HUB-WS 95/96
"Theorien des Radios - Ästhetik und Äther" (6)
Teil 1; Teil2; Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7;

Die Übertragung der Gedanken. Über Psychose und Radio.

Ich muß heute meine Seminar-Laterne nehmen und sie woanders hinleuchten, als es eigentlich im Seminarplan steht. Ich weiche vom Schema ab, das ich am Anfang unseres Semester Ihnen gegeben habe, weil es zwei einfache Gründe dafür gibt. Erstens wußte ich am Anfang des Seminars nicht, oder noch nicht so genau, wie weit die viktorianische Physik, als in Sonderheit Maxwell und die Maxwellianer Lodge, Heaviside und FitzGerald, deren theoretischer Vorarbeit wir das Medium Radio wesentlich verdanken, zugleich sich identifiziert haben mit einem telepathischen Diskurs, also mit einer Art von Struktur des Mediums, bevor es technisch existierte. Und auf diesen Punkt muß ich heute noch einmal zurückkommen, zumal wir jetzt Kolb gelesen haben und damit das, was man in sehr klarer Weise die Theorie des deutschen Radiohörspielens nennen sollte, und man sollte immer bedenken, daß diese Theorie bis in die späten sechziger Jahre hinein in den Rundfunkredaktionen hierzulande so etwas wie der unausgesprochene und von 1930 an eben immer wieder ausgesprochene Maßstab war.
Zweitens hatte ich am Anfang des Semesters den Mitschnitt jenes Stunden-Appells vom 8. April 1933 noch nicht gehört - die Bandkopie ist erst kurz vor Weihnachten in Bremen eingetroffen. Wir werden das heute hören: den Mitschnitt des SA-Appells vom 8. April, vermutlich tatsächlich der größte Massenappell in der militärischen Geschichte bis dahin. So etwas wie 800 tausend SA-Uniformierte haben an diesem Tag überall im Reich von Flensburg bis nach Österreich vor Lautsprechern gestanden, in Sälen und auf freien Plätzen, nicht nur um vor Hitler, Röhm und Goebbels, in Wirklichkeit aber vor Lautsprechern, gleichzeitig Haltung anzunehmen und die Fahnen zu schwenken, sondern vor allem zu hören. Das war das erste Massenhörspiel des Radios unter der Ägide Goebbels, das erste Mal, daß dieses dooppelte Imperativ, wie ernst Jandl gesagt hat: Hör und Spiel, tatsächlich auf eine historisch allerdings nicht ganz belanglose Weise in Szene gesetzt wurde. Wir werden nämlich nicht einfach sagen können, wir hätten dem Kurzschluß eines Wahns einer durchgedrehten Sekte von 800 tausend Fanatisierten zugehört, wenn wir das gehört haben werden, sondern wir werden diesen seltsamen Kreis noch einmal sich schließen hören, der sich damals geschlossen hat, um zu erahnen, was Richard Kolb und Goebbels und mit ihnen die faschistische Radio-Konzeption im Schilde führte, und wie sie dadurch ihre Bedeutung erlangt hat, daß Medientechnik an die Stelle setzte, wo sie hätte sonst sagen müssen, was da in ihren Schilden verborgen war, zum Beispiel am 8. April 1933.
Aber ich fange noch einmal ganz harmlos an, mit dem Hörspiel, das wir schon kennen, dem Narr mit der Hacke.
(Ausschnitt Narr)
"Die Funkwellen", sagte Richard Kolb allen Ernstes, "sind wie der geistige Strom, die die Welt durchflutet."(52) Und in diesen Funkwellen soll das "Absolute" sein und beinhalten, das "Immaterielle", das Metaphysisch-Geistige, das uns nähergebracht werden kann. Stimmen sprechen am Mikrophon, aber wir hören sie nicht als Stimmen von außen, sondern wie entkörperlichte Stimmen, wie Seelen in uns. "Der Funk", sagt Kolb, "kann uns das Überpersönliche, das Seelische im Menschen in Gestalt körperloser Wesenheiten näherbringen". Er sagt, daß eine Handlung, die wir im Hörspiel hören, nicht neben uns, dort wo der Lautsprecher oder das Radio steht, stattfindet, und nicht vor uns, wie auf Bühne uns Leinwand, sondern daß sie "einzig und allein in uns stattfindet". Er sagt uns, daß wir nicht Menschen sich bewegen und sprechen hören, sondern er sagt uns, daß wir die Bewegung dieser Menschen unmittelbar in uns spüren. "Das Mikorphon wird zum Ohr des Hörers" und "Hörspieler und Hörer treffen sichj gleichsam im gemeinsamen Brennpunkt seelischer Akustik"(54). Schließlich: "Die Stimme des Hörspielers wirkt schon bei der Darstellung einer leiblich zu denkenden Person als Stimme an sich und damit als Stimme des eigenen Ich".
Ist das eigentlich alles purer Blödsinn? Ist alles, was Kolb sagt, schlicht das, was seit 1968 darüber gesagt wird? Seit 1968, als Helmut Heissenbüttel, Rundfunkredakteur, Redaktionsleiter im Süddeutschen Rindfunk, Lyriker, Essayist und Hörspielautor, noch einmal - gegen und mit Richard Kolb - ein "Horoskop des Hörspiel" schreibt, wird allgemein anerkannt, was Heissenbüttel da ausführt, nämlich das Richard Kolbs Thesen ideologisch seien, weltanschaulich bedenklich, reaktionär und restaurativ. Und weil dieses weltanschuliche Verdikt anerkannt ist, gibt es heute, in den heutigen radiotheoretischen Analyse, kaum noch Rückgriffe auf Kolb. Das scheint alles irgendwie weltanschaulich erledigt zu sein. "Die Rückführung der Hörspielphänomenologie auf ein Urerlebnis" sagt Heissenbüttel auf den Hörspieltagen 1968, "erweist sich nicht als theoretische Begründung einer Analyse, sie hat weltanschaulichen Charakter" (Heissenbüttel 1970, 26). Das ist irgendwie sehr vorsichtig gesagt: "weltanschaulicher Charakter", reaktionär, restaurativ. Zitat Heissenbüttel: "Restauration, und darüber läßt sich nichts weiter sagen. Auch ich sage nicht weiter dazu". Zitat Ende.
