HUB-WS 95/96
"Theorien des Radios - Ästhetik und Äther" (4)
Teil 1; Teil2; Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7;
 

 

1 Radiotelegrafie - Radio in/aus den Kriegen

Radio und Elektrizität, das war die Frage der vergangenen zwei Sitzungen, oder genauer: welcher Diskurs des Wissen von Elektrizität ging dem Medium Radio konstitutiv voraus? Ich habe Ihnen hierbei den ja zunächst einmal gespenstischen Vorschlag unterbreitet, den Diskurs des physikalischen Wissens von der Elektrizität in drei lacan'sche Ebenen aufzuspalten, nämlich in das Symbolische, als Ebene der intellegiblen Modelle von Elektrizität, in das Reelle, als die Ebene der mathematischen Anschreibungen, und in das Imaginäre, als die Ebene der Apparate, der kühnen Erfinderexperimente, der Basteleien und sensationellen Effekte der Elektrizität.
Hierzu gebe ich Ihnen eine kleine Diskurs-Matrix der Elektrizitätsgeschichte. (Abb)
Da ich Sie nicht für dumm verkaufen möchte, füge ich gleich in aller Ausdrücklichkeit hinzu, daß es sich dabei um ein sehr formales Schema handelt, und ich werde heute versuche, Ihnen einige Aspekte dieses Schematismus näher zu bringen.

1.1. Das Reelle - das Imaginäre

Wenn wir es also zunächst mit dieser Einteilung hielten, dann wären wir jetzt bei den Hertz'schen Versuchen angekommen, die ich also in die Spalte des Imaginären schreibe. Als sie endlich gelingen - und sie müssen wissen, Hertz arbeitet sieben Jahre an 'seinem Problem' -, werden die Hertzschen Versuche gleich auf mit den genialen Experimenten Faraday's stehen, (Rotationsexperiment, Umkehrung des Arago'schen Rads etc.) oder dem Bau des Elektrophors von Volta. Von dieser Ebene der Experimente zu sagen, daß sie die Funktion des Imaginären erfüllt, meint nicht so sehr, daß von ihr jeweils das sogenannte "Neue" und jeweils Unvorhersehbare ausgeht. Das wäre viel zu sehr symbolisch gedacht. Das Imaginäre ist ja vielmehr auch im Lacanschen Sinn eine Art Flucht-Fenster des Reellen; ein Ausblick auf etwas, das nicht ist und dadurch ist; so etwas wie der blinde Fleck des Reellen; das Imaginäre verflüchtigt sich sozusagen immer von einem Platz, den es nie innehatte, während das Reelle, nach Lacans Wort "an seinem Platz klebt"(nach Kittler 1993,68), den es hat, wenn es ihn hat.
Was von Experimenten und Apparate-Erfindungen der Elektrizität ausgeht, ist in einem gewissen Sinn "real", "realer" jedenfalls als alle symbolischen Vorstellungen, die dem Experiment vorhergingen, und doch ist es, ganz im Lacanschen Sinn, niemals das Reelle. Das Reelle im Lacan'schen Sinn ist da schon eher die Entropie, die geschieht, wenn sie ein paar Würfel werfen. (Kittler 1993,68ff). Physikalisch gesprochen ist eine Funktion des Reellen zum Beispiel das reziproke Abstandsquadrats der Gravitationsanziehung zweier Massen, die ja wohl da ist, eine Anwesenheit, die schlechthin nicht abwesend sein kann, wie denn nach Lacans Wort gilt: "Es gibt keine Abwesenheit im Reellen" (Lacan 1980, 396). Nach einem imaginären Mechanismus oder nach einer symbolischer Bedeutung des Reellen zu fragen, ist so unsinnig wie erfragen zu wollen, ob sie am Samstag im Lotto gewinnen. Das einzig Reelle an dieser Frage ist die Wahrscheinlichkeitsfunktion, die besagt, daß Sie eher nicht gewinnen, was allen Wahrscheinlichkeitsfunktionen äquivalent ist, die thermodynamische Prozesse im molekularen Bereich regelt und auch dann reell bleiben wird, wenn Sie sie für abwesend erklären und also das haben, was man immer schon das Glück der Seligen nannte. Das Reelle ist aber nun wirklich alles andere als das Glück. Es ist nicht einmal die Unverständlichkeit des Glücks.
Friedrich Kittler hat in seinem Aufsatz "Die Welt des Symbolischen - eine Welt der Maschine" eine harte Lacan-Lektüre angestoßen, die ich hier für den historischen Diskurs der Elektrizität versuchsweise habe fortlaufen lassen und deren Medienapriori ja tatsächlich das bislang letzte Medium der Elektrizität, nämlich der Computer ist. Es mußte ja zunächst einmal das Stochastische verrechenbarer Wahrscheinlichkeiten, also das Medium fraktaler und mathematischer Unanschreibbarkeiten technische Realität werden, bevor überhaupt das Reelle als reelles zu denken war. Und auch das geht nicht ohne Verschiebungen ab. Denn das Reellste des Reellen entspricht genau der Funktion des Imaginären selbst: nämlich die Wurzel aus -1, und seit Descartes nennt man die Wurzel aus - 1 die imaginäre Zahl "i". Kittler hat dann auch, wie sie nachlesen können, seinereits Rene Descartes' Geometrie von 1637 nachgelesen, dort die Definition des Reellen und Imaginären gefunden und die verstreuten Stellen, in denen Lacan über die Funktion des "Symbolischen", "Reellen" und "Imaginären" handelt, auf ihren strikt mathematischen Boden zurückgeführt. Mathematisch gesehen ist das Symbolische das Rechnen in Kardinalzahlen, das schlichte Abzählen, das Reelle dagegen jene Mathematik der Überabzählbarkeit von rational/irrationalen Zahlen und das Imaginäre schließlich jenes Changieren im Komplexen, das zu jeder Verwendung der Wurzel aus -1 seit Decartes gehört, ein Ausdruck, mit welchem mathematisch zu operieren ist, ohne je, wie Descartes sagt, die "Werthe dieser Wurzel" (Descartes nach Kittler) zu kennen. (1)
Im Lacan'schen Prätext funktioniert die Begriffstrias "Symbolisch", "Reell", "Imaginär" unlöslich ineinander verschränkt. Es ist das psychische Diskurssystem "Subjekt" oder "Ich", das diese Begriffe bei Lacan ursprünglich gegeneinander changieren läßt, aber es ist später, lesen Sie nur den Kybernetik-Aufsatz von 1954, ebenso auch das Diskurssystem "Wissen". Das Medien-Apriori, dem noch Lacan selbst unterliegt, läßt uns diese Begriffstrias auch auf das Diskurssystem "technische Medien" strategisch erweitern, wo sich nämlich ebenfalls diese Verschränkungen wiederfinden. Paradoxerweise ließe sich sagen: das Reelle wird erst reell, wenn technischen Medien existieren, die das Reelle als ihre Voraussetzung reproduzieren (2).
Ich fasse kurz zusammen:
Die Telegrafie, das allesentscheidende erste technische Medium der Moderne, entsteht an der Stelle, wo aus dem Imaginären der Elektrizität eine Gerätschaft hervorgeht, mit der Zeichen über beliebige Strecken übertragen werden können: der elektromagnetische Zeigertelegraf im Anschluß an Oerstedt und Ampere. Das zweite technische Medium der Moderne, die Photografie, entsteht an der Stelle, wo die Elektrizität des Lichts, im Prozeß des elektrochemischen Experimentierens, im Niepce'schen Labor chemische Prozesse des Silberoxyds in Gang bringt. Über lange Jahrzehnte fehlt der zugehörige Diskurs des Reellen, also die Mathematisierung der elektrischen Effekte und chemischen Reaktionsbildungen, während die entsprechenden Medien längst ihre kognitiven, politischen, militärischen und kulturelle Prozesse in Gang setzen.
Die Medien Telefonie und Phonografie entstehen dagegen eher aus einem ersten Einsatz, den das Reelle der theoretischen Physik erbringt. Sie wissen ja wahrscheinlich, daß ein gewisser Physikprofessor namens Philip Reis in Deutschland, zwar das Telefonprinzip mittels Schwimmblasenhaut und Stricknadelspulen schon 15 Jahre vor Alexander Graham Bell erfunden hatte, nur war mit seinem Apparat aus organischen Häutchen und Knochen nahezu kein Wort zu verstehen (Mache 1989, 46). Zwischen Reis und Bell liegt die Veröffentlichung jenes Buches von Herman von Helmholtz (1821-1894), "die Lehre von den Tonempfindungen" 1863, also eine physikalisch-mathematische Anschreibung der Physiologie menschlicher Sprech- und Hörmechanismen, die für Bell und Edison zu einer unabdingbaren Lehr-Fibel wurde. Oder anders gesagt: Telefon und Phonograf sind in gewisser Weise nichts anderes als amerikanisierte Alternationen physiologisch-physikalischer Experimentalaufbauten der wilhelminischen Physik.

