzinative Sprachmaterial einer langjährigen Intoxikation mit Brom, Chloral und Morphinen, die wiederum auf Thanatophobien und psychotischen Ängsten aufgesetzt war, als spiritistische Trance, als ein spiritistisch-mediales Trancesystem zu rehabilitieren. Es entsteht ein Diskurs, der die metonymische, informationell verrauschte Artikulation des Unbewussten unvermerkt entdeckt und zugleich ihre Unzugänglichkeit, ihren Widerstand im Rahmen eines medialen Diskursfeldes offenlegt, in welchem sie sich gleichwohl ereignet. Diese Offenlegung aber ist selbst schon ein Effekt der Elektrizität und ihres ersten Mediums, der Telegrafie, insofern der moderne Spiritismus mit seiner strukturellen Vorgabe, Sprache als zweiweg situierte Nervenschwingung anzuschreiben, nichts anderes repräsentiert als eine erste >Theorie< der elektrischen Medien, als welche sie Schreber übernimmt und dekonstruiert.

Durch sie hindurch bereits konnte Schreber und kann in der Lektüre seines Buches der psychotische Kern der elektrischen Medien erkennbar werden, ihr >Seinsmangel<347 vor dem Horizont des Wissens, das wir über sie entwickeln können. In dem Diskurs dieser Entdeckung eines Seinsmangels emergiert dasjenige, was wir seither mit dem Begriff des Unbewussten identifizieren, oder, was dazu äquivalent ist, mit dem Status der Physik als Nicht-Naturlehre.

Schreber konstruiert im Kontext einer spiritistisch/mediumistischen Autologie einen paradoxalen Radioapparat. Sein Diskurs einer Wahnableitung macht uns deutlich genug, welches Zwangssystem des Verhörens seiner eigenen als fremder Stimmen aus der puren medialen Existenz eigener/fremder Stimmen resultiert. Diesem Schreber'schen Verhören, diesem Falsch-Hören, kann abgelauscht werden, was jenes >echte< Radiohören bedeuten mag, das erst zwanzig Jahre nach Schreber Gegenwart wurde, uns seither aber wohl auf immer begleitet und begleiten wird. Die Struktur des Radio->Verhörens<, das einer Struktur des Vergessens, der Auslassung folgt, hat ihren Grund, wie bei Schreber, nicht im Kopf der HörerInnen, in ihren Organen, sondern in der Struktur des sprachlichen Diskurses von Stimmen, die viszeral eindringen.

Radiostimmen artikulieren erstens das Hören des Eigenen (nach dem Modell des Aufschreibesystems, hinter dem sich auch bei Schreber das Motiv des medialen Affirmationszwangs bereits auftut), und zweitens dieses Eigene in der Struktur der Wiedergabe des syntagmatisch-metonymischen Anakoluths eines Fremden. Dies entfaltet sich, sofern es um Hören und Sprechen geht, auf der Ebene des Lauts, des Missverstehens und der ungesagten und überabzählbaren Doppeldeutigkeit. Also ist das mediale Hören, das Hören eines viszeralen Sprechens, einer viszeralisierten Sprache, Radiohören in der Weise einer fortgesetzten Kettung von überabzählbaren Missverständnissen. Insofern die homophonologischen Ketten des strukturellen Missverstehens nicht durch ein »1, 2, 3, 4...« ersetzt werden können, erwarten wir, radiohörend, ohne Unterlass ihre Fortsetzung, die sich im Unbewussten nicht abschließen lassen kann, weil sie sich in der medialen Sprache, den viszeralisierten, die Nerven verwundernden Stimmen, wie schon Schreber erfuhr, nicht abschließen lässt. Schrebers Rehabilitation, sein Versuch der Projektion seines Wahns in die Wahrheit einer Wissenschaft, ist schon deswegen gelungen, weil sie eine Dekonstruktion des elektromedialen Hörens formuliert, also die Bedingung der Möglichkeit für das, was wir tun, wenn wir Radio hören.

Die viszerale Homophonieproduktion des Sprechen/Hörens enthält aber zugleich einen sehr viel weitergehenden Hinweis auf das, was mit der gesprochenen Sprache in technischen Medien und in der gesprochenen Sprache der technischen Medien geschieht. Wo im Schreber'schen System, in seiner überkomplexen Konstruktion einer medial/mediumistischen Sprache, am Ende die Entdeckung des Unbewussten in der Sprache wortwörtlich fällig wird, liegt die Einsicht nahe, dass das Unbewusste selbst, das leicht als zentrales Movens einer anthropologisch gedeuteten Evolution einer »neuartige[n], im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert errungene[n] Höchstwertposition des Individuums«348 missverstanden werden kann, in Wirklichkeit nichts, aber auch garnichts Anthropologisches hat.

Deshalb ist auch noch keiner, der Schrebers Buch von A bis Z gelesen, ohne Schrecken davongekommen. Die Struktur der Psyche, so ahnen wir es, ist ausschließlich gewirkt aus den Sprachen, die uns umgeben; welche aber, seit es elektrische Medien gibt, an diesen gebrochen werden; so als seien die technisch-elektrischen Medien Polarisationsfilter, die uns hinter den >langues< überhaupt das erste Mal eine >langage< zu erkennen gegeben haben; interferiert um den Preis des Verlustes an Geborgenheit in unserem Sein; im Tausch gegen Zugewinn an der Dimension des Unbewussten und des Wissens.

 

Literatur

(Zitierweise: [Autor], [erstes Hauptwort im Titel]:[Jahr], [Seite].)

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1. Thomson, Rays:1897, 302.

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5. Crookes, Address:1897, 350ff.

6. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 123. Ich zitiere nach der Originalpaginierung.

7. Kittler, Aufschreibesysteme:1987, 298.

8. Vgl. Mehrtens, Moderne:1990, 399ff.

9. 1884 treten die »Krankheiten« (vgl. 34f.) das erste Mal auf, 1894 wird Senatspräsident Dr. Daniel Paul Schreber zum zweiten Mal in der Nervenklinik des Prof. Flechsig interniert, danach mehrfach verlegt, 1902 entlassen, 1907 ein drittes und letztes Mal hospitalisiert bis zu seinem Tode.

10. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 61 u. passim.

11. 426.

12. 269.

13. 442.

14. Z.B.: »Aerztliche Zimmergymnastik oder Darstellung und Anwendung der unmittelbaren ... heilgymnastischen Bewegungen«, 9. Auflage, Leipzig 1863.

15. Ein Linné-Schüler und -Propagandist in Deutschland. Vgl.: »Die Säugthiere in Abbildungen nach der Natur mit Beschreibungen«, Erlangen 1775.

16. Z.B.: »Ein Vorschlag zur Anlegung eines öffentlichen Getreydemagazins, zu Jedermanns Vortheil und Niemandes Nachtheil«, Leipzig 1771.

17. Z.B.: »Ex politicis de cognoscendis rerum publicarum statibus«, Wittenberg 1671.

18. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, IV.

19. 494.

20. Leipzig 1858.

21. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 134.

22. Emil Kraepelin, *1865, |1926, deutscher Psychiater. Einteilung der Psychosen in die beiden Formenkreise »dementia praecox« und »manisch-depressives Irresein«. Schreber las Kraepelin, Psychiatrie:1899.

23. Was, wenn man die Krankenakten liest, durchaus auch als Schutz der 15 Jahre jüngeren Frau Sabine vor dem übermächtigen Mann gelesen werden kann, vgl. Baumeyer, Fall:1955.