Überhaupt geht diese 68er-Rede dieses bedeutenden Radio-machers der Nachkriegszeit - ich meine jetzt Helmut Heissenbüttel, der im letzten Jahr gestorben ist - sehr behutsam mit Richard Kolb um. Wir erfahren zwar, daß da weltanschaulich irgendwas nicht in Ordnung ist, mit Kolb, aber wir erfahren nicht ein Wort darüber, daß Richard Kolb ein besessener Nazi war, ein aktiver, kein Mitläufer, sondern Gestalter, ein vor der Machtergreifung in die Partei eingetretener Hitler-Verehrer, von Goebbels sofort zum Intendanten gemacht, der dann erst sehr viel später den zahlreichen inneren Säuberungen der faschistischen Partei zum Opfer fiel. Wenn es um reine Weltanschauung gehen würde, dann hätte Heissenbüttel doch nur die offen völkischen und nazi-ideologischen Stellen in dem Kolbschen Text selbst vorzulesen brauchen: Über das Hörspiel gibt es bei Kolb beispielsweise folgende Sentenz: "Dem Volksbewußtsein verwachsen, muß es das Dasein des einzelnen erweitern und erhöhen"(111) oder "Keine Zeit hat den Glauben an Aufstieg und Erlösung nötiger als die unsrige"(114), worin die ganze abgründige und mystisch-völkische Seite der Nazi-Parolen ja schon durchklingt. Heissenbüttel hat das alles nicht zitiert, und auch Kolb nicht einfach einen Nazi genannt, sondern sehr vorsichtig von "weltanschaulich" und "Restauration" gesprochen, in diesem wilden 68er Jahr, und das könnte Sie und mich schon nachdenklich machen.
Ich sagte Ihnen ja schon, daß Richard Kolbs Thesen bis dahin ein unwidersprochenes Gemeingut vieler Hörspielredakteure war. Etwa vierzig Jahre lang hat dieses Innerlichkeitspathos, diese Thesen von der "zeugenden Kraft des gesprochenen Wortes", der "Stimme als körperloser Wesenheit" unwidersprochen gegolten, vor allem natürlich als Background für konkrete Kriterien in den Redaktionen, in der Beurteilung von Stoffen und Stücken und von Sprechern und Sprecherinnen, als Maßstab einer Sprech- und Regiekultur, die bis ins Äußerste hinein pflegte diese vollklingenden Kunststimmen, des chargierenden Lauts, der voluminösen Klangräume der Vokale, der rollenden "R"'s, gezogenen "I"'s und der pathetischen Artikulationen, der elaboriertesten Sprecherziehung volltönender Stimmen. Alles dies hatte ja, als Praxis Geltung. Künstliche Stimmlichkeit, aus dem expressionistischen Theater, von Max Reinhardt her, auf vielen Sprechbühnen exaltiert praktiziert, Stimmen, die einen Ton förmlich sangen, den kein normaler Mensch auf der Strasse sprach oder spricht; Kunstsprechstimmen eben, deren Praxis voll akzeptiert war - und ist immer noch, in vielen Redaktionen, für welche es kein ästhetisches Lehrbuch gibt, keine irgendwie geartete kunstwissenschaftliche Legitimation, die aber doch bezahlt und honoriert wurden, gerne wieder eingekauft, gepflegt, geliebt, hofiert.
Was aber ist eine Stimme? Oder was ist gar eine Schöne Stimme? Die Poetologie und Stiltheorie gibt uns kaum eine Antwort darauf. Die Poetologie der Germanistik und aller Philologien, auf den alten Wurzeln der Poetik und Rhetorik der Griechen basierend, kann uns eine Kaskade von Begriffen der Hyperbolik oder Alliteration, der ausgefeiltesten Rhetorizität von Texten und Sprachfomen auffahren, um damit zu behaupten, jene Art der Rede, Lyrik und Prosa sei schön und jene andere nicht. Aber kein Poetologie kann uns sagen, was eine schöne Stimme ist, die spricht. Ich meine damit die Sprechstimme, denn, was die Singstimme betrifft, da gibt es natürlich eine lange Geschichte des Stimmideals, von dem Dekret des Augustinus angefangen, die "vox artificiosa et suavis" zum Stimmideal der Kirche zu erklären (Müller-Häuser 1963) bis hin zum Streit in der Romantik zwischen Belcanto und Verismo, der zu einem Streit um das Kunst-Singen überhaupt geführt hat (Celletti 1986,206f). Und natürlich hat dieser Streit um die Singstimme, vor allem der in späte 19 Jahrhundert reichende Streit zwischen dem Kunstgesang des Belcantos und dem exaltierten, geräuschhaltigen Expressionismus des Verismo eingewirkt auch auf das Ideal der Sprechstimme des späten 19. Jahrhunderts, er hat vielleicht sogar der Sprechstimme einen kleinen Übergang zum Gesang, oder sagen wir Singsang ermöglicht, sozusagen etwas die Grenzen verwischt zwischen Singen und Sprechen, namentlich natürlich im expressionistischen Theater oder auf der Reinhart-Bühne, in der ein Verismo des Sprechens geradezu kultiviert worden ist und so ist das auch ins Radio gekommen und dort konserviert worden im Rahmen der Praxis und Theorie, über die wir hier gerade verhandeln.
Im Radio haben wir es mit Stimmen zu tun, die wir nicht sehen und die sprechen. Stimmen, die im Radio sprechen, bewirken bei uns, daß wir Stimmen in uns sprechen hören, sagt Kolb. Kolb will uns beweisen, daß wir Stimmen, die wir im Radio hören, in uns noch einmal aufbauen und reproduzieren und in einem Modus des Hörens reproduzieren und aufbauen. So also könne das Hören da eine Art Reproduktionsfunktion erfüllen, so als sei das Hören des Radio eine Art Reproduktion des Hörens, als müßten wir da etwas ersetzen, und eben nicht nur das ausgefallene Bild - wir sehen den Sprecher ja nicht - sondern auch noch ein Hören des Hörens.
Und vielleicht ist das garnicht falsch, daß im Sprechen einer Stimme zu uns sich noch einmal etwas schließt. Daß etwas "zu uns" spricht, wie es ein berühmter kleiner Junge gesagt hat. Ich meine den kleinen Jungen in der Fußnote eines berühmten Textes von Sigmund Freud. In den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von 1905, in denen es für Freud das erste Mal um das "verwandeln" von Libido in Angst geht, hören wir diesen kleinen Knaben im Dunkeln reden. Wenn sie je etwas von Freud und seinen Entdeckungen des berühmten "Ödipuskomplexes" und solche Dingen gehört haben, dann bezieht sich das eben zunächst einmal aus diesen Text der "Drei Abhandlungen", die auch Anfang des Jahrhunderts schon sehr viele Auflagen erlebt haben.
Freud schreibt: "Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich einem dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten hörte: `Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist.' Die Tante rief ihn an: `Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht.' ` Das macht nichts,', antwortete das Kind, `wenn jemand spricht, wird es hell.'"