1.2. Die Versuche des Heinrich Hertz

Derselbe Herman von Helmholtz, Militärarzt, Chirurg, Kunstakademie-Anatom, Erfinder des Augenspiegels und Errechner der Laufzeit von Nervenreflexen, wendet sich 1870 wieder der Elektrizität zu. Nachdem Helmholtz aus seinen, wie er sagt: "Menschenzeitmessungen"(1854, 81) weiß, daß in den Nerven unserer Körper Strom fließt, will er nun wissen, was dessen allgemeine Gesetze sind. Er macht Elektrodynamik zu seinem Gegenstand, als Maxwells Arbeiten vorliegen und zwar weil Maxwells Arbeiten vorliegen. Sie widersprachen nämlich im Kern den im gründerzeitlichen Kaiserreich herrschenden Auffassungen, zumal denen von Wilhelm Weber(1804-1891) und Franz Neumann(1798 - 1895), die beide ein Strommodell entwickelt hatten, das auf Fernwirkungs-Hypothesen beruhte und unendliche Ausbreitungsgeschwindigkeiten zuließ, während Maxwell ja bereits die Lichtgeschwindigkeit als Grenzgeschwindigkeit der Elektrizität behauptet hatte (Rechenberg 1994, 195).(3)
Helmholtz versuchte, wie gesagt, alle drei Theoreme zu vereinheitlichen, und die Preisfrage von 1879 der Berliner Akademie der Wissenschaften, die Heinrich Hertz gewinnen sollte, verlangte einen vergleichsweise einfachen Nachweis, nämlich zu zeigen, ob das, was zwischen den zwei Enden eines ungeschlossenen Leiterkreises an Kraft existiert, die gleichen elektrodynamischen Wirkungen hervorrufe, wie die normale Wirkung eines Wechselstromkreises auf einen anderen. (4)
(Abb Hertz)
Oder noch einfacher, und damit vergröbert, gesagt: Wenn an einem ungeschlossenen Leiter Funkenentladungen überspringen, produziert das die gleiche Induktionseffekte, also Strombildungseffekte in einem nahe beiliegenden Leiter, wie als wenn man durch den primären Leiter schnelle Stromstöße schickte? Wie auch immer: Um elektromagnetische Wellen ging es jedenfalls nicht. Hertz kennt Maxwell nur durch die Helmholtzsche Vereinheitlichungsgleichung und wenn uns die Wissenschaftshistoriker nicht anlügen, so wußte Hertz also von der in schwierigster maxwellschen Mathematik verborgenen Voraussage, daß wechselnde elektrische und magnetische Felder sich lichtgeschwindigkeitsschnell auch im Raum ausbreiten können, eher nichts genaues. Noch nichts.
Nach sieben Jahren, also nicht 1879, sondern erst 1886 löst Hertz die Preisfrage tatsächlich. Und zwar im wesentlichen mittels Lupe und gutem Auge. Der lange Aufschub erklärt sich aus einem physikalischen Sachverhalt, der ohne Physik nicht sofort zu verstehen ist. Nicht daß die Wurzel aus -1 hier schon hinderlich im Weg gewesen wäre, aber immerhin doch die Hertzsche Vermutung, daß er in seinem experimentellen Reservoir kein Funkenentladungsgerät vorhanden wähnte, welches Oszillationen genügend schneller Geschwindigkeit produzieren könne, um die gesuchten Induktionseffekte zu erzielen. Um dieses Problem zu lösen, braucht er sieben Jahre, die immer wieder mit dem Studium aller erreichbaren Literatur zur Definition von Oszillationsfrequenzen angefüllt sind und am Ende einen Zufall.
"Der vielleicht entscheidende Satz aus dem Manuskript, das er am 5. November 1887 an Helmholtz für die Berliner Akademie schickte, lautet, daß die durch die dielektrische Polarisation in Isolatoren verschobenen, [also durch Funkenentladungen freiwerdenden, W.H.] Elektrizitätsmengen in der Tat Kräfte von gleicher Art und Größenordnung hervorrufen können wie gleichwertige Ströme in Leitern." Das war alles. Helmholtz antwortet per Postkarte: "Manuskript erhalten. Bravo!" (Reichenberg 1994, 237). Kein Wort von elektromagnetischen Wellen. Hertz hatte, wie er selbst sagt, eine "Induktionswaage" erfunden, mit der er nachwies, daß Entladungsschwingungen in einem Stromkreis A via elektromagnetischer Induktion diesselben, heißt also potentialgleichen Schwingungen in einem benachbarten Leiterkreis B hervorriefen.
Auch das nächste und dann entscheidende Manuskript, das nun bereits die experimentelle Existenz von elektromagnetischen Wellen bewies, war immer noch vorsichtig übertitelt: "Über die Ausbreitungsgeschwindigkeit der elektrodynamischen Wirkungen", so als sei immer noch nicht klar, worum es sich handele. Aber jetzt hatte er schon die Stirnwand des Vorlesungsraums mit Blech ausgekleidet und so sich und der kommenden Radiowelt die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die von ihm erzeugten elektromagnetischen Wellen alias elektrodynamische Wirkungen, reflektiert wurden und in gleicher Phase sich überlagerten, d.h. mal verstärkten und mal auslöschten. Nachweislich und reproduzierbar, das Ergebnis betrachtend an einem kleinen Funkenmikrometer wieder per Lupe und Augen. Mal doppelt starke Funken, mal keine mehr, das war der empfangene Augenbeweis, damit hat Hertz eine Welle im Raum, eine stehende Welle experimentell erwiesen. Hertz nennt das "die wellenförmige Ausbreitung der Induction durch den Luftraum"(Hertz 1894, 133). Immer noch kein Wort über Elektromagnetismus. Erst nach zwei Jahren, Dezember 1888, ist ihm klar, daß er "Strahlen elektrischer Kraft", Maxwellsche "elektrische Schwingungen" gefunden hat, die sich, was Brechung, Reflexion, Beugung und Polarisation verhalten wie Licht.
Bei alldem hatte Hertz auch wohl das Glück bzw. einen offenbar ausgezeichneten Funkeninduktor auf seiner Seite. Sie müssen sich vorstellen, daß es schlichte Entladungsfunken sind, die hier die Wellen erzeugen, und daß die Wellenzüge, die bei solchen Entladungen entstehen, ziemlich uneinheitlich sind, also "gedämpfte" Wellen, wie man sagt, ein ziemlicher Wellensalat also eigentlich, mit einem Gemisch aus vielen Frequenzen.
(Abb. Funkeninduktor)
Weil Hertz aber in diesem Wellensalat trotzdem stehende Wellen findet, kann mit seinen prominenten Versuchen nun eine Geschichte beginnen, die ab sofort nicht mehr nur die des Elektrizitätsdiskurses ist, sondern Technikgeschichte des Radios. Hertz hatte gezeigt, daß elektromagnetische Wellen existieren und wie man sie macht, was auf Seiten der Physik eine glänzende Bestätigung der Maxwellschen Theorie war. Aber seine Versuche sind auch ganz etwas anderes: nämlich der erste Prinzipaufbau einer Radioeinheit, ein Sender, sprich primärer Leiterkreis plus funkenoszillierendem Induktor, und ein Empfänger, sprich sekundärer Leiterkreis mit milimeterkleinen Resonanz-Fünkchen. Und indem Hertz den Resonanzkreis im Raum einer stehenden Welle hin- und herschob, verfügte er bereits über zwei voneinander abhängige Informationen: erstens die Tatsache eines Signals und zweitens auch schon seine Frequenz. Man nimmt an, daß Hertz mit 66 Zentimeter-Wellen operiert hat (D'Agostino 1975), also auf 454 Mhz, das ist heute irgendwo zwischen dem VHF und UHF Band des Fernsehen.
Die Geschichte des Radios, dessen Prinzipaufbau also jetzt im Karlsruher Labor steht, hat aber, wie Sie und ich wissen, gerade nicht in Karlsruhe, Bonn oder in Berlin angefangen, sondern in Liverpool und in London. Nicht auf dem Boden der wilhelminischen Physik sondern auf dem Boden des englischen Militärs und seiner Seekabeladmiralität. Der Grund dafür folgt in

