HUB-WS 95/96
"Theorien des Radios - Ästhetik und Äther" (5)
Teil 1; Teil2; Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7;
 

1 Der Radioruf als "körperlose Wesenheit"

- Das Radio in Deutschland und Amerika bis 1933 -
Die offizielle Einführung des Radios in Deutschland geschah am 29. Oktober 1923 in Berlin, an einem Tag, als weiterhin nahezu 50% der Arbeiter arbeitslos waren, ein Kilo Brot ganz offiziell 5000 Millionen Mark kostete, gerade der Hamburger Arbeiteraufstand butig niedergeschlagen war, Wochen heftigster Hungerdemonstrationen die junge Weimarer Republik erschüttert hatten und seit anderhalb Monaten Ausnahmezustand herrschte. Am Morgen des Radioeröffnungstages waren die sozialdemokratischen und kommunistischen Landesminister in Sachsen und Thüringen aus dem Bett geholt und ins Gefängnis gesteckt worden; in Sachsen regiert an diesem Tag des Reichskommissar Dr. Heinze von der Volkspartei. Die sehr plötzliche Einführung des Deutschen Radios and diesem Tag, nachdem sich das Postministerium jahrelang hinhaltend gezeigt hatte, war eine prophylaktische Bürgerkriegsmaßnahme, so friedlich im Vox-Haus das Programm, weitgehend wortlos, auch dahinmusizierte. Eine politische Prophylaxe noch ohne politischen Inhalt. Keine zehn Jahre später wird Joseph Goebbels die unmittelbare Verantwortung für alle Radioprorgamme des Reichs übernehmen und damit auch diese letzte Wendung des Mediums zu einem inhaltlichen Bürgerkriegsinstrument expressis verbis vollziehen. Er notiert am 11. Februar 1933 in sein Tagebuch: "Der Lautsprecher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heute noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben doch unsere Gegner nichts damit anzufangen gewußt. Um so besser müssen wir lernen, damit umzugehen."(Goebbels 1987/2, 371f)

1.1. Die Unentscheidbarkeit einer Geschichte der Institution

Zwischen diesen beiden Daten, dem Oktober 1923 und dem Februar 1933 liegt die knappe Zehnjahresspanne, die wir heute zu beleuchten haben. Und das Problem des Verständnisses dieser Zeitspanne ist damit auch schon benannt. Hamburger Aufstand hier, Absetzung der "republikanisch-proletarischen Verteildigungsregierung in Sachsen", wie sie sich im Oktober 1923 nannte, und Medien-Instrumentalisierung dort, Machtergreifungs-Bürgerkrieg der Nazis im Februar 1933, könnte uns verleiten - und hat renommierte Radiohistoriker verleitet (Lerg) -, die Geschichte des Deutschen Radios ausschließlich als eine Geschichte des am Ende erfolglosen Kampfs um die Institution namens Deutsches Radio zu schreiben, wiewohl kein Zweifel darüber bestehen kann, daß das Deutsche Radio von vorneherein eine überwiegend staatlich gelenkte, militärisch gesteuerte, staatlich zensierte und machtpolitisch manipulierte Veranstaltung gewesen ist. Der Irrtum dieser kritischen Institutionengeschichte ist nur, daß trotz aller Machtdispositive, in die das Deutsche Radio von Anfang eingebunden ist, dennoch eben diese Dispositive das spezifische Dispositiv des Radios selbst nicht erklären. Effekt dieser geschichtsschreibung ist, daß wir über das Radio selbst sogut wie nichts erfahren, wohl aber, welchen Interessen es politisch und historisch untergeordnet wurde. Hinzukommt, daß diese Geschichtsschreibung, die Radiogeschichte auf Institutionengeschichte verkürzt, klassischerweise von aktuellen Interessenlagen selbst nicht frei ist. Denn die Frage der Institution des Radios ist in Deutschland immer noch nicht entschieden, oder besser gesagt, weniger denn je. Immer noch haben wir ein Radio-System, dem ich selbst angehöre, nämlich das öffentlich-rechtliche, das schwer unter Beschuß steht, obwohl oder weil es immer noch einen halbstaatlichen Auftrag hat, wie das juristisch heißt. Niemand kann derzeit entscheiden, was mit dieser Institution des Staates und der Länder in Zukunft legitimerweise geschehen soll. Insofern ist die entsprechende Geschichtsschreibung hartnäckig an ein nur scheinbar historisches Thema fixiert, das mediengeschichtlich die Frage eher verstellt und medientheoretisch völlig unentscheidbar ist.