Für Freud ist diese Aufklärungsbeispiel ein zentrales Argument. Deswegen will ich einen Moment dabei bleiben und unsere seltsame Sprechszene, mit der wir es ja bei Kolb zu tun haben, kurz aus der Perspektive der Psychoanalyse diskutieren, in der sie ja offenbar einen bestimmten Platz hat. "Wenn jemand spricht, wird es hell". In den "Drei Abhandlungen" von 1905 wird von Freud das erste Mal explizit das sexualtheoretische Modell der Libido entwickelt, das sie vermutlich alle kennen. Freud zentriert dabei alles um einen Begriff der kindlichen Libido, der der kindliche Geschlechtstrieb ist, der eben nicht nur "durch Erregung der Genitalzone geweckt wird"(124), sondern ein sehr umfassendes, mächtiges Begehren repräsentiert, das sich in einem ursächlichen Verlust konstituiert, nämlich, wie Freud sagt, in der "Abtrennung der Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme"(124). Das Kind löst sich, ich bleibe jetzt ganz bei Freud, irgendwann oder besser sehr früh von der Allheit der Mutterbrust und in dieser abtrennenden Loslösung konstituiert sich eine Achse des Begehrens und schließlich der Angst. Freud hat dabei immer eine genetische Sichtweise, eine, der es auf Phasen und Entwicklungszustände ankommt, frühkindlicher Autoerotismus, Analphase, Ödipalphase, - sie kennen das vielleicht noch aus der Erinnerung -, aber es gibt auch einige wenige strukturelle Hinweise, die im Grunde interessanter sind, als die genetischen Stufenschritte vom Autoerotismus bis hin zum Untergang des Ödipuskomplexes.
"Die Kinder selbst", sagt Freud, "benehmen sich von frühen Jahren an, als sei ihre Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe"(125).
Auf dieses "Als sei" kommt es an. Denn es "ist" natürlich nicht praktizierbare sexuelle Liebe, was Kinder an ihre Eltern anhänglich macht, sondern es ist der gleichermaßen starke Diskurs dieser Liebe, ein, wie sie wissen, sehr käftiger, prägender Hang, eine Neigung, ein "sich benehmen, als ob", eine gewisse Latenz, die auf einer Trennung basiert, die ebenso auch als Trennung immer noch diese Instanz der Libido, der "sexuellen Liebe" repräsentiert. Das ist der Punkt, den wir von Freud lernen können. "Die Angst", sagt Freud, "die Angst der Kinder ist ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß sie die geliebte Person vermissen". Die kindliche Liebe, oder Libido, das kindliche Begehren, vollzieht sich also in einem differentiellen und prekären Diskurs, der nun anders, als Freud das oft meinte, keineswegs so genetisch einfach und durchsichtig ist, sondern von vorneherein eine strukturelle Komplexität hat, in der Libido, Trennung, Kastration, "als ob", also Verschiebung und Verdichtung, Verdrängung und Angst eine unzertrennliche Einheit abgeben; ein Diskurs, in dem es wesentlich auch um das geht, was Freud so ganz unscheinbar und zwischendurch in eine Fußnote verpackt, in der es nämlich um das Sprechen geht.
Es geht dabei, bei dem Jungen im Dunklen, der noch wach ist und nicht schlafen kann, nicht um das, was inhaltlich gesprochen wird. Es ist ja Schlafenszeit und da wird nicht mehr inhaltlich geredet, was immer das auch heißen würde, mit kleinen Kindern inhaltlich zu reden. Es geht ja auch dem kleinen Knaben, ganz zur Verwunderung seiner Tante, nicht einmal nicht darum, daß er die Tante sehen müßte, die spricht. Die Forderung des Jungen, und das war für Freud der Grund seiner Fußnote, ist nicht, daß die Tante etwas Bedeutendes sagt, daß sie dem Kleinen einen Inhalt mitteilt, daß das Sprechen hier Sprechen von Bedeutung wäre. Sondern, es geht nur um das An-sprechen, das Sprechen, das sich an jemanden richtet, um das Angesprochen-Werden, es geht um das Hören des Sprechens, um das Hören von etwas, das man nicht sieht, eine unsichtbar anwesende Stimme und also, gestatten Sie mir, um eine bestimmte Art von Radio.
Sie können sich denken, daß kein Hörspieltheoretiker diese Stelle bei Freud kannte. Übergänge von Psychoanalyse zur Literaturkritik waren vor 33 in Deutschland äußerst rar. Ihren Weg haben sie über den französischen Surrealismus erst sehr spät in die deutsche Diskussion der Nachkriegszeit genommen. Kolb kennt Freud nicht und Freud nicht Kolb. Aber doch gibt es in der Geschichte der Hörspieltheorie, ganz ohne Bezug auf die Psychoanalyse, diese seltsame Einsicht auch: "Sprich, damit ich sehe" ist zum Beispiel der Titel einer der ersten Textsammlungen von Hörspielen in der neuen Bundesrepublik, um nur diesen Hinweis zu geben.
Sind nun alle Radiohörer, sind wir nun alle, wenn wir Radio hören, in der Dunkelheit dieses Knaben? "Wie im Großen, so im Kleinen", antwortet Richard Kolb, entfaltet von ganz woanders her den Kern seiner Theorie, nämlich aus den Quellen einer okkultistischen Physik.
Zitat Kolb: "Die elektrischen Wellen treffen den Menschen, gehen durch ihn hindurch, und es wäre nicht absurd zu denken, daß der Mensch Nerven hätte, die die Wellen unmittelbar aufnähmen und im Gehirn zur Wahrnehmung brächten."(53)
Das ist nun nicht mehr Psychoanalyse, sondern spekulative Nachrichtentechnik. Oder wir können auch sagen: es ist Metaphysik oder Para-Physik, die aber im Diskurs der Physik der Elektrodynamik ihre Vorgeschichte hat. Ich darf denen, die von Anfang an in diesem Seminar dabei sind, in Erinnerung rufen, daß dieses Kolbsche Schema der elektromagnetischen Gedankenübertragung genau das ist, das schon die Maxwellianer umtrieb. In Sonderheit der von Helmholtz und Heinrich Hertz geschätzte Oliver Lodge legt uns dies nahe, wenn er in seiner Äthervorlesung von 1882 die Fälle durchdiskutiert, in denen ein lebender Körper auf einen anderen lebenden Körper einwirkt, also zum Beispiel ein Mensch auf einen Hund. Der Mensch kann einen Stock nehmen, oder den Hund mit einem Stein bewerfen, nach ihm rufen, mit ihm sprechen, nach ihm peifen oder sogar mit einem Spiegel das Sonnenlicht in das Auge des Hundes lenken. Das seien alles die üblichen Einwirkungsmethoden auf einen Hund, sagt Lodge. Und er schließt dann mit dem seltsamen Satz: "Die einzigen noch übrigen typischen Methoden auf den Hund einzuwirken, wären die elektrische oder magnetische Anziehung oder der thierische Magnetismus." Dieser Satz ist hoffentlich für Sie von einigem Interesse, weil es ja auf das uns so absurd erscheinende Dispositiv verweist, als könne man einen Hund mittels elektromagnetischer Anziehung beeinflussen. Aber Lodge schließt seinen Abschnitt über die "subtilen und geheimnisvollen Kommunikationsmittel" sehr wohl mit dem Einschluß dieser erstaunlichen Hundeführungsmethode und schließt mit einer Bitte an die Leser und die Hörer: "Ich hoffe", sagt Lodge, "Sie würden sich auch hierbei nach einem Medium, das die Eindrücke übermittelt, umsehen, in der Gewißheit, daß hier, wie den früheren Fällen, ein solches vorhanden sein müsse."(Lodge 1896, 438f)
Das lesen wir in Oliver Lodge's "Neuesten Anschauungen über die Elektrizität" von 1896, ein Buch, das explizit auf Initiative Hermann von Helmholtz ins Deutsche kam, und zwar übersetzt von seiner Frau Anna und der Freundesfrau Estelle du Bois-Reymond. Lodge und Heinrich Hertz hatten in den Jahren ab 1890 einen herzlichen Briefkontakt gepflegt, in welchem es durchaus, wenn auch am Rande, um die para-physikalische Passionen des englischen Physikers namens Telepathie und "Thought-Transference" ging, die Heinrich Hertz also nicht verborgen warem, sondern die Oliver Lodge in seiner Eigenschaft als Präsident der "Society of Psychical Research" mit der direkten Bitte an Heinrich Hertz verband, ihn in selbiger Gesellschaft als korrespondierendes Mitglied vorschlagen zu dürfen.