1.3. Die Zahl im Raum

Vergessen wir nicht: Hertz entdeckt zunächst eine Welle und dann den Elektromagnetismus, zunächst also die Wirkung einer Frequenz, dann erst danach ihren Träger: er nennt es "elektrische Kraft". Die Physik greift sofort die Frage auf, welches Spektrum die Frequenzen des neu entdeckten Elektromagnetismus hat. Augusto Righi, der Hauslehrer Guglielmo Marconis, wird, ab 1888, der erste sein, der sich sofort nur diesem einen Thema widmet: der Produktion von den Hertzschen Wellen aufwärts bis zu den Frequenzen des Lichts. Max Planck macht auf diesem Gebiet, 1900, dann seine entscheidenden theoretischen Arbeiten. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Energie und Frequenz entdeckt Planck eine empirische Inkonsistenz, die beweist, daß das Spektrum des Elektromagnetismus sozusagen "springt" und nicht stetig ist: eine naturgesetzliche Unstetigkeit der Physik, die ab jetzt Quantenphysik heißt.
Nicht Frequenz der Wellen, aber Freqeunz der Impulse ist, spätens seit 1850, das ernste Problem der englischen Seekabeladmiralität. Denn sie lebt, wie sie gleich sehen werden, buchstäblich nur davon. Seekabel zu haben - und England hielt 70 Prozent aller Seekabel er Welt - hieß für das viktorianische Imperium, den Schlüssel zu einer kolonialen Weltmacht innehalten, hieß die militärische Präpotenz des "All Red Cable" behaupten, hieß 1877 Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien küren, 1881 Apghanistan, das südafrikanische Burenland, Cypern und das Zululand annektieren, Alexandria beschießen und Ägypten besetzen. Das Paradigma der Telegrafie ist das Paradigma der Expansion der Befehle.
Inwieweit auch die viktorianische Physik und zwar in der expliziten Gestalt ihres Dogen Lord Kelvin, in diese imperiale Seekabeltechnologie verstrickt war, hat Ihnen Friedrich Kittler ebenfalls nicht verschwiegen: Lord Kelvin alias William Thomson und niemand sonst hatte sein Spiegel-Galvanometer nur für den Seekabelverkehr ausgetüftelt, war 1858 mit auf Verlegungsfahrt von Irland nach Neufundland gegangen (Sharlin 1979, 141), und hielt mittels einer Quadratformel für Impuls und Kabelwiderstand, die genau auf sein Galvanometer abgestimmt war, jenes grundlegende Patent, welches eine telegrafische Buchstabenfrequenz von 3 ½ Sekunden oder nach heutiger Rechnung schmale 0,28 Byte per interkontinentaler Sekunde erlaubte, gleich 200 Botschaften a 20 Worte pro Tag, a 30 Shilling pro Botschaft gleich 1,1 Millionen Pfund Umsatz pro Jahr pro Kabel. Sie ahnen, warum man William Thomson zum Lord Kelvin geadelt hat.
Bevor ich Ihnen aber erläutere, wie die Hertzsche Frequenz, also die kabellose Telegrafie, nach England kam, muß ich eine Gegenfrage beantworten, die sich sofort stellt, wenn man nun einmal so genau die Geburt des Radios aus dem Geiste der Elektrizität, sprich Maxwellscher Elektrodynamik verfolgt hat, wie wir das getan haben: Die Gegenfrage lautet: warum haben die besten Kenner der Maxwellschen Theorie den Elektromagnetismus eigentlich nicht entdeckt?
Denn schon im Todesjahr James Clerk Maxwells, 1879, hatten sich drei seiner jungen Schüler, Oliver Lodge, George Francis Fitzgerald und Oliver Heaviside verbündet und The Maxwellians genannt. Es sind genau die drei, mit denen Hertz ab Frühsommer 1888 jene langen Briefe wechselt, in denen er sich letztversichert, was er eigentlich gefunden hat. Der exzentrische Telegrafen-Ingenieur Oliver Heaviside hatte seinerseits Maxwell gut genug gelesen, um auch die Ableitung zu finden, nach der sich elektromagnetische Wellen durch die Luft, genannt Äther, freiweg fortpflanzen. Diese Ableitung ist mathematisch anschreibbar. Zudem hatte Maxwell ja prädiziert, daß elektrische Schwingungen sich nach c = epsilon-Null mal mü-Null hoch minus einhalb mit Lichtgeschwindigkeit, also wie Licht ausbreiteten, nur die Frage, mit welcher Frequenz sie dies taten, tun könnten, tun sollten, stand in den Gleichungen nicht. Schnell wie das Licht, aber doch nicht als Licht, oder wohl? Frequenz ist der blinde Fleck im Reellen der Maxwellschen Gleichungsmathematik.
Der erste Maxwellianer, dem dementsprechend schwarz vor Augen wurde, war der schon oft genannte Oliver Lodge, von dem Heinrich Hertz behauptet, er, Lodge, hätte das Ganze genausogut entdecken können. Lodge notiert im Februar 1880 in sein Labor-Tagebuch: '120 Leidener Flaschen in Reihe geschaltet, alle regen einander durch Entladung an, einen dünnen Kondensator in das Ende der Reihe gehängt; diese Flasche zu entladen, wird Licht aussenden. Das wird das beste Ding sein...'. Lodge also versucht, sich auszudenken, wie man, qua kaskadierter Funkenentladungs-Oszillation, dasjenige produziert, was lichtgeschwindigkeitsschnell und also Licht sein muß. Alles ein Irrtum. "This is all a misunderstanding", schreibt Lodge dann im August, "it akts as a proof that ordinary electomagnetic disturbance is not of a wave nature." (Rowlands 1994, 45) Jetzt ist das Chaos wieder da. Daß elektromagnetische Störungen, also Ätherverspannungen, exakte Wellenformen wie das Licht haben sollten, war jetzt wieder auch dem besten Maxwellianer ganz unklar. Wenn nämlich die Brechungsindizes des Lichts in einem beliebigen Medium bekanntlich gerade frequenzabhängig sind und das Licht deshalb farbenmäßig unterschiedlich brechen, wie sollten dann eigentlich dieselben Materialkonstanten, die doch für unterschiedliche Brechung verantwortlich sind, in einem anderen Produktausdruck dieselbe Lichtgeschwindigkeit ergeben? Ein Widerspruch, den mathematisch perfekt zu lösen, irgendwo in der Quantenelektrodynamik sechzig Jahre später gelingen sollte, aber nicht 1880 in Liverpool.