24. Haeckel, Ernst: Natürliche Schöpfungsgeschichte: Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwickelungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen. Mit 16 Taf., 19 Holzschnitten, 18 Stammbäumen u. 19 systematischen Tab. Berlin:Reimer 1868.

25. Caspari, Otto: Die Urgeschichte der Menschheit mit Rücksicht auf die natürliche Entwickelung des frühesten Geisteslebens. Leipzig:Brockhaus 1873ff.

26. Du Prel, Karl: Entwicklungsgeschichte des Weltalls: Entwurf einer Philosophie der Astronomie. 3. verm. Aufl. der Schrift: Der Kampf ums Dasein am Himmel, Leipzig:Günther 1882.

27. Mädler, Johann Heinrich von: Der Wunderbau des Weltalls, oder Populäre Astronomie; Nebst einem Atlas: astronomische Tafeln, Abbildungen und Sternkarten enthaltend. 6. Aufl. Berlin 1867.

28. Krause, Ernst Ludwig (Pseud. Carus Sterne): Werden und Vergehen, eine Entwicklungsgeschichte des Naturganzen in gemeinverständlicher Fassung. Berlin:Borntraeger 1876.

29. Himmel und Erde. Illustrierte naturwissenschaftliche Monatsschrift. Berlin und Leipzig, 1.1889 - 27.1915.

30. Neumayr, Melchior: Erdgeschichte. Leipzig:Verlag des Bibliographischen Instituts 1886-87.

31. Ranke, Johannes: Der Mensch. Leipzig:Bibliographisches Institut 1886.

32. Die Gegenwart. Zeitschrift fuer Literatur, Wirtschaftsleben und Kunst. Berlin 1.1872 - 52.1897.

33. 65. Vgl. auch Schreiber, Schreber:1987, 14ff; leider sind Elisabeth Schreibers Hinweise auf den »Zeitgeist« weder kultur- noch wissenschaftshistorisch reflektiert und kommen von daher an Schrebers Diskurs nicht heran. - Han Israëls' Bewertung der von Schreber »in den zehn Jahren vor seinem zweiten Krankheitsausbruch« gelesenen Literatur ist durchaus wegweisend, aber möglicherweise folgenreich verkürzt. Es sei eine »hauptsächlich darwinistische Literatur« gewesen, auf die einzugehen, »den engen biographischen Rahmen, den ich mir gesteckt habe, sprengen« würde. Dadurch sind Israëls wesentliche Einsichten in den Prätext wichtiger Diskursfiguren Schrebers entgangen, die zudem nicht so sehr im darwinistischen Kontext, sondern in dem darin kamouflierten des sogenannten >modernen Spiritismus< gegeben sind. Israëls, Schreber:1989, 146.

34. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, VIIf.

35. X.

36. ebd.

37. 1889, also in der >gesunden< Interimszeit, veröffentlicht Carl Du Prel, einer der Lieblingsautoren Schrebers, »Das hypnotische Verbrechen und seine Entdeckung« (München 1889). Ob Schreber dieses psychojuristische Schriftchen gelesen hat wissen wir nicht. Carl Du Prel ist einer jener Popularautoren des 19. Jahrhunderts, die, ohne Universitätsanbindung und Lehrstuhl, ohne Kontrolle und Rücksicht auf eine wissenschaftliche Gemeinschaft, die bürgerliche Idolatrie vom Universalgelehrten im erstarkenden wilhelminischen Reich repräsentieren. Du Prel kolportiert im »hypnotischen Verbrechen« in Auszügen »De la suggestion et du somnambulisme dans leurs rapports avec le jurisprudence et la médicine légale« (Paris:Doin 1889) von Liegeois, einem Professor aus der Schule von Nancy; es werden hypnotische Experimente, »hypnotische Verwandlung der Persönlichkeit«(31), »Suggestionen ... auch brieflich, ja solche durch Telephon«(34), »posthypnotische Illusionen«(22) etc. geschildert, sowie das »posthypnotische« Begehen lassen von Straftaten: »Zahlungsversprechen, Ausstellung von Bürgschaften und Schuldscheinen«, Diebstahl etc. Du Prel: »Ein posthypnotischer Befehl kann auch den Wiedereintritt des Schlafes zu beliebiger Stunde zum Gegenstand haben. Bei den Versuchen der >Psychologischen Gesellschaft< in München wurde häufig der Versuchsperson - Fräulein Lina - der Befehl erteilt, nach dem Erwachen wieder einzuschlafen, sobald ihr ein bestimmtes Wort zugerufen oder sobald sie das aufgeschriebene Wort sehen würde. Der Erfolg trat meistens schon nach wenigen Sekunden ein, trotzdem das Experiment oft noch durch Gedankenübertragung erschwert war, indem der Hypnotiseur die betreffendeVisitenkarte oder Photographie nur stillschwegend fixierte, bei deren Anblick der Schlaf eintreten sollte, und der auch eintrat...«(13f) Einen solchen Autor gegen die erstarkenden Universitätswissenschaftler a la Flechsig und Kraepelin zu zitieren wäre >undialektisch<.

38. Kraepelin, Psychiatrie:1899, 76.

39. Flechsig, Gehirn:1894, 6.

40. 24.

41. 61.

42. Vgl. Tafel V, Figur 9.

43. 21.

44. Kraepelin, Psychiatrie:1899, 24.

45. »Ich gehöre eben unter gebildete Menschen, nicht unter Verrückte«. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 281.

46. 358f.

47. Vgl. u.a. Bretschneider, Streit:1962.

48. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 8.

49. 20.

50. Flechsig, Gehirn:1896, 24.

51. Kittler, Aufschreibesysteme:1987, 303.

52. »Die Beobachtung des Präsidenten Schreber zeigt mikroskopische Dinge in vergrößerter Form«, Lacan, Psychoses:1955/1981, 94. Die Übersetzung verdankt dem Hamburger Übersetzungsseminar (Typosskript o.J.) hier wie in folgenden Zitaten wertvolle Hilfe.

53. Vgl. »Wie ich Spiritist geworden bin« in: Du Prel, Spiritismus:1893, 5ff.

54. Du Prel, Entwicklungsgeschichte:1882, 354.

55. Ruder Josip Boskovich, *1711, |1787, kroatischer Physiker, Mathematiker und Astronom, Jesuit, Professor in Rom, arbeitete über Kegelschnitte und sphärische Trigonometrie. Von großem Einfluss war sein Modell des Atoms, das er als ausdehnungslosen von einer Kraftatmosphäre umgebenen, mathematischen Punkt definierte.

56. John Dalton, *1766, |1844, englischer Chemiker und Physiker; verfasste die erste chemische Atomgewichtstabelle (1803); formulierte grundlegende chemische und physikalische Gesetze (Gewichtsverhältnisse von Verbindungen, Druck von Gasgemischen); entdeckte die Rotgrünblindheit (Daltonismus)

57. Ein Beispiel für das Unerwähntlassen des abgründigen Spiritismus bei Zöllner unter gleichzeitig liebevoll genauer Darstellung seines wissenschaftlichen Werks, in Krafft, Selbstverständnis:1982, 161ff.

58. Du Prel, Entwicklungsgeschichte:1882, 359.

59. Ein von Maupertius, *1698, |1759, aufgestelltes »Minimalprinzip«, nach dem bei jeder Veränderung in der Natur die dazu verbrauchte Aktion so klein wie möglich ist.