Diese Gesellschaft für psychische Forschung war nun keinesweg ein theosophischer Verein oder einer dieser mesmeristischen Geheimgesellschaften, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ja in Europa grassierten, sondern hatte einen explizit wissenschaftlichen Anspruch und ebenso angesehene Wissenschaftler als Mitglieder. Neben Lodge auch William Crookes, den damals berühmten Chemiker, Erfinder des Radiometers und Entdecker des chemischen Elements "Thallium". Aus den Bänden der Proceedings of The Society of Psychical Research, also der Zeitschrift der Gesellschaft, erfahren wir, daß für Lodge Gedankenübertragung, also "Thought-Transference", eine erwiesene Tatsache war:
Lodge: "I regard the fact of genuine "thought-transference" between persons in immediate proximity ... as having been established by direct and simple experiment ... I consider it as firmly grounded as any of the less familiar facts of nature such as one deals with in a laboratory"(nach Parks 1993, 38).
Diese Tatsache der Gedankenübertragung hatte sich für Lodge, so erfahren wir, vor allem im Umgang mit lebenden Medien erwiesen, die er - ganz so wie Crookes es tat - ausführlichen Experimenten unterzog, in welchen diese Menschen mit seltsamen Eigenschaften, zum Beispiel das berühmte weibliche Medium Leonore M. Piper, im Trance-Zustand die Gedanken und Persönlichkeitsmerkmale anderer, ihr völlig unbekannter Personen wiedergeben konnte. Angeblich. Die "Society of Psychical Research" forschte vor allem die viktorianischer Medien des späten 19. Jahrhunderts aus - und davon gab es eine Menge, neben Leonore Piper den Stühlerücker Daniel Dunglas Hume, die Tischeversetzerin Eusapia Palladino, die später Henri Bergson beeindrucken sollte, oder den Trance-Schreiber William Eglington, um nur einige zu nennen -. Diese Medien erfuhren durch die Society Loges und Crookes weitgehend Bestätigung, d.h. Crookes und Lodge bestätigten schlicht, daß diese Menschen in bestimmten Situationen solche Fähigkeiten hatten - "I didn't say it was possible - I said it was true", pflegte Crookes dazu zu sagen und auch Lodge bekennt in seinen Artikeln immer wieder; I "have no hypotheses whatsoever"(20).
Der Fall der Leonore Piper hatte es Lodge da besonders angetan, weil diese Frau, in Trance versetzt oder sich in Trance versetzend, die Stimme und die Person eines anderen reproduzieren, telepathieren, simulieren, imitieren konnte, und zwar die Stimme und die Reden eines gewissen Dr. Phinuit. Männlich mit französischen Akzent, nimmt dieser Dr. Phinuit, alias Leonore Piper, telepathischen Kontakt auf und erzählt in mehreren Sceancen Dinge über Lodge's Familie, die Leonore Piper alias Dr. Phinuit, vernünftigerweise nicht wissen kann, versichert Lodge.
So beeindruckt macht sich Lodge nun aber sehr wohl eine Vorstellung auch von dem, wie Telepathie funktioniert. Und seiner Erklärung geht eine theoretische Vorbemerkung voraus, die einige signifikante Züge hat. Es sei nämlich keineswegs klar, mutmaßt er, daß das, was wir den Geist oder das Bewußtsein einer Person nennen, wirklich in der Person lokalisiert ist.
Und wörtlich Lodge: "Daß das Gehirn das Organ des Bewußtsein ist, ist offensichtlich; aber daß deswegen das Bewußtsein auch im Gehirn lokalisiert sein muß, sollte kein Psychologe so einfach behaupten; so wie sich die Energie einer elektrischen Ladung, obwohl diese sich anscheinend in einem Leiter befindet, keineswegs in diesem Leiter ist, sondern sich im Raum um den Leiter herum befindet; so wie also die Energie eines elektrischen Stroms, obwohl sie anscheinend im Kupferdraht ist, ganz sicherlich eben nicht in diesem Draht ist, und vermutlich nichts von dieser Energie dort ist; so könnte es ja sein, daß das sensorische Bewußtsein einer Person, obwohl es anscheinend in ihrem Gehirn lokalisiert ist, als etwas aufgefaßt werden könnte, das ebenso existiert als schwaches, fernes Echo im Raum, oder in anderen Gehirnen, wiewohl diese dann normalerweise zu beschäftigt und zu vor-eingenommen sind, um das zu bemerken."(20)
Das ist nun doch eine Theorie der Gedankenübertragung und zwar eine, die dem Dispositiv der Maxwellschen Theorie der Elektrodynamik einen signifikanten, telepathischen Kurzschluss zieht. Man konnte, wie wir gesehen haben, die Maxwellsche Theorie ja so lesen, als sei elektrischer Strom nur eine Funktion von Ätherverspannungen in den Dielektrika. Die Rückführung aller elektrostatischen und elektrodynamischen Phänomene auf Gleichungssysteme, die es nur mit Feldern und ihrer geometrisch-vektoriellen Transformation zu tun haben, konnte diese Annahme, die für Maxwell selbst nur eine Art von Hilfsvorstellung war, stützen. Und es trifft ja auch für die heutige Physikvorstellung zu, daß man annehmen kann, daß elektrische Ladungen sich nur an oder auf der Oberfläche von Leitern und Kupferdrähten "bewegen" und nicht in ihnen. Erinnern sie sich bitte an die Verrenkungen und Reflexionen, die Richard Feynman noch 1963 machen muß, um uns eine Vorstellung davon zu geben, was Elektromagnetismus ist. Am Ende blieb übrig die Vorstellung von einer Zahl im Raum, was, wenn sie so wollen, eine Nicht-Vorstellung ist, etwas, das sich der Vorstellung entzieht, ein Mathematizismus, ein reiner Gedanke.