Vermutlich war es eben die beste Kenntnis der Maxwellschen Theorie, die die Erzeugung Elektromagnetische Wellen verunmöglichte. Und auch für das Begreifen von Zufällen. Denn bereits im Herbst 1879 hatte ein anderer londoner Telegrafeningenieur namen David Hughes schlicht und definitiv Elektromagnetismus erzeugt. Hughes hatte ein halb-metallisches Mikrophon entwickelt und stellte ein deutliches Knacken in demselbem fest, wenn irgendwo in der Nähe eine Drahtspule Funken sprühte, bis zu 500 Yards entfernt. Ausgerechnet der dem Ätherokkultismus des vierten Aggregatzustands am meisten zugeneigte Chemiker William Crookes war bei diesen Versuchen anwesend und ebenso der spätere Marconi-Förderer und Chef aller Seekabel William Preece. Monate später wurde alles noch einmal genauestens reproduziert, doch der Kelvin-Intimus Sir George Stokes, der mit seinem Integralsatz immerhin die Matematikgeschichte eingegangen ist, dekretierte schließlich, sehr zum Ärger des Ingenieur-Pragmatikers Preece, es handele sich um normale Induktionseffekte ohne jeden wissenschaftlichen Wert.
Das Nichtzusammenbringen von Effekten des Elektromagnetismus, die produziert wurden, mit einer Theorie des Elektromagnetimus, die keine produzieren konnte, das ist Merkwürdigkeit, denn die Effekte gab es nicht nur hier. (5) Auch der Erschaffer von Glühbirne und Phonograf, Thomas Alva Edison operierte schon 1875 in seinen Labors mit magnetischen Induktoren, woraufhin überall an seinem metallenen Labortisch Überschläge zu zischen begannen, was er, wie er schrieb, für den Beweis einer nicht-elektrischen "ätherische Kraft" erklärte.
Nicht also die vielen funkensprühenden Vorlaufexperimente der Halb- und Voll-Maxwellianer, sondern erst Heinrich Hertz' im Elektrischen genau vermessene Verkennung, die Schwingungen mißt und nicht geau weiß, was sie mißt, sich auslöschend und verstärkend, entdeckt das Maxwellschen Elektromagnetische Feld als das, was es ist und nicht ist, nämlich als Wellenform. Erst mit der Verkennung als Erkennung einer Welle wird das Feld zu dem, was es ist: nämlich zur Information seiner selbst oder, wir sollten mit Feynman sagen: zu einer puren Zahl. Frequenz, Hertz, Sekunde hoch -1.
"Das elektromagnetische Feld zu verstehen", sagt Feynman 1963, "verlangt einen sehr viel höheren Grad an Vorstellungsvermögen, als unsichtbare Engel zu verstehen. ... Wenn ich [nämlich] anfange, die Ausbreitung des Magnetfeldes über den Raum zu beschreiben, von den E und den B-Feldern spreche und dabei glücklich die Arme schwenke, dann glauben Sie wohl, daß ich diese E- und B-Felder sehe. Ich werde Ihnen sagen, was ich sehe. Ich sehe so etwas wie schwimmende, schwingende, undeutliche Linien - hier und da erkenne ich die Buchstaben E und B auf ihnen und auf einigen Linien vielleicht auch Pfeile - ein Pfeil hier und dort, aber er verschwindet, wenn ich zu genau hinsehe. Wenn ich von Feldern spreche, die durch den Raum zischen, verursache ich eine fürchterliche Verwirrung zwischen den von mir benutzten Symbolen zur Beschreibung der Objekte und den Objekten selbst. ... Fällt es Ihnen daher schwer, sich ein solches Bild zu machen - seien sie unbesorgt, Ihre Schwierigkeit ist nicht außergewöhnlich." Und weiter: "Vielleicht sehen sie die letzte Rettung in einem mathematischen Standpunkt. Aber was ist ein mathematischer Standpunkt? Mathematisch gesehen gibt es an jedem Punkt im Raum einen elektrischen und einen magnetischen Feldvektor; das bedeutet, daß jedem Punkt sechs Zahlen zugeordnet sind. Können Sie sich vorstellen, wie jedem Punkt im Raum sechs Zahlen zugeordnet sind? ... Können Sie sich auch nur eine Zahl vorstellen, die jedem Punkt zugeordnet ist? Ich nicht! Ich kann mir so etwas wie die Temperatur an jedem Punkt im Raum vorstellen...Aber die Idee einer Zahl an jedem Ort ist mir wirklich unverständlich".(Feynman 1991/II, 382ff)
Daran sehen Sie, darf ich hinzufügen, wie schwer es ist, das Reelle zu beschreiben. Das Reelle ist nämlich, ich sagte es mit Lacan bereits, auch noch extrem selbstbezüglich und strikt rekursiv, eine Art anwesende Selbstauslöschung der Anwesenheit. Die Zahl ist eine Welle, die eine Zahl ist. Oder mit Lacans Wort nun wörtlich: "Das ist der ursprüngliche Widerspruch von 0 und von 1"(Lacan 1980, 396)
Daß die Welle ist, indem sie Frequenz ist, und nur indem sie Frequenz ist, Welle ist, trivial wie alles Reelle letztlich trivial ist, diese simple Botschaft, via Veröffentlichungen der Berliner Akademie auch in Liverpool und London 1888 bekannt gemacht, brachte sofort Ordnung in die sprühenden und funkenden Dinge. Und zwar in allen physikalische Himmelsrichtungen. Der Russe Alexander Popov(1859-1906), Lehrer an der zaristischen Torpedo-Schule in Kronstadt, rekonstruiert 1890 die Hertzschen Experimente erfolgreich unter Hinzunahme seiner Blitzableiter. In der Königlichen Marine Englands macht Captain Henry Jackson bereits den Vorschlag, küstennah operierende Schiffe mit solchen Gerätschaften auszustatten. Und ausgerechnet der Physiker und Chemo-Okkultist William Crookes(1832-1919), bekannt für seinen Umgang mit spiritistischen Medien, stellt bereits 1892 in einem Artikel der "Fortnightly Review" ein paar knallharte Bedingungen auf, unter denen man nun das neue drahtlose Medium praktizieren müsse: erstens bessere Geräte, zweitens auf allen Wellenlängen; drittens ein selektiver Empfang derselben; viertens bündelbar zum scharfen Strahl; fünftens unter Verwendung von Morsecode und sechstens bitte schnell schnell, denn das alles sei "well within the possibilities of discovery", also machbar, jetzt auf einmal, 1892.