Denn mit dem Datum 29. Oktober 1923, als das Radio gegen Abend im Vox-Haus Berlin erstmals sendet, kommt eben nicht eine lang gehegte Idee endlich zu Erscheinung, nicht eine Wahrheit ans Tageslicht, die, um mit Hegel zu reden, nicht wäre,"wenn sie nicht schiene und erschiene". Es kam an diesem Abend keine Medienidee zur Erscheinung und es fiel kein einziges Wort über die Bürgerkriegslage im Reich. Franz Weichat, Angestellter im Haus der Schallplattengesellschaft "Vox" in Berlin, berichtet: " Am Vormittag des 29. Oktober kam der Herr Staatssekretär Dr. Bredow zur Besichtigung. Überraschenderweise ordnete er die Aufnahme eines programmgemäßen Betriebes bereits vom gleichen Tag ab an. Nun galt es, in aller Eile eine Vortragsfolge auszustellen und die für den Abend nötigen Künstler heranzuziehen"(Weichat 1931, 48). Und was kam dabei heraus? "Achtung, Achtung, hier Berlin, Vox-Haus. In dem heutigen Konzert wirken mit Herr Kapellmeister Otto Urack, Herr Fritz Goldschmidt, Herr Kammersänger Alfred Wildt"(nach Dahl 1978, 27). Kreisler, Tschaikowski, Beethoven und am Schluß, von Schallplatte: "Deutschland, Deutschland über alles".
Meine ganze Bemühung, der ich Sie und mich nun 4 Sitzungen lang unterzogen haben, sollte gezeigt haben, daß für das technische Medium Radio die Dialektik von Wesen und Erscheinung, die ja geheimerweise auch allen Institutionengeschichten noch innewohnt, völlig deplaziert ist; daß trotz oder wegen aller drängenden historischen Machtinteressen, in die das Deutsche Radio von Anfang an strikt eingebunden ist, dennoch nicht diese Machtinteressen selbst das Radio erklären oder seinen wesentlichen Diskurs bestimmen; daß also, was immer im Oktober 1923 zur Erscheinung des Deutschen Rundfunks, sprich zum Hören gekommen ist, alles andere als einen direkten Rückschluß auf ein wie immer auch geartetes Wesen, eine Idee oder Ideologie des Rundfunks zuließe.

1.2. Der Schauplatz am Rande menschlicher Sinne.

Lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen: Das Radio entsteht aus einem physikalischen Diskurs-Dispositiv, nämlich aus dem mehrfach verschobenen imaginären Apparate-Effekten der Hertzschen Versuche.
Verschiebung eins betrifft den physikalischen Diskurs selbst: Heinrich Hertz erkennt an seinem Sender-Empfänger-Kreisen zunächst nur die Erfindung einer "Induktionswaage", und erst nachträglich eine Meßanordnung für Frequenzen, entdeckt also zunächst Impuls und dann erst Frequenz und erst mit dem Letzteren den Elektromagnetismus als reelle Wellenform. Er entdeckt damit in der Tat das ganze Feld des Radios, das prinzipiell das Feld einer Kontiguität bleiben wird und zwar im exakten Sinn des Wortes Kontiguität, das sowohl "Nachbarschaft" heißt wie auch "Zusammenfluß"(Duden) heißt: Kontiguität von Impuls und Frequenz und doch nur Nachbarschaft, weil das eine jeweils nur über das andere "contiguus", also lateinisch "erreichbar" ist. Jenseits aller vehementen politischen, militärischen und faschistischen Vereinnahmungen, die die Radiogeschichte schlagend zeigt, muß zunächst einmal dieses Strukturelle festgehalten werden: Für das Medium Radio wird immer gelten, daß es nur über ein Anderes erreichbar ist.
Verschiebung zwei: Marconi verwendet das Hertzsche Apparate-Konstrukt als puren Impulsgeber, angereichert durch Righische Funkengeber und den Lodge-Branlyschen Konhärer, und erzielt durch Erdung und Verlängerung der Sende-Antenne interkontinentale Reichweiten. Das ist die entscheidende Bedeutungsverschiebung, die das Medium zum Medium macht, dessen Inhalt fortan es selbst sein kann, nämlich Reichweite.
