"Über das Radio (hinaus)" - Ein Medium zwischen Krieg und Digitalisierung


Die Tarnkappe 
Weh dem, der sieht
Die Funkwellen und der geistige Strom 
Dort Hitler, Ich Reportage 
Fiktion und Simulation 
Die Auswanderung der Klänge 
Über das Radio (hinaus)
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Über das Radio hinaus

Vom Radio ist hier in einer Runde zu sprechen, der, wie ich vermuten darf, das Medium nicht ganz unbekannt ist. 80% der Menschen einer durchschnittlichen Bevölkerung eines durchschnittlichen westeuropäischen Landes hören am Tag irgendwann einmal Radio und konsumieren, statistisch, das am meisten genutzte Medium, mit einer durchschnittlichen Hördauer von über drei Stunden pro Tag. Weit kürzer möchte ich über das Radio sprechen, ohne im Augenblick im Radio zu sprechen, und doch: genau das ist wahrscheinlich das Verfehlteste. Übers Radio zu reden ohne im Radio zu sein, kommt dem Versuch gleich, unter einer starren Maske verschmitzt lächeln zu wollen. Das soll keine Entschuldigung sein für all die Mutmaßungen und skizzenhaften Andeutungen, die Sie im Folgenden erwarten. Aber ich will sie, gleich zu Beginn auf eine seltsame Wirkung von Verkennung, Verlegenheit, Entschuldigung, ja Schuld hinweisen, die mit dem Radio immer zusammenhängt, so etwa, als würde ich hier, während meines Vortrags, um mich zu übertönen, ein Radio nebenher dudeln lassen, was ich in der Tat eigentlich tun sollte, und nur unterlasse, weil Sie auf ein solches eher kümmerliches Fluxus-Experiment jetzt nicht gut vorbereitet wären.

 “In Kulturen”, sagt Marshall McLuhan, “die stark durch die Schrift beeinflußt waren, erweckte das Radio ein tiefes, nicht gut lokalisierbares Gefühl der Schuld. Ein ganz neu erlebtes Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit ließ Angst, Unsicherheit und Unklarheit aufkommen.” (1) Schuld, Angst und Unklarheit. Auch nüchternere Zeitgenossen, wie z.B. Bert Brecht haben ganz ähnlich formuliert: “Ich hatte”, heißt es in seinem Radiotheorietext, “was das Radio betrifft, sofort den schrecklichen Eindruck, es sei eine unausdenkbar alte Einrichtung, die seinerzeit durch die Sintflut in Vergessenheit geraten war.” (2) Philologisch besehen ist dieser Satz ein Paradebeispiel für die Wirkung kriegstechnischer Medienspuren. Der erste Weltkrieg als Sintflut, die vergessen gemacht hat, woher dieses Medium kommt. Nämlich aus dem ersten Weltkrieg. (3)

 
Johannes R. Becher:

“Setz dich nieder. Vor dir steht ein Trichter.
Nur ein Knopf. Wenn du ohn Zaudern drehst,
spricht zu dir aus ferner Stadt ein Dichter,
Worte, wie du sie sonst nie verstehst.

Dreh den Knopf! Wer wird sich melden?
Wen wird jetzt dein Zauberruf erreichen?
Senden Antwort dir die toten Helden?
Vogelzwitschern in ein Pausenzeichen.

Drehe wieder, und die Stimme schwindet,
und der ganze Äther jubiliert.
Wer nichts Wunderbares dabei findet,
hört nicht, wie SEIN Herz dort jubiliert.

Und du hörst des Mannes Stimme nah,
und er steht in deines Zimmers Mitte:
Lenin spricht, der Mann, der kam und sah,
und die Völker folgten seinem Schritte.

Ja, im Winter sind die Nächte lang,
unser Blockhaus liegt weit von der Stadt.
Manchmal fällt noch von der Wand ein Klang,
wenn der Schlaf uns längst umfangen hat.

Dreh den Knopf! Wer wird sich morgen melden?!
Senden Antwort uns die toten Helden?!” (4)
Franz Werfel: “Darin besteht der unendlich sittigende Wert des Rundfunks, daß er die stumpfe Menschheits-Mehrheit aus ihrem nur-körperlichen Interessenskreis zu differenzierteren seelenhafteren Empfindungsformen emporführen kann.” (5)

 Was Karl Kraus auf den lakonischen Zweizeiler bringt:
“Großes Heil ist der Welt erflossen:
Der Hausmeister an den Kosmos angeschlossen!” (6)

 Die Abgründe des neuen Mediums, seine unheimliche Herkunft aus dem Nichts, seine ortungslose Allgegenwart und Universalität drängen bei den Literaten der 20er Jahre nach erdbebenhaften Metaphern, nach endzeitlichen Bildern und immer auch nach nationalistischem Stolz.