1.4. Das gespaltene Her(t)z

Von den Hertzschen Versuchen an, zieht sich zunächst zwanzig Jahre lang eine Trennung durch das Physiker- und Technikerlager all derer, die von dem neuen Phänomen der Wellen fasziniert sind. Die einen, wie Righi oder Conrad Röntgen, Planck oder später de Forest, Meissner und letztlich auch Hans Bredow sind vor allem an der Frequenz der Wellen, an ihren "Inhalten", an ihrem Spektrum, an Modulation der kontinuierlichen Schwingungen interessiert, was physikhistorisch zu den Röntgenstrahlen und zur Quantenphysik führt und technikhistorisch früher oder später zum Einsatz der menschlichen Schwingungen, Sprache, Ohr, Gesang und Musik auf allen Wellen. Die anderen, Lodge, Popov, Preece und Marconi interessiert ausschließlich der verschaltbare Impuls, die bloße Existenz der Welle, ihre Botschaft als solche, also die schlichte technische Reaktion auf den Reiz, daß sie da ist. Diese differente Sicht auf das, was das Radio ist, beruht, wie Sie ahnen dürfen, in einer prinzipiellen Unschärfe, nämlich in der gleichnamigen Unschärferelation. Wie der junge Werner Heisenberg nämlich 1927, nach monatelangem Grübeln auf Helgoland herausfand, ist es grundsätzlich unmöglich, die physikalischen Größen Impuls und Frequenz zum gleichen Zeitpunkt zu bestimmen. Ort in der Zeit ist Hertz, nämlich Sekunde hoch -1, ein Zeitwert; Ort als Impuls aber ist Signal, Feldstärke, Schwellwert einer Schaltung. Entweder Zeitwert oder Schaltwert, aber nie beides zusammen. Hertz ist also, wer wüßte das besser als die Kulturwissenschaft, ein gespaltene Einheit.
Die ersten 20 Jahren der Radioentwicklung sind davon gezeichnet, daß unklarf bleibt, was das Radio ist. Sind es Impulse, erzeugt von Funkengebern, die man wie Stromstöße auszuwerten hat? Oder sind es Frequenzen eines kontinuierlichen Wellenstroms, der alles (und nichts) enthalten kann? Wir wissen natürlich, daß das Radio am Ende letzteres, nämlich Frequenz-Modulation geworden ist, aber ich werde Ihnen zu zeigen haben, daß genau dies erst der Krieg entschieden hat. Der erste Weltkrieg. Den zweiten Weltkrieg werden nun sogar Impuls und Frequenz entscheiden, nämlich in ihrer kontrollierten Ambiguität in der Technik des Radars, aber das ist, weil das Fernsehen und der Computer daraus hervorgehen, eine andere Geschichte.
Die Maxwellianer von 1888 hatten ja aus eigener Kraft nichts zustandegebracht und suchten, nach Reimport der Hertzschen Versuche, nicht nach Frequenz, sondern nach Wirkung. Denn schließlich sollte, nach ihrem spiritistisch-imperialen Ätherkonzept, das ich Ihnen vorgestellt habe, ja auch nicht ausgeschlossen sein, daß am Ende die Wellen jene Wirkung verschalten könnten, die da hieß: 'Transmission of Thought', - Gedankenübertragung. Hilfe zur Wirkungsforschung kam aus Paris und zwar aus der Untersuchung der menschlichen Nervenbahnen. An der Katholischen Universität hatte nämlich ein Professor Edouard Branly auf dem Wege zur Erforschung menschlichen Nervenfunktionen im Helmholtzschen Geist eine Glasflasche gebaut und mit losen Feilspänen aus leitenden Material gefüllt, die dann, wenn von außen auf die Flasche eine Funkenwirkung auftraf, in eine stromleitende Anordnung kamen, sprich zusammenbappten: den "Kohärer", wie Oliver Lodge das Ding nannte. Lodge setzte den Kohärer in einer wissenschaftlichen Demonstration zu Ehren Heinrich Hertz' 1894 erstmals ein, und zwar, um modellhaft zu zeigen, wie das menschliche Auge funktioniere, die Retina, angeregt durch elektromagnetische Impulse einen Stromimplus erzeugend im Gehirn. Der Kohärer mochte für Lodge, den Propheten der elektromagnetischen Gedankenübertragung, eine Art äußeres Beweisstück sein für die Basis von Gedanken, nämlich ein symbolischer Stromschalter in die Hirnrinde. Mit Telegrafie hatte die Sache 1894 jedenfalls nichts zu tun (Sungook 1994).
(Abbildung Kohärer)
Die Funktion des Kohärers im Prinzip: ein elektromagnetischer Energieimplus trifft auf lose zusammenliegendes Material, das sich durch die Energie ausrichtet und über die beiden Elektroden im Inneren des Kohärer-Behälters eine geschlossene Stromleitung erzeugt, die zum Beispiel ein elektromagnetisches Relais auslösen konnte, um eine Glocke zu schlagen. Mit dem Kohärer war also aus dem Empfang einer Welle eine pure Impuls-Schaltung geworden, die Welle zum puren Signal umgedeutet und damit die erste technische Schaltung im Reellen gefunden, ein Null/Eins-Gerät, ein halber Flip-Flop-Schalter, aber eben nur ein halber, denn nach dem Empfang eines Impulses mußte der Kohärer-Inhalt mit einem Hammer wieder losegeklopft werden, um den Stromkreis zu unterbrechen.
Der Funkeninduktor von Righi, ein paar Meter dickes Kupferkabel und Lodge's Kohärer, das war das ganze Equipement, das im Sommer 1894 der junge, gerade mal 20 jährige Mann von seinem Vater erbettelte, um im häuslichen bologneser Garten das technische Medium zu gründen. Ich rede von Guglielmo Marconi, dem aus allen Lexika allseits bekannten Vater des Radios, der wie Ampere und Faraday, nie eine richtige Schule besucht hat, bei der Aufnahmeprüfung an der Uni durchgefallen war und trotzdem an den Laborversuchen des ebenfalls schon benannten Professors Augusto Righi teilnehmen durfte, weil die Eltern reich, seine Mutter eine ehrgeizige Engländerin und der Professor der Nachbar war. Solche Zufälligkeit seien wichtig, sagt uns die Technikgeschichtsschreibung, denn wir sind nun nicht mehr in der Physik, sondern in der Technik.