Verschiebung drei: Die marconischen Impulsreichweiten erzeugen erstmals 1901 Frequenzgemische, die zunächst nur mithilfe des natürlichen Menschenohrs in Bezug auf Signal und Störung oder Information und Rauschen differenzierbar sind. Das und nur das bringt das Menschenohr ins Radio: es hört fortan Radio und zwar seinen Inhalt: das Rauschen der Reichweiten.
Verschiebung vier: Signal und Störung, Information und Rauschen, Impuls und Frequenz werden ab 1904 erstmals als Wechselstromfrequenz repräsentiert, welche durch Verwendung eines zur Diode umgeformten Edison-Effekts gleichgerichtet und fortan jenseits menschlicher Hörschwellen signaltechnisch ausgewertet werden kann. Genau dieses Verschiebung vermeidet, was die vorhergehende erzwungen hatte: nämlich den Einsatz des Menschenohrs im Medium.
Verschiebung fünf: Die Verschaltung der Diodenröhre zur Triode und damit die Gewinnung eines Verstärkerelements, das nunmehr das radiotechnische Ensemble komplettiert und sowohl diesseits wie jenseits der menschlichen Hörschwellen Signalübertragung über alle Distanzen und Reichweiten ermöglicht.
Diese fünf modellhaft formalisierten Verschiebungen, mit denen das Medium sozusagen seine Grundstruktur bekommt, haben eben nur am Rande etwas mit Menschensinnen zu tun, im Kern aber mit den Problemen der technischen Beherrschbarkeit der schwierigen Nachbarschaft von Impuls und Frequenz im Elektromagnetischen. Die Geschichte dieser Beherrschbarkeit entscheidet über das Radio und entscheidet auch über das Radio hinaus. Impuls und Frequenz sind und waren eben auch Gegenstand eines englisch-amerikanischen Verfahrens namens "Radio detecting and ranging", wofür wir abgekürzt einfach Radar sagen. Das Radar entscheidet den II. Weltkrieg mit, den Erfolg der Berliner Luftbrücke 1948 und den Koreakrieg 1953. Das Radar-Prinzip gründet auf einem alten deutschen Radio-Patent, das ein gewisser Christian Hülsmeyer aus Düsseldorf bereits 1904 dem Kaiserlichen Patentamt einreicht, nämlich ein "Verfahren, um entfernte metallische Gegenstände mittels elektrischer Wellen einem Beobachter zu melden" (Brandt 1958, 10f), was freilich - 1904 - angesichts des Mangels an fein abstimmbaren Sende- und Empfangsgeräten eine rein theoretische und noch zu vergessende Idee bleiben mußte.
1915 baut Telefunken bereits große Paraboloidspiegel in Form mannshoher Drahtgeflechte, mit denen gerichtete Hochfrequenztelefonie über 40 Kilometer im UHF-Band möglich wird, also die militärisch so bedeutende Richtfunktelefonie, deren Grundidee war, mit einem scharf gebündelten Wellenstrahl jegliche Interzeption, jegliches Abfangen der elektromagnetisch übertragenen Information unmöglich zu machen. Der Ausbau eines reich-umfassenden Netzes kriegswertvoller Hochfrequenz-Telefonie ist das Lockmittel, mit dem Hans Bredow 1923 den weimarer Militärs den Aussbau des Unterhaltungsradios schmackhaft machen kann.
