HUB-WS 95/96
"Theorien des Radios - Ästhetik und Äther" (2)
Teil 1; Teil2; Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7;

Deckerinnerungen

Eine kleine Geschichte der Elektrizität - Teil I

Wir wollen diesmal von Elektrizität reden und von ihrer Geschichte. Und wir haben dabei das Radio im Auge, das elektrische Gerät, den Apparat, der ohne Strom nie und niemals auskommt, das apparatemäßige Medium, das Elektrizität, nämlich elektromagnetische Wechselfelder empfängt und uns die Kanäle des Radios liefert, in denen wir uns mittels eine Skala, einer Skalierung der Frequenzen, dessen Bänder wir abstimmen, einschwingen. Wir reden von Elektrizität vor dem Horizont eines Apparats, in dem nahezu alle Effekte der Elektrizität vollständig vereinigt sind, der wie ein verschiebbarer, vermessender Meßausschnitt uns ein Hindurchschieben erlaubt durch etwas, das wir die Frequenzbänder des Mediums nennen können, welche selbst nichts anderes sind als Elektrizität oder, was wahrscheinlich dasselbe heißt, ein relativistischer Effekt von Elektrizität. "Wellen elektrischer Kraft", - so nannte es Heinrich Hertz, ebenso euphemistisch wahr wie eben ganz falsch, als er diesen Effekt schneller Funkenbildung das erste Mal nachwies, als einen vermuteten und in Teilen bewiesenen Effekt der Resonanz anderer, sehr schneller Funkenentladungen. Denken Sie sich vorab als Motiv über diesen Abschnitt unseres Seminars, in dem es um die schwierige, verschlungene und nach beiden Enden hin offene Geschichte der Elektrizität geht, ein zu einem Möbiusband verschlungenen Papierstreifen, auf dem sie dreierlei gedruckt finden: das geschriebene Wort "Verschiebung", mit seinem einfachen vektoriellen Zeichen V(V1,V2,V3), dann die etwas komplex verspannten Achsen einer entsprechenden Maxwellschen Zeichnung des "Verschiebungsstroms" und schließlich jene Zitatstelle aus dem frühesten Text Sigmund Freuds, in dem von "Deckerinnerungen" und "Verschiebung" die Rede ist. Wir denken über etwas zu reden und reden doch über anderes. Freud gibt hier, zur Entstehungszeit des Radios, die Grundlinien eines zentralen Vektormodells der Psychoanalyse, in welcher zwei "Erinnerungen" oder "Vorstellungen", eine "gleichgültige" und eine "bedeutsame", an deren "Zustandekommen" wiederum zwei "psychische Kräfte" beteiligt sind, die entgegengesetzt wirken, am Ende in das Kräftefeld einer Verschiebung geraten: Es kommt eine Kompromißwirkung zustande schreibt Freud, etwa analog der Bildung einer Resultierenden im Kräfteparallelogramm... Der Erfolg [eines] Konflikts ist also der, daß anstatt des ursprünglich berechtigten ein anderes Erinnerungsbild zustande kommt, welches gegen das erstere um ein Stück in der Assoziation verschoben ist.[1]
Was also ist in unserer Geschichte der Elektrizität "um ein Stück in der Assoziation" verschoben? Auf den ersten Blick scheint sie eher eine nach beiden Seiten offene Erinnerung zu sein, nach der einen Seite zum Beispiel bei Platon mündet (frühere Funde werden wir kaum finden) und nach der anderen, also derselben, vielleicht auf Richard Feynmans berühmte "Vorlesung über Physik" von 1963 zeigt. Was also nehmen wir als den frühesten Fund?
Der "Lithos Herakleion", auch Magnetstein genannt, sagt Platons Timaios im Timaios des Platon, ist gleich dem "thaumazomena Elektron", dem vielbewunderten Bernstein; Magnetismus und Elektrizität sind bei Platon und also weit bis ins hohe Mittelalter hinein in Deckung, oder platonisch gesprochen: sie sind eins; was nicht falsch ist. Und zweitens sagt Timaios in Platons Timaios: bei keiner von all diesen Erscheinungen [findet]... jemals wirkliche Anziehung statt, - soweit könnte der Satz auch von der andren Seite des Zeitpfeils, also von heute kommen. Sondern darin und nun wirklich Platon, daß es nichts Leeres gibt und alle Körper durch den aufeinander geübten Druck einander in Kreislauf versetzen, und andererseits darin, daß es allen [Dingen] zukommt, unter Aufgabe ihres Ortes, ... nach demjenigen hinzustreben, welcher einem jedem eigentümlich ist, - in der Verflechtung dieser beiden Umstände wird der, welcher dem rechten Verfahren bei seiner Nachforschung folgt, die Ursache dieser wunderbaren Erscheinungen finden.[2]
Die platonische Unterdruck der Leere, das platonische Vakuum, das alles in sich hineinsaugt, oder anders gesagt: die aller Materie inhärente, sphärische Teleologie, welche zweckbestimmt Sorge trägt, daß alles an seinen Platz kommt, - dieser schönen Deckerinnerung könnte ein moderner Physiker wie Feynman mit Mühe noch zustimmen, aber er muß sie um ein gehöriges Stück verdrehen, weil inzwischen auf unserer Seite des Zeitpfeils, also heute, die Relativität aller Intertialsysteme hinzugekommen ist, oder sagen wir einfach: unser Beobachtungsstandort nun mal so ist wie er ist. Und weil er so ist wie er ist, weil "ego cogito, ergo sum" eben auch jenes "ich denke, wo ich bin" heißt, also wir eben immer sind, wo wir sind, deshalb können wir nicht nur die platonische Wahrheit nicht sehen, daß Elektrizität und Magnetismus ein und dasselbe sind, sondern auch die nun folgende relativistische Wahrheit nicht, die nämlich das Gleiche sagt. Um also zu sehen, wie die Dinge richtig/falsch liegen, dazu müssten wir, schlägt uns Feynman vor, auf ein geladenes Teilchen heraufklettern, das an einem stromdurchflossenen Leiter vorbeisaust. Ein einfacher Draht mit Batterie daran und wir denken uns ein Teilchen, das parallel vorbeifliegt. Steigen Sie mit mir gleich mal für einen Augenblick auf. Solange wir nur einfach, ganz normal, wie der dänische Philosophieprofessor anno 1820, vor dem stromdurchflossenen Leiter ständen, und ein geladenes Teilchen sauste vorbei, dann wissen wir seit eben dem von Goethe und Hegel so verehrten Hand Christian Oerstedt, was passiert. Unser geladenes Teilchen ist negativ, es saust, ist also in Bewegung, hat demnach ein Magnetfeld und ist auch durch ein solches anregbar. Also senkt sich das Teilchen in dem Magnetfeld des stromdruchflossenen Leiters bogenförmig auf den Stromdraht qua magnetischer Kraft. Was aber passiert nun, wenn wir, wie Feynman vorschlägt, auf das Teilchen klettern und also unser Intertialsystem wechseln und huckepack mitsausen? Jetzt und hier ist das Teilchen mit uns in Ruhe und wir sehen stattdessen den Stromdraht vorbeisausen. Der wird nach wie vor stromdurchflossen und hat also sein Magnetfeld. Das Teilchen und wir sind in Ruhe, ohne Magnetfeld und also nicht mehr anregbar, außer durch ein - elektrisches Feld. Weil durch die geschwindigkeitsbedingte Änderung am Volumen des vorbeisausenden Leiter dieser ein stärkeres positives Potential erhalt, neigt sich unser Teilchen eben doch wieder unaufhaltsam dem Leiter zu, und wir mit ihm, denn zu uns jetzt ein elektrisches Feld entstanden, das uns jetzt anzieht, was jetzt, eigentlich immer schon, wie wir Philosophen sagen, unser schönes intertialtreues "Immer schon". Szenenwechsel derselben Szene: Das geladene Teilchen wird in jedem Fall von einem stromdurchflossenen Leiter angeregt und geht auf den Leiter nieder, wo auch immer sie stehen oder nicht stehen: nur einmal von magnetischer, das andere Mal von elektrischer Kraft angezogen, je nach dem Bezugssystem. Magnetismus ist also, im elektrodynamischen Ernst, nichts anderes als ein relativistischer Feldeffekt und da das schöne Gedankenexperiment aus seiner ernstzunehmenden Physikvorlesung stammt, zitieren endlich den Physiker selbst: Wir haben die Bewegung eines Teilchens entlang eines Drahtes untersucht und gesehen, daß wir dasselbe physikalische Ergebnis erhalten, wenn wir einmal ein Koordinatensystem verwenden, das relativ zum Draht ruht, und einmal eines, das relativ zum Teilchen ruht. Im ersten Fall war die Kraft rein "magnetisch", im zweiten rein "elektrisch". ... Elektrische und magnetische Kräfte, so Feynman weiter, sind Teile eines physikalischen Phänomens - der elektromagnetischen Wechselwirkung von Teilchen. Die Aufteilung dieser Wechselwirkung in elektrischen und magnetische Anteile hängt weitgehend von dem für die Beschreibung gewählten Bezugssystem ab. ... Elektrizität und Magnetismus zusammen sind mit der einstein'schen Relativitätstheorie konsistent.[3] Historisch geht es in der Tat andersherum, wir erinnern uns, Feynman erwähnt es auch, Einstein hat die Relativitätstheorie eben nicht nur nach der Entdeckung der Elektrodynamik formuliert, sondern eben genau diesem ihrem Zentralproblem, nämlich den elektrodynamischen Beschreibungen schnell bewegten Leiter.
Darf ich noch einmal Freud zitieren? Der Erfolg ... ist also der, daß anstatt des ursprünglich berechtigten ein anderes Erinnerungsbild zustande kommt, welches gegen das erstere um ein Stück in der Assoziation verschoben ist. Das allerdings war jetzt keine "psychische", sondern nennen wir sie eine reelle Verschiebung. Es ist eine reelle Verschiebung, weil es eine relativistische ist, denn es hat keinen Sinn, das Relativistische, sowie es die Physik definieren kann, nicht für reell zu nehmen. Ebensowenig Sinn macht es wissen zu wollen, was die Relativitätstheorie, also die Mathematik und Physik wechselnder Inertialsysteme, außerphysikalisch hieße, dort nämlich existiert sie nicht. Sie besteht reellerweise, wie das Newtonsche Gegenkraftaxiom, in einer bewiesenen Gleichungsvorschrift: E = mc2 . Weshalb man, eben gerade noch, auf einem Teilchen, das Masse hat, Platz nehmen kann, um einen Stromdraht vorbeisausen zu lassen, aber schon nicht mehr auf einem Radioapparat, der neben einer elektromagnetischen Welle herfliegt. Nach den relativistischen Gleichungen nämlich müßten wir dann, cogito, ergo sum, entweder eine unendlich große Masse haben, also cogitamus, omnia sumus oder garkeine, weil nichts, was lichtgeschwindigkeitsschnell ist, Masse haben kann, also cogito, nullum sum = Unsinn. Es gibt also, wie in jedem Spiel der Verschiebungen, auch sehr verbotene Dinge, Zensur oder Nullsummen-Assoziationen.