60. Du Prel zitiert Zöllner, Natur:1872, 326: »Alle Arbeitsleistung der Naturwesen werden durch die Empfindung der Lust und Unlust bestimmt, und zwar so, daß die Bewegungen innerhalb eines abgeschlossenen Gebietes von Erscheinungen sich so verhalten, als ob sie den unbewußten Zweck verfolgen, die Summe der Unlust auf ein Minimum zu reduzieren.«

61. Haeckel, Welträthsel:1899, 91.

62. Zu ihnen zählten Haeckel, Zöllner, Du Prel oder Hartmann z.B. Helmholtz und Flechsig.

63. Du Prel, Entwicklungsgeschichte:1882, 359.

64. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 8.

65. »Er zieht sich aus der Affäre, nicht wahr, wie man es gewöhnlich macht in der Sprache, die man die Metaphysik nennt, einer Kommunikation, die im Blick auf ihr Objekt zu verschieden ist, wenn man absolut nicht weiß, wie man zwei Ausdrücke versöhnen soll, die Freiheit und die transzendentale Notwendigkeit, z.B.« Lacan, Psychoses:1955, 81.

66. vgl. Apke, Okkultismus:1995, Henderson, Dimension:1983, Hagen, Okkultismus:1999.

67. Mehrtens, Moderne:1990, 46ff.

68. Vgl. Simonyi, Kulturgeschichte:1995, 420ff.

69. Fechner, Paradoxa:1846, 28f.

70. Vgl. Arens, Metaphysik:1995.

71. Vgl. Meinel, Zöllner:1991, 10ff; zum Streit um die Veränderung des Verhältnisses Universität/Industrie/Staat allgemein vgl. Busch, Geschichte:1959.

72. Cahan, Anti-Helmholtz:1994, 332.

73. Thomson/Tait, Handbuch:1871.

74. »Ueber die Natur der Cometen. Beyträge zur Geschichte und Theorie der Erkenntniss«, Leipzig 1972.

75. Helmholtz verrate die »deutsche Wissenschaft«, sei ein unpatriotischer »simpler Professor«, der sich selbst einbilde, ein »eleganter Mann« zu sein, weil er gutbezahlte öffentliche Vorträge vor den Damen und Herren der Gesellschaft abhalte und damit seine Berufung als Wissenschaftler verfehle. Vgl. Cahan, Anti-Helmholtz:1994, 333.

76. James Clerk Maxwell, *1831, |1879, schottischer Physiker; der bedeutendste theoretische Physiker des 19. Jh.; stellte 1873 die Maxwellschen Gleichungen (Maxwellsche Theorie) auf und gab damit die theoretischen Grundlagen für die von M. Faraday u. H.Ch. Oerstedt gefundenen Zusammenhänge zwischen Strom und Magnetfeld. Nach Maxwell (1865) besteht auch das Licht aus kurzen elektromagnetischen Wellen. 1887 wies H. Hertz die von Maxwell vorausgesagten Wellen (Rundfunkwellen) nach. Weiterhin stellte Maxwell die kinetische Gastheorie auf (Maxwell-Verteilung).

77. Wilhelm Weber, *1804, |1891, deutscher Physiker, 1831-37 (gehörte zu den »Göttinger Sieben«) und ab 1849 in Göttingen; arbeitete an der Erforschung des Elektromagnetismus, entwickelt mit F. Gauss 1833 einen elektromagnetischen Telegrafen; stellt eine atomistische Theorie der elektrischen Ladung auf; mit Kohlrausch 1856 Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit aus elektrischen Messungen.

78. Michael Faraday, *1791, |1867, englischer Naturforscher; entdeckte die Verflüssigung von Chlor, Kohlensäure und Ammoniak, das Benzol, die elektromagnetische Induktion, den Diamagnetismus, die Drehung der Polarisationsebene eines Lichtstrahls durch ein Magnetfeld (Faraday-Effekt) und die nach ihm benannten Grundgesetze der Elektrolyse.

79. John Tyndall, *1820, |1893, irischer Physiker; untersuchte u.a. die Thermoelektrizität. - Tyndall-Effekt, Erscheinungen bei der Zerstreuung von Licht durch kleinste (kolloidale) Teilchen: blaues Licht wird stets stärker getrennt als rotes; darauf beruht die blaue Himmelsfarbe.

80. Helmholtz an Tyndall, 23. Juni 1872, zit. in: Cahan, Anti-Helmholtz:1994, 334, meine Übersetzung.

81. Ebd. Aus Cahans Quelle, dem Tyndall-Nachlass in der Royal Society, geht leider nicht hervor, ob dieser Brief im Original auf englisch oder deutsch vorliegt.

82. Nämlich Tait mit dem einflussreichen Buch: Stewart, Balfour/Peter Guthrie Tait: »The Unseen Universe; or Physical Speculations on a Future State«, London 1875; und Lodge mit z.B.: Lodge, Oliver: »Das Fortleben des Menschen. Eine wissenschaftliche Studie über die okkulten Fähigkeiten des Menschen«, Leipzig:Baumann o.J.

83. Ein treffender Ausdruck von Mehrtens, in Mehrtens, Moderne:1990, 58.

84. Riemann, Hypothesen:1854/1990, 305.

85. »Über die Hypothesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen«, Riemann, Hypthesen:1854.

86. »Über die Thatsachen, die der Geometrie zum Grunde liegen«, Helmholtz, Thatsachen:1868

87. »Ueber den Ursprung und die Bedeutung der geometrischen Axiome«, Helmholtz, Ursprung 1876.

88. »Die Tatsachen in der Wahrnehmung«, Helmholtz, Tatsachen:1878.

89. 267.

90. Helmholtz, Ursprung:1876, 199.

91. Sir William Crookes, *1832, |1919, englischer Physiker und Chemiker; entdeckte das Thallium, erfand das Radiometer, forschte über Kathodenstrahlen.

92. »Über den Raum von Vier Dimensionen«, in Zöllner, Abhandlungen:1878:III.

93. Zöllner, Physik:1979, 239f.

94. Helmholtz: »Meine Herren, Sie haben es mit einem äußerst gewandten Prestidigateur (Schnellfingerer, W.H.) zu tun gehabt - die unsrigen leisten schon Erstaunliches, die amerikanischen oft noch mehr ... Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und empfehle die größte Vorsicht«. Zit. nach Kurzweg, Geschichte:1976, 27.

95. »In der ganzen Welt redet man nicht vom Unbewussten, weil es seinem Wesen nach ungewusst ist; nur in Berlin redet und weiss man etwas davon und erzählt uns, worauf es eigentlich abgesehn ist. Nämlich darauf, dass unsre Zeit gerade so sein muss wie sie ist, wenn die Menschheit dieses Dasein einmal satt bekommen soll: was wir von Herzen glauben -- während nur E. von Hartmann es weiss. (...) Moral: es steht ganz und gar erbärmlich, es wird noch erbärmlicher kommen, aber es muss so stehen, es muss so kommen(...) Aber wir sind auf dem besten Wege mit dem allem: >darum rüstig vorwärts im Weltprozess als Arbeiter im Weinberge des Herrn, denn der Prozess ist es allein, der zur Erlösung führen kann<. (...) Hartmann [hat] geradezu die Weltprozess-Philosophie als eine Philosophie für zeitgenössisches Strolchthum geschrieben ... Das ist der eigentliche Reiz bei allen Erfindungen Hartmann's: der Wissende fühlt, dass er es gar nicht ernsthaft meint, ausser so weit es nöthig ist, die Unwissenden zu biederem Ernste zu verführen.« Nietzsche, Werke:1988:7, 655.

96. Abbott, Flächenland:1884/1981.

97. Haeckels Kosmologiekapitel propagiert diese »monistische Überzeugung der Einheit von Gott und Welt«. Haeckel, Welträthsel:1899, 117.

98. Vgl. DuPrel, Entwicklungsgeschichte:1882, 61ff.

99. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 72f.