Ebenfalls im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts entsteht die Peilfunktechnik, und zwar zwischen 1899 und 1913 durch die physikalische Arbeit eines Mannes, der ab jetzt nicht mehr unerwähnt bleiben darf: Ferdinand Braun, Vorgänger von Heinrich Hertz in Kralsruhe, Professor in Strassburg, Mitbegründer der Telefunken AG 1903, Erfinder der nach im benannten Braunschen Röhre im Jahre 1897, deren Prinzip heute noch in jedem Fernseher als Mattscheibe steckt und Entdecker des reichweitenstarken "Braunschen [Induktions]-Senders" von 1898, dessen Prinzip Marconi sofort und und unter Bruch alle gültigen braunschen Patente übernahm. Braun hatte 1899 beschrieben, wie man mittels einer Dreh- oder Minimumrahmen-Antenne die Richtung, aus der ein Sender sendet, bestimmen kann und das Ganze 1913, als die Verstärkerröhre zum Einsatz kommen kann, auch technisch realisiert (Kurylo 1965, 201). Die Funkpeilung, die bis auf den heutigen Tag existiert, ist die Basis aller Schiffs- und vor allem dann Flugnavigationssysteme geworden, also aller Goniometer, Radiokompasse, Adcockpeiler, Watson Watt-Peiler und wie dergleichen mehr heißt (Kramar 1973, 56ff), was uns technikgeschichtlich sofort wieder an die Schwelle der Radarentwicklung ab 1935 führt. Klassische Funkpeilung basiert auf einer winkelgenauen Messung jener im Grunde nur relativistisch beschreibbaren Tatsache, daß das magnetische Feld einer elektromagnetischen Welle senkrecht auf dem elektrischen steht. Der Braunsche Drehrahmen aber ermöglicht, durch Ausblenden des magnetischen Feldes einer Welle die Richtung des Senders exakt, nämlich bis auf 0,1 Grad zu bestimmen, indem der Funkpeiler traditionellerweise den Funkpeilton mit den Ohren hört (57).
Richtfunk und Peilfunk sind aber jene Teilebenen des Mediums, die einer Vermeidungsstrategie folgen, nämlich derjenigen, das was man tut, möglichst perfekt zu verbergen. Wesentlicher Gegenstand der Radiotelegrafie ist von Anfang an die Frage der Interzeption, also die Frage des Abhörens gegenerischer Wellen und der Vermeidung desselben im umgekehrten Fall. Auch eine Frage der Kontiguität: Wie kann verhindert werden, daß mich alle verstehen, ohne daß der Gegner mithört? Was eine sehr alte Kunst reaktiviert, die John Wilkens, der Gründer der Royal Society bereits 1641 "Kryptografia" genannt hat, das verdeckte Zeichengeben, dem die Radiotelegrafie jetzt ganz neue Dimensionen eröffnet.(Bauer 1993, 5) Die Fähigkeit, mit trainierten Ohren zu hören, wird schon durch Marconi zu den "spurts" ausgebildet, zu jener Form der Schnelltelegrafie, die in den tonbandgestützten Overspeedtechniken des II. Weltkriegs dann perfektioniert werden werden.(6) Elektronische Geheimdiensttruppen werden schon im Ersten Weltkrieg trainiert(Douglas 1987, 277). Jedenfalls führt bekanntlich ein abgehörtes Radio-Telegramm zum Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg.
Das Unterhaltungsradio, das wir für unser Medium erklären, stellt also in Wirklichkeit von Anfang an nur eine Teilmenge dessen dar, was als Technik der elektromagnetischen Impuls- und Frequenzausbreitung durch die Hertzschen Versuche in Gang gesetzt wird. Oder anders und noch einmal gesagt: " das sinnliche und damit ästhetische Erscheinen der Idee, wie Hegel es genannt hätte, ist Medien im Unterschied zu Künsten nicht wesentlich" (Kittler 1995, 1f). Das Radio ist also ein sinnlich wahrnehmbares Medium nur zu einem eher kleineren Teil. Es ist eine Technik, "deren Output zwar auch in die Wahrnehmung fallen kann, deren generative[s] Verfahren oder [deren] Algorithm[us] den Niederfreqeunzbereich [unserer Sinne] aber grundsätzlich unter[läuft]" (ebd). Das Medium Radio ist also nicht einfach für unsere Ohren und Stimmen gemacht und kann deshalb auch nicht einfach nur von den Ohren und Stimmen her verstanden werden. Daraus ergibt sich das einfachste und schlagenste Argument gegen alle vorherrschenden Gewohnheiten, Radiotheorie einfach nur als eine Unterabteilung der Literaturtheorie, Linguistik oder Sprachpsychologie zu betreiben. Wiewohl das Radio, das ja nur Literaturen, Sprüche, Sprechen und Psychologie der Klänge zu sein scheint, genau dies also nahelegt, wäre es falsch auf diesen Schein hereinzufallen. Es gibt also eine noch mühsamere Wahrheit des Radios und das ist die, daß das Radio, als Medium der Stimmen, Klänge und der Ohren, seine eigenen Wahrheiten so verführerisch selbst unterschlägt. Das genau ist der prinzipielle Skandal dessen, was ich Ihnen das letzte Mal den "Radioruf" zu nennen vorgeschlagen habe.