1.5. Das Ohr als Kriegsgerät oder das Rauschen des Rauschens

Ich will noch einmal, ein letztesmal das Lacansche Schema bemühen: Deutlicher als irgendwo sonst kann man an der Radiogeschichte sehen, wie aus einem physikalischen Experimentalaufbau, also einer Funktion des Imaginären im Diskurs der Elektrizität, ein unrückholbares technisches Medium wird. Diese Unrückholbarkeit ist offensichtlich im Physikalischen begründet, in dem Reellen ihres Diskurses und sonst nirgendwo: nämlich in dem nunmehr seit Hertz reproduzierbar gemachten Wissen der für unsere Bezugssysteme ganz und gar unbeschreiblichen physikalischen Realität des Elektromagnetismus.
So also müssen wir nicht lange über Marconi reden, denn, wie diese Abbildung zeigt, sind selbst seine großen Interkontinentalversuche noch ganz eng am Hertzschen Aufbau orientiert. (Abb. Marconi) In aller Kürze: Marconi nimmt aus den Versuchsaufbauten des Kurzwellen-Labors von Augusto Righi mit in den väterlichen Garten: den Funkenerzeuger, den Kohärer von Branly/Lodge und, vermutlich aus Veröffentlichungen, die Righi ihm gibt, die Blitzableiter-Antenne Alexander Popovs aus Kronstadt. Popov benutzte seine lange Metallstange zur Gewittervorhersage und nun eben auch als Empfangsgerät für Hertzsche Funken. Marconi's einzige Neuerung in diesem ansonsten allbekannten Geräteaufbau war, nun auch die Sendeantenne zu vergraben, und jetzt erst kamen Wirkungen hunderte von Metern weit zustande und auch über Hügel und Hindernisse hinweg. Damit hatte Marconi, der Nichtphysiker, Mittel- und Langwellen zu entdecken, für die sich die Physik, zumal die zeitgenössische, nicht interessiert. Während Marconi im väterlichen Garten Antennen verbuddelt, macht Conrad Röntgen im November 1895 die Zufallsentdeckung namens X-Strahlen, also Strahlen jenseits des Lichts.
Mit diesem Gerät im Gepäck kommt Marconi, nachdem italienische Regierungsstellen in Rom nur unverständig abwinken, auf Drängen seiner Mutter 1896 nach London zu William Preece, dem Verantwortlichen für alle Seekabel des Imperiums, der, ich habe es angedeutet, mehr als reserviert den Maxwellianern gegenüberstand. Diese theoretisierenden Mathematiker obskuren Wellen waren keine Hilfe gewesen bei den anhaltenden Selbstinduktionseffekten und Störungen, die mit 100 tausenden von britischen Seekabelkilometern verbunden waren, für die Preece geradestehen mußte. Von den 14 transatlantischen Kabeln funktionierten 1896 nurmehr 12, schlecht und recht(240). Für Preece, der selbst schon mit Induktionseffekten und kilometerlangen Kabel quer durch die Bristol-Bay herumexperimentiert hatte, ging es, was Marconi betraf, nur um Fakten. Schaffte es dieser junge Mann, Telegrafiesignale drahtlos in Abständen von Seekabellänge zu überbrücken, gut. Wenn nicht, auch gut. Marconi baute auf und verblüffte. Zunächst ein paar Meilen innerhalb Londons, dann im Mai 1897 über den Bristol -Kanal (Aitken 217), eine Strecke, an der Preece gescheitert war. Jetzt zieht Preece einen Schlußstrich, der für die weitere Techno-Ökonomie des Mediums entscheidend sein sollte. Der Leiter des "British Post Office", und selbst seit zwei Jahrzehnten erfolgloser Herr eines königlich-beamteten Entwicklungslabors, schließt seinen Laden und rät Marconi zu Gründung einer privaten Firma, "The Marconi Wireless Telegraph and Signal Company Limited" 1897, welche fortan alle wichtigen Patente der Radioentwicklung ergaunern, über Jahrzehnte durchprozessieren und im Dienste des englischen Militärs erfolgreichst ausbeuten wird.
Lange Zeit wird Marconi behaupten, daß seine geerderten Antennen Wellen ausstahlen, die nichts Hertz zu tun haben. Der Hertzsche versuchsbau selbst wandert als Marconi-Patent in bristische Akten.. Marconi ist in der Tat der Gründer des ersten militärisch-industriellen Komplexes, immer ein freier Mann, aber immer im Dienste des Militärs. Mittels solcher militärisch-industrieller Komplexe wird die Entwicklung des Medium auf der ganzen Welt vor sich gehen: in Deutschland mit Telefunken, Lorenz und AEG, in Amerika mit der Wireless Telephon and Telegraf Company. Der erste Weltkrieg war auch ein Krieg dieser konkurrierenden Firmen und das folgende Unerhaltungsradio ihre erste große Reinvestition. Und da das Ganze ja ein britische Staatsbeamte namens William Preece angezettelt hatte, bildete 1907 das britische Unterhaus einen Italien-kritischen Untersuchungsausschuß, untersuchte den Fall und sprach eine Rüge aus (225).
Im März 1899 gehen die Wellen der Marconi-Company erstmals über den englischen Kanal nach Frankreich. Die radiotelegrafische Ausrüstung des Britischen Befehlszentrale im Burenkrieg von 1898 ist der erste Einsatz von Kriegswichtigkeit. 1900: Ausstattung von 26 Kriegsschiffen und 6 englischen Küstenstationen (232). William Preece, der Marconi's wissenschaftliche Unbedarftheit kennt, holt einen alten Freund vom Londoner University College in die Firma. Ambrose Fleming, der wichtigste Radiotechniker des Mediums, betritt damit die Bühne, und mit seiner Hilfe kann Marconi endlich erreichen, was Lord Kelvins Seekabel ein halbes Jahrhundert zuvor berühmt gemacht hatten: eine Funk-Telegrafen-Verbindung zwischen England und Neufundland.
Das war Dezember 1901, das legendäre erste interkontinentale Funk- "S", ein Did-Did-Did, ein dreimaliges entsetzlich verrauschtes Zwischtern aus Poldu, Neufundland, das der Kohärer nicht mehr empfing, also setzte Marconi zum Beweis sich und ein paar Presseleuten die Kopfhörer auf. So steht es dann in den Zeitungen und also ist ab jetzt ist das Ohr entgültig legitimiertes militärisches Empfangsorgan für Schaltknackse aus elektromagnetischen Befehlsstationen.
Marconi wird diese Ohren, nebst Menschen, fortan jahrzehntelang in seinen Schulen drillen, denn aus dem atmosphärischen Rauschen und Knacksen die richtigen Knackser, also Signale einer Marconi-Anlage herauszuhören, dazubildeten die Marconi-Companies ein Heer von Spezial-Telegrafisten heran, die ab 1914 allen Kriegsparteien auf allen Seiten dienen durften.
Marconi's Strategie: Mehr elektrische Funkenkraft, größere Antennen, längere Wellen, höhere Reichweiten der Impulse. Dabei durfte lange Zeit theoretisch völlig unklar bleiben, warum seine riesigen Antennenanlagen eigentlich funktionierten, also wieso Langwellen am hellichten Tag der Erdkrümmung folgen? Ambrose Fleming, der Mann fürs Wissenschaftliche bei Marconi, gab dazu klugerweise bis 1916 keinen Kommentar. Jeder Elektrotechniker weiß heute auch, daß das so ist, nur das Warum, siehe Feynman zweiter Vorlesungsband, Kapitel Brechung und Beugung, wohl eher weniger.
So beginnt, ab 1901, über die Kilometer-Wellen mit interkontinentalen Reichweiten der Radioruf. Seither werden wir nie mehr genau wissen, ob es aus dem Radio ruft, oder ob das Radio ruft. Es kommt nämlich seither das Rauschen ins Hören und das Hören ins Rauschen. Seit Marconis Ferntelegrafie via Radio funktioniert nicht nur das Menschohr als Militär- und Technikorgan, sondern es ist auch umgekehrt reelles technisches Rauschen, verzwitschert, schrill, zischend oder sägend für Menschen-Ohren bezeugbar, die von Anfang an geahlten sind, das Ihre daraus zu entnehmen. Im Radio nämlich hören Menschenohren nicht nur ferne Stimmen, Musik, oder einfache Knackse, sondern dieses nur als Funktion eines Rauschens. Auch das Marconi-S von 1901 war nichts als das, eine Rauschfunktion im Rauschen des Elektromagnetismus. Schon 1937 wird John Cage, der Vater von Fluxus und aller modernen, nichtklassischen Kunst, das aus dem Radio heraushören, "the static between the stations", und daran den revolutionären Musikbegriff gewinnen, der nicht nur die Neue Musik von Donaueschingen, sondern ebenso den elektrifizierten Bob Dylan von 1965 und Velvet Underground von 1969 schafft, sowie am Ende auch formatierte Popmusik-Massenprogramme, wie sie uns hier in Berlin im halben Dutzend umgeben. In diesen Pop-Programmen, hochformatiert ihre wenigen Titel oft und öfters rotierend, kehrt dann die Rauschfunktion wieder in sich zurück, und an den Menschen, die diese Massenprogramme hören, rauscht, für sie offensichtlich angenehmster Weise, das Rauschen wieder vorbei. Die mathematischen Algorithmen der Computerprogramme, die diese formatierten Massenprogramme tatsächlich steuern, also ihre konkrete Rauschfunktion, werden wir noch zu besprechen haben. Es ist kein Wunder, daß nur noch ausgeklügelte Computerprogramme für diesen rausch-funktionalen Musikfluß sorgen - sie heißen "Selektor", "Music Commander" oder "Repertoire" - und daß keine einzelnen Menschen da mehr Musikauswahl machen. Diese Art von reell propagierter Radio-Rausch-Ruf-Theorie werden wir vielleicht am Ende des Semester noch diskutieren können.