100. »Entscheidend für meinen geistigen Zusammenbruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine ganz ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes Dutzend) in dieser Nacht hatte. Von nun an traten die ersten Anzeichen eines Verkehrs mit übersinnlichen Kräften, namentlich eines Nervenanhangs hervor, den Professor Flechsig mit mir in der Weise unterhielt, daß er zu meinen Nerven sprach, ohne persönlich anwesend zu sein. Von dieser Zeit ab gewann ich den Eindruck, daß Professor Flechsig nichts Gutes mit mir im Schilde führte. Bestätigung schien mir dieser Eindruck dadurch zu finden, daß Professor Flechsig, als ich einmal bei einem persönlichen Besuch ihn aus Gewissen fragte, ob er wirklich and ei Möglichkeit einer Heilung bei mir glaube, zwar gewisse Vertröstungen abgab, aber - so schien es mir wenigstens - mir dabei nicht mehr in die Augen sehen konnte.« 101f.

101. »Alles deutet darauf hin, daß die Psychose keine Vorgeschichte hat. Es fügt sich nur, daß, falls unter besonderen Bedingungen, die präzisiert werden müßten, etwas in der Außenwelt erscheint, das nicht ursprünglich symbolisiert wurde, sich das Subjekt als absolut unfähig erweist, die >Verneinung< hinsichtlich des Ereignisses hinzubekommen.« Lacan, Psychoses:1955/1981, 100.

102. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 66.

103. 25.

104. 24f.

105. »Das Wichtige ist, daß sie erfassen, daß das »Du« weit davon entfernt ist, einen eindeutigen Wert zu haben und also zu erlauben, den anderen zu hypostasieren. Das »du« ist im Signifikanten das, was ich eine Art nenne, den anderen an den Angelhaken zu kriegen, ihn im Diskurs an den Angelhaken zu kriegen, ihm die Bedeutung einzuhaken. Es ist überhaupt nicht mit dem Angesprochenen, dem nämlich, zu dem man spricht, zu verwechseln (...) Jenes »du«, das ein Einhaken in den Diskurs ist, eine Art, es in der Wellenlinie der Bedeutung zu situieren, die uns Saussaure darstellt, parallel zur Wellenlinie des Signifikanten. Das »du« ist das-an-die-Angel-kriegen des anderen in der Woge der Bedeutung.« Lacan, Psychoses:1955/1981, 337; vgl. auch 307ff.

106. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 47.

107. 90.

108. 148.

109. 122f.

110. 216.

111. Gemeint ist natürlich der Zöllner/Helmholtz-Streit.

112. »Bibliothek des Spiritualismus für Deutschland«

113. Gauld, Founders:1968, 4ff.

114. Vgl. die Schilderung der langen, vielschichtigen Tradition des Leipziger Mediumismus-Spiritismus in Kurzweg, Geschichte:1976, 18ff.

115. Vgl. Crookes, Spiritualismus:1872; auch Kurzweg, Geschichte:1976, 25ff.

116. Ebd.

117. 1882, drei Jahre früher als Hartmann, schreibt Nietzsche, in Vorbereitung auf eine Séance, die er wenige Wochen später, auf deren Bitte, mit seiner Freundin Lou Andreas Salome und dem (auch von Zöllner untersuchten) Medium »Madame d'Espèrance« (alias Elisabeth Hope) in Leipzig haben wird: »Zur Erklärung der sogenannten >spiritistischen Erscheinungen<. Ein Theil der intellektuellen Funktionen des Mediums verlaufen ihm unbewußt: sein Zustand ist darin hypnotisch (Trennung eines wachen und schlafenden Intellekts). Auf diesen unbewußten Theil concentrirt sich die Nervenkraft. -- Es muß zwischen den durch die Hände verbundenen Personen eine elektrische Leitung nach dem Medium zu stattfinden, vermöge dessen Gedanken einer jeden Person in das Medium übergehen. Eine solche Leitung von Gedanken ist nicht wunderbarer als die Leitung vom Gehirne zum Fuße, im Fall eines Stolpern, innerhalb Eines Menschen. Die Fragen werden durch die Intellektualität der betheiligten Personen beantwortet: wobei das Gedächtniß oft etwas leistet und bietet, was für gewöhnlich vergessen scheint. Folge der nervösen Emotion. -- Es giebt kein Vergessen. -- Auch unbewußter Betrug ist möglich: ich meine, ein betrügerisches Medium fungirt mit allerlei betrügerischen Manipulationen, ohne darum zu wissen: seine Art Moralität äußert sich instinktiv in diesen Handlungen. -- Zuletzt geht es immer so zu, bei allen unseren Handlungen. Das Wesentliche verläuft uns unbewußt, und der Schelm ist sich unbewußt hundertmal mehr und häufiger Schelm als bewußt. Elektricitäts-Erscheinungen, kalte Ströme, Funken sind möglich dabei. Gefühle Angefaßt-werden können die Sache der Täuschung sein, Hallucinationen der Sinne: wobei möglich ist, daß es für mehrere Personen Hallucinations-Einheit giebt. (Wie bei den alten orgiastischen Culten)« (Nietzsche, Werke:1988:10, 17) Am 2. Oktober findet die Séance statt (»heute werden die Geister >erschinen<, z. B. >die russische Nonne< und das >Kind<. - Zwei Ärzte sind zugegen« (Nietzsche, Briefe:1986:6, 269) und am Folgetag ist der Spuk vorbei. Nietzsche schreibt am 3.10.1882 an Köselitz: »Lieber Freund, der Spiritism ist eine erbärmliche Betrügerei, welche nach der ersten halben Stunde langweilt. Und dieser Prof. Zöllner hatte sich von diesem Medium täuschen lassen! Kein Wort mehr davon! Ich hatte Andres erwartet und war im Voraus mit 3 schönen physiologisch-psychologisch-moralischen Theorien sichergestellt: aber ich brauchte meine Theorien gar nicht! --« (Ebd.) Die Theorien: der Diskurs einer para-elektrischen Psychophysik des Unbewußten, der unentschieden bleibt in Bezug auf die Frage, ob sie eventuell nun doch empirisch und experimentell, z.B. durch Séancen-Erfahrung, bewiesen werden könnte. - Einstweilen reist Anfang November 1882 Lou ab, Nietzsche und Lou werden sich nicht wiedersehen. Vgl. Small, Nietzsche:1994, 297ff.

118. Wieder eine hartmannsche »Schalk«-Logik: »Hätte man es, wie Zöllner meint, bei diesen Erscheinungen mit einer vierten Dimension des realen Raums zu thun, so könnte man wohl Einführung materieller Objekte erwarten, die nicht zu unserer dreidimensionalen Welt gehören; das Gegentheil lässt darauf schließen, dass Zöllners Erklärung nicht die richtige ist.« Hartmann, Spiritismus:1885, 45.

119. 27.

120. 36f, 39f, 46f, 50.

121. »Nun will ich mich«, »Sie sollen nämlich«, »Das will ich mir«, »Nun muß er doch«, »Fehlt uns nun der Hauptgedanke«, Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 241.

122. Vgl. Davies, Superstrings:1992.

123. Gemeint ist die Gleichung der Riemann'schen Raummetrik, die Einstein für seine Allgemeine Relativitätstheorie verwendet, in der physikalisch durch eine Funktion der Gravitationsmetrik gut definiert ist. »Die Struktur eines solchen Raums unterscheidet sich in einer Beziehung ganz prinzipiell von der eines euklidischen Raums.... Die Struktur des Raums ist erst dann wirklich bestimmt, wenn diese Funktionen wirklich bekannt sind. Man kann auch sagen. Die Struktur eines solchen Raums ist an sich völlig unbestimmt« (Einstein, zit. nach Simonyi, Kulturgeschichte:1990, 421f.).