Für Lodge und für die Maxwellianer insgesamt, liegt da genau der signifikante Kurzschluß, denn was möglicherweise nur als Gedanke vorstellbar ist, ist möglicherweise nichts als Gedanken, und also sind eben diese elektrische Verschiebungen, die sich genausogut auch ohne Leiter frei im Äther fortpflanzen können, möglicherweise nichts anderes als unsere Gedanken selbst oder zumindest doch von der Art oder oder vom physikaischen Stoff unserer Gedanken. Lodge's Vorstellung von unserem Bewußtsein ist ebenfalls, verzeihen sie, ein Radiomodell, aber ein technisches. Wir sind umgeben von einem Gedankenverschiebungsstrom, der ebensogut weit ab von uns gelagert sein kann, und welchen besondere Menschen, möglicherweise durch Resonanz, oder wie Lodge sagt: "syntonisch", auffangen können, wie Schwingungen, die sie wiederum als Gedanken, nicht die ihren, aber anderer, wiedergeben, oft in "trance". Bewußtsein wäre also für Lodge ein Teil eines radiomäßigen Systems der "thought-transference".
Dieser signifikante Kurzschluß legt nun nahe - da folgt sozusagen Kurzschluß auf Kurzschluß -, daß nun auch Heinrich Hertz mit ins Spiel kommen muß und mußte. Weder Hertz noch Lodge haben es offensichtlich als ernsthaft anstößig empfunden, über die Fage einer möglichen Mitgliedschaft Hertzens in der "Society of Psychical Research" zu korrespondieren. Lodge fragt Hertz, der ja als erster die Existenz der Wellen im Raum wissenschaftlich bewiesen hatte, ob er, Hertz, nicht nun auch selbst in den Kreis der Gedankenforscher eintreten wolle, in die Society for Psychical Research, als korrespondierendes Mitglied.
Dies Ansinnen wies Hertz am 18. Januar 1891 ausführlich, in schlechtem, aber höflichem Englisch, allerumständlichst zurück ("I will not make the least step to meet any of these curious occurences, in which unkown regions of psychical action are revealedm thuogh I should be very interested if they came to meet me"(O'Hara 1987,98)), denn, wir müssen nicht zweifeln, für einen preußisch-wilhelminischen Professor in der Nachfolge Herman von Helmholtz hätte es den Garaus bedeutet, mit Obskurantisten und mit dem explizit Übersinnlichen gemein zu werden. (Siehe Zöllner-Helmholtz-Streit)
Zur Zeit des Briefwechsels zwischen Lodge und Hertz hatte ein anderer deutscher Akademiker eben dieses Problem des übersinnlichen Verkehrs im buchstäblichsten Sinn "am Hacken" und es sollte für ihn der Garaus werden. Die Rede ist von Daniel Paul Schreber, dem Sohn des Pädagogen und Schrebergartengründers Daniel Gottlieb Moritz Schreber. Ich will Ihnen, nach dem Radio Freuds und Lodge's, nun noch eine drittes Radiomodell zu bedenken geben, nämlich das der Psychose Schrebers.
Daniel Paul Schreber saß zwischen 1893 und 1902 zunächst in der Leipziger Nervenklinik und dann in der Landesanstalt Sonnenberg bei Pirna, Diagnose: "Gehörs- und Gesichtshalluzinationen" "hielt alles um sich herum für Geister und seine Umgebung für eine Scheinwelt", "zeitweise offenbar viel von Stimmen belästigt, sprach sich nie darüber aus", "machte im Bad Ertränkungsversuche", "sah Wundererscheinungen, hörte heilige Musik","Im Garten wurde bemerkt, wie er die Hände lauschend an die Ohrmuscheln legte"(nach Weber in Schreber 1973, 22f). 1900 entmündigt man den Psychotiker Schreber. Der aber, ehemals Senatspräsident beim Kgl. Oberlandesgericht in Dresden, ficht am Ende das Urteil erfolgreich an und zwar wesentlich mit der Niederschrift seines Wahnsystems, eine Niederschrift, die uns als das für die Geschichte der Psychoalanyse so legendäre Buch "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" erhalten ist. Da dieses Buch sowieso eine Pflichtlektüre jedes Kulturwissenschaftlers ist, der sich mit Medien beschäftigen möchte, gibt es ja nun schon zwei Gründe, darüber zu reden.
Paul Daniel Schreber ist das, was man schlicht verrückt nennen könnte, wahnsinnig, jenseits. Und er ist es verrückt, deutlich registierbar, schubweise gepackt von einer Psychose, wenn wir seinen Krankenberichten trauen können, die überliefert sind. Eine halluzinative, wochenlang schubweise von Schreien und Körperschütteln, Schlaflosigkeit, Panikbrüllen, aber auch apathischen Abwesenheiten und Lähmungen begleitete paranoide Psychose. Wenn wir vor allem aber Schrebers eigenen Text glauben dürfen, dann finden wir darin eine detailgenaue, systematische Beschreibung dieser furchtbaren Zustände von innen, aus einem inneren Blick, und anders als bei Leonore Piper und Dr. Phinuit, dürfen wir wohl konstatieren, daß das von dem Dresdener Ex-Senatspräsident am Landgericht Schreber aufgeschriebene Wahnsystem tatsächlich dem Wahnsystem des kranken, paranoiden Psychotikers Schreber auf eine gewisse Weise entspricht. An der sogenannten Authentizität dieses Schreberschen Buches ist nie ernsthaft gezweifelt worden seither, wohl weil vor allem die Psychoanalyse, aber wahrscheinlich auch die moderen Psychiatrie, diesem von innen aufgeschriebenem Wahnsystem theoretisch sehr viel, sogar einige Theorien des Psychose verdankt, darunter die Freudsche selbst, und wesentliche Einsichten in die Struktur des Unbewußten.
Was beschreibt Schreber als seinen inneren Wahn? Er leugnet zunächst einmal nicht, aus gutem Grund von seinen Ärzten für paranoid gehalten werden zu können. Aber das sei eben keine Einbildung, wie die Ärzte damals und wir alle seinen Wahn sehen, sondern dahinter stecke ein ausgefuchstes, ausgefeimtes, durchtriebenes, komplexes und nur in Ansätzen durchdringliches reell existierendes, übersinnliches System. Sagt Schreber. Und dann beschreibt er in der Tat ein System telekommunikativer Verstrickung, das Oliver Lodge oder Richard Kolb sich nicht hätten träumen lassen können. Schreber baut vor unseren lesenden Augen eine riesige Systemmaschine aus Nervenfäden und Strahlenbindungen auf, die ihn fest mit einem Universum verstricken, nämlich vor allem mit Gott; über diese Zugangs- und vor allem Abgangskanäle (denn Gott invadiert ihn) ist er mit einigen Menschen verbunden und Tieren, vor allem den Vögeln. Andere Menschen, Anstaltsinsassen, Pfleger oder auch Familienangehörige sind oft nichts als nur von den Anhangnerven "hingewunderte kleine Männchen".