1.3. Der Radioruf

Es geht also ab jetzt und bis zum Ende des Semesters um den Ruf des Radios. Das meint, ohne jedes Sprachraunen, schlicht das, was es heißt: welchen Ruf hat das Radio? Dabei geht es nicht einmal so sehr um den Ruf im Sinne von schlecht oder gut, anrüchig oder fragwürdig, sondern um das, was wir im Grimmschen Wörterbuch, lange vor dem Radio, von diesem Wort lesen können. Ruf ist dort definiert als das "in allgemeiner Anwendung, mehr mit Betonung des Schalls als des durch den Schall Ausgedrückte..", ein kontiguitives Phänomen. Man hört ein Rufen, aber nicht unbedingt schon seinen Inhalt; aber auch, gegenteilig, einen Ruf im Sinne des Aufrufs oder der Ankündigung. "Alsbald si ein Kirchen oder stad ansichtig wurden, so sang einer ein ruef vor, die andern sangen all nach" schreibt Johannes Aventinus um 1520; es gibt es Ruf des Nachtwächters, der die Stunden verkündet und der Ruf der Tiere, die sich und ihre Geschlechter anlocken; "Horch, was bedeutet der Trompeten Ruf" heißt es bei Schiller oder auch: "da hört ich einer Glocke helles Läuten, / der Ruf zur Hora schien es zu bedeuten"; den Ruf zu einer Tätigkeit, beispielsweise an die Humboldt-Universität, den Ruf des Schiksals oder des Todes und schließlich den Ruf im Sinne der Berufung, der Profession; aber auch den Ruf im Sinne des Gerüchts, des Leumunds, der Meinungen: "Das Ärgste weiß die Welt von mir und ich / kann sagen, ich bin besser als mein Ruf", um noch einmal Schilller zu zitieren.
Soweit das Wissen über den Ruf bis an die Schwelle des Radios im 19. Jahrhundert, das uns den Ruf als ein technisches Tönen, Locken, Meinen, Zeitzeigen, Fordern, Nachsagen, Berufensein, Andeuten, aber auch Befehlen entdeckt.
Linguistik und Sprachwissenschaft dieses Jahrhunderts fügen ein weiteres definiens hinzu, nämlich zum Beispiel die Sprechakttheorie, nach der wir nun nicht nur sagen können, das Radio versammele, sozusagen in endloser Idealität, Sprechakte und Sprechhaltungen jeder Sorte. Im Radio wird und kann in der Tat alles, was gesprochen wird, gesprochen werden. Vielleicht sogar gilt, daß das Radio die Bedingung der Möglichkeit dieser Idealität von Sprach- und Sprechaktforschung überhaupt ist. Denn das Radio ist selbst eine Art Performanz der Performanz, ein Performativ des Performativen, insofern jeder im Radio geäußerte Spechakt immer noch ein weiterer Sprechakt ist, nämlich der, daß er aus dem Radio kommt, ein Radioruf.
Das alles aber wäre nur die immer noch hermeneutische, die immanent sprachliche Ebene, die in sich schon vielfach gebrochen genug ist. Das Radio aber setzt alle Hermeneutik noch in eine Sprachszene ein, die die Linguistik an der empfindlichsten Stelle trifft, sozusagen an ihrem blinden Fleck, weil es im Radio immer um das Jetzt und das Hier, also die sogenannten pragmatische Anteile des Sprachgeschehens geht, die der Linguistik seit jeher suspekt waren. Genau aber dieses seltsame Jetzt und Hier in den Literaturen des Radio-Sprechens macht, wie wir gleich hören werden, der ganzen ersten Generation der Radioliteratur-Produzenten das größte Kopfzerbrechen.