1.6. Die Radio-Röhre und der Gesang ohne Heimat

Nicht alle aber waren 1901 mit der am Menschenohr gefunden Empfangsstrategie zufrieden, am wenigsten logischerweise Marconi's Haus-Physiker Ambrose Fleming. Nicht nur die schmerzliche Peinlichkeit, daß zwischen England und Neufundland der Kohärer, das bis dahin leidlich passable Empfangsgerät, ausgefallen und wohl unbrauchbar war. Sondern auch ob überhaupt dem Menschenohr, geschult oder nicht geschult, zu trauen war! - diesem hochirrtümlichen Organ, wie es Helmholtz ja gezeigt hatte. Für die Physik war Seekabelempfang, seit Lord Kelvins Zeiten, Ausschlag von Zeigern oder Schaltung von Strom, aber doch wohl nicht Knackser im Ohr.
Der Technikhistoriker Hugh G. Aitken, dessem phänomenalen Buch "The Continous Wave" von 1985 ich hier die meisten Weisheiten verdanke, vermutet, daß Ambrose Fleming sich ebendeshalb ab 1901 eines Geschenks erinnert haben muß, das ein Geschenk eines Geschenks gewesen war und inzwischen schon acht Jahre verstaubt herumstand. Es ging um zwei größere Glasbirnen, die der schon vielmals erwähnte und damals eben hochberühmte William Preece von Thomas Alva Edison geschenkt bekommen hatte. (aitken 1985, 209). So klein und doppelt schenkfreudig kann die Welt sein, wenn es darum geht, die Radioröhre zu erfinden, denn um nichts anderes geht es.
Abb Edison
Sie werden sich erinnern, daß Edison unsere Glühbirne erfunden hat, den glühenden Wolframfaden im leidlich vakuumierten Glas, der ihre und meine Zimmer hell macht. Auf dem Wege zu dieser großen Nützlichkeit hatte Edison zunächst einmal mit allem möglichen Glühfäden zu operieren, welche, eben außer schließlich Wolfram, in der Regel Ruß auswarfen und seine Birne erstmal von innen langsam schwarz werden ließ. Um diesen Glühfadenauswurf zu analysieren, schmolz Edison 1880 einen weiteren Drahtfaden in seine Birne ein und stellte perplex fest, daß zwischen diesem Faden und einem Pol der Glühlampe ein Strom floß, und zwar nur dann, wenn es der positive war. Diese Erkenntnis brachte die Verrußungsfrage kein Stück weiter, wiewohl Edison doch das Ding patentieren ließ als ein Gerät der Stärkemessung seiner mit Gleichstrom betriebenen Lampen (überflüssigerweise sozusagen von innen) (Abb aitken 206). Dieses völlig überflüssige Meßverfahren nannte man dann den "Edison-Effekt".
Preece sah den Effekt 1884 in Amerika, verstand ihn und das Ding so wenig wie Edison selbst, ließ sich zwei Exemplare vom Erfinder schenken, um sie dem Universitätsfreund Fleming zu schenken, welcher darüber zehn Jahre später eine kleine, im großen Teilen unklare Arbeit veröffentlichte, die in dem rätselhaften Satz mündete, daß vom Glühfaden auf den Draht irgendwie negative Ladung übergehe. Fleming verstaute die Birnen in sein Laborarchiv und vergaß.
Was Edison aber erfunden hatte war tatsächlich die erste aller Radioröhren oder mit elektrotechnischem Namen: die Diode. In diesem Ding fliegen negative Ladungen, sprich Elektronen, von dem heißen Glühfaden auf die kalte Anode, und zwar dann und nur dann, wenn dieselbe in einem Hochvakuum steckt und mit dem positiven Pol des Glühfadens verbunden wird. Weder die Birnen noch ihre Funktion waren besonders eindrucksvoll, solange Edison, Preece, Fleming und die halbe Nicht-Radio-Welt nur mit Gleichstrom zu tun hatte. 1901 aber war mit Marconi in Cornwall und Neufundland mit die langen Wellen da, was übersetzt auf Draht und Antenne hieß: Fleming hatte es mit chaotischen Wechselströmen zu tun, die einstweilen nur noch ein Menschenohr signaltechnisch filtern konnte, was dem Physiker mißfiel.
Also nahm er die alten Birnen aus dem Schrank, das war 1904, und schloß die guten Edison-Orginale in einen Antennenkreis auf Empfang und erhielt einen vom Wechselstrom erzeugten gepulsten Gleichstrom, weil damals wie heute Anodenspannung nur entsteht durch den Plusanteil des einkommenden Wechselstroms. (Abb Prinzipschaltung) So fand Edisons Effekt-Birne als Diode und Gleichrichter, die allererste Stufe der Radioröhre also, 1904 Eingang ins Marconische System. So hatte die Physik das Schaltungs-Kommando wieder in der Hand und sich vom trügerischen Menschenohr befreit. Der Anodenpulsstrom an ein kelvinsches Spiegel-Galvanomenter angelegt stellte mit äußerster Klarheit die klassische Empfangs-Ordnung wieder her.
Flemings Diode wurde marconisches Patent und wie alles Marconische sofort weltweit bekannt. Und da es von der Diode zur Triode, also von der Gleichrichterröhre zur Verstärkerröhre - ich erspare mir jetzt alle Einzelheiten - kein großer Schritt ist ( es wird lediglich ein weiteres Drahtgitter in die Glasbirne gebracht), fragt man sich, wieso Fleming nicht diesen kleinen Schritt weiterging und also - man muß sagen, zum Glück - die Verstärkerröhre nie ein Marconisches Patent wurde. Die Erklärung ist schon erklärt. Marconi und Fleming waren an Reichweiten und Verschaltungen, an kontinentalen Signalimpulse for the sake of her majesty interessiert. Fleming hatte schon abgelehnt, sich mit solchen obskuren Erfindungen näher zu befassen, die zum Beispiel ein Reginald Fessenden 1903 in Amerika zustandegebracht hatte, nämlich den Alternator.(aitken 1985,63ff) Dies war ein Gerät, das wie ein normaler Stromgenerator funktionierte, also sinusförmig, gleichschwingenden Wechselstrom erzeugte nur mit dem Zusatz, diesen, zum Teil, als Welle in den Raum zu entlassen.
Statt Marconi oder Fleming hat also dann Lee de Forest, ein von Marconi ebenfalls belächelter Physiko-Techniker aus Iowa, im Dezember 1906, also vor genau 89 Jahren, seine "Audion" zum Patent gegeben, eine Verstärkerröhre. Robert von Lieben, ein Österreicher tat desgleichen drei Jahre später, also 1909, für Telefunken in Berlin. Alle beide orientiert an Femings und Edisons Vorstufe. 1913 fügte dann Alexander Meissner in Berlin noch einen Rückkopplungsdraht in die Verstärkerröhren-Verschaltung ein, womit ich Ihnen kurz und knapp bereits alle wesentlichen Bauteile genannt habe für das, was vor, in und nach dem Kriege als Radio- Sende- und Empfangsgerät dann funktionieren sollte.
Hinzugefügt werden aber muß, daß mit der Radioröhre, die nun ebenso gleichrichten wie verstärken kann, endlich ein relativistisches Empfangsgerät jener relativistischen Effekte gefunden war, die wir seit Hertz kennen. Denn wie eine Röhre genau funktioniert, das können sie denken, wußte 1906 noch niemand genau. Es war ja erste einige Jahre überhaupt bekannt, daß sich vermutlich Teilchen in diesem Ding bewegen, namens Elektronen. Aber da sich der relativistische Effekt Röhre in einem Schaltkreis ganz simpel, nämlich verstärkend verhält, ganz wie der relativistische Effekt Elektromagnetismus, wenn er die Antenne erreicht hat, zum stinknormalen Wechselstrom wird, alles makroskopisch gesehen, so konnten nun auch endlich makroskopisch normale Mathematiker, sprich Techniker und Ingenieure, schlaue Amateure und Bastler mit der ganzen Sache etwas anfangen. Die Röhre, nicht der Kohärer oder das menschliche Ohr, hat die gewöhnliche Wellenmathematik ins Radio einkehren lassen, ließ Altbekanntes wiederaufkochen, wie zum Beispiel Joseph Fouriers Sinusmathematik von 1840. Die Röhre setzt an die Stelle vom Knallen und Rattern der Impulsfunkensender so etwas wie ein Boot ins Radio, das lautlos, in langsamer Fahrt, auf dem spiegelglatten See seine Wellenkreise hinterläßt. Sprache und Musik sind auf solchen kontinuierlichen Trägern bekanntlich gut aufgehoben; und so wuchs, ab 1906, nach der Entdeckung der Röhrenprinzips, ein endemisches Gesinge und Gerede, Gegeige und Geklimper auf aller erreichbaren, chaotisch unabgestimmten Frequenzen in New York, Boston und Pittsburgh. Hatte nicht Lee de Forest sein Audion-Röhren-Equipment schon am lebendigen Enrico Caruso ausprobiert und die Pagliacci-Arien am 13. Januar 1910 abends aus dem Metropolitan Opera House übertragen? Und hatte man sich nicht auf Schiffen im Hafen und in Bastelstuben die Kopfhörer zugereicht, um das zu hören? Ja so wars, und die New York Times titelte am folgenden Tag, so als ahne sie schon, was kommen werde: Radio - "the homeless song waves" (Barnouw 1966/1, 27), Radio - die heimatlosen Wellen der Gesänge.
Hinzugefügt werden muß letztlich: Die wirklich tiefen Dimensionen der Röhrenphysik werden technikhistorisch erst wieder jenseits der Schwelle zum Radar, also um 1940, relevant, nämlich dann, als es die alte Radioröhre schaffen muß, ihre für die schnellen Ziele viel zu langsamen Elektronenströme, technisch noch einmal in sich selbst zu verschalten. Und aus diesen Verschaltungen wächst dann am Ende das nächste und bis dato neueste Medium, der Computer, zunächst mit Röhren, dann mit Transistoren, einem Baustein, der etwas zu hat mit dem Kristalldetektor, den ich aus Zeitgründen jetzt vernachlässige, obwohl er ebenfalls 1906, als ein Gleichrichterbaustein, also durchs Radio auf die Radiobühne trat.