Schreber ist ständig auf Empfang. Er erlebt und läßt uns erleben ein psychotisches Radio, das ununterbrochen auf ihn einplärrt, aus dem, um mit Kolb zu sprechen, ständig Stimmen nicht zu ihm, sondern in ihm sprechen, das ihn "nervt", das er für komplett blödsinnig hält und das ihn umso blödsinniger machen will. Schreber ist ständig, sagt er, umgeben von einem dichten Netz aus Nerven, die sich an seine Nerven hängen, "Nervenanhang" nehmen, was gleichzeitig Strahlen sind, Fäden, die ihn umzüngeln, bestehend aus sprechender Sprache.
Gott, der ein "Nerv" ist, spricht in diesem System als Nerv. Ewig und unendlich. Gott, der Nerv ist, läßt normalerweise, als die "Weltordnung" noch war, wie Schreber sagen würde, die lebenden Menschen in Ruhe. Erst wenn der Mensch gestorben ist, zieht Gott, der Nerv, weltordnungsmäßig aus den toten Leibern die Nerven heraus und bemächtigt sich so des Wissens und aller Gefühle der Menschen, denn das weiß Schreber auch: Das Gehirn, das sind nur Nerven. Und die sind Gefühl, wallung, Wollust, Sprache, Trieb. So wird der Gott, indem alle Menschennerven am Ende bei ihm laden, alles wissend, denn allwissend ist er nicht.
Ist aber nun die Weltordnung gestört, wie im Fall Schreber, aus Gründen, die zu kompliziert sind, um sie hier zu erörtern, so nähern sich die Gott-Nerven nun auch einem Lebenden, nämlich Schreber, und zwar mit dem Ziel, ihn zu entmannen. Nerven wundern an seinem Körper herum, denn die Nerven, das sind auch Strahlen, für Schreber sichtbare Strahlen, die meist von der Sonne ausgehen, sozusagen ein Gottesbündel, das sich in den unvorstellbarsten Bögen durch den Raum windet, bevor diese züngelnden Nerven an seinem Kopf Anhang nehmen. Oder an seiner Brust. Oder an seinem Geschlecht herumwundern, es verändern(139), ihm die Kniescheibe zermartern oder die Zähne.
Alle die Strahlen oder Nervenfäden, die sich an Schrebers Nerven hängen, sind Sprache. Sind Nerven in Bewegung, sagt Schreber, so sprechen sie unausgesetzt. Sie bestehen sozusagen aus nichts als Sprache, sie sind Sprechen. Und weil, was nur aus Sprache und nichts als aus Sprache besteht, in gewisser Weise auch nichts zu sagen hat, so haben diese fortgesetzt plappernden Schreberschen Nervenanhänge nichts zu sagen außer Floskeln oder Preziosen, Wortwendungen, immer gern auch halbe Sätze wie: "Sie nun schon wieder.." oder "Nun will ich mich" oder "Fehlt uns nun". Sie erinnern sich an die Tante und den kleinen Jungen, dem es hell wurde. Und das war ja keine Verrücktheit.
Die Nervenanhangssprache Schrebers aber setzt, so telefonisch angekabelt - und Schreber vergleicht das auch mit Telefonie(323) - sofort die angehängten Schreber-Nerven in syntonische Bewegung und in zwanghafte Wallung. Die Spreche der Nerven zwingt die Spreche Schrebers zur Vervollständigung der Floskelsätze, wie etwa: "Nun will ich mich darein geben, daß ich dumm bin" oder "Fehlt uns nun der Hauptgedanke". Die Anhangsstrahlen, so erklärt uns Schreber, sozusagen "innere Stimmen", die sich wie lange Fäden in seinen Kopf hineinziehen (243).
Ich kann jetzt mit Ihnen nur einen sehr vergröbernden Zug machen durch dieses Buch eines Wahnsinnigen, über das ja nicht nur schon wahnsinnig viele Bücher geschrieben worden sind, sondern das auch von einer ganz vertrackten Komplexität ist, die in diesen wenigen Strichen hier nicht aufgeht. Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie auch ein Wahnsystem die Form eines Radio-Sender-Empfänger-Verhältnisses annehmen kann und zwar in aller Ähnlichkeit, die Richard Kolb uns vorgestellt hat. Da kommt etwas von außen, das als Äußeres im Inneren spielt, Anhang nimmt und wirkt und Schreber ist natürlich bestrebt, uns immer wieder zu versichern, daß dieses Äußere, die sich an seine Nerven anhängenden Fäden auch Äußeres sind, Übersinnlichkeiten, die "vierte Dimension", wie er schreibt und eben nicht bloße Halluzination, wie es schon die damalige Psychiatrie seiner Wärter und Ärzte dekretiert.
Ich möchte jetzt gerne alle vier Radiomodelle, Kolb, Freud, Lodge und Schreber, noch einmal gegeneinanderhalten, um Ihnen so langsam deutlich zu machen, wohin die Laterne heute führen soll. Zunächst einmal werden Sie zugeben, daß wir bei Freud und seinem kleinen Jungen und seiner Tante noch auf ganz vertrautem Boden sind. Da spricht irgendjemand, aus dem Dunkeln, oder aus dem Radio, oder sonstwo irgendwoher, und es wird hell. Vergessen Sie übrigens nicht, daß das auch ganz anders werden kann, wenn jemand aus einem Dunkel spricht, nämlich ein Unbekannter, eine fremde Stimme, dann wird es Angst, wenn wir sie nicht erwarten oder kennen. Und für Freud war diese Szene ja auch die Geburtsstunde der Angst. Und wenn ich Ihnen sage, daß es in Deutschland einen Radiotheoretiker gibt, nämlich Werner Faulstich, der davon spricht, das Medium Radio sei eine "Quelle der Angst" (Faulstich 1981, 87ff), dann wird sie das nicht verwundern.
Das hatte auch Rudolf Arnheim in seinem Radiobuch von 1933 schon gesagt: "Die Fähigkeit des durchschnittlichen Rundfunksprechers, den Hörer durch den bloßen Klang seiner Stimme in hypnotischen Tiefschlaf zu versetzen, grenzt ans Okkulte."(Arnheim 1978, 25)
Aber jedenfalls ist der Mechanismus, so oder soherum, bekanntes Terrain: jemand spricht, und es geschieht irgendetwas. Eine bedeutungslos bedeutendes Sprechen mit Wirkung, erst das Sprechen erzielt den Effekt, eine irgendwie logische Abfolge und Diachronie.