Zuguterletzt - oder besser gesagt: zuallererst - wissen wir, daß das Radio nicht nur kein ausschließlich hermeneutischer, also sprachliche Diskurse literarischer Provenienz betreffender Gegenstand ist, sondern Sprache, Sprechen, Sprechakte, Rufe und Klagen, Meinungen und Sagen von einer sehr viel umfassenderen Performanz, von einem sehr viel mächtigeren, weitgehend außersprachlichen Geschehen bestimmt werden, nämlich der Expansion des Mediums als einer technischen Gestellung, die Peilung, Ortung, Verrechnung, Befehlsströme, Kryptologie, Krieg und Macht, Weltmacht und Weltkrieg generiert. Ich will mich garnicht an ethnologischen Spekulationen beteiligen, was den Kriegsbegriff berifft. Mag der Begriff von Krieg sich aus einer Art "potlatch", einer übermäßigen Verschwendung und Zerstörung überschüssigeer Resourcen menschlicher Gemeinschaften herleiten, einem Argument, dem sich implizit noch Benjamin anschließt, wenn er Krieg definiert als die "Massenbewegung größten Maßstabs unter Wahrung der überkommenen Eigentumsverhältnisse". (Benjamin , 467) Ganz unspekulativ aber bliebe festzuhalten, daß der erste Weltkrieg tatsächlich nicht ein fast alle Kontinente umfassender Krieg hätte sein können ohne das Medium Radio, bzw. "Wireless telegrafy", welche menschheitshistorisch erstmals in diesem Umfang ferne Truppen, Schiffe und U-Boote in nahezu jedem Erdwinkel steuern konnte. Und ebenso unspekulativ gilt, daß der Begriff von Welt, den radikal ökologisch-geologisch und also radikal begrenzt zu verstehen wahrscheinlich erst die nächste Generation wird lernen müssen, im Ersten Weltkrieg geprägt worden ist als Inbegriff eines Befehlspotentials weltumspannender Wellen, die wie selbstverständlich um den Erdball zu laufen scheinen. Hier also ein erster Ruf, nämlich der von Hans Bredow selbst.
(O-Ton Bredow)
Die Sprechhaltung des Radios, über die ersten Radiojahrzehnte hinweg, ist im ganz buchstäblichen Sinn ein Ruf. "Wir rufen alle Hörer" ist die oft gesprochene Eingangsfoskel der ersten Radiostationen. Noch 1930 muß Rudolf Arnheim konstatieren, daß im Radio durchweg zu laut gerufen, ja teilweise, im zackig militärisch-oberlehrerhaften Ton überartikuliert und gebrüllt wird. (Anrheim 1979, 46) Die Sendenden im Radio heißen bis in die fünfziger Jahre hinein eben "Rufer", so noch im Titel der literarischen Rundfunk-Zeitschrift "Rufer und Hörer". Und auch alle amerikanische Rundfunkstationen haben von ihrer allerersten Stunde an Rufcodes, wie sie die Navy ihren Schiffen gab: KDKA, mit dem Programmstart am 2. November 1920 in Pittburgh oder WJZ ab 1922 in Newark.

1.4. Das Radio, Moses und die Zeit der Anwesenheit

Der Radioruf ist also ein Hallo, am besten rund um den Erdball.
(O-Ton Hallo Welle Erdball)
F. WALTER BISCHOFF (1896-1976)
(Theaterdramaturg, Leiter und Intendant der "Schlesischen Funkstunde", 33 verhaftet, 46-65 Gründungsintendant des SWF)
"Hallo! Hier Welle Erdball!"
Hallo! Hier Welle Erdball! Symphonie der Zeit!
aus dem Äther schwingt sie, schwillt sie und donnert heran.
Es geht nicht um Himmel, Hölle und Ewigkeit,
aber Euch, die ihr hört, geht es an.
Bruchstücke, Wortfetzen, Augenblicke,
aufleuchtende, wieder verdämmernde Menschengeschicke.
Jagd nach Glück, Kampf um Geld und Besitz,
es klingt vorüber, zuckt auf Blitz um Blitz.
Bitte suchen Sie nicht nach Zusammenhängen.
Alles soll einfach sein, ohne Kunst, hörbares Leben,
aus dem ersten Knockout soll sich kein Drama ergeben,
aus dem zweiten kein Lustspiel, aus dem dritten kein rührsam Gedicht.
Empfangen Sie bitte das ganz wie einen Zeitungsbericht.
Wählen Sie aus, was Ihnen am besten gefällt,
der Erdball meldet sich! Symphonie der Welt!
London - Fußballmatch, Japan - Urwaldkampf,
Ministerkrise, die Straße in Lärm und Gestampf, Zwischendeckpassagiere, Amerikareise,
ruhlos dreht sich die Erde im Kreise.