124. Baumeyer gibt, anhand der wiederaufgefundenen Reste von Schrebers Krankenakten, ein klares Bild von der sowohl hereditären wie auch komplexen Entwicklungsgeschichte von Schrebers Wahn. Vgl. Baumeyer, Fall:1955, 514ff.

125. Israëls, Schreber:1980/1989, 137ff .

126. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 89.

127. Flechsig, Gehirn:1896, 30.

128. Hartmann, Spiritismus:1885, 26.

129. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 130.

130. 128.

131. 130.

132. Aksakov, Animismus:1890/1898, 348ff.

133. 374ff.

134. 380ff.

135. 461ff.

136. 420ff.

137. 540ff.

138. 554ff.

139. Ein ominöser »wirklicher« Staatsrat des russischen Zaren, der, über ein beträchtliches Vermögen verfügend, von Petersburg aus die Publikationen der Redaktion und die Zeitschrift »Psychische Studien« in Leipzig finanziert und kontrolliert hat. Vgl. Kurzweg, Geschichte:1976, 24.

140. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 339.

141. 322.

142. 322f.

143. Hartmann, Spiritismus:1885, 80.

144. Vgl. Lodge, Record:1890

145. Hartmann, Spiritismus:1885, 80f.

146. 80, 82.

147. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 331.

148. Lacan, Frage:1958, 96f.

149. Du Prel, Spiritismus:1893, 79f.

150. »[Das Klavierspielen] ist eine der adäquatesten Formen des sog. Nichtsdenkungsgedankens, um den man mich betrügen wollte, indem dabei, wie es in der Seelensprache genannt wurde, der >musikalische Nichtsdenkungsgedanke< zur Geltung kommt«, Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 169. Zu der methodisch verkürzten Husserl-Schreber-Adorno Analogie verbunden mit dem wenig überzeugenden Versuch, Schrebers Seelensprache als Protophänomenologie zu lesen vgl. Hentschel, Sache:1992.

151. Hartmann, Spiritismus:1885, 83.

152. Nietzsche, Werke:1988:7, 655

153. Die Schwestern Fox endeten in Armut und Alkohol. 1888 gab Margaret Fox (gegen ein gutes Honorar) die Erklärung ab, alles sei Betrug gewesen; 1898 widerrufen die Schwestern das Geständnis; vgl. Goldfarb, Spiritualism:1978, 35.

154. Mrs. Fox: »Affidavit« vom 4. April 1848, zit nach Rev. Simeon Stefadinikis, Chef der »First Spiritual Temple«-Sekte, die sich auf die »Fox-Raps« gründet. www.fst.org.

155. In England, wohin die von den Fox-Raps ausgehende Bewegung nach 1850 herrüberschwappt, werden die Zeitschriften, die das berichten, so heissen: »Yorkshire Spiritual Telegraph«, »British Spiritual Telegraph«, »Herald Telegraph«, vgl. Gauld, Founders:1968, 69.

156. Samuel Finley Breese Morse, *1791, |1872, US-amerikanischer Maler (Porträts und Landschaften im Stil der Romantik) und Erfinder.

157. Gööck, Erfindungen:1988, 54f. Vgl. Oliver, Geschichte:1959, 181.

158. Vgl. Aschhoff, Geschichte:1995, 192.

159. Samuel B. Morse, Memorandum an den »Secretary of the Treasury«, 27.9.1937, zit. nach Ashhoff a.a.O.

160. Eine Spielart der mesmeristischen Hypnotiseure, die zu Hunderten die vor allem weibliche begüterte Gesellschaft New Yorks bedienen; vgl. Kerner, Magikon:1845, 293 und Kiesewetter, Geschichte:1891, 417f.

161. Oliver, Geschichte:1959, 114.

162. Emanuel Swedenborg *1688, |1772. Der schwedische Naturforscher und Privatgelehrte Swedenborg - Astronom, Physiologe, Mathematiker und Bergbauingenieur - macht im 18. Jahrhundert durch Vorhersagungen von Feuersbrünsten und Menschenschicksalen auf sich aufmerksam. »Daher ist Schwedenberg das rechte Orakel der Geister, welche ebenso neugierig sind in ihm den gegenwärtigen Zustand der Welt zu beschauen, als er es ist in ihrem Gedächtniß wie in einem Spiegel die Wunder der Geisterwelt zu betrachten«, (Kant: »Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik«, Schriften:1902:II, 362).

163. Zur »Geschichte« des Okkultismus vgl. die (teilweise höchst affizierte) »Übersichtsliteratur«: Kerner, Magikon:1840ff; Edmonds, Spiritualismus:1874; Hardinge-Britten, Miracles:1884; Capron, Spiritualism:1885; Aksakov, Animismus:1890; Kiesewetter, Geschichte:1891; Podmore, Mediums:1897; Moser, Buch:1935; Gauld, Founders:1968; Kerr, Mediums:1972; Moore, Search:1977; Goldfarb, Spiritualism:1978; Oppenheim, World:1985. Diese Bücher zeigen eins ums andere, dass eine Geschichte des Okkultismus keine Wahrheiten enthält, die sich ungestört erzählen liessen.

164. Vgl. Gööck, Erfindungen:1988, 57.

165. Capron, Spiritualism:1885.

166. ...und seine Version der Okkultismus-Geschichte überliefern wird, s.o.

167. Vgl. Gauld, Founders:1968, 8ff.

168. Vgl. 15.

169. Benjamin Franklin, *1706, |1790, US-amerikanischer Politiker, Schriftsteller und Naturforscher (»Erfinder« des Blitzableiters); Elektrizitätstheoretiker; entscheidende Mitarbeit an der Unabhängigkeitserklärung und der amerikanischen Verfassung.

170. Janet, L'automatisme:1889.

171. Hardinge-Britten, Miracles:1870, 105f; vgl. Gauld, Founders:1968, 17.

172. Vgl. die ausführliche Darstellung des Morse-»Key« bei Aschhoff, Geschichte:1995, 195ff.

173. Da ich beeindruckt bin von den Tricks eines David Copperfield und dieser nicht Führer einer spiritistischen Bewegung sein will, stelle ich nur fest, dass Capron, Hardinge-Britten und Edmonds (s.o.) Akteure der >spiritistischen Bewegung< waren, in deren Séancen vermutlich nichts weniger Zauberhaftes geschah als in Copperfields Tricks.

174. Kiesewetter, Geschichte:1891, 421f; vgl. die Zitate im »Preface« von Davis, Principles:1847, 7ff.

175. Sagt selbst Kiesewetter, Geschichte:1891, 420.

176. Zumbach, Poe:1986, 504.

177. »Verblüffende Nachrichten per Express via Norfolk! Atlantik in drei Tagen überquert! Riesenthriumph für Mr. Monck Mason und seine Flugmaschine«, Poe, Werke:1966:II, 556.

178. Beispiel sowohl dafür, wie der gesellschaftsfähige »moderne Spiritismus« Amerikas sich in den vierziger und fünfziger Jahren transportiert, als auch, wie Poe sein Geld verdient: The Columbian Lady's and Gentleman's Magazine, 08/1844; The New World 08/1844; Saturday Museum 08/1844; Tales, 1845; Universalist Watchman, 08 u. 09/1845; Star of Bethlehem, 10/1845; The Popular Record of Modern Science, 10/1845.