Im Fall der Lodgschen Gedankenübertragung ist das Modell schon etwas komplizierter. Es ist nämlich eine Synchronie, eine Gleichzeitigkeit im Spiele. Da geht es um Syntonie und ein Modell der Resonanz. Gedankenübertragung hat nach Lodge eben mit der Hypothese zu tun, daß das Sprechen anderer, oder das andere Sprechen - und auch bei Lodge wird nur gesprochen - durch Bewußtseinsströme hergestellt ist, die wie Elektromagnetismus einander in Schwingung versetzen und dann tönt das eine Sprechen aus dem anderen Sprechen und das andere aus dem einen, je nachdem welche besondere Fähigkeit die telepathischen Medien haben, die das exekutieren können, angeblich.
Im Fall Schreber aber ist die Struktur des Modells eine andere: Bei Schreber ist die Zeitachse der Übertragung von außen nach innen ganz durcheinander oder ganz aufgehoben. Mal kommt erst die Übertragung und dann das Sprechen, mal evoziert das Sprechen die Übertragung, wobei das Sprechen selbst immer ganz leer ist. Die Gottesnerven, Schreber betont das immer wieder, sind dumm, blödsinnig, wiederholen immer dasselbe, verlangsamen die Vokale und Aussprache, weil sie nichts zu sagen haben, außer daß sie sprechen müssen, nur um des Affektes willen, um eine Erregung zu exekutieren, deren Effekt und Ursache sie zugleich sind. Und für Schreber gibt es, im Aufschreiben dieses Systems, auch nur eine Rettung, die in seinem oft wiederholten Satz mündet, der für sein ganze System gilt: "Aller Unsinn hebt sich auf"(319)
Schreber macht uns sehr einfach und klar deutlich, daß das Unbewußte Sprachstruktur hat, oder noch einfacher: daß das Unbewußte ein Sprechen ist, das(ß) das Unbewußte spricht. Gerade in der Störung des Sprechens, die Schreber in seiner Krankheit widerfährt und die gerade, nach Lacan, eine definiens der Psychose ist - kein Psychotiker ohne einen gestörten, oft auch neologistischen Sprechdiskurs -, gerade in dieser gestörten Sprachwelt und in Schrebers Versuch, uns die Systematik dieser Störung zu erklären, erfahren wir etwas über die Macht und die Mechanismen des Unbewußten im Sprechen. Es, das Unbewußte, spricht uns schon, sozusagen, bevor wir es merken, wie die Nerven Schrebers Schreber sprechen machen, ohne daß er es will aber mit seiner Wollust und Erregung. Die Störung bei Schreber ist sozusagen nur, daß er in diesen Diskurs des Sprechens hineinsprechen muß oder will, daß dies Sprechen des Sprechens durcheinandergekommen ist, sozusagen außer Kurs geraten ist. Für Schreber verselbständigt sich das Sprechen, wird für ihn ein reelles Anderes, es macht ihn krank, weil es sich in ihm durchkreuzt, mit ihm verrückt spielt, ihn schlaflos macht, schwere Schmerzen zufügt. Es wird zum Äußeren, und damit zum System des Äußeren, zum absoluten System des Absoluten. Darin wiederum beweist sich nur noch einmal, daß das Sprechen vom Unbewußten unabdinglich getriggert ist, und zwar in einer genauso absoluten Bindungskraft, wie es das System Schrebers ist. In dem Diskurs der Sprache, über den wir verfügen, ist das Sprechen eben das einzig Reelle, wie Lacan sagt, das wir haben und tun müssen, ob wir wollen oder nicht. Auch unser normales Sprechen ist dieses Sprechen eines anderen, klein geschrieben, insofern jedes Sprechen vom Unbewußten skandiert ist; und es ist das Sprechen zu einem Anderen, groß geschrieben, insofern kein Sprechen ohne die Anerkennung eines Gegenüber auskommt, das es anspricht und von dem es angesprochen ist.
So löst sich dann auch das Rätsel des kleinen Jungen, dem es hell wird, wenn die vertraute Tantenstimme spricht. Hell ist nichts weiter als der Ausdruck für anwesend; das ist sehr einfach. Wenn wir wissen wollen, ob etwas da ist, was wir irgendwo suchen, machen wir normalerweise Licht, dann wissen wirs. Wenn wir also zu einem kleinen Kind sprechen, und sind vertraut, zum Beispiel der Vater, dann geben wir ihm etwas Reelles, nämlich Zeugnis einer Anwesenheit, die in uns spricht. Der Vater ist garnicht präsent, aber er ist da. Und indem er da ist, war er da und wird dasein, für den Kleinen. Anwesenheit hat eine andere Zeitachse als Präsenz oder Gegenwart. Und genau diese Anwesenheit ist das Radio, es ist nicht gegenwärtig, wenn es da ist, sondern anwesend: war schon da und wird da sein. Die Anwesenheit des Radios macht eine Verschiebung des Hörens auf der Zeitachse des Hörens. Wir werden noch darauf kommen, und zwar ausgerechnet im Diskurs Hitlers, wie ich Ihnen leider vorankündigen muß.
Wir sollten festhalten:
Erstens: Das Sprechen-Hören, also wenn wir jemanden sprechen hören, ist in der Tat immer auch etwas Absolutes, wie Schreber und Kolb uns lehren.
Zweitens: In dem das, was uns Schreber schreibt und was uns Kolb lehren will, konvergiert, daß in diesem Absoluten der Ausfall des Abstands und die Trennung von Sprechen und Hören möglich ist. Im psychotischen Diskurs des Senatspräsidenten Schreber spricht Schreber, was er hört, und hört, was er spricht, sprechen wird oder gesprochen hat. Die Nervenstimmen Schrebers sind ein anwesendes Außen und Innen zugleich. Um Kolb zu zitieren: das Ohr wird zum Mikrophon, oder das Mikrophon zum Ohr. Die Differenz des Sprechens zum Hören ist im psychotischen Diskurs, dessen Effekte und Schreber aufmalt, offenbar gestört oder aufgerissen; und Kolb, der kein Psychoanalytiker ist, und Schreber nicht kennt, gibt uns diese Ahnung von der Möglichkeit dieses Aufrisses und der Aufhebung der Differenz noch einmal. Es gibt, wenn sie so wollen, ein Echo der Psychose Schrebers in dem Kolbschen Text, also, noch einmal, eine Art von Gedankenübertragung.
Jede Stimme, die aus dem Radio kommt, hat an diesem Absoluten, das die Anwesenheit des Sprechens bedeutet, Anteil. Aber nur für psychotische Störung Schrebers gilt, was von Kolbs Radiotheorie gefordert wird: nämlich daß der Zustand, äußere Stimmen als Innere zu hören, Stimmen als körperlose Wesenheiten meines Körpers wahrzunehmen, immer absolut, immer Jetzt und immer wahr sei. Das ist in Wirklichkeit eines Verwerfung des Diskurses des Sprechens, wie uns Lacan klar gemacht hat und wie man am Beispiel des kleinen Jungen sehr schln zeigen kann. Denn nur wenn der kleine Junge schon nahezu verrückt gewesen wäre, hätte er gesagt, daß er die Stimme der Tante als seine innere Stimme vernehme. Das genau hat er nicht gesagt. Es gibt da eine wichtige Differenz, auf die es uns ankommen muß. Es ist nämlich genau eine Schrebersche Störung, oder sagen wir es direkt: eine Psychose, in die zu fallen uns Kolb verführen will, wenn er uns das Sprechen-Hören als ein Vernehmen einer Stimme in uns vorstellt.
Ich gebe ihnen zur Verdeutlichung noch einmal ein Kolb-Zitat und behaupte, daß es bei Schreber stehen könnte: "Der unsichtbare geistige Strom aber, der vom Ursprung kommt und die Welt in Bewegung brachte, ist seinerseits in Schwingung versetzt, gerichtet und geleitet vom schöpferischen Wort, das am Anfang war und das den Erkenntniswillen seines Erzeugers in sich trägt."(52)
Auch bei Schreber ist der Nervenhang das Absolute, oder machen absolute Kräfte einen Nervenanhang (was dasselbe ist), nämlich Gott, der Ursprung, die Schöpfung, nämlich Sprache, nämlich Wort. "Die Stimme des Hörspielers", sagt Kolb, "wird zur Stimme des eigenen Ich". Das gibt es auch bei Schreber, selbst wenn seine von außen kommenden StimmfädenStrahlNerven in der Regel nur Blödsinn daherplappern, den sie sich irgendwann einmal aus Schreber selbst herausgesogen haben und ihm jetzt zusammenhanglos wieder vorplappern. Also Schreber hört in seinem Wahn keine guten Hörspiele und auch Gott selbst, der Nerv, führt keine guten Hörspiele auf, sondern ziemlich simple, derbe Verwechselungs-Komödien. Gott spricht, sagt Schreber, eine sogenannte "Grundsprache, ein etwas altertümliches, aber immerhin kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum an Euphemismen", also an Schönrednereien, "auszeichnet. (so z.B. Lohn in der gerade umgekehrten Bedeutung für Strafe, Gift für Speise, Saft für Gift" usw.). Und wenn sie den Schreber noch einmal lesen werden, dann werden sie feststellen, wie vehement sein Kampf ist gegen diese Okkupationsstrategie, zu der uns Kolb so sehr verführen möchte, denn genau das Kolbsche Schema ist das Schrebersche: Nervenfäden wollen Hörspieler sein, die zu seiner eigenen, Schrebers innerer Stimme werden sollen.
Das Radio und die Psychosen. Ich möchte nicht mißverstanden werden. Ich behaupte nicht, daß das Radio psychotisch macht und psychotisch ist oder ein Medium der Angst oder so etwas; das sind alles heillose Verdinglichungen und Positivismen, die uns keinen Schritt weiterhelfen. Was ich Ihnen nur zeigen will, ist daß das Radio Anteil hat an einem sehr grundsätzlichen Diskurs des Sprechens und des Sprechen-Hörens, daß es, als technisches Medium, dasjenige Reelle des Sprechen-Hörens repräsentiert, dem wir uns nicht entziehen können und an das uns das Radio, insofern immer prekär, ankabelt. In den Ebenen unseres Sprechens, die symbolisch sind, weil wir Worte und Zeichen verwenden, die imaginär sind, weil wir stets nach Bedeutungen suchen und reell, weil wir sprechen müssen und Gesprochen werden müssen, Angesprochen, in diesen Ebenen macht das Medium Radio immer ein zusätzliches Spiel mit uns, das diese Ebenen durchaus durcheinanderbringen kann. Mehr will ich nicht gesagt haben.
In der deutschen historischen Diachronie läuft das, was ich Ihnen heute erzählt habe, vielleicht so: Bevor es überhaupt das reelle technische Medium Radio gibt, gibt es einen weitverzweigten Diskurs des Telepathischen, Okkulten und Spiritistischen, in Deutschland, in England und in Frankreich. In weiten Kreisen vor allem der künstlerischen Avantgarde, aber auch bei Physikern und Naturwissenschaftlern grassiert die Vorstellung von "vierten Dimensionen", gedankenübertragender Strahlen, Gehirn-Photografie, astralen Levitationen und Ektoplasmen. Diese Medienphantasmen, die ja ein Medien-Apriori haben, nämlich die nicht-euklidische Geometrien Hammiltons, die Entdeckung des Elektromagnetismus, der Röntgenstrahlen und der Radioaktivität, ermöglichen einen Diskurs, der der Schrebersche ist. Denn Schrebers Buch, 1900 geschrieben, partizipiert weitläufig von diesen spiritistischen Strömungen, die ich Ihnen mit Lodge und Crookes geschrieben habe. Schreber fordert, man möchte ihn mit Röntgen-Strahlen durchleuchten, um die in ihn weltordnungswidrig eingepflanzten Wollusten-Nerven-Strahlen zu diagnostizieren. Schreber fordert Gehirnphotografie, um die züngelnden Nervenenden sichtbar zu machen, die er sieht. So ermöglicht sich für Schreber, der ja einzig und allein gegen seine rechtliche Entmündigung ankämpft und dennoch einsehen muß, daß er verrückt ist, eine Diskurs, aus dem wir, heißt aus dem Freud und Lacan und die vielen anderen wiederum den Diskurs des Psychotischen zu rekonstruieren gelernt haben, der seinerseits eine Art Voraussetzung und Effekt wird in der der zivilen Nutzung des technischen Mediums Radio. In Deutschland hat - im Unterschied zu Amerika - das Medium garkeine Chance, diesen seinem psychotischen Erbe sozusagen rechtzeitig zu entkommen. Es wird sofort, als es militärstrategisch und staatsamtlich in die Welt gesetzt wird, von einer Mischung spiritistischer und okkulter Modelle wieder eingeholt, die, und das ist das Entscheidende, in Deutschland bereits schon Politik sind. Oder besser: immer mehr Politik, nämlich nationalsozialistische Politik werden werden. Richard Kolb deckt diese politischen Medien-Spuren frühzeitig auf, säkularisiert, wenn sie so wollen, die Psychose als Medientheorie und die Nazis werden die ersten sein, die diesen Entwurf des Mediums, sowie er sich ihnen darbietet, nutzen und nicht nur instrumentell be-nutzen, sondern zur Inbegriff ihrer eigenen Ideologie machen.
Ich gebe Ihnen das Beispiel: Der 8. April 1933, Massenappell der SA und SS, angetreten sind 600 tausend Mann, nur 12.000 davon sehen Goebbels, Röhm und Hitler, der Rest, 588 tausend Uniformierte, paradieren vor Lautsprechern überall im Reich, von Flensburg bis hin nach Österreich. Stehen vor Lautsprechern, Stillgestanden, rührt euch, Fahne hoch, sie werden es hören. Sehen nicht, aber hören. Ein Radioappell, eine gezügelte Psychose, oder sagen wir: Politik als Psychose.
Ausschnitt.