Achtung! Einschalten zum ersten Bild:
Maschinen rasen! Das Telephon schrillt!
Gut so! Wir fangen an! Alles am Ort?
Hallo! Hier Welle Erdball! Wer dort?
Die Frage war in der Tat: Kann das Radio auch rufen, wenn auf der Seite der Runfenden niemand zur Rufzeit anwesend ist? Was also ist die Anwesenheit des Radios? Und gibt es, wenn das Radio anwesend ist, überhaupt noch Abwesenheit? Kann also nicht der, der im Radio anwesend ist, nicht einfach auch abwesend sein? Genau das ist die Frage, die sich für den zu stellen scheint, der im Radio spricht. Kann ich abwesend sein, wenn ich anwesend bin? Die einfache Antwort ist: Ja, und zwar nicht so sehr, weil es Tonträger gibt, sondern weil es wie im Reellen des Elektromagnetismus so auch im Reellen des Radios keine Abwesenheit geben kann.
Aber wie aber kann man eine Anwesenheit verstehen, die nicht abwesend sein kann?
Anton Kuh, Mitarbeiter pazifistischer Literaturzeitungen in Wien, Autor der "Weltbühne" und später den liberalen Exilzeitungen "Neue Weltbühne" und "Pariser Tageblatt" schreibt 1930 in der Zeitschrift "Querschnitt":
"Ich fürchte mich vor dem Radio. Humanistisch gesinnte Menschen (im Gegensatz zu den Elektrotechnikern) befreunden sich schwer mit einer neuen Erfindung. Ihre Phantasie ..., wiewohl doch gerade für Dichtungskraft und Blitzesschnelle bekannt - kommt nicht so rasch mit. Lange Zeit steht das technisch Neue in ihrem Dasein wie ein trojanisches Pferd, das die Götter zur Versuchung ins Leben hineinpraktiziert haben. Sie ... haben die vermaledeite Gewohnheit, nach dem Sinn zu fragen, bevor sie über Zwecke disponieren. ... Doch auf das Thema "Radio" angewandt: Inwiefern dräut hier ein trojanisches Pferd? Was haben Götter mit Ingenieuren zu tun? ... In meinem Hotelzimmer stand eines Tages der böhmische Ingenieur P.,... Er trug seine neue Hypothese vor: das Radio als Lebenszerstörung. Der Mensch, sagte er, sei selber Antenne; so stehe es für den, der die Legende der Jericho-Trompeten zu deuten wisse, schon in der Heiligen Schrift geschrieben. Und er folgerte in einem Treppauf-Treppab von Fachbegriffen, die meinem Ohr chinesisch klangen, daß die potenzierte Wellenverstärkung am Ende die Zertrümmerung jener lebenden Antenne "Mensch" bewirken müsse.... Nun begriff ich alles: warum die Musik aus Stuttgart wie Geistergewinsel durch den Kopfhörer sickert; warum die Spuck-, Dröhn-, Schlürf-, Dampf-, Stick- und Rassel-Stimmen wie totlebendig aus dem Lautsprecher schallen; warum die Luft in einem radioerfüllten Gemach wie überanstrengt und künstlich aufgepumpt klingt. ... Die Menschheit hat den Weltraum zu ihrem Grammophon erniedrigt. Was soll da werden? ... Aber die Stimme ist lebendige Energie. Sie kann nicht sterben, sie verstärkt sich im Weltall, sie schwillt und kreist und tobt und_? ... Vom Berge Sinai herab darf nur Gottes Stimme schallen."
Die unabweisliche Anwesenheit des Radios, das ist das geheime Thema des Rufs, das ein literarisch gebildeter Hörer in das Radio sozusagen hinein- und heraushören mußte. Die Welle ist ein "Du", das befragt werden muß.
Aus einer 1931 erschienenen Anthologie "moderner Großstadtdichtung" nun
Gerhart Herrmann Mostar(1901-1973)
(Autor im "Vorwärts", Radioautor von Lesungen und Hörspielen)
"Der unbekannten Kraft"
Aus hockender Häuser Enge, durch kriechenden Qualm
Fliegt unsere sinnende Sehnsucht Dir zu,
Dumpf an die Glocke des Himmels dröhnt unser Psalm:
Wir suchen Dich, Du!