 
Noch einmal Karl Kraus:
“Hat Menschengeist Natur so aufgestört,
daß er sie zwingt, von allem, was da tönt,
ins taube Ohr der Menschheit zu ergießen?
Welch mißgestimmtes Maß im Allgenießen,
wie sie Musik aus allen Sphären hört
und nichts von jedem Jammer, der da stöhnt.” (7)
Das Radio bringt in dieser frühen Zeit, wie heute das Fernsehen, die Welt ins Haus; bringt kolonialistische Ersatzbefriedigung ins Haus, das Polarmeer so gut, wie die Beduinen aus der Wüste, die Neger von Harlem und die Armen von den Südseeinseln. Und erinnert bei all dem immer noch an sich selbst, wie an ein nicht aufgelöstes Drängen, das von unklaren Mächten angeschoben wird.



Ein Medium zwischen Krieg und Digitalisierung
Die Tarnkappe 
Weh dem, der sieht
Die Funkwellen und der geistige Strom 
Dort Hitler, Ich Reportage 
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Über das Radio (hinaus)


 (1) McLuhan:1964  328 f.
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 (2) Brecht:1925ff  11
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 (3) Kommt die Schuld und ihre untergründige Wirkung ins Radio, weil Radio, wie wir es kennen, Unterhaltungsrundfunk, überall, in Österreich wie in Amerika, in England wie in Deutschland, nichts anderes als ein cleveres Recycling von liegengelassenem Kriegsgerät war? Ein "frivolous use of a national service”, wie englische Militärs anfänglich sagten (zit. bei: Egert:1974:I, 23); ein frivoler Gebrauch einer nationalen Einrichtung, an welcher eben, wie Johannes R. Becher fortan reimen wird, noch der Ruf der toten Helden haftet?
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 (4) zit. nach: Schneider:1984, 58 ff. Aus dem Radio sprechen zu uns die Toten. So war es am Radio 1925 wohl zu raunen und mehr noch zu reimen, überspannt gewiß, aber, wie sich heute zeigt, mit einer eher vordergründigen Wahrheit. Wilhelm Hoffmann, ein Heidegger-Promovent und Radioregisseur der frühen Hörstücke Elisabeth Langgässers, bringt es Ende der 20er Jahre auf die lakonische Formel: “Ein primäres funkisches Thema ist der Tod”. (Hoffmann:1932, 37)
Ein letztes Mal finden wir diese Konjunktur des Todes im Medium Radio beim französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan, in seinen “seminaires” der fünfziger Jahre; er dreht die letale Metaphorik, die in, am, oder aus dem Radio herrührt, noch einmal, ein letztes Mal, sozusagen um ihre eigene Achse. Nicht wir hören im Radio mehr als wir hören, nein - im Radio sprechen wir zu den Toten: “Ein Radiovortrag wird in der Tat nach einem ganz besonderen Modus des Sprechens gemacht, sofern er von einem unsichtbaren Sprecher an eine unsichtbare Hörermasse gerichtet wird. Man kann sagen, daß er sich in der Phantasie des Sprechers nicht zwangsläufig an diejenigen richtet, die ihm zuhören, sondern auch an alle, an die Lebenden wie an die Toten.” (Lacan:1953, 44.)
Ich sage und zitiere für Sie dies alles, nicht weil ich glaube, daß Ihnen solche Thesen sofort einleuchten. Wie soll denn, angesichts eines so bedrückend harmlosen Nebenbei, wie es unsere heutigen Radioprogramme bieten, von Schuld oder Tod die Rede sein können? Aber so unpathetisch, so privat, so naiv und regressiv unsere heutigen Begleitprogramme Ö3 oder Radio Bremen Vier auch dahinplätschern, es gilt zu sehen, daß das Medium in seinen Anfängen pathetisch, kosmogen und phantasmagorisch verstanden oder mißverstanden wurde, und es gilt zu erklären, wieso, zum Beispiel in den 20er Jahren nahezu alle Literaten und Intellektuellen, so oder so, von dieser medialen Kosmogonie ergriffen waren, und es gilt zu sehen, wohin uns die weitere Entwicklung des Radios führt.
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 (5) (6) zit. nach: Egert:1974:I,  12
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 (7)
Schneider:1984, 37
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