179. Révélation magnétique, in: La Liberté de penser, 07/1848.

180. Poe weiss wie's geht: Franz Anton Mesmer (*1734, |1815), der zunächst in Wien als Arzt in der Tradition der mit einem Magnetstein operierenden Paracelsus-Medizin eine Praxis unterhielt (und Vater Mozart behandelte), entdeckte nach seiner erzwungenen Übersiedlung nach Paris als erster, dass die sedierende Wirkung der Magnetstein-Berührungen auch ohne Magnetstein funktioniert, - womit die Geschichte der Hypnose (ein späterer Begriff des Engländers Braid) beginnt. Die Mesmeristen werden von den französischen Revolutionären (mit prominenter Hilfe Benjamin Franklins) als Vertreter des ancient regime bekämpft; viele Mesmeristen fliehen aus Paris, Franklin hin, Franklin her, nach New York.

181. Poe, Werke:1966:II, 815ff

182. Vgl. Kuno Schumanns und Hans Wollschlägers Anmerkungen in Poe, Werke:1966:II, 1138. Zwei spiritistische Blätter drucken den Text. Zunächst »The American Phrenological Journal«(!), in der Annahme, es handele sich um einen authentischen Bericht aus dem Jenseits. Im Oktober 1845 muss sich der Herausgeber dafür entschuldigen. Vgl. Jackson/Thomas, ???:1987, 572ff. Dann auch »The Star of Bethlehem« im Oktober 1845.

183. In Marginalia, August 1845, vgl. 1139.

184. Vgl. Jackson, Log:1987, 468.

185. Es handelt sich um George Bush, der spätere Sponsor des legendären, den englischen Chemiker Crookes verblüffenden Mediums D.D. Home, vgl. Goldfarb, Spiritualism:1978, 29. Bush ist zugleich der Gewährsmann für die Davis-Ausgaben im fernen England, dessen Aussagen über Davis für den englischen Herausgeber zum Beweis der >Echtheit< der Davis'schen Tranceschriften herangezogen werden! Vgl. Bush zit. in Davis, Principles:1847, 7ff.

186. Zit. nach Zumbach, Poe:1987, 510.

187. Poe, Werke:1966:II, 896 und Anmerkungen dazu: 1152ff; Paul Valery wird dieses Werk mit einer überwältigenden Eloge in die Literaturgeschichte zurückbringen.

188. Kiesewetter, Geschichte:1891, 425.

189. Davis, Andrew Jackson: Lectures on Clairmativeness, New-York:Searing & Prall, 1845, 40 Seiten.

190. Aus Davis »The Magic Staff; An Autobiography« New York 1857, zit. nach Jackson, Log:1987, 619.

191. In dem Vorwort zu »Mellonta Tauta« taucht Davis als »mein Freund Martin van Buren Mavis (gelegentlich auch >Poughkeepsie Seer< genannt)« (II, 624) wieder auf; eine Anspielung auf den Nachfolgepräsidenten Andrew Jacksons (1829-1837), der Poe verhasst war: Martin van Buren (1837-1841). »Mavis« = »Schnapsdrossel«.

192. Die Abschirmung des literarischen gegen den nicht weniger fiktionalen Diskurs des Spiritismus setzt sich erfolgreich noch bei den Besten durch: Wollschläger und Schumann, die Übersetzer und Kommentatoren der deutschen Poe-Ausgabe, tun so, als existierte kein Autor namens Andrew Jackson Davis.

193. Die 1., 3. und 4. New Yorker Auflage, 1847, sowie die Ausgabe London 1847 sind in der Library of Congress nachgewiesen.

194. Natürlich bei Mutze in Leipzig durch Alexander Aksakov.

195. Kerr liest das Verhältnis Davis/»Fox-Raps« sogar so: »Andrew Jackson Davis, the young Poughkeepsie seer whose clairvoyant prophecies had already generated a school of Harmonial Philosophy, was quick to see that the Foxes were fulfilling his recent prediction that communication between man and spirit would soon be dramatically demonstrated«. Tatsächlich beginnt die Fox-Gauklerei nach Veröffentlichung des 1847er Buches von Davis; vgl. Kerr, Mediums:1972, 6.

196. Dtsch: Die Philosophie des geistigen Verkehrs: eine Erklärung der neueren mystischen Erscheinungen / von Andrew Jackson Davis. Aus der 17. amerikan.-engl. Ausgabe übersetzt und hrsg. von Philipp Walburg Kramer. - Billige deutsche Volksausg. München: Büttner, 1875. Unabhängig davon auch: Leipzig 1884.

197. Kiesewetter, Geschichte:1891, 431.

198. Philosophie des geistigen Verkehrs, zit. nach Kiesewetter, Geschichte:1891, 432ff.

199. Vgl. Branch, Years:1934.

200. Branch, Years:1934, 367.

201. Nietzsche, Werke:1988:VIII, 392.

202. Vgl. Bitsch, xxxx

203. Schreibt Poe an Lowell im Juli 1844, vgl. Anmerkung in Poe, Werke:1966:I, 1045.

204. Lacan, Seminar:1966, 24.

205. Davis, Philosophy:1856, zit. nach Kiesewetter, Geschichte:1891, 438.

206. 440.

207. Vater Welles erfand in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts elektrische Picknickkörbe.

208. Vater Cage machte zahlreiche Erfindungen, u.a. ein magnetisches Modell, das die Einheit von Gravitation und Elektrizität demonstrieren sollte.

209. Sohn-Rethel hat unter diesem Titel 1927 (in der Frankfurter Zeitung) die Beobachtung eines fortwirkenden »Ideals« des Ingenieur/Okkult/Technischen wohl als erster registriert.

210. Bellamy, Rückblick:1888.

211. Vgl. Kiesewetter, Geschichte:1891, 443.

212. James Fenimore Cooper, *1789, |1851, US-amerikanischer Schriftsteller; schilderte das Grenzer- und Indianerleben in den »Lederstrumpf«-Romanen (u.a. »Der letzte Mohikaner«, »Der Wildtöter«).

213. Kiesewetter, Geschichte:1891, 451.

214. Gauld, Founders:1968, 29.

215. Kiesewetter, Geschichte:1891, 452.

216. Harriet Beecher Stowe, *1811, |1896, US-amerikanische Schriftstellerin. Ihr Roman »Onkel Toms Hütte«, 1852, stärkte durch die gefühlvolle Darstellung des Sklavenelends die Antisklavereibewegung in den USA.

217. Abraham Lincoln, *1809, |1865 (ermordet), US-amerikanischer Politiker (Republikaner); 16. Präsident der USA (1861-65). Lincoln hat mehrfach nachweislich an Séancen teilgenommen, vgl. Goldfarb, Spiritualism:1978, 43f.

218. Im April 1854 durch 13 Tausend Unterschriften; der Ausschuss wurde aber nicht gebildet. Vgl. Kiesewetter, Geschichte:1891, 452.

219. Goldfarb, Spiritualism:1978, 31.

220. Henry David Thoreau, *1817, |1862, US-amerikanischer Schriftsteller, »Poems of nature«.

221. Ralph Waldo Emerson, *1803, |1882, US-amerikanischer Essayist und Philosoph.

222. Vgl. Goldfarb, Spiritualism:1978, 51.

223. William James, *1842, |1910, US-amerikanischer Psychologe und Philosoph; Mitbegründer des Pragmatismus; vertrat einen radikalen Empirismus.