1.7. Die Röhren und der Krieg

Für Bastler und Hobbyerfinder, die kein Geld hatten, 1906 oder 1910 in New York, war der von mir unterschlagene Gleichrichter-Baustein Kristalldetektor natürlich das Beste. Man hielt ihn sozusagen einfach in die Luft und konnte, vorausgesetzt, daß irgendwo in der Stadt de Forestsche Senderbastler unterwegs waren, hören. Aber auch die de forest'sche "Audion"-Röhre war bereits 1907 für einen halben Wochenlohn zu kaufen, womit der Start gelegt war für die 20 Jahre Chaos und "Radio-Romance" (Keillor 1991), die in Amerika, nur durch den Krieg unterbrochen, eine scheinbar so andere Radiogeschichte in Gang setzten als die europäische.
Auch in Berlin wird 1906 Caruso gesendet. Dies geschieht aber nicht irgendwie, "homeless", sondern staatlich organisiert vor den amtierenden Oberhäuptern. Alle Aktivitäten der Telefonie und Telegrafie standen im Kaiserreich bis hin in unsere Tage unter militärisch-hoheitlicher Staatsaufsicht. Die Ingenieure von AEG, Adolf Slaby (1849-1913), Georg Graf von Arco (1869 - 1940), sowie Hans Bredow von Telefunken, hatten seit 1896, seit den ersten Marconischen Versuchen, aufgepaßt und sehr geschickt die Schwachstellen des Marconischen Systems durch eigene Entwicklungen konterkariert. So gab es eben schon ab 1906 in Berlin einen Lichtbogensender Marke Lorenz-Poulsen, also einen Kontinuitätserzeuger im Elektromagnetischen, sowie die von Liebenschen Röhren. Graf und Ingenieure, vom preußischen Generalstab und den kaiserlichen Schranzen argwöhnisch beäugt, rückten 1909 endlich aus, um Kaiserin und Kaiser für Sprech- und Hörproben zu begeistern. Die Kaiserin äußerte den Wunsch, Graf Arco auf der unsichtbaren Gegenseite singen zu hören, woraufhin der Graf kommentarlos eine Carusoplatte aufs Grammophon legte. Hans Bredow, damals Oberingenieur bei Telefunken und später Begründer des Deutschen Rundfunks, zitiert die entzückte Verwunderung der Kaiserin und verschweigt uns die Ablehnung des Kaisers.
Bredow hat uns in seinen Memoiren den Werdegang des Deutschen Radios eindringlich geschildert. Nach dem Modell Marconi's hatte Telefunken ab 1905 in Nauen, Königs-Wusterhausen und Norddeich reichweitenstarke Löschfunkensender gebaut - ein deutsches Patent -, die mit riesigem Geknalle in Landesinnere hinein den ganzen Stolz des Kaisers zu befehligen hatten, nämlich zum Beispiel die Schlachtschiffe "Goeben" und "Breslau", die Kreuzer "Ariadne" und "Köln", den Panzerkreuzer "Blücher". Sie alle gingen unter vor Chile oder im Skagerak. Lesen Sie im Geschichtsbuch nach: die Deutschen Flotte blieb im Ersten Weltkrieg wirkungslos gegen die englische Seeblockade, welche ab 1911 mittels marconischer Funkstaffetten zwischen den Shettlands und Norwegen einen undurchdringlichen Kordon bildend, bis zum Kriegsende hielt.
Hans Bredow meldet sich denn auch kriegsfreiwillig 1914, begeistert wie Kaiser und Reich, nicht zur Marine, sondern zum Heer, dorthin, wo der Krieg entschieden werden sollte. Zum Schrecken der Telefunkenchefs kündigt er fristlos; wird, weil ungedient, zunächst einige Monate in Schlamm und Dreck einer Grundausbildung unterzogen und danach als Wachtmeister quer durch alle Fronten zu den Nachrichtentruppen geschickt. 1914, sagt er uns, gab es im ganzen Heer "8 Funkerabteilungen mit etwa 40 kriegsbrauchbaren Feldstationen. Während des Krieges neu aufgestellt: 247 Funkerabteilungen mit etwa 2000 Stationen" (Bredow 1956, 12). Eine Vervierzigfachung der Nachrichtentruppen, die vor allem durch aufreibenden Stellungsschlachten an der französischen Front erzwungen war. Denn am Anfang des Krieges waren Truppen-Sender noch auf sechsspännigen Pferdekutschen montiert, die in den Morasten der Westfront allesamt verloren gegangen waren. "So ist das Schlachtfeld von Verdun" schreibt Bredow, "der Geburtsort des Funkenkleingeräts geworden, das in einzelne Traglasten aufgeteilt und, bis in den Kampfgraben vorgebracht, der vorderen Linie ... nach rückwärts die Funkverbindung ermöglicht."(33) Aber das blieb graue, euphemistische, todbringende Theorie. Denn je mehr Funken-Sender auf kleinem Raum gedrängt wurden, umso deutlicher wurde Befehl gegeben: "Funk-Telegafie Gebrauch ... unzulässig, größte Beschränkung erbeten"(36), denn das "ausschließlich gedämpfte Funkgerät", sprich das Funkengeknatter auf breitbandigen Frequenzen, "störte sich gegenseitig nachhaltig" und kam also außer Betrieb. Röhrensender waren vom Herr nicht gefördert und nicht angeschafft worden.
April bis Ende Mai 1917 erlebt Bredow die brutale, massenmörderische Schlacht an der Aisne und in der Champagne, die mit hunderttausenden von Toten und ohne jeden Terraingewinn endet. Wie als wolle der Heeresführung, die bis dahin AEG, Telefunken und Lorenz sowie die röhrengestützte Funktelefonie stiefmütterlich behandelt hatte, zeigen, was hätte gewesen sein können wenn, holt er selbstherrlich aus Berlin Alexander Meissner, den Erfinder des neuesten Rückkopplungssenders an die Front und macht mit einer kleinen Einheit Radio, d.h. Wort, Musik, Grammophon und Geige auf abgestimmtesten Frequenzen. Er baut ein Empfangsgerät in ein Auto ein, das Graf Arco und Major Sachs auf das Versuchsfeld in der Chapagne, noch vor Monaten vom Blut tausender Soldaten getränkt, spazieren fährt, und im Auto hören die drei: Grammphonmusik und nette Grußworte aus dem nahegelegenen Experimentier-Baracke. Diese Eigenmächtigkeit, begangen mitten in den Stellungsschlachten an der Westfront, bringt Wachtmeisters Bredow wenig später fast vor ein Kriegsgericht.
Hans Bredow wird noch weitere sechs Jahre warten müssen, bis auch dem letzten preußischen General klar sein wird, daß nur die Röhrenempfänger, so klein, daß sie in ein Auto, sprich besser noch Panzer passen, alle Schmach an der Somme und Marne wird ausmerzen können. Hitlers Blitzkriege, ab September 1939, werden mit Funk geführt, auf UKW, in den Panzernbrigaden Guderians, geleitet vom Führungspanzer aus. Aber das wird erst gehen, nachdem ein neuer militärisch-industrieller Komplex ganze Arbeit geleistet haben wird, nämlich im Unterhaltungsradio für die Massen, ab dem 23. Oktober 1923. Seither wird in Deutschland Radio gesendet, ohne Unterbrechung, bis auf den heutigen Tag.
Soviel damit für jetzt.