Ich will jetzt noch ein wenig weiter, bis zu einem gewissen Punkt, an ihren Physikunterricht erinnern. Elektrizität, sagt die moderne Physik, ist eine Kraft, die eine Milliarde mal eine Milliarde mal eine Milliarde mal eine Milliarde[4] mal stärker ist als die Gravitation. Denn Elektrizität ist nichts anderes als die atomare Kraft, die zwischen den positiven Atomkernen und den sie umgebenden negativen Elektronen herrscht. Es sind genau die elektrischen Kräfte übrigens - und nicht die Kernkräfte selbst -, die frei werden, wenn ein Kern, mangels bindender Kenrkraft zerfällt und die positiven Ladungsteilchen des Kerns, die Protonen zum Beispiel, sich mit ungeheuerer Energie gegenseitig abstoßen. Feynman, der an der Entwicklung der Atombombe in Los Alamos führend beteiligt war, hat da Einiges zu erklären. Stünden wir, sagt er, eine Armlänge von jemanden entfernt und hätte jeder von uns auch nur ein Prozent mehr Elektronen als Protonen, also das wäre dann das Bild von zwei im buchstäblichen Sinn "negativen" Menschen, so wäre die abstoßende Kraft unfaßbar groß. How great? Enough to lift the Empire State Building? No! To lift Mount Everest? No! The repulsion would be enough to lift a "weight" equal to that of the entire earth![5]
Die Erde aus den Angeln heben. Auch das, verzeihen sie, ist eine atlasmythische Deckerinnerung des Atombombenbauers. Vielleicht sind ja alle physikalischen Bilder im Grunde oder vielleicht sogra pirnzipiell: Deckerinnungen. Denken Sie nur an jene schöne planetarische Bild, mit dem wir uns die elektrische Neutralität des Atoms vorstellen. Sind alle Elektronen auf ihren Abstandsbahnen um den Kern versammelt, so ist das Atom elektrisch neutral, fehlen Elektronen, ist das Atom positiv, gibt es zuviel, ist es negativ, man sagt es ist ionisiert. Sammeln sich überschüssige Elektronen an einer Stelle der Materie, so gibt es Überschuß, fehlen sie an einer anderen, gibt es Mangel, zwischen beiden Zuständen entsteht Spannung und ein elektrisches Feld. Schließen wir einen Leiter dazwischen, also ein Material, das in fester Gitterstruktur viele freie Elektronen enthält, zu Beispiel Kupfer, so fließt Strom, d.h. es fließen die Elektronen schlicht und de facto vom Überschuß- zum Mangelgebiet. Wenn aber Elektronen fließen, fließt Ladung, fließt Weg mal Zeit, und es entsteht der besagte relativistische Magnetisierungseffekt, d.h. den stromfließenden Leiter umgibt ein Magnetfeld, der ein elektrisches Feld induziert, das ein magnetisches induziert und so weiter, also komplizierte, komplexeste Überlagerungen als Wirkung, Gegenstand und Existenz der elektrischen Kraft, die zu beschreiben Feynman 800 Seiten braucht, obwohl die mathematische Formulierung der Sache auf Seite 15 gerade vier Zeilen lang ist, in der je eine kurze Maxwellsche Grundgleichung steht. Aber es müssen auch für den Physiker 800 Seiten werden, um diese vier Gleichungen zu verstehen.
Was aber heißt, in der Physik, verstehen? Wieder liegt der Anfang einer Antwort in der Nähe von Maxwell und Hertz. Die Stärke einer physikalischen Theorie sagte Max Planck in Bezug auf Maxwell, liegt nicht in der Allgemeinheit ihrer Gleichungen ..., sondern vielmehr in der Besonderheit der Vorstellung, die zu den Gleichungen führen[6]. Diese allein sind es, welche die Möglichkeit und die Richtung jeder ... Weiterentwicklung bedingen.
"Besonderheit der Vorstellung" - "Allgemeinheit der Gleichungen" "Mögliche Richtung der Weiterentwicklung". Das ist das geheime, übrigens nicht ganz unplatonische Dreiecks-Schema der Physik, das auch und vor allem für die Elektrizität gilt. Die Elektrizität hat ihr Symbolisches, das sind jahrhundertelang nur vage Spekulationen und Okkultismen, Repräsentanten anderer, nicht-elektrischer Diskurse,wie werden sie kennenlernen; sie hat ihr Reelles, das sind ihre Gleichungen, deren erste allerdings erst um 1770 formuliert werden kann; und sie hat ihr Imaginäres, und das sind ihre technischen Apparate, die Magnesia, die Elektra. Wir werden noch sehen, wie die Geschichte der Elektrizität nahezu vollgepflastert ist von Steinen, Porzellanen, Apparaten, Flaschen, Reibrädern und Gerätschaften der Elektrizität, und doch existiert die erste ausdrückliche Medium der Elektrizität, namens Leidener Flasche, erst ab 1750.
Von daher gesehen wäre die Geschichte der Elektrizität als Geschichte des Wissens um Elektrizität keine 250 Jahre alt. Seither und daher ist sie auch nie von ihren technischen Apparaten zu trennen, die ihr inhärent sind und über die reellen Gleichungen der Elektrodynamik, die um 1870 formuliert werden, binnen weniger Jahrzehnte zum Atom und zur Technik der Atomkraft führen weden. So können wir heute denken, was im 19. Jahrhundert undenkbar bleibt.
Nämlich zum Beispiel die Frage, warum ein negatives Elektron, das den positiven Atomkern umkreist, nicht gnadenlos in diesen hineinstürzt, aufgrund der reziproken Abstandsquadratkraft, mit der es doch angezogen wird? Keine relativistische Antwort der Physik diesmal, sondern eine quantendynamische. Ein Elektron, sagt sie, hält gerade den Abstand zum Kern, der dem Betrag der Unschärferelation delta p mal delta s = h/2pi entspricht, was, Zitat Feynman, bedeutet: Die elektrostatischen Kräfte ziehen das Elektron so nahe wie möglich zum Kern hin, aber das Elektron ist gezwungen, im Raum verteilt zu bleiben und zwar über eine Entfernung, die durch die Unschärferelation gegeben ist. Wenn es auf einen zu kleinen Raum beschränkt wäre, hätte es eine große Unschärfe im Impuls.[7] Also können Abstand und Impuls immer, und zwar naturgesetzlich, nicht ineins fallen und auch nicht, oder besser: gerade nicht am oder im Atom. Das ist eine symbolische Wahrheit mit einem reellen Kern, während die modernen Medienmaschinen der Elektrizitätsphysik, Teilchenbeschleuniger und Neutronenquellen, sprich Kernkraftwerke, die nächsten imaginären Dimensionen ausleuchten: nämlich die weithin noch rätselhaften Kernkräfte selbst, deren Gleichungen noch überaus lückenhaft sind.
So gesehen ist es also mehr als eine Mutmaßung, daß die elektrischen Medien, mit denen wir es ursächlich zu tun haben, also Photografie, Telegrafie, Film, Radio, Radar, Fernsehen, Computer und Laser, in der einen oder anderen Form nicht anderes als Gallerten, festgeronnene Abspaltprodukte und Technikderivate sind, die ihre Obermenge und gelegentlich sogar ihren direkten Ursprung in dem imaginären Apparate-Diskurs der Elektrizitäts-Physik haben, wie zum Beispiel bei Heinrich Hertz, dessen mühsame, über sieben Jahre sich erstreckende Experimentalanordnungen ja genau diesen Zweck erfüllen: Beweis zu sein für eine Ahnung, die im reellen der Gleichungsmathematik schon begründet liegt, aber im Symbolischen noch nicht sicher ausgesprochen werden kann.
Wenn aber aus dieser Permanent-Verschiebung der drei Ebenen, der symbolischen Ebene der Vorstellungen, der reellen Ebene der mathematischen Gleichungen und der imaginären Ebene der apparatemäßigen Experimentaltechnik, die Physik, wie Max Planck sagt, ihr Wissen produziert, so ist das Problem ihrer Geschichte noch um mindestens eine Dimension komplizierter. Halten wir fest und stellen wir fest: am Ende kommt das platonische Wissen um Elektrizität und Magnetismus genau da wieder an, wo es vermutlich seit hellenistischen Vorzeiten schon schlummerte, aber bei einer nunmehr relativistischen und quantendynamischen Identitätsbehauptung von Elektrizität und Magnetismus. Und wir halten auch fest, daß in dies lange Dunkel von Platon bis heute nur Medien wirklich Bewegung bringen, also zunächst Medien im Sinne von Aufschreibesystemen, die das Symbolische sammeln und dann das Reelle, in unserem Sinne also die Zeichen der Gleichungsmathematik hervorbringen; dann aber auch Medien im Sinn technischer Gerätschaften der Elektrizität, die, wenn sie sich mit dem Symbolischen oder dem Reellen verbinden lassen, die eigentlich beschleunigenden Achsen ihrer Geschichte bilden.
Die Linien dieser Geschichte, der Physik, der Elektrizität, sind noch um eine weitere Drehung verwickelt. Denn soviel ist sicher: die Physik wäre nicht das, was sie ist und die elektromagnetischen Medien wären nicht, was sie sind, hätte nicht die Geschichte des Verstehens elektrischer Erscheinungen an einem bestimmten Punkt, den ich vorläufig den napoleonischen nennen will, zusammengezogen, was bis dahin auseinanderlag, eine Verdichtung erzwungen, sie vereinigt, und zwar auf Befehl, vielleicht sogar als Befehl. Aber dazu später mehr.
Die allererste Voraussetzung für die Geschichte der Elektrizität, wie für die alles neuzeitlichen Wissens, ist das Medium namens Buchdruck. Die Einheitserklärung von Elektrizität und Magnetismus, den ich Ihnen Platon nahegebracht habe, geht, um es kurz zu machen, bis weit ins späte Mittelalter hinein, wie uns Athanasius Kircher, der Leibniz-Freund und Sammler alles Maschinen- und Naturwissens aus allen Skriptorien des alten Abendlandes zu berichten weiß. Für Kircher ist Magnetismus, trotz und weil er längst und beliebig ungenau Schiffskompasse triggerte, Teil eines statischen Universalismus, nicht bloße Eigenschaft einer einzelnen Steinart, sondern ... ein allgemeines, mit dem Weltsystem in seiner Ganzheit verbundenes Phänomen.[8] Ich zeige Ihnen das Titelblatt von Kirchers "Magnes sive de arte magnetica opus tripartium" aus 1654, auf welchem Sie den vom Universum elektrisierten Adler sehen, zu dessen Füßen die Planeten und die Erde in einem Band der physikalischen, animistischen und seelischen Urkräfte vereinigt sind.