224. Aus »The Boston Daily Advertiser«, März 1969, zit. nach Murphy, James:1961, 21.

225. Vgl. »Spiritualism in England« in Gauld, Founders:1968, 66ff.

226. Goldfarb, Spiritualism:1978, 115.

227. Charles Dickens, *1812, |1870, englischer Schriftsteller, »Oliver Twist«, »David Copperfield«.

228. Podmore, Spiritualism:1902, 27.

229. Deren frühen »Feminismus« beschreibt: Owen, Room:1990.

230. Alfred Russel Wallace, *1823, |1913, britischer Zoologe; Wegbereiter der Abstammungslehre.

231. Sir Edward George, seit 1866 Lord Lytton of Knebworth, *1803, |1873, englischer Schriftsteller; »Die letzten Tage von Pompeji«.

232. An Lady Combermeere 1854, zit. nach Goldfarb, Spiritualism:1978, 90.

233. An John Foster, 1861, zit. nach Goldfarb, Spiritualism:1978, 91.

234. Dickens 1855, zit. nach Goldfarb, Spiritualism:1978, 95f.

235. William Makepeace Thackeray, *1811, |1863, englischer Schriftsteller; einer der Hauptvertreter des Realismus; »Jahrmarkt der Eitelkeit«.

236. Thackeray aus Amerika an Mrs. Elliot und K. Perry, 1852, zit. nach Goldfarb, Spiritualism:1978, 100f.

237. Dem Crookes offenbar auch persönlich rettungslos verfallen ist; vgl. Oppenheim, World:1985, 16ff.

238. Vgl. »Spiritualism Viewd by the Light of Modern Science«, »Experimental Investigations of a New Force«, »Some Further Experiments on Psychic Force«, in: Quaterly Journal of Science, 7, 1870.

239. Vgl. Gauld, Founders:1968, 80ff.

240. William Ewart, *1809, |1898, britischer Politiker (Liberaler); wandte sich einem Liberalismus mit pazifistisch-humanitärer Ausrichtung zu; seit 1865 Parteiführer; 1868-94 mehrfach Premierminister; Gegner B. Disraelis und der imperialistischen Außen- und Flottenpolitik.

241. Arthur James Balfour, *1848, |1930, britischer Politiker (konservativ); 1902-1905 Premierminister; 1916-19 Außenminister; gab 1917 die Balfour-Deklaration ab, in der er den Juden »eine nationale Heimstätte« in Palästina versprach.

242. Lewis Carroll, eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, *1832, |1898, Mathematikprofessor in Oxford, Logiker und englischer Schriftsteller (klassische Kinderbücher, »Alice im Wunderland«, »Alice im Spiegelreich«).

243. PSPR 1883/I, 3ff.

244. Vor dem Horizont einer Mitarbeiter Ferenczis an den PSPR diskutieren Freud und er zwischen 1912 und 1914 Konzepte der Gedankenübertragung.

245. Eines der ersten Gewährzitate, die auf Freuds Frage am Ende der »Traumdeutung«: »Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust betrieben; es ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie beherrschen...« gegeben wird, ist Du Prel, Philosophie der Mystik, vgl. Freud, Werke:1968:II/III, 616f.

246. Freud, Werke:1968:XV, 59.

247. Sir Oliver Lodge, *1851, |1840, Physikprofessor in Liverpool und Birmingham. Wies (nach Hertz) elektromagnetische Wellen in Drähten nach.

248. Lodge, Account:1884, 190.

249. Mit seinem Sohn Alfred veröffentlicht Lodge eine Wahrscheinlichkeitsanalyse der Experiment-Ergebnisse; vgl. Lodge, Note:1884.

250. Lodge, Record:1890, 451.

251. Die Bände bis einschließlich Jahrgang 1905 wurden von mir durchgesehen.

252. Freud, Werke:1968:XV, 114.

253. Lodge, Account:1884, 190f.

254. Kolb, Horoskop:1932, 52f.

255. 64f.

256. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 130.

257. Vgl. Kolb, Rundfunk:1933.

258. Vgl. Hagen, Alle:1996.

259. Lacan, Frage:1958, 63.

260. Zu den Einzelheiten vgl. Tischner, Medium:1925 und Stein, Sorcerer:1993.

261. Sir George Gabriel Stokes, *1819, |1903, britischer Mathematiker und Physiker; entdeckte die Stokes'sche Regel, nach der das Fluoreszenzlicht immer eine kleinere Frequenz hat als das erregende Licht; fand das Stokes'sche Reibungsgesetz von Strömungen.

262. Crookes, Spiritualismus:1872, 85.

263. Luigi Galvani, *1737, |1798, italienischer Arzt und Naturforscher; entdeckte 1789 bei Froschschenkelversuchen die nach ihm benannte galvanische Elektrizität. Crookes bezieht von Galvani das Motto seiner Arbeit: »Ich sehe mich von zwei einander entgegengesetzten Seiten angegriffen - von den Gelehrten und von den Unwissenden. Beide Theile lachen über mich - sie nennen mich den >Tanzmeister der Frösche<. Trotzdem weiß ich, daß ich eine der größten Naturkräfte entdeckt habe«, zit. nach Crookes, Spiritualismus:1872, 66.

264. In »The Times«, 30.6.1853 und »Athenaeum«, 2.7.1853, vgl. Gauld, Founders:1968, 68f.

265. Crookes, Spiritualismus:1872, 73.

266. 78f.

267. 69.

268. Wolfgang Pauli, *1900, |1958, schweizerisch-amerikanischer Physiker; Mitbegründer der Quantentheorie, formuliert 1924 das »Pauli-Prinzip« (Elektron-Spin-Ausschließung), 1930 Neutrino-Hypothese, 1945 Nobelpreis.

269. Pauli bezieht sich auf Soal, Experiments:1954.

270. Pauli, Physik:1961, 243.

271. Zu besichtigen im Internet unter »http://moebius.psy.ed.ac.uk/spr.html«.

272. 1906 weist Charles Glover Parka die Polarisation, 1908 Bernhard Walter die Beugung, 1912 Max von Laue die Interferenz von Röntgenstrahlen nach; bis dahin, also mehr als 20 bis 30 Jahre lang, darf über die Nicht-Licht-Ähnlichkeit dieser hochenergetischen Frequenz physikalisch weidlich spekuliert werden.

273. Crookes, Address:1897, 338.

274. »A treatise on electricity and magnetism« Oxford 1873, zwei dicke Bände mit fast 900 Seiten Umfang.

275. Oliver Heaviside, *1850, |1925, britischer Physiker und Elektroingenieur; Maxwellianer und enger Freund Lodges, der aber nicht zur engeren »community« der britischen Wissenschaft gehört; normalisiert die Vektorrechnung; entdeckte 1902 zusammen mit A. E. Kennelly die Heaviside-Schicht (auch Kennelly-Heaviside-Schicht), eine elektrisch leitende Schicht der Ionosphäre in 96-144 km Höhe, die Mittelwellen reflektiert.

276. Crookes, Address:1897, 343.

277. »The Principles of Psychology«, 1890.

278. Zit. nach Crookes, Address:1897, 348.

279. Wilhelm Conrad Röntgen, *1845, |1923, deutscher Physiker; entdeckte 1895 die nach ihm benannten Strahlen; Nobelpreis 1901.

280. Crookes, Address:1897, 350ff.

281. Max Planck, *1858, |1947, deutscher Physiker; gab als Begründer der Quantentheorie der modernen Physik eine entscheidende Prägung. Ausgehend von Untersuchungen zur Thermodynamik entdeckte er eine neue Naturkonstante, das sogenannte Planck'sche Wirkungsquantum sowie das Planck'sche Strahlungsgesetz, das die Abhängigkeit der elektromagnetischen Energie eines schwarzen Körpers von seiner Temperatur und der Frequenz der Strahlung beschreibt. - Nobelpreis 1918.