Wir haben Netze an unsere Dächer gehangen,
Webend wie Spinnen, wie Spinnen blind,
Wir haben in surrendem Draht Deine Falter gefangen,
Deren Schwingenschläge ein Singen sind,
In unseren Stahlohren, wenn alle Wellen verschwangen,
Rauschte Dein Wind. . .
...
Aber wir fanden Dich nicht,
Du klingende Kraft,
Fanden nicht einmal ein Wort, daß Dir Namen schafft,
In flüchtigen Funken nur ist uns Dein Sein gesellt,
Durch rasende Räder nur donnert Dein Rauschen her,
Dein Wind nur braust uns dunkel und schwer_
Du singendes Feld,
Du schwingendes Meer,
Du unfaßbar fremde, erdlose Welt!
...
Und wir ahnen dumpf, was Dein Wesen ist.
Daß Du ein Rauschen in Gottes Baum
Oder der Atem Gottes bist! _
Aus hockender Häuser Enge, durch kriechenden Qualm
Fliegt unser jubelnder Glaube Dir zu,
Hell an die Glocke des Himmels hallt unser Psalm:
Wir finden Dich, Du!
Es ist die Präsenz der Welle, die eine einfache, uns von Oliver Lodge her bekannte spiritistische Szene wiederhervorruft: nämlich die Übertragung von Gedanken und Signifikanten. Ich stelle Ihnen jetzt, am Ende, der Einfachheit halber ein paar weitere Gedichte vor.
ROBERT SEITZ (1891-1938)
(Kaufmann, freier Schriftsteller in Berlin. Anhänger Brechts, Verfasser von Hörspielen mit Paul Dessau und Paul Hindemith)
"Überall her aus der Welt"(1927)
Diese Stimme, die in diesem Augenblick zu mir kommt aus der Welt,
Ist in diesem Augenblick überall in der Welt.
Was wir seit frühester Jugend ersehnten:
Über Grenzen zu sein und kleinlichen Staaten.
Über Haß und Feindschaft zu sein,
Und jedem Bruder in der Welt die Hand zu geben
Über Grenzen und kleinlichen Staaten,
Plötzlich ist ihm Erfüllung geworden.
Durch den Äther hinein in alle Welt schwingt unser Wort
Schwingt unser Gruß.
Nicht mehr bist du mir fern, du Matrose auf einsamem Schiff
Im Polarmeer.
Nicht mehr bist du mir fern, du Beduine der Wüste,
Nicht mehr du, gehetzter Mensch in allen Metropolen der Erde, Nicht mehr du, Neger in Harlem,
Und du glückselig Armer auf den Inseln der Südsee.
Überall zu euch hin schwingt mein Gruß.
Überall her aus der Welt kommt ihr zu mir.
...
Ich höre eure Stimme neben mir
Und ich gehe in eurer Stimme durch euch,
Gehe über die Boulevards,
Und gehe vorbei an den Palästen Granadas,
Bin in Hafenstädten inmitten des Verkehrs
Und bin allein in den weiten Ebenen eines südlichen Kontinents.
...
(Nach Schneider 1984, 42f)
Johannes R. Becher (1891-1958)
(USPD, KPD, "Linkskurve", Kulturminister der DDR)
"Radio"(1928)
Zeit und Raum sind tönend überwunden,
Und das große Wunder, es geschieht:
Alle Sender haben sich verbunden,
Und sie singen dir ein trunknes Lied.
Und du hörst des Mannes Stimme nah,
Und er steht in deines Zimmers Mitte:
Lenin spricht, der Mann, der kam und sah,
Und die Völker folgten seinem Schritte.
Ja, im Winter sind die Nächte lang,
Unser Blockhaus liegt weit von der Stadt.
Manchmal fällt noch von der Wand ein Klang,
Wenn der Schlaf uns längst umfangen hat.
Dreh den Knopf! Wer wird sich morgen melden?!
Senden Antwort uns die toten Helden?!
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An dieser Frage, die sich die früheste deutsche Radiotheorie stellt, nämlich ob Radio, sprich das Hörspiel, auch zeitversetzt sein kann, ist zweierlei interessant: erstens, daß sie gestellt wird und zwar, wie wir gleich mit Richard Kolb lernen werden, vehement. Und zweitens: warum wir diese Frage so recht nicht mehr verstehen können.
Soviel für heute.