Das ändert sich, wenn nun nicht länger vom Jesuitenpater in Rom die unerschöpflichen Skriptorien ausgeraubt, sondern von bürgerlichen Autoren tatsächlich neue Bücher geschrieben, das heißt neues Wissen gesammelt und gedruckt wird. Genau hier, in den abertausenden Versuchen neuer Beschreibungen, die der Buchdruck mit sich bringt, der neuen geometrisierten Perspektiven, der berechenbaren Winkel und des goldenen Schnitts, ereignet sich historisch erstmals überhaupt die Trennung von Magnetismus und Elektrizität. Sie wird behauptet und niedergeschrieben von dem Leibarzt der englischen Königin, Elisabeths der Ersten, William Gilbert. Im zweiten Buch seines Traktats "De magnete" von 1600 unterscheidet Gilbert die magnetische "coitio", also den mittelalterlich gefaßten Zusammengang der Erde und Planeten, den er gelten lassen will, von der elektrischen "inclinatio" als einer bloß materiellen, vorübergehend beigebrachten Beugung und tätig irdischen Behandlung vor allem des Bernstein und trennt begrifflich, was vorher eins war und seither getrennt heißt: vis magnetica, vis electrica. Gilbert prägt damit den Begriff Elektrizität.
Die vis electrica ist, im Unterschied zur "formalis efficientia" des Magnets, eine "wässrige Ausdünstung" von an sich harten Körpern, durch Reibung beigebracht. Sie ist irdisch, sie hat nichts Göttliches mehr, ein Fußtritt gegen die scholastische Welt. Daß Elektrizität eine Flüssigkeit sei, ist damit, für fast 240 Jahre, ein für alle Mal gesagt und geglaubt. Erst Faraday wird ab 1830, Schritt für Schritt, von dieser Vorstellung Abschied nehmen. Gilbert aber macht bereits die erste Tabelle: Einen gesättigten Feuchtigkeitsanteil haben, dünsten also gut aus, so Gilbert, die Halbedelsteine (Diamant, Saphir, Opal, Amethyst), die Kristalle, das Glas, einige Erze, Schwefel, Wachs, Kitt, und auch das wichtigste Zeugnisutensil seiner Herrin: der Siegellack.
Damit sind 1600 Elektrizität und Magnetismus getrennt, doch das war nur ein halber Schritt, dem gleich der nächste, nämlich der ganze folgt. Rene Descartes, französischer Waffenmeister und militärischer Ingenieur, holt nun auch den Magnetismus vom Himmel, aber nicht, wie der Arzt, reibend, sondern wie ein Baumeister: schraubend.
In seiner "Principia philosophiae" von 1644, die uns noch oft, weil ätherbegründend, beschäftigen wird und aus der wir uns bereits des hypothetisch gemeinten cogito ergo sum mehrfach bedient haben, setzt Descartes voraus, daß die Teilchen der ersten und feinsten Sorte der Materie, die "materia prima elementi", welche durch Abschabung der ursprünglichen materiellen Körper durch ihre gegenseitige Reibung entstanden sei - sich zu schraubenförmigen Körperchen zusammenschließen, die die Fähigkeit haben, durch die Lücken der übrigen Materie einzudringen. Die Erde nämlich besteht aus zwei Teilen: einem inneren, hauptsächlich metallischen Kern (terre intérieure) und einer äußeren, weniger dichten Schale, die ihre Oberfläche bildet (terre extérieure). ... Der innere Kern der Erde enthält nach Descartes Meinung eine Anzahl von Gängen, die parallel zur Erdachse laufen und die Gestalt von Schraubenmuttern besitzen; da das Gewinde solcher schraubenmutterförmigem Gänge entweder links- oder rechtsdrehend sein kann, werden nur die entsprechend gestalteten schraubenförmigen Teilchen eingelassen, ... so kann sich jede der beiden Sorten von Teilchen allein in einer Richtung durch die ihr angepaßten Gänge bewegen. Es bildet sich demnach ein doppelter Strom von schraubenförmigen Teilchen, aus welchem - wegen des Widerstands, den sie auf ihrer Bahn durch den außerirdischen Raum finden, und der sie hindert, in gerader Linie fortzufahren - ein doppelter Wirbel um die Erde entsteht. Die Teilchen der einen Sorte können sich nur vom Nord- zum Südpol bewegen, um wieder durch das Innere der Erde zum Nordpol zu gelangen.[9] - So kommt es, sagt Descartes, daß diese schraubenförmigen Teilchen, wenn sie mitten durch die Erde in gerader ... Richtung von einer Hälfte zur anderen hindurchgegangen sind, durch den umfließenden Äther zu derselben Erdhälfte zurückkehren, durch die sie vorher eingetreten sind, sie abermals durchlaufen und so gleichsam einen Wirbel bilden.[10]
Militäringenieure wie Rene Descartes brauchen, wie sie sehen, nicht viele Werkzeuge, um den Magnetismus der Scholastik zu entreißen, im Grunde eigentlich nur ihre eigenen: Planetenbahnen, Gravitation, Magnetismus schraubt sich bei Descartes durch den einen Äther wie der Fortificator mit seinen Brücken, Bewehrungen und Kanonen durch den dreißigjährigen Krieg. Entsprechend hypothetisch formuliert Descartes sein ernstgemeintes Leitwort: Apud me omnia fiunt mathematice in natura, Alles in der Natur soll mathematisierbar und berechenbar sein. Die Frage nach der Berechenbarkeit von Naturerscheinungen ist gestellt und bis heute beliebig umstritten.
Isaac Newton formuliert genau in dieser Absicht, und notwendigerweise gegen Descartes. Dessen Wirbel- und Schraubenhypothsen Descartes sind in Bezug auf planetarische Umlaufbahnen eben nicht berechenbar, wie Newton in den Abschnitten 52 und 53 des 2. Buches der "principia mathematicae" beweist... Im dritten Buch der "principia" [rechnet Newton vor], daß die Gewichte der gegen ein und denselben Planeten gravitierenden Körper bei gleicher Entfernung vom Zentrum proportional sind zur Menge ihrer Materie. Woraus wiederum im 3. Corollarium desselben Buches eine Widerlegung Descartes folgt, weil kein Körper in einem gleichmäßig mit Materien gefüllten Raum eine ihm eigentümliche Schwere besitzen kann oder er gar gegen sein Gravitationszentrum fiele, weil diese Bewegung ja durch Materie selbst vernichtet würde. Was wiederum, philosophisch höchst wirksam, bei Newton zur Annahme einer Weltraumleere führen muß, um überhaupt Dichtigkeitsunterschiede in der Materie selbst setzen zu können. Ein im Grunde paradoxes Resultat, das Kant bis hohe Alter hinein Kopfzerbrechen bereitet. Das Modell einer durch leere Räume wirkenden Gravitationskraft, also die berühmte "Actio in distans", die Gravitationskraft also, deren Größe von der Menge gleich-dichter Teilchen der festen Materie in einer Art "Einheitsraum" abhängig ist, dies Modell, daß Gravitationskraft als reziprokes Abstandsquadrat definieren lassen kann, widerspricht in der Tat zutiefst jenem spekulativen "Fortgetragenwerden" in einem materiellen Strom, wie es Descartes hypostasierte.
"Motus deferri", Fortgetragen werden, gegen "actio in distans". Von Descartes und Newton rühren, in einem Generationenabstand aufgeschrieben, die so erbittert geführten Wirkungs-Schismata der neueren Physik her, und damit auch die Schismen in der Geschichte der Elektrizität. Es entwickeln sich von hier aus zwei Gruppierungen: Descartes und mit ihm Euler, Fresnel, Faraday bis hin zu Heinrich Hertz meinen, elektrische Kraft könne sich nur durch zeitverbrauchende Nahwirkung, also in einem Kontaktmedium, Äther, Wärmestoff, Wirbelstoff, was immer, ausbreiten, step by step sozusagen, während die anderen, beginnend mit Newton, eine actio in distans postulieren, eine unmittelbare Fernwirkung also, wie eben die Gravitation im leeren Raum, was in der Elektrizitätslehre bis hin zu Coulomb, Ampere und Wilhelm Weber Anhänger finden wird.
Soweit zur Theorie. Was die Medien der Elektrizität betrifft, so existieren sie nicht. Magnetismus existiert als Problem des Kompaß, dessen Deklination, also die Abweichungen der Nadeln, noch im 17. Jahrhundert durch eine Überfülle von Tabellen weitgehend abgemildert wird, ein Zusammenhang mit den unklaren Erscheinungen des "Feuers" und der "ausfließenden Strudel" elektrisierter Edelstein und Gläser ist nicht erkennbar. Was heißt: nicht erkennbar, - wir wissen nur, was wir in gedruckten Büchern lesen können. Zum Beispiel dann doch in Johann Bernoullis "Sur le phosphore du barometre" von 1704 jene Zufallsentdeckung, daß ein Barometerglas, mit Quecksilber gefüllt, heftig geschüttelt und also hier und da luftleer gemacht, ein seltsames Leuchten von sich gebe. Francis Hauksbee, ein Newton-Freund untersucht in "On the Mercurial Phosphorus" von 1706 dieses Leuchtphänomen, erklärt seine Ursache in der Luftleere und der Reibung am Glase, beschreibt, daß in dem geriebenen Glase eine zentripedale, dem Mittelpunkt zustrebende Kraft wirksam sei, während ein Entladungsfunke, wenn man das Glas öffnete, repulsiv-zentrifugale Kraft entfalte. Hauksbee baut eine Elektrisiermaschine zum Erzeugen von Lichteffekten, die Abbildung liegt Ihnen vor. Doch die in der Glaskugel beschreibbaren Effekte waren, so Hauksbee, nicht gleichmäßig waltend, also keine Newton'sche Gravitationskraft, sondern flukturierender Flackern, nur gelegentlich auftretend, also keine wahre Natur im Newtonschen Sinne.
Ab 1700 nun werden fünfzig Jahre lang die schönsten Spiele getrieben mit dem Licht aus den Glas-Flaschen, die man reibt. An den Höfen Englands, Frankreichs, Hannovers und in Rom sind Glaselektrisierer die Sensation. Mit elektrisierten Flaschen verbundene Gentlemen entzünden ein Glas Alkohol mit lautem Knall. Oder man legt die Hände auf eine geriebene Flasche und sie beginnt, gelb, rot oder bläulich zu schimmern. Auch kann man bereits elektrische Ladungen über Hanf- oder Seidenfäden auf einige Entfernungen ableiten. Das produziert einen über Jahrzehnte hinweg mißverständlichen Begriff: den "Konduktor" oder "Leiter". Bei den französischen Enzyklopädisten, an sich für Seriosität bekannt, rangierten die Sache unter der Rubrik Feuer. Oder besser gesagt: im Symbolischen bewegen die Glaselektrisierer nichts.
Aus der endemischen Verbreitung von Elektrisierflaschen über ganz Europa erwächst aber 1745 das erste Medium der Elektrizität. Es wird, wie später die Elektronenröhre, an zwei Stellen zugleich und unabhängig voneinander entdeckt. Einmal im holländischen Leiden durch den Naturforscher Muschenbroek und in Kamin bei Danzig durch den Juristen Ewald Georg von Kleist. Wenn ein Nagel, starker Drath und dergleichen in ein enghalsiges Medecinfläschchen gestecket und electrisiret wird, so erfolgen besonders starke Wirkungen...Tuth man etwas Mercurius oder Spiritus Vini hinein, so gehet alle desto besser vonstatten. Sobald das Gläschen von der elektrischen Maschine weggenommen wird, so äußert sich an demselben der flammende penicullus, und habe ich mit dieser kleinen brennenden Maschine über 60 Schritt in dem Gemach hell gehen können.[11] schreibt Kleist.
Darum ging es. Erstmals ist Elektrizität speicherbar und übertragbar, erstmals existiert ein Medium, das nicht selbst Ladungsgeber, sondern nur Ladungsspeicher ist, aber ein hochkapazitiver und also menschengefährdender. Jean Antoine Nollet, Physiklehrer der königlichen Prinzessinnen, ließ 1748 vor den Augen seiner Majestät hundertachtzig Soldaten in einem Kreis aufstellen, einander die Hände fassen und durch eine einzige leidener Entladung zugleich hüpfen. Nollet wiederholt dieses Experiment später mit siebenhundert Mönchen eines Klosters. Wir finden dutzende von zeitgenössischen Abbildungen, die höfische Menschen im Kreis stehend zeigen, um sich den Schlag zu geben. Erstmals wird so ein animistischer "Stromkreis", nämlich der Welten-Fluß des elektrischen Fluidums denkbar. Nollet erklärt dies alles mit weitreichenden, an Descartes orientierten Theorien, baut das erste Meßgerät der Elektrizität, nämlich ein aus Seidenfäden und einer Maßskala bestehendes "Elektrometer" und setzt die Leidener Flasche erstmals bei Paralytikern ein, woraus wir lernen: die Geburtsstunde des Elektroschocks liegt am französischen Königshof.[12] um 1750 und nicht etwa später.
Die Kleistsche Flasche inklusive ihrer lähmenden Schläge und sprühenden Funken, beschleunigt die Entwicklung um ein Vielfaches. Über seine englischen Freunde erhält Benjamin Franklin, der spätere Coautor der amerikanischen Verfassung und kriegserfahrene Secessionist, noch 1745 eine Flasche nebst aller Beschreibungen aus der entsprechenden Ausgabe des "Gentleman's Magazine" nach Boston zugesandt. Seltsamerweise wird es dieser Politiker, Ökonom, Journalist, Buchdrucker, Kriegsoffizier, Geschäftsmann und Naturphilosoph sein, der dem Diskurs des Elektrischen die jetzt entscheidenden Wendungen gibt. Denn er wird Namen einführen, die wir immer noch nennen, und damit das Symbolische der Elektrizität begründen. Eine Kleistsche Flasche entladen hieß für den bostoner Ex-Kanonier: "to fire" und sie zu laden, ganz entsprechend: "to charge". Der elektrische Begriff ist in der Welt, der Maxwell später das meiste Kopfzerbrechen bereiten sollte, und er ist eine pure Kriegswaffen-Analogie: "charge", die elektrische Ladung. Und wenn man mehrere Leidener Flaschen in Reihe schaltete, was seit Guillaume des Monniers' Entladungsversuchen im Tuilerienpark gang und gäbe war, so nannten Benjamin und seine Artellerie-Kameraden das Ganze eine "Batterie".
Aber damit nicht genug. "To Charge" heißt und hieß auch zu Franklins Zeiten "in Rechnung stellen", einfordern, was dem Druckereibesitzer und Herausgeber eines beliebten Jahreskalenders nicht eben fremd war. 1729 hatte er bereits eine ungewöhnliche Schrift verfaßt: "The Nature and Necessity of a Paper Currency" und darin mit einfachen Argumenten die verstärkte Einführung des abstrakt Symbolischen in den Geldkreislauf gefordert, nämlich die Scheine. Also lesen wir nirgendwo anders als in Max Webers Protestantischer Ethik, unter der Kapitelüberschrift "Der Geist des Kapitalismus", das stromdiskurszeugende Franklin-Zitat. Bedenke, schreibt Franklin, daß Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur ist. Geld kann Geld erzeugen... Je mehr davon vorhanden ist, desto mehr erzeugt das Geld beim Umschlag. ... Bedenke, daß die Zeit Geld ist - das legendäre time is money - wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag ... faulenzt, der darf ... nicht dies allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schillinge ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.[13] Diese kleine kapitalistische Geldtheorie ist es, die den Prätext gibt für Franklins so überaus einflußreiche elektrische Theorie der Leidener Flasche, die wie in fast unmerklicher Kontiguität wie eine bessere Buchhaltungsvorschrift funktioniert. In seinem "letter IV" von 1748 geht Franklin von der gleichverteilten Existenz einer elektrischen Flüssigkeit in allen Körpern aus, die Konten sind also überall ausgeglichen. Eine Elektrisierung der Flasche entziehe der Außenseite der Flasche elektrisches Fluidum und sammle es an der Innenseite. Also ist ein Kredit, ein Plus an Fluidum ist nun innen, ein Minus außen. Franklin führt als erster diese Begriffe ein, das "Plus" und "Minus" der elektrischen Ladung. Zitat: Die Tatsache, daß eine auf isolierenden Körpern stehende Flasche nicht geladen werden kann, was den Zeitgenossen jahrelang unerklärlich war, läßt sich dadurch erklären, daß ohne Abfluß einer der Zufuhr ins Innere entsprechenden Menge "Feuers" in den Boden die Bildung eines "plus" oder "minus" nicht stattfinden kann.[14] "To fire the bottle" hieß also, - Krieg und Kapitalismus sind in New Amerika dasselbe - daß das feurige Fluidum, sprich der Kredit, sich von Plus nach Minus entlädt oder eben ausgleicht, was seither und bis auf den heutigen Tag von jedem Elektrotechniker als die sogenannte "technische Stromrichtung" gelernt werden muß, während man ihm danach erklärt, daß die physikalische genau andersherum läuft, weil es ja, wir erinnern uns, die negativen Elektronen sind, die wegfließen.
Franklin hatte als Druckereilehrling alles und auch Newton gelesen und verbindet dessen Äthertheorie aus den "Queries" der "Optics" mit seiner globalen Buchhaltungsidee. So kommt es zu einer sehr haltbaren verallgemeinerten Theorie, die nach kaum zwei Jahren Leidener Flasche den Bogen zum Blitzableiter schlägt. Die normale Materie, schreibt Franklin, verhält sich der elektrischen gegenüber wie ein Schwamm zum Wasser: sie faßt soviel elektrische Flüssigkeit in sich, als sie fassen kann...; jede eventuell hinzukommende, weitere Menge elektrischer Flüssigkeit setzt sich an der Körperoberfläche ab und bildet eine Atmossphäre.[15]
Bei Benjamin Franklin, dem amerikanischen Offizier-Politiker-Buchhalter-Unternehmer, finden wir also nicht nur die erste Symbole der Elektrizität; sondern zugleich den ersten, rein theoretisch formulierten Übergang vom Symbolischen der Elektrizität in die sehr effektive Bauvorschrift einer imaginäre Gerätschaft der Elektrizität: seine ihn so unsterblich machende Einrichtung des spitzzulaufenden und gut geerdeten Blitzableiters. Denn er behauptet, was zutrifft, daß auch die Atmossphäre der Luft elektrisch geladen sei, etwa mit 400 000 Volt und 1800 Ampere im Durchschnitt, was natürlich nur Feynman weiß. Franklin, der damit den elektrophoretischen Chemismus und die Metereologie zugleich anheizt, behauptet aber gleichzeitg für alle Welt, daß Gewitterwolken positiv elektrisch sind, was sich als durchgängig falsch erweist und dabei einem Petersburger Physik-Professor namens Georg Wilhelm Richmann den Tod kostet. Richman starb vor und durch seine Meßeinrichtung, einer langen Blitzstange, mit einem Messingdraht verbunden, der wie ein Nolletsches Elektrometerblättchen vor einer Zahlenskala hin- und herschwingen sollte. "Gnomon" war das Gerät getauft und das Ereignis bezeugt von Alexander Solokow, dem Zeichner der Eulerschen Akademie, welchen Richmann bei seinen Versuchen um sich zu haben pflegte, um ihm die elektrischen Erscheinungen zu zeichnen und ihn in den Stand zu setzen, dieselben desto genauer auf den Kupfertafeln vorzustellen, welche er davon stechen lassen wollte. Dieser Künstler, welcher sich dem Professor zur Seite befand, sah auf einmal eine blaue Feuerkugel von der Größe einer geballten Hand nach dem Kopf des Professors hinfahren....Am folgenden Tag öffnete man den Körper. Man fand die Hinrschale ganz, das Gehirn gesund, den Vorderteil der Lunge gesund, den hinteren von schwarzer-brauner Farbe und mit Blut gefüllt.[16]
Dieser Zitat stammt aus "The history and present State of Electricity with original experiments" von John Preistley, London 1767, dem ersten Buch über die Geschichte der Elektrizität als Geschichte einer möglichen Wissenschaft. Mit Franklins Theorie nämlich, der die Leidener Flasche als kanonenähnliche Kreditanstalt eines erdumgreifenden Stromgeldflusses interpretieren konnte, kann allmählich die Physik für einen Physiker zum Hauptberuf werden, was sie wurde. Zum Beispiel in Gestalt des Richmann-Nachfolger Franz Ulrich Theodosius Aepinus, den Leonard Euler nach Petersburg holt. Aus dessen "Tentamen theoriae electricitatis et magnetismi" von 1759 erfährt Kant, wie sie nachlesen können, alles Wissen über Elektrizität. Kant wird das so Erfahrene und von Euler Vertiefte, in der berühmten Setzung verallgemeinern, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.[17] Aepinus hatte vor allem aus Richmanns Schiksal gelernt und rechnet. Über ihn kommt der erste Vorstoß des Reellen in die Elektrizität, nämlich die höhere Mathematik, was seine Verallgemeinerung einschließt, daß elektrische Kräfte sunt attractiones et repulsiones, quae a corporibus electrificatis exerceri solent[18], also nur und allein der Attraktion und Repulsion gehorchen, und damit Newtonschen Kräfte sind, die nach den mechanischen Gleichungen sollen darstellbar sein. Aber - noch - nicht sind. Aepinus vermutet bereits das reziproke Abstandsquadrat als Kraftgesetz, aber kann es nicht nachweisen. Auf ihn geht auch der Hinweis auf die Wirkung von Influenz zurück, also die ungleichnamige Ladung benachbarter Ladungskörper, allerdings unter gänzlicher Ablehnung aller Theorien der besonderen Fluida und Atmossphären, so wie sie Franklin verstanden und verbreitet hatte. An deren Stelle postulierte Aepinus, als getreuer Euler-Schüler, den abstrakten, eben nur mathematisch-räumlich gedachten Begriff des "elektrischen Wirkungskreises" oder "Wirkungsbereichs", denn Atmossphären, so Aepinus, müsse man ja mit einem irgendwie gearteten Blasebalg vertreiben können, wenn es sie gäbe, was aber nicht ginge, wie jeder Versuch beweist. Aus diesem Begriff der "sphaera activitatis" entwickelt sich später, bei Michael Faraday, der Begriff des `field of lines', also des elektrischen und magnetischen Feldes. So geht, vermutlich, die wesentliche Geschichte der Elektrizität ihren Weg durchs Reelle, nämlich durch die Mathematik: von Euler über Aepinus über Faraday über Maxwell über Planck über Einstein über Heisenberg bis einstweilen zu Feynman. Zwar setzen die Petersburger, Aepinus, Leonhard Euler und sein Sohn Johann August auf den Äther als allgemeines und auch für die elektrischen Sphären zuständiges Medium; ihre Mathematik aber rechnet strikt newtonianisch, also mit einer actio in distans.
Mit dem folgenreichen Werk von Aepinus spaltet sich, nach dem Wort von James Clerk Maxwell, die Diskursgeschichte der Elektrizität entgültig in zwei Bahnen, in die "analytische" und "synthetische"[19]. Die analytische Bahn wird eröffnet durch Aepinus, 1771 bekräftigt durch seinen Verehrer Henry Cavendish, der mit zwei Buchdeckeln und einer geladenen Glaskugel das reziproke Abstandsquadrat der elektrischen Anziehung tatsächlich nachweist, was Charles Augustin Coulomb 1785 zu seinen Versuchen mit der Drehwaage veranlaßt und ihn das nach ihm nunmehr benannten Gesetz noch einmal entdecken läßt, welches in der vereinfachten Form geschrieben wird als Click here for Picture . Der Betrag F einer elektrostatischen Kraft ist erstens dem Produkt der Ladungen direkt proportional, zweitens dem Quadrat ihres Abstands umgekehrt proportional und drittens gleich dem seiner Gegenkraft, der Abstoßung. Damit war, in der Ebene des Reellen der Elektrizität, das erste, und bis heute im makroskopischen Bereich unangefochtene "Natur-Gesetz" gefunden, das zum Beispiel direkt ans 3. Newtonschen Axiom anknüpfte.
Coulomb war Ingenieur und bis zur französischen Revolution Oberstleutnant beim Geniecorps, also Offizier derselben Armee, deren Soldaten Nollet vor den Augen des Königs noch hatte rumhüpfen lassen. Sein Gesetz erklärte nun zwar die Abstandskraft, aber erklärte nicht die Wirkung der Elektrizität auf Soldaten, Muskeln, Tiere und Gewitter. Das wiederum forderte die "Synthetiker" heraus, also vor allem Luigi Galvani und seinen heftigsten Kritiker Graf Allessandro Volta.
Volta, ein begüteter italienischer Graf, weltläufig und gewandt, verschaffte sich Eingang in alle Akademien Europas, als er ein ursprünglich aus China stammendes Experiment abwandelt, das ihn zum Bau eines elektrischen Apparats namens "Elektrophor" veranlaßt. Seit Franklin weiß alle Welt, daß Ladung mit Flaschen ja eigentlich nichts zu tun hat und eben deswegen habe ich statt ihrer Tafeln von Siegellack, Schwefel oder anderen harzigen Wesen und einen metallenen ... unbiegsamen Überzug genommen. Ich habe also einen zinnernen Teller...,der einen Fuß Durchmesser hat. Über diesen giehs ich ein geschmolzenes Harz, das aus Terpentin, Kolophonie und Wachs zusammengesetzt ist, welches, wenn es sich ausbreitet, eine glatte und glänzende Oberfläche hat. Den Dienst des oberen Überzugs leistet ein vergoldetes Holz in gestalt eines rundes Schildes, der auf die Fläche des Harzes genau aufpassen muß. Aus dem Mittelpunkt erhebt sich ein sehr glatt gemachter Stil von Glas.
Wenn Sie diese Beschreibung hören, würden Sie nicht sofort annehmen, daß es sich um einen Kondensator handelt, Volta nennt ihn denn auch zunächst "elektrophorus perpetuus", aber ein weiteres Experiment wird das gültige Wort noch kreieren. Eine verharzte Zinnplatte liegt unter einer vergoldeten Holzplatte. Wird die verharzte Zinnplatte geladen und von der vergoldeten Holzplatte berührt, geschieht Influenz (Volta zeugt den Begriff) und also werden beide Platten gegensätzlich geladen. Allein schon diese Eigenschaft des Elektrophors hat zum Beispiel Georg Christof Lichtenberg zum vollständigen Voltafan gemacht. Herauskamen die sogenannten "Lichtenbergschen Figuren", Obenflächenentladungen der negativen bzw. positiven Elektrizität. Lichtenberg hatte die beiden Platten des Elektrophors nach ihrer Influenz mit Harzstaub bestreut und dann den Staub mit beleimten Papier abgezogen. In dieser Figuren entdeckte der Aufklärer Sonne und Mond und im übrigen eine neue Methode, die Bewegung der elektrischen Materie zu studieren.
Volta aber hatte anderes im Sinn. Ein selbstgebauter, immer noch Nollet-ähnlicher Strohhalm-Elektrometer zeigt ihm, daß der ladungsanzeigende Ausschlag zurückgeht, je näher die beiden Platten zueinanderkommen. Zieht man sie wieder auseinander, wird der Ausschlag größer. Volta definiert diese Differenz und nennt sie "tensione", also Spannung. Die verlorene Spannung kann nun ersetzt werden, wie Volta herausfindet, und zwar durch erneute Reibung. Die Spannung hält eine Weile, wenn der Abstand der Platten unverändert bleibt. Er definiert auch diese Größe der hinzugefügten Ladung und nennt sie "Kapazität". Schließlich glaubt er als fester Franklinist und Aepinus-Gegner an Atmossphären, schließt also einen langen Draht, dessen eines Ende an der Außenseite des Zimmerfensters isoliert befestigt ist, leitend an den oberen, aufliegenden Deckel. Und wartet etwa zehn Minuten. Die Leitung wird entfernt und der Deckel wird gehoben und das Elektrometer zeigt mal leichten, mal stärkeren Ladungsausschlag. Der Elektrophor, schreibt Volta 1782, dient in diesem Fall mehr als Elektrometer oder Mikroelektrometer, aber ich möchte ihn lieber als Kondensator der Elektrizität bezeichnen.[20]
Spannung, Kapazität und Kondensator. Wir halten fest, daß die Synthetiker oder besser Symboliker der Elektrizität ihre Namen und Begriffe aus den imaginären Apparaten ziehen, die sie überwiegend selbst konstruieren. Der nun wirklich geniale voltasche Elektrophor, sein Plattenkondensator, ist eine Maschine von hoher imaginärer Verdichtungskapazität. Ursprünglich nämlich sollte der Apparat nur einer Widerlegung dienen, nämlich der Widerlegung einer Legende, die durch das sogenannte "Pekinger Experiment" nach Europa kam, das angeblich bewies, daß zwei aufeinandergeschichtete und geladene Glasplatten würden, so oft man sie auch voneinandernähme und entlüde, immer wieder geladen sein. Ein italienischer Pater namens Beccaria hatte behauptet und seinem Gerät "Elettrismo artificiale"[21] getauft. Aber Volta weiß bereits sicher, daß Elektrizität nichts "Künstliches" ist und nicht sein kann, sondern ein Naturphänomen, wie Geld, Krieg, Blitz und Tod. Deswegen modifiziert Volta den "elektrophorus perpetuus", um sich damit ungeahnterweise einem elektrischen Phänomen zu nähern, das in der ganzen Geschichte der Elektrizität bislang unbeachtet geblieben war, nämlich der fließenden Ladung. Auch Volta entdeckt sie sozusagen ihre erste Vorform: die Spannung. So verwineklt läuft die Geschichte der Elektrizität. Bevor er sie je fließen gesehen hat, erscheint Volta Spannung bereits als eine Art Druck und Zug der Ladung, was ja noch bis auf den heutigen Tag unsere geläufigen Strombilder sind. Für Volta aber gilt die Franklin'sche Grundthese, die etwas mit Geld, also mit dem allgemeinsten Stoff des Symbolischen zu tun hatte und sich über die Blitz- und Gewitterlehren zu einer Urstoff-Hypothese der Naturphilosophie verdichtet hatte. Volta geht wie selbstverständlich von der Anwesenheit einer ständigen Elektrisierung der Natur aus, der Materie, der Atmossphären, einer Elektrizität als eine immer wirksame, allgemeine Tätigkeitsursache in der Natur[22], was sein Elektrophor zu beweisen scheint, das noch die kleinsten Potentialdifferenzen zwischen Luft und Erde "kondensieren" kann, um sie danach über das Elektrometer als Spannung messbar zu machen. Was für ein verwinkeltes Wissen.
Man kann also sagen, daß um 1780 beide Richtungen des Elektrizitäts-Wissens, die Analytiker und die Synthetiker, etwa gleich weit sind, aber auch gleich weit voneinander entfernt. Die Analytiker um Coulomb wissen, daß sie es mit einer newtonschen Elementarkraft zu tun haben, die gradlinig wirkt, dem Gegenkraftaxiom gehorcht und im reziproken Abstandsquadrat wirkt; die Synthetiker wissen, daß Elektrizität eine offenbar aller Materie inhärenter Stoff ist, der das Bestreben hat, in einer Art Gleichgewicht zu kommen und, ist er dies nicht, durch Elektrophore und andere Instrumente in seinen ungleichgewichtigen Plus und Minusbeträgen, als Ladung, als Spannung, als Kapazität aufgedeckt werden kann. Es bahnt sich an, die Elektrizität als einen irgendwie gearteten Konflikt zu denken. Die Mathematiker um Coulomb entdecken zudem, daß die Ladungen auf den Oberflächen der Körper verbleiben und nicht in deren Tiefe dringen, was sie wiederum mit den Gravitationsgleichungen Newtons in Verbindung bringen können, die ja auch besagten, daß nicht das Volumen, sondern die Masse der Körper die Größe der Attraktionskraft bestimmt. Aber Mathematiker und Maschinen-Synthetiker verstehen sich nicht. Während die einen, allen voran die Pariser Mathematiker, mit den Begriffen Spannung, Kapazität und Plus-Minus-Polarität nichts anfangen können, lehnen es die anderen, und natürlich auch Volta selbst, der fast alles in London publiziert, entschieden ab, das Abstandsquadratgesetz zu akzeptieren, sondern führen Versuche vor, die es widerlegen sollen. Ihre Analogie ist eher Wärme und damit englische Wärmetheorien a la Black und Crawford, als Gravitation und Mechanik, wie sie von Laplace und Lagrange mathematisiert werden. Wärme, Verbrennung, Chemie der Materie, Leitfähigkeit der Stoffe, also Vorboten der Thermodynamik, das sind die Themen der imaginierenden "Synthetiker", die nun daran gehen, das warme fließende, das sie selbst sind, zum Gegenstand zu machen.
Also sind das nächste Medium der Elektrizität: das tote Tier und der lebendige Mensch. 1791 veröffentlicht der bologneser Arzt und Physiker Luigi Galvani "de viribus electricitatis in motu musculari. Commentarius". Sie kennen die Experimente, die dahinterstecken: sezierte Froschschenkel, die geheimnisvoll zucken, wenn sie von Metallen berührt werden. Elektrizitätshistorisch ist Galvani selbst ein schrecklicher Abweg, aber er gibt einer ganz anderen, aufdämmernden Wissenschaft, nämlich der Physiologie, den entscheidenden, für das 19. Jahrhundert wegbereitenden Schub. Galvani zeigt ja oder besser meinte fälschlicherweise zu zeigen, daß das elektrische Fluidum in den Nerven hause, eine Art Lebensgeist, im Gehirn vom Blut ausgeschüttet, um dann - durch die Nerven - die Muskelfasern zu erreichen.[23] Galvani behauptet, daß diese Lebensgeister-Fluida eben noch virulent sind, wenn der Frosch schon tot und seziert ist. Diese galvanische Idee vom Geist, der Lebendiges und Totes, Leben und Materie durchdringt und in sich aufhebt, elektrisiert keine Maschinen, aber dafür lebende Geister, wie zum Beispiel Alexander von Humboldt, Johann Wilhelm Ritter aber auch Goethe, und wird dann, ein Jahrzehnt später, zur berühmten Systemidee des Deutschen Idealismus.
Volta schließt sich zunächst Galvani's Thesen an, merkt dann aber bald, daß die Zuckungen der Froschbeine in jedem Fall etwas mit den Materalien zu haben, die man zur Berührung benutzt. Also sind die elektrischen Lebensgeister doch nichts anderes als Störung der franklinschen Verteilungsbilanz der tierisch-elektrischen Körperatmossphären, nur: warum hatte sein geniales Kondensator-Elektrophor die Spannungsdifferenz, die am Frosch anlag, nicht registriert, der tote Frosch aber trotzdem gezuckt? Also muß Volta den Frosch, der er selbst ist, zum Elektrophor, oder besser "Elektroskop" machen. Sollte der Mensch elektrische Atmossphärenstörungen registrieren, die kein Gerät anzeigt?
Da alles versagt, legt Ovlta, 1792, Zinn und Silber statt auf den Frosch auf seine Zunge und schmeckt. Einen sauren Geschmack. Andere Metallbelegungen erwirken einen alkalischen Geschmack. Dieselben Metalle weiter hinter in den Rachen geführt, bewirken einen ziemlichen elektrischen Schlag. Er schließt seine Augen und führt Metalle unter die Lieder: Lichtblitze erscheinen ihm.[24] Alexander von Humboldt geht weiter: er führt zwei galvanische Metallbögen an eine offene Schulterwunde. Sie quillt zum Geschwür auf, wie Humboldt berichtet, für ihn ein Beweis organischer Elektrizität. Vier Jahre später, 1796, ist Volta sicher, die tierische Elektrizität Galvani's sei nicht tierisch, sondern metallisch, hervorgerufen aus einem Kontakt unorganischer Leiter, also der Metalle, Leiter erster Klasse, wie er sagt, zum Beispiel Zinn und Silber.
In dem Jahr, als Napoleon das erste Mal durch Italien zieht, liegen zwei italienische Elektrosynthetiker im Streit, aber tappen im Dunklen. Der eine behauptet, in toten Fröschen zuckende Lebensgeister zu erwecken, der andere behauptet, daß bei der gegenseitigen Berührung von Silber und Zinn, ein schwungartiger "Trieb", ein "nisus" erweckt werden, der das Silber veranlasse, seine elektrische Flüssigkeit an den anderen, das Zinn, abzugeben. Erst vier Jahre später, genau im Jahr 1800, wendet sich das Blatt, zunächst für Volta und darauf für die physikalische Welt. Denn Volta hat endlich durch Hintereinanderschalten von mehreren Silber-Zink-Wasser-Tassen nachgeweisen, was er im Hals schon spüren konnte, den Metall-Kontakt-Beweis. Sein altes Elektrophor zeugt bei mehreren seiner Elemente deutliche Spannungen. Aus einem ursprünglichen Meßgerät, nämlich Voltas Rachen, ist eine Stromerzeugungsgerät geworden, was die heutige Physik, so als wolle sie Volta ärgern, ausgerechnet ein "galvanisches Element" nennt: Strom durch elektro-chemische Reaktion, Ionisierung von Metallen, einen Überschuß an Negativ-Ionen auf der einen und einen Mangel an Positiv-Ionen auf der anderen Seite erzeugend, also entgegengesetze Ladungen, also eine Potentialdifferenz, also Ladungsfluß bei Kurzschluß der Metalle.
Die Volta-Batterie liefert definitionsgemäß nicht viel, eben einige Volt, nichts im Vergleich zu Martinus van Marums Aggregat im holländischen Haarlem, das 1784 gebaut, vermutlich an die 500 tausend Volt leistete mit Funken von über 60 Zentimeter Länge.[25] Das mag der Grund sein, warum die Voltas Säule kaum etwas an der tiefen Zerrissenheit der wissenschaftlichen Diskussion bewegte. Volta macht sich sofort zu einer Europareise auf und besucht auch 1801 Paris, das inzwischen, durch Napoleon stark gefördert, mit der Akademie der Wissenschaften, der Ecole Polytechnique und dem Muséum d'Histoire Naturelle, mit Laplace, Berthollet, Coulomb und Biot das wissenschaftliche Zentrum der Welt repräsentiert. Doch genau hier ist der Einzelgänger und Franklinist Volta unbeliebt. Auf der einen Seite haben die Chemiker: Robertson, Berthollet, Guyton längst die Botschaft aus Jena und Kiel verfolgt, wo Johann Wilhelm Ritter und Christian Pfaff aus Aktivitäten Säule zwei Gase ausmachen konnten, die an weit auseinanderliegenden Punkten entstanden durch die Dekomposition derselben Wasserpartikel[26] , wie Pfall geschreiben hatte. Was Volta selbst für ganz nebensächlich hielt, setzte alle Welt in Erstaunen: Nicht nur die Säule zersetzte Wasser, das ihr element war, sondern jedes Wasser, das die Säule elektrisiert, produziert chemische Reaktionen. Die Theorie dazu war heillos zerstritten, so auch in Paris, wo Berthollet, ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen, eine mechanische Molekulartheorie vertrat, nach der das elektrische Fluidum mittels der Gase durch das Wasser getragen würde. Auf der anderer Seite standen die Mathematiker Napoleons, allen voran Laplace und Biot, dessen Werk fünf Jahre später durch Hegel tief in die deutsche Philosophie eingehen sollte, die aber Volta ebenso verachteten, da dieser der Coulombschen Entdeckung des Abstandsquadrats nicht folgen wollte. Sie fanden also an dem Apparat nichts aufsehenerregendes, denn schließlich, so Biot, werde auch bei einer Entladung der Leidener Flasche Sauerstoff frei, was in Voltas Säule eben nur langsam und unter Wasser geschehe.
Für den Herbst 1801 lädt Napoleon Volta persönlich in die galvanische Kommission der Akademie. Und damit beginnt eine der seltsamsten polit-physikalischen Interventionen, eine in der Physikgeschichte vermutlich einmalige Machtprobe zwischen Physik und Politik, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Der Empfang vor der Kommission ist kühl und distanziert. Biot, Coulomb, Monge, Volta, Laplace, - sie kennen ihre Haltungen, daß sie nichts voneinander halten. Wenige Wochen später demonstriert Volta seine Erfindung der wissenschaftlichen Klasse, also vor der Institutsöffentlichkeit, noch einmal, erläutert zudem seine Theorie und repetiert seine veröffentlichten Arbeiten. Das Protokoll dieser Sitzung sagt, daß nach der Hälfte des Vortrags Bürger Bonaparte [aufstand und] vorschlug, daß die Klasse ... dem Bürger Volta eine Goldmedalle verleihen solle, als dem ersten ausländischen Wissenschaftler, der nach Friedenschluß mit Italien in der Klasse vortrage. Er schlug ebenfalls vor, daß einer Kommission die Aufgabe gegeben werden solle, ausgedehnte Experimente zu machen, um auf die Seite der Physik ein Licht zu werfen, die Bürger Volta gerade hier vor der Klasse vorgetragen habe.[27]
Das war ein Schlag ins Gesicht der napoleonischen Wissenschaftler, und zwar nicht der erste. Denn die Ecole Polytechnique hatte im Jahre 1801 ein Viertel ihre Budgets verloren, ihre Studenten wurden im Folgejahr zum Militär eingezogen, die Lehrpläne von Napoleon geändert, um zum Militärdienst zu befähigen. 1804 verordnet Napoleon der Ecole einem Kommissär, der Kriegs-Fortifikation und Theorie der Maschinen verlangt und avancierte Studien in Mathematik und Chemie nur noch für kriegsbezogene Themen gestattet. Soweit zum Thema Napoleon und seine Wissenschaftler, wiewohl er sie im Italienfeldzug 96 und der ägyptischen Expedition 98 noch an seiner Seite hatte, damit in der Kriegsbeute das Wertvolle vom Unwichtigen unterschieden werden konnte. Das ist 1801, ein Jahr vor der Diktatur des Konsuls auf Lebenszeit, bereits Geschichte. Wissenschaft hat kriegswichtig zu sein, oder sie ist nicht. Was aber in aller Welt gefiel Napoleon an Volta? 1801 spurt die Klasse befehlsgemäß sofort und akklamiert zur Medaille. Napoleon legt für Volta noch 2000 Ecus aus eigenen Mitteln dazu. Im Juni 1802 aber, also mitten in der einschneidenden Institutsreform, setzt Napoleon einen Preis von 60 tausend Francs aus für die Person, so Napoleon an seinen Minister des Inneren Chaptal, die bei ihren Experimenten und Entdeckungen, nach Meinung der Klasse, eine hervorragende Kenntnis der Elektrizität und des Galvanismus zeigen, so sehr wie es Franklin und Volta taten. Schlimmeres als hier von Franklin zu reden, konnte Napoleon seinen Wissenschaftlern nicht antun. Ein Jahr später wird jene wissenschaftliche Klasse der Akademie indes gehorsamst, nachdem sie zuvor noch James Watt, den Dampfmaschinen-Erfinder und Henry Cavendish, der Coulomb-Vorläufer ganz vorn auf ihrer Liste notierte, mit großer Mehrheit wieder Volta wählen und um ein Vermögen reicher machen.
Warum? - Die überlieferten Korrespondenzen Napoleons schweigen sich darüber aus. Suchen wir die Gründe also dort, wo Napoleon 1801 agiert, in der Politik, im Recht, im Symbolischen: Es geht um Medaillen, Spesen und Geld. Es ist die schlichte Referenz der Politik an die Politik, denn inzwischen ist ja auch Franklin zum Weltstar der Politik mutiert; es ist die schlichte Referenz der weltumspannenden Globkraft, sprich Kaiser, an die weltumspannende Globalkraft, sprich Stromatmossphären. Die Elektrizität, die für Volta nicht im Reellen der Mathematik existiert, sondern nur im Symbolischen von Vorstellungswelten, gewinnt in Napoleon einen neuen Assoziierten. Denn im abstrakt Symbolischen, Hegel hat das ja so empfunden, liegt jetzt Macht. Der Kaiser steht also vor der volta'schen Säule wie vor sich selbst, globaler Befehl vor globalem Befehl. So kann man das Symbolische der Elektrizität um 1800 lesen, so muß man es nicht, aber es spricht einiges dafür.
Zum Beispiel, daß seither eine Bindung von militärischer Politik und Elektrizität besteht, die seither nicht mehr abreißen sollte. Befehle verteilte Napoleon in seinen Feldzügen via Semaphoren, Nachfahren der byzantinischen Lichtzzeigetürme, vermischt mit der Zeichensprache chappe'scher Telegrafen, die schon kurz vor der Revolution Inbegriff des aufkommenden Nationalstaats wurden. Dahin, nämlich nicht mehr Lichtspielerei zu sein, sondern Befehle zu übertragen, Instanz des Befehls zu sein, mutiert auch die Elektrizität. Einer ihrer größten Phantasten, Samuel Thomas Sömmering, Autor des fünfbändigen galvanistischen Werks "Vom Baue des Menschlichen Körpers"(1791), entdeckt darin die Überkreuzung der Seenerven, veröffentlicht gegen die Zeitmode die Schrift: "Über die Schädlichkeit der Schnürbrüste" und später dann "Über den Tod durch die Guillotine" von 1795; dieser Sömmering erhält 1809, inzwischen Konservator der anatomischen Sammlung in München, nach einer der napoleonischen Überraschungsfeldzüge, den entsprechend napoleonischen Auftrag. Sömmering baut, mittels Voltascher Säule, einen chemoelektrischen Telegrafen - sie können das Ding im Deutschen Museum in München bestaunen -, welcher auf der Wasserzersetzung Säule basiert und in welchem Signale übertragen werden dadurch, das Wasserstoff/Sauerstoff-Bläschen einen Löffel auf- und niederfallen lassen. Im Symbolischen heißt Elektrizität in der Tat ab spätestens 1809: Telegrafie; aber von Volta aus und mit Volta gibt es einstweilen für die apparative Ausführung nur eine kurzschlüssige, darum phantasmatische und darum wohl auch nur deutsche Lösung. Auch dafür wird Napoleon das richtige Wort finden. Napoleons Feldarzt, Baron Larrey, nahm das Gerät mit nach Paris zum Kaiser, welcher darauf die abweisend geflügelten Worte gesprochen haben soll C'est une ideé germanique.[28]
Ich stelle Ihnen durchaus frei, diesen letzten Part meines Diskurses, also diese Konstruktion der Nähe zwischen Napoleon und Volta, zwischen Befehl und Strom, zwischen chemisch erzeugter Phantasmagorie und mißlungener Telegrafie, für reichlich spekulativ zu erklären. Und ich stehe nicht an, Ihnen dabei immer recht zu geben, wenn sie allen sogenannten Ideen radikal mißtrauen, die im Diskurs des Symbolischen wurzeln, also Sätze aus Sätzen und Worte aus Worten extrapolieren, was nun mal der ausgezeichnete Diskurs der Philosophie wäre, der aber immer auch einer Zumutung gleichkommt. Aber ich habe einen guten Grund für diese Zumutung, ausgerechnet in einen elektrizitätshistorischen Diskurs, der nun bei Volta angekommen ist, die Spekulation, der Philosophie mit all ihren zweifelhaften Extrapolationen und Interpretationen zu implantieren. Denn aus diesem Implantat folgt, zwanzig Jahre nach Volta, nämlich mitten aus der Philosophie oder besser mitten aus der symbolischen Spannung zweier Philosophien der nächste, bedeutenste, allesentscheidende Schritt.
Es geht um Hans Christian Oerstedt, einen dänischen Philosophieprofessor, von dem sie in jedem Physiklehrbuch nachlesen können, er habe als erster den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus entdeckt. Aus dem, was Sie bisher gehört haben, wissen Sie, daß dies eine revolutionäre Entdeckung war. Denn bis dahin, also bis 1820, galt die Gilbertsche Trennung in die vis magnetica und die vis electrica, also seit 1600, ein revolutionärer, kopernikanischer, aber leider falscher Trennungsakt der Nuova Sciencia. Weder Descartes 1645, noch Newton 1685 hatten dieser Trennung widersprochen. Kein Experiment war seither bekannt geworden, das eine Wiedervereinigung hätten stiften können, wie denn auch, möchte ein Physiker sagen, wenn 200 Jahre lang, mit Gläsern und Tuben, Hanf und Seide, Bernstein und Hollunderbällchen ja nur statische Elektrizität erzeugt und also bekannt werden konnte. Denn mit Oerstedt hat, Ampere wird das sofort formulieren, Kraft und zwar newtonsche.
Die Physik, deren Diskurs spätestens seit Napoleon - ich bleibe dabei - auf Befehl agiert, den sie fortan immer für ihren eigenen erklärt, war bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht wenig beunruhigt, wieso ausgerechnet ein Philosoph jene allesentscheidende Entdeckung der Erzeugung magnetischer Kraft durch elektrische habe machen können. Ein Befehl nämlich ist, ich schiebe das ein, ganz informationstheoretisch betrachtet, eine Diskursakt, der seine Voraussetzungen verschweigen muß und will, um sie als seinen bloßen Effekt zu exekutieren. Ein Befehl ist sogesehen ein ziemlich zirkuläres, rekursives und effektives Machtdispositiv und basiert auf der Verdrängung von Historizität und histroschen Diskursen. Die Klage, daß gerade die zeitgenössische Physik extrem geschichtslos operiert, ist ja nichts neues und gibt bereits zu einigen bemerkenswerten hochschuldidaktischen Projekten der Physiklehre Anlaß, aber das ist eine andere Geschichte. Was den Philosophen Oerstedt betrifft, so konnte die englische Physik jedenfalls, die ja im 19. Jahrhundert die Führung übernimmt, sich mit einer Mitteilung beruhigen, die Michael Faraday 1857 verbreitete. Nämlich daß er einen Brief bekommen habe von einem Christopher Hansteen, einen Mitarbeiter Oerstedts, des Inhalts, daß der dänische Philosoph zwar a man of genius gewesen sei, aber a very unhappy experimenter [who could not manipulate instruments][29], so daß der arme Mann Oerstedt quite struck with perplexity gewesen sein soll, daß die Magnetnadel sich zum Stromleiter bewegte: he tumbled over it by accident. So die Legende noch heute in allen Lehrbüchern.
Aber die Geschichte ist nachweislich falsch. Oerstedt hatte 1799 seine Dissertation geschrieben "De forma metaphysices elementaris naturae externae" und darin Kants "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft" gründlichst rezipiert, jenes damals gerade 13 Jahre alte Werk, das einige von Ihnen in einem anderen Seminar gerade lesen und das zwischen den beiden Auflagen der Kritik der reinen Vernunft, also zwischen 1781 und 1787 geschrieben wurde. In deren Kapitel Vom regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft hatte Kant klargelegt, daß transzendentale Ideen niemals irgendeine konstitutive Anwendung finden, sondern nur regulative Funktion haben. Also Vernunftbegriffe, sagt Kant, werden nicht aus der Natur geschöpft, vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen, und halten unsere Erkenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat sind.[30] Die "metaphysischen Anfangsgründe" hatte Kant geschrieben, um seinem eigenen Einwand zu begegnen, nämlich daß Naturerkenntis nach Vernunftbegriffen nun nicht einfach zielloses Sammeln und Anhäufen von Erfahrung sein könne, wie in der Chemie, welche, und damit sind wir beim Thema, nichts mehr als eine systematische Kunst, oder Experimentallehre sei, niemals aber eigentliche Wissenschaft..., weil die Prinzipien derseben bloß empirsch sind und keine Darstellung a priori in der der Anschauung erlauben, folglich die Grundsätze chymischer Erscheinungen ihrer Möglichkeit nach nicht im mindesten begreiflich machen, weil sie der Anwendung der Mathematik unfähig sind.[31] In dem Dynamik-Kapitel der Anfangsgründe werden hingegen Mechanik und damit Physik durchaus für naturwissenschaftfähig erklärt, weil sie einen mathematisch begründeten Begriff von "Grundkräften"[32] haben, nämlich Repulsion und Attraktion, welche Dichtigkeit und Leere dynamisch verknüpfen und damit die nötigen Aprioritäten schaffen für reine Wissenschaftlichkeit.
Der Kantianer Oerstedt ist damit seinem Thema auf der Spur. Er reist zwischen 1801 und 1803 in deutschland herum, hört Fichte in der Berlin, trifft Johann Wilhelm Ritter, der bereits über Volta veröffentlicht hat, ebenso Friedrich Schlegel, der Ritter in einem Peom verewigt, dortselbst in Jena und liest das Buch, über das die deutschem Dichter und Denker damals reden wie über kein zweites, nämlich Friedrich Wilhelm Joseph von Schellings "Von der Weltseele, eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus" von 1798. Der Titel ist vielsagend genug und Oerstedt merkt an, dieses Buch verdient ohne Zweifel Aufmerksamkeit wegen der großen und schönen Ideen, die darin enthalten sind, aber gesehen auf die nicht sehr klaren Methoden, mit denen der Autor empirische Behauptungen vermischt mit solchen, die als a priori Behauptung davon ausreichend getrennt werden müßten, ist diesem Buch viel von seinem Wert genommen, besonders weil auch die empirischen Behauptungen oft schrecklich falsch sind.[33] Oerstedt, inzwischen Philosophieprofessor an der Kopenhagener Universität, veröffentlicht 1812, bei den Berliner Freunden seine "Ansicht der chemischen Naturgesetze durch die neuren Entdeckungen gewonnen", die ein Jahr später auch in Paris übersetzt werden und will es besser machen will. Die "neueren Entdeckungen", die vielleicht doch erlauben, das "chymische System" aus den Kantschen Anfangsgründen, von einem beliebig artifiziellen Sammelgebüde zur Wissenschaft zu erheben, die einzige Differenz, die der Kantianer hier also einbringen kann, das sind natürlich die chemischen Reaktionen der Voltaschen Säule. Also entwickelt er seine eigene Version der Kantschen "Grundkräfte". Er sieht, wie Kant, in der Materie zwei Grundkräfte wirksam, nur statt Repulsion und Attraktion nun "Verbrennung" und "Verbrennbarkeit", oder Oerstedtisch "Brennkraft" und "Zündkraft"[34]. "Brennkraft" liege in allen brennbaren Substanzen und Alkalien, "Zündkraft" aber im Sauerstoff und in Säuren, zwei Grundkräfte, die sich so in die ganze Materie-Welt erstrecken; alle Aktion in der Natur sind Variationen davon. Damit kommt er zu einer überraschenden Erklärung der Voltaschen Säule, bzw der Elektrizität. Sie sei eben, schreibt Oerstedt 1812, kein Fluidum, sondern setze sich fort durch eine Art von kontinuierlicher Dekomposition und Rekomposition, oder eher durch eine Aktion, die das Gleichgewicht zu jedem gegebenen Moment zerstört und wiederherstellt im folgenden Augenblick. Man kann diese Aufeinanderfolge von entgegengesetzten Kräften, welche in der Übertragung der Elektrizität vorhanden ist, auch so ausdrücken, daß man sagt, die Elektrizität wird in einer wellenförmigen Weise verbreitet.[35] Und obwohl es Oersted - übrigens in enger Anlehnung an Ritter und die deutsche romantische Physik, was hier aber nicht weiter interessieren muß - obwohl also Oerstedt in der "Ansicht der chemischen Naturgesetze" von 1812 vor allem von dem Zusammenhang zwischen Elektrizität und Chemie handelt, andererseits ja kantische Grundkräfte zu reformulieren angetreten ist, findet sich also der wörtliche Satz: Es wird nötig sein herauszufinden, ob Elektrizität in ihrem überwiegend latenten Stadium nicht auch einige Aktion auf einen Magneten als solchen ausübt. Das Experiment wird nicht ohne Schwierigkeit sein, weil sich die elektrische Aktion immer mit ihr vermischen wird und also eine Beobachtung sehr kompliziert macht.[36]
In der Tat waren alle Versuche, die elektrischen Potentiale der statischen Elektrizität mit einer magnetischen Aktion in Verbindung zu bringen gescheitert. Aber Oerstedt, anders als die Legende es will, weiß was er sucht und er findet es 1820. "Experimenta circa effectum conflictus electrici in acum magneticam" heißt die im July überallhin verbreitete Schrift, in der uns Oerstedt mitteilt, daß seine Voltasche Säule aus 20 Kupfer-Zink-elementen bestand und wir also, nach U = phi1 - phi2 = (-0,76 - 0,34) * 20 errechnen, daß auch 1820 22 Volt genügen, um eine Magnetnadel im rechten Winkel auf den Stromleiter auszurichten. Oerstedt erkennt, daß die Ablenkung der Nadel der Stromrichtung gehorcht und daß sich aus dem, was beobachtet worden, schliessen [läßt], daß dieser Konflikt in Kreisen fortgehe. ... Es scheint überdem, es müsse die Kreisbewegung, verbunden mit der fortschreitenden Bewegung nach der Länge des Leiters, eine Schneckenlinie oder Spirale beschreiben, welches jedoch, wenn ich nicht irre, zur Erklärung der bisher beobachteten Erscheinungen nicht beiträgt.[37]
Oerstedt irrt. Denn welche Linien oder Spiralen, also welche Geometrie der magnetische Konflikt, nun beschreibe - die Oerstedt schon sieht -, wird einer der wichtigsten Fragen der Elektrodynamik werden, die jetzt, durch den Philosophen der Kantschen Dynamik Oerstedt, zwar nicht wörtlich, aber der Sache nach in der Welt ist. Unsere Elektrizitätsgeschichte neigt sich damit für heute dem Ende zu, nicht ohne aber noch einmal das von Lacan her etwas zweckentfremdete Dreieck des Reellen, Symbolischen und Imaginären zu bemühen, oder anders gesagt, noch einmal zu Max Planck zurückzukehren.
Erst mit Oerstedt beginnt das Dreieck, das Planck anschrieb, zu funktionieren: "Besonderheit der Vorstellung" - "Allgemeinheit der Gleichungen" "Mögliche Weiterentwicklung". Er findet die "Allgemeinheit der Gleichungen" nicht, aber er weiß, daß sie, als ein kantisches A Priori der Vernunft, existieren können und müssen. Er zeigt keine Urkraft, aber erzeigt den Begriff von Kraft. Oerstedt hält daran fest, ganz gegen die deutsche Romantik, daß eine Symbolik der Elektrizität ohne die Anerkennung des Reellen, d.h. ohne das mathematische A Priori der Newtonschen Mechanik, nicht Diskurs werden dürfe. Das gibt, wenn sie so wollen, Oerstedt einen philosophischen Sinus in den Diskurs, eine philosophische Winkelfunktion des Diskursiven, die nach acht Jahren schließlich realiter einen imaginären Apparat in Oerstedts Hörsaal projiziert, der an Simplizität ja kaum übertroffen werden kann. Später, nach 1820, wird auch Oerstedt dann auch jener ganz konservativ romantischen Wendung verfallen, wie es etwa auch beim später Schlegel zu beobachten ist.
Mit Oerstedt ist die Geschichte der Elektrizität an ihrem entscheidenden, doppelten Wendepunkt. Erstens: Seine Entdeckung erlaubt den industriellen Bau von Telegrafensystemen, die nach einem Prinzip funktionieren, das Ampere bereits drei Monate später wird beschreiben können und konstruieren können: den Zeigertelegraf. Mit Oerstedt also beginnt die Ära der elektrischen Medien. Zweitens: Zwar steht noch im wesentlichen eine Entdeckung aus, nämlich die Umkehrung des Oerstedtschen Experiments, das Prinzip der elektromagnetischen Induktion, das Faraday zehn Jahre später formuliert. Aber wir werden das nächste Mal sehen, wie systematisch und wie kontrolliert diese Entdeckung geschieht, nämlich protomathematisch, und zwar durch die konstruktive Verlagerung des englischen Fabriksystem-Prinzips auf die Ebene eines Labors, ein die Kraft verlagernder Kraftakt, über 20 Jahre exekutiert von einem einzigen Ex-Buchbinder am Royal Institut.
Drittens steht aus zu beobachten, wie die Grundgleichungen der elektromagnetischen Vorgänge durch James Clerk Maxwell ermittelt werden. Wir werden finden, daß dies, jenseits der Ohmschen Zufallsentdeckung der Strom/Spannung/Widerstandsrelation, nur wieder möglich ist, indem noch einmal das Dreieck: Vorstellung, Gleichung, Erfindung, um eine Drehung veschoben wird, was nur mittels der Annahme eines Mediums möglich ist, das seine eigene Geschichte verdient, nämlich den Äther, das Thema unserer nächsten Sitzung.

[1] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 536
[2] Platon, Sämmtliche Werke VIII, nach der Übersetzung Schleiermachers, Frankfurt 1991, S. 391, (80 c)
[3] Richard Feynman, Robert B. Leighton, Matthew Sands: Feynman - Vorlseungen über Physik, München 1973, Bd. 2 S. 13-16
[4] S. 1-1
[5] ebd
[6] Um diese "Besonderheit der Vorstellungen", die zu den Maxwellschen Gleichungen führt, ging es Max Planck in der Totenrede zu Heinrich Hertz von 1894. Max Planck: Physikalische Abhandlungen und Vorträge, Bd. 3, Braunschweig 1958, S. 298
[7] Feynman, 5-5
[8] Francesco Moiso: Theorien des Magnetismus, in: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Ergänzungsband zu Werke Bd. 5 - 9, Stuttgart 1995, S. 165
[9] Moiso, S. 166
[10] Rene Descartes: Die Prinzipien der Philosophie, IV. Teil, 133
[11] Kleist, Brief an Krüger, 17. III. 1746, zit nach Fritz Fraunberger, Elektrizität im Barock, Köln o.J., S. 100; übernommen aus John Priestley: Geschichte und gegenwärtiger Zustand der Elektrizität nebst eintümlichen Versuchen, Berlin 1772 (London 1767)
[12] nach Meya,Jörg/Sibum,Heinz Otto: Das fünfte Element. Wirkungen und Deutungen der Elektrizität, Reinbek 1987, S. 66
[13] Aus "Advise to a young tradesman"(1748), zit nach Max Weber: Protestantische Ethik Bd. I, Tübingen 1920, S. 40f
[14] Moiso, 236
[15] Nach "Opinions and Conjecture", 1769, zit nach Moiso, ebd
[16] Priestley, zit nach Fraunberger, 148
[17] Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Vorrede, 1786, Theorie-Werkausgabe IX, Wiesbaden 1957, S.14
[18] Tentamen, 10, zit nach Moiso, 244
[19] J.C.Maxwell: Papers, Bd. 1, 1890, 527, auch Moiso, 254
[20] "Del modo di rendere sensible", zit nach Fraunberger, 183
[21] 1772, siehe Moiso, 250
[22] zit nach Moiso, 257
[23] Moiso, 324
[24] 329
[25] Meya/Sibum, 71
[26] Sutton,Geoffrey: The Politics of Science in early Napoleonic France: The Case of the Voltaic Pile, in: Historical Studies in the Physical Sciences, 11/2, 1981, 337
[27] zit nach 355
[28] vgl. Roland Gööck, Die großen Erfindungen, Nachrichtentechnik - Elektronik, Künzelsaus 1988, 31f
[29] Bence Jones: The Life and Letters of Faraday, London 1870, II, 395ff, zit nach Timothy Shanahan: Kant, Naturphilosophie, and Oerstedts discovery of electromagnetism: a reassessment, in: Studies in History of Philosophy and Science, 20, 3, 1989, 287
[30] Kritik der reinen Vernunft, A645
[31] Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Riga 1786, X
[32] 5. Lehrsatz der Dynamik
[33] Oerstedt, Naturvidenskabelige Skrifter, I, 77, zit nach Shanahan, 298
[34] Siehe auch: Barry Gower: Speculation in Physics: the History and Practise of Naturphilosophie, in: Studies in History and Philoyophy of Science, 3,4,1973 301ff
[35] Ansicht, (aus dem Engl rückübersetzt, leider, nach) Shanahan, 300
[36] Ansicht, 302
[37] Hans Christian Oerstedt: Versuhe über die Wirkung des elektrischen Conflicts auf die Magnetnadel, in: Andreas Kleinert (hg): Physik im 19. Jahrhundert, S. 115f