282. Crookes, Address:1897, 353.

283. Flournoy, Théodore: Die Seherin von Genf, Leipzig:1921, zit. nach Fehr, Saussure:1997, 184. Wir beziehen uns im folgenden auf diese ausführliche Einleitung von Johannes Fehr zu den jüngst auf deutsch erschienenen nachgelassenen Schriften von Saussure.

284. Saussure, 1897, zit. nach Fehr, Saussure:1997, 192f.

285. 493f.

286. 65.

287. 33.

288. Vgl. die biografische Übersicht: 504ff.

289. 59f.

290. Gemeint ist die von Saussure betonte grundsätzliche »Arbitrarität des Zeichens«, nach der gilt, dass ein sprachliches Zeichen keinen »inneren« Bezug zu seiner Bedeutung hat.

291. Zit. nach Fehr, Saussure:1997, 155f.

292. 33.

293. 130.

294. 146.

295. 201.

296. Fehrs prägnante Formel: 158.

297. 158.

298. »... sind Psychosen, bei denen alle psychopathologischen Veränderungen aus der pathologisch (z.B. ängstlich) veränderten Emotionalität heraus verstanden werden können«, Peters, Illness:1995, 471.

299. 470.

300. 476.

301. Vgl. 478.

302. 477.

303. 474.

304. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 426.

305. Im Bibliotheksverbund Bayern werden insgesamt 81 Bücher aus dem Mutze Verlag bis in das Jahr 1940 vorgehalten.

306. Kurzweg, Geschichte:1976, 22.

307. Zunächst, bis zum Frühjahr 1902, hat Schreber offenbar mit der Verlag der Bücher seines Vaters, Naurath in Leipzig, für eine Kommissionsveröffentlichung in Verbindung gestanden (Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 493). In der zweiten Jahreshälfte 1902 - man darf vermuten: nach der erfolgreichen Revision in seiner Entmündigungs-Sache, inklusive des darin enthaltenen Richterspruchs über seine fortwährende Geisteskrankheit (s.o.) - muss der Kontakt zu Mutze zustandegekommen sein. Benjamins doch etwas zu verniedlichende Schilderung des Verlages als »Sammelpunkt der possierlichsten spiritistischen Literaturprodukte« (Benjamin, Schriften:1972:IV, 616) hat vermutlich mit dazu beigetragen, dass die Schreber-Forschung bislang zu wenig Augenmerk auf die Bücher dieses Verlages selbst gelegt hat. Der Mutze-Verlag Leipzig, gegründet 1872 von Oswald Mutze, wurde 1940 durch dessen Sohn Viktor aufgelöst.

308. Max Dessoir, *1867, |1947, deutscher Philosoph und Psychologe; begründete die »Allgemeine Kunstwissenschaft«, unterschieden von der Ästhetik; prägte den Begriff Parapsychologie.

309. Tatsächlich findet sich auf der 1892er Liste der »Corresponding Members« der Eintrag »Professor Dr. Heinrich Hertz, The University, Bonn«. Dem ging ein Briefwechsel voraus, in dem Hertz freilich jegliche aktive Teilnahme an der Society ablehnt. Vgl. Hertz an Lodge, 18.1.1891 in O'Hara, Hertz:1987, 98. Allerdings ist unsere Kenntnis von der Hertz-Korrespondenz mit den Maxwellianern, insbesondere mit Lodge, möglicherweise unvollständig. Es existiert, nach mündlicher Aussage des Hertz-Biografen Albrecht Fölsing an den Autor, ein >ganzer Stapel< von Hertz-Briefen an die Maxwellianer in einem privaten Nachlass, der bislang nicht inventarisiert werden konnte.

310. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 352.

311. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 353.

312. Vgl. Henderson, Dimension:1983, Apke, Okkultismus:1995.

313. »Kurz nach dem Eintritt in diese Kette empfand ich in dem mit der Kupferseite der Batterie in Verbindung stehenden Arm und dessen Hand häufig eine merkliche Kälte ... In der Hand und dem Arme der anderen Seite erzeugte sich allmählich ... gerade das Gegenteil von dem vorigen ... begleitet von einem starken unangenehmen Jucken durch die ganze Hand. Auch fand sich in dem Armder Kupferseite nach und nach eine deutliche Steifheit und Abgang an Beweglichkeit ... Ich verließ nach einer reichlichen Stunde die Batterie ohne etwas weiteres, als das Erwähnte zu wissen. Aber keine Viertelstunde verging, als ich, ohne die geringste mir bewußte sonstige Veranlassung dazu, Schmerzen im Unterleib und einige Zeit darauf wirkliche Diarrhoe bekam...« Ritter, Wirkung:1801, 102.

314. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 220.

315. 216.

316. Zit. nach Saussure, Linguistik:1997, 490.

317. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 13.

318. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 63.

319. 126.

320. 129.

321. 130ff.

322. »Es handelt sich, im Grunde der Psychose, um eine Sackgasse, um Verwirrung hinsichtlich des Signifikanten. Alles spielt sich so ab, als ob das Subjekt darauf mit einem Wiederherstellungs-, Kompensationsversuch reagierte. Die Krise wird zweifellos im Grunde durch eine Frage ausgelöst: Was ist ...?« Lacan, Psychoses:1955/1981, 219.

323. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 162.

324. 177.

325. 177f.

326. 429.

327. 185.

328. 117f.

329. 117f.

330. 217ff.

331. »Doch freilich ist nichts signifikant außer von einem anderen Signifikanten aus. Woraus zu folgern ist: dem Signifikanten gemäß sein heißt begehrenswert und begehrend zugleich sein. Das heißt begehren, jedoch mit dieser spezifischen Bestimmung, dass das absolute Objekt fehlt.« Jourainville, Lacan:1990, 105.

332. Lacan, Psychoses:1955/1981, 219.

333. »Begehren beinhaltet ein Abwehrmoment, durch das es mit dem Nicht-Begehren-Wollen identisch ist. Nicht begehren zu wollen heißt: zu wollen, nicht zu begehren.« Lacan, Grundbegriffe:1964/1978, 247.

334. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 325.

335. 329.

336. 222.

337. 1877 entwickelte Edison den Phonographen, aus welchem zu Schrebers Zeiten die ersten Schallplattengeräte hervorgehen. 1900 entwickelt Poulsen eine Stahlbandmaschine zur elektromagnetischen Aufzeichnung von Klängen, 1935 wird das Stahlband durch BASF-Plastikband ersetzt, 1941 werden in Deutschland die ersten Spulentonbandmaschinen eingeführt.

338. In Abhängigkeit von der Bandgeschwindigkeit. Bei 19cm/sec ergeben sich die "besten" Effekte.

339. Schreber, Denkwürdigkeiten:1903/1973, 311f.

340. 211.

341. 209.

342. 208.

343. »Ihre Sprache steht rücksichtlich der eingepfropften Redensarten nicht einmal auf der Höhe der Sprache eines sprechenden Papageis.« 212.

344. 210.

345. 212.

346. 210.

347. »... die Struktur der Metonymie, die anzeigt, daß die Verbindung des Signifikanten mit dem Signifikanten die Auslassung möglich macht, durch die das Signifikante den Seinsmangel (manque de l'etre) in die Objektbeziehung einführt, wobei es sich des Verweisungswerts der Bedeutung bedient, um ihn mit dem Begehren zu besetzen, das auf diesen Mangel zielt, den es unterhält.« Lacan, Drängen:1957, 41.

348. Luhmann, Gesellschaft:1997